Der anthroposophische Seelenkalender. Grafik

Zweiundfünfzig Wochensprüche von Rudolf Steiner

Karlheinz Flau stellt die Wochensprüche grafisch in den Jahreslauf

 

Ostern beginnt dieser "Kalender" und er beschreibt den Gang der menschlichen Seele durch den Jahreslauf. Rudolf Steiner hat ihn Ostern 1912 herausgebracht und er bestand damals aus zwei Teilen: dem Jahreskalender und dem Seelenkalender. Der Jahreskalender war als Kalender 1912/13 bezeichnet und begann mit dem 1.April. Der Seelenkalender jedoch ging vom Ostersonntag des Jahres 1912 aus und begann mit der Woche vom 7.-13.April. 

Nach einer Angabe Rudolf Steiner sind die Sprüche so gestaltet, dass je drei Strophen in der gleichen Stimmung gehalten sind. Diese Angabe macht es möglich, die Gesamtkomposition deutlicher zu überschauen.

Osterstimmung 1Wenn aus den Weltenweiten/Die Sonne spricht zum Menschensinn/Und Freude aus den Seelentiefen/Dem Licht sich eint im Schauen,/Dann ziehen aus der Selbstheit Hülle/Gedanken in die Raumesfernen/Und binden dumpf/Des Menschen Wesen an des Geistes Sein.

2Ins Äussere des Sinnesalls/Verliert Gedankenmacht ihr Eigensein;/Es finden Geisteswelten/Den Menschensprossen wieder,/Der seinen Keim in ihnen,/Doch seine Seelenfrucht/In sich muss finden.

3Es spricht zum Weltall,/Sich selbst vergessend/Und seines Urstands eingedenk,/Des Menschen wachsend Ich:/In dir, befreiend mich/Aus meiner Eigenheiten Fessel,/Ergründe ich mein echtes Wesen.

KALENDER 1912/13 - Eine Betrachtung von H.D.van Goudoever

Die beiden Kalender sind nur ein einziges Mal zusammen erschienen. Wer sich mit dem Seelenkalender beschäftigt sollte die "Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe vom Jahre 1972 (Frühling/Sommer) kennen lernen, denn sie zeigen, dass der Kalender, so wie er jetzt erscheint, nur ein Fragment ist.

Aus dem Vorwort was gemeint ist ging hervor, dass Rudolf Steiner mit der Datierung eine Kalenderreform beabsichtigte. Weil das Mysterium von Golgatha sich in der ersten Aprilwoche des Jahres 33 ereignet hatte, sollte das Jahr nicht länger mit dem 1.Januar, sondern mit dem 1.April beginnen. Die Menschheit hat zwar die Erdenket eingeteilt in vor und nach Christus, aber in Wirklichkeit zählt sie die Zeit von der Geburt Jesu an. In Zukunft sollte sie sich nicht länger nach der Geburt Jesu, sondern nach der Geburt Christi richten. Aus diesem Grunde stand auf dem Titelblatt der Erstausgabe die Angabe:

IM JAHRE 1879 NACH DES ICH GEBURT

Im Vorwort schrieb Rudolf Steiner folgendes:"Dabei ist die Annahme der Geisteswissenschaft zu Grunde gelegt, welche in dem angegebenen Jahre (33) den Zeitpunkt sieht, in welchem das Menschen-Ich sich ohne Sinnbild erfassen und in ein Verhältnis zur Welt bringen kann. Vor diesem Zeitpunkt brauchte der Mensch, um sich zu erfassen und in die Welt hineinzudenken, Vorstellungen, die der äusseren Welt entnommen sind".

Die Angabe auf dem Titelblatt bestätigt die Tatsache, dass erst nachdem Christus sich mit der Erde verbunden hat, in der Menschheit die Fähigkeit erwachte, von sich selber ICH zu sagen; vordem war dies in dem Sinne, wie wir es jetzt erleben, nicht möglich. Es ist ein heiliges Geheimnis des Menschen, dass er von sich selber nicht nur ich sagen kann, sondern zutiefst auch weiss, dass er es kann. In der wahren Selbsterkenntnis erschafft das Ich sich selbst. Erkennen heisst im Alten Testament: befruchten - Adam erkannte Eva. Selbstverständlich sterkenntbnis bedeutet somit eigentlich: Selbstbefruchtung. "O Mensch, erkenne dich!" heißt ursprünglich: "O Mensch, befruchte dich!" 

Diese Ich-Befruchtung und die Geburt des Ich stehen in einem tiefen Zusammenhang. Es war das erste Mal, dass Rudolf Steiner das Mysterium von Golgatha die GEBURT DES ICH nannte. Im Entwurf des Titelblattes schrieb er das Wort ICH so, dass darin die >Initialen des Jesus Christus zu erkennen waren: I=CH. Die Offenbarung dieses Geheimnisses hängt zusammen mit der zweiten Phase, in die die Entwicklung des Christentums eingetreten ist. Seit dem Jahre 1910 sprach Rudolf Steiner über die Erscheinung des Christus im Ätherischen. Dabei wird die Menschheit aus einem materiellen Bewusstsein in ein mehr spirituelles erwachen: eine Auferstehung des Christusbewusstseins beginnt in den Seelen möglich zu werden. 

Im Seelenkalender handelt es sich um die Auferstehung dieses Bewusstseins. In der zweiten Phase beginnt sich das Urgeheimnis der Ich-Geburten der eigenen Seele zu offenbaren, der sogenannten "zweiten Geburt".

In dem Buch "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?" wird der Vorgang der Einweihung eine GEBURT in der geistigen Welt genannt. 

Der Seelenkalender

besteht aus vier Teilen, die den vier Jahreszeiten entsprechen. Er wurde gegeben in Mitteleuropa, wo sich der Wechsel der Jahreszeiten in seinem vollen Reichtum darbietet. In der alljährlichen Wiederkehr von Frühling, Sommer, Herbst und Winter offenbart sich das Atmen der Erde als lebendiges Wesen. Wenn die Erde ihre Seele ausatmet, erblüht auf ihrer Oberfläche das Leben, wenn sie ihre Seele einatmet, verwelkt dieses Leben. Der Höhepunkt der Sommer-Ausatmung liegt in der Johanna-Zeit, wo die Erdenseele "schläft", der Tiefpunkt der Winter-Einatmung ist in den Heiligen Nächten, wo die Erdenseele "wacht".

Über dieses Atmen der Erdenseele stand im Vorwort der Erstausgabe folgendes:"Was die große Welt im Zeitablauf offenbart, entspricht einem Pendelschlag des Menschenwesens, der nicht im Elemente der Zeit abläuft. Es kann vielmehr fühlen der Mensch sein an die Sinne und ihre Wahrnehmungen hingegebenes Wesen, als entsprechend der Licht- und Wärmedurchwobenen Sommernatur. Das Gegründeten in sich selber und das Leben in der eigenen Gedanken- und Willenswelt kann er empfinden als Winterdasein. So wird bei ihm zum Rhythmus von Aussen- und Innenleben, was in der Natur in der Zeiten Wechselfolge als Sommer und Winter sich darstellt".

Das heisst: wahrnehmend erleben wir unser eigenes Wesen ausgeatmet, gleich dem Sommerschlaf; denkend-wollend erleben wir unser Wesen eingeatmet, gleich dem Wintertag. Man erkennt dies am deutlichsten, wenn man die Wochensprüche auf eine Lemniskate aufzeichnet: zweimal dreizehn Sprüche auf die Sommerhälfte, und zweimal dreizehn Sprüche auf die Winterhälfte; am Anfang Ostern, in der Mitte Michaeli. 

Wenn die Seele die Bewegung der Lemniskate innerlich verfolgt, erlebt sie das sphärische Aus-sich-Herausgehen und das zentrische In-sich-Hineingehen; ausatmend wird sie Spärenseele, einatmend Erdenseele.

Dem Wesen nach offenbart der Seelenkalender die Tageszeit des Jahres: er beginnt am Ostersonntag um '6Uhr abends', der Johannitag ist die 'Mitternachtsstunde'; zu Michaeli ist es '6Uhr morgens', und in der Weihnacht erlebt die Erde ihre 'Mittagsstunde'. Für diesen Atmungsprozess gab Rudolf Steiner später einen Spruch, der zum Verständnis des Seelenkalenders beitragen kann:

Es schläft der Erde Seele/In Sommers heisser Zeit;/Da strahlet helle/Der Sonne Spiegel/Im äussern Raum.//Es wacht der Erde Seele/In Winters kalter Zeit;/Da leuchtet geistig/Die wahre Sonne/Im innern Sein.//Sommers-Freude-Tag/Ist Erdenschlaf:/Winter-Weihe-Nacht/Ist Erden-Tag.

Man kann die Wochensprüche auch auf einen Kreis mit einem Kreuz im Innern aufzeichnen, das sogenannte Sonnen-Kreuz. Dieses Symbolum zeigt besonders deutlich die vier Jahreszeiten im Zusammenhang mit dem Sonnengeheimnis, das sowohl der Erde, wie dem Seelenkalender zugrunde liegt. 

 


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