ATTENTAT VON SARAJEWO VON ARTHUR GRAF POLZER-HODITZ

1.Weltkrieg Attentat Ausbruch des Weltkrieges Erzherzog Franz Ferdinand Sarajewo

Kaiser Karl von Arthur Graf Polzer-Hoditz

Aus der Geheimmappe seines Kabinettchefs

Mit einer Einleitung von Universitätsprofessor Dr. Wolf-Dieter Bihl

Amalthea Verlag Wien

2.Auflage 1980

ISBN 385002122X

 

Seite 232

III.

Kaiser Karl über die Kriegsschuld — die Gnadenanträge für die Mörder

von Sarajevo — Intervention des Papstes und des Königs von Spanien —

die Organisation des Mordes — mangelhafte Vorkehrungen zu dessen Verhinderung — Hergang beim Mord

Vom südslavischen Feuerherd sprang der Funke ab, der den Weltbrand entzündete. An die Besprechung des südslavischen Problems will ich daher die Frage der Kriegsschuld anschließen. Ich tue dies ohne jegliche Anmaßung, will nur flüchtig das Bild entwerfen, das ich mir von dieser Weltgewissensfrage mache. 

Als ich im Herbst 1914 den damaligen Thronfolger Erzherzog Karl auf einer Fahrt nach Teschen begleitete, kam dieser auf die Kriegsschuldfrage zu sprechen. Er sagte damals zu mir: „Serbien und Rußland haben den Krieg entfacht durch den organisierten Mord an Onkel Franz beziehungsweise durch die russische Mobilisierung und England hat ihn zum Weltkrieg gemacht.“ 

Ankunft Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo am 28.Juni 1914

Im Sommer 1917, als die Gnadenanträge für die Mörder von Sarajevo ad majestatem kamen, wiederholte Kaiser Karl seinen früheren Ausspruch. Er setzte damals allerdings hinzu, daß er dabei nur die unmittelbaren Veranlassungen meine: „denn am Krieg“, sagte er, „sind wir alle schuld. Auf allen Seiten sind Fehler begangen worden.“ Ich hatte die umfangreichen Prozeßakten vorzutragen. Der Kaiser machte sich Notizen und wog dann die Schuld aller der Beteiligten gegeneinander ab. Er ging dabei mit größter Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit zu Werk. Er ließ sich immer wieder die Anträge und den erwiesenen Tatbestand bezüglich jedes einzelnen wiederholen. Ich erkannte sehr bald, daß der Kaiser sich nicht schlüssig war und die Entscheidung durch immer erneuerte Zwischenfragen hinausschieben wollte. Er warf die Bemerkung ein, daß es sich ja nicht um die wahren Mörder handle. Diese säßen ja doch in Sicherheit. 

Als alles wiederholt erörtert und klargestellt war, saß der Kaiser wie entgeistert da, langte nach zwei Schriftstücken, die er mir mit den Worten übergab: „Lesen Sie das! Wie erklären Sie sich das?“ Es waren zwei persönlich an den Kaiser gerichtete Telegramme des Papstes und des Königs von Spanien, die den Kaiser baten, möglichste Gnade walten zu lassen. Ich äußerte mein lebhaftes Erstaunen über diese Intervention. Es sei dies gewiß eine gemeinsame Aktion des Papstes und des Königs, wenn auch die beiden Telegramme abgesondert expediert wurden. Ich fügte bei: „Da die Intervention von zwei Persönlichkeiten erfolgt ist, die Euerer Majestät wohlgesinnt sind, so muß ich annehmen, daß diese eine ungünstige politische Rückwirkung befürchten, falls Euere Majestät nicht möglichste Gnade üben würden. Auffallend an der Sache scheint mir zu sein, daß die beiden Intervenierenden den Zeitpunkt wußten, in dem die Angelegenheit Euerer Majestät zur Entscheidung vorgelegt wird.“ Inwieweit die Intervention auf die Entschließung Seiner Majestät Einfluß gehabt hat, weiß ich nicht. Gewiß ist, daß sich der Kaiser in zweistündiger Arbeit ein selbständiges Urteil gebildet hatte. Princip starb in der Gefangenschaft in Theresienstadt an einem Lungenleiden. Nach dem Umsturz sah man sich in der Tschechoslovakei aus nationalen Gründen veranlaßt, die Leiche des Mörders des großen Habsburgers Erzherzog Franz Ferdinand in ein Ehrengrab übertragen zu lassen. Man machte die Exhumierung und Übertragung der Leiche eines Mörders, dessen Schüsse so namenloses Elend zur Folge gehabt hatten, zu einem Nationalfest. Doch es ging dabei nicht alles glatt vonstatten. Die richtige Begeisterung wollte sich nicht einstellen. Kaum einer der Teilnehmer vermochte sich auf den tiefen Ton der Gefühle der Festveranstalter herabzustimmen. 

Ich habe den Bericht eines Offiziers gelesen, der zu dieser Feier kommandiert war und sie mit Gefühlen des Abscheus als Augen- und Ohrenzeuge miterlebte. Es war der Bericht eines Mannes, der sich über alle nationalen und sozialen Exaltationen des Umsturzes den geraden Sinn für Wohlanständigkeit gewahrt hatte. Das Programm erlitt eine wesentliche Störung. Bei der Veranstaltung sollten mehrere Zeugen, ehemalige Freunde Princips, die Identität der Leiche an der angeblich sehr charakteristischen Zahnstellung des Toten agnoszieren. Doch da ergab sich, daß alle Identitätszeugen übereinstimmend aussagten, die ihnen vorgewiesene Leiche sei nicht jene Princips. Darob große Verlegenheit unter den Veranstaltern des Festes. Man half sich sehr einfach, indem man die Leiche kurzerhand doch als jene Princips erklärte. Die Identitätszeugen werden sich wohl aus patriotischen oder aus anderen Motiven bereitgefunden haben, das Identitätsprotokoll zu unterfertigen. Tatsächlich birgt aber das dem Mörder Princip gewidmete Ehrengrah nicht die Gebeine dieses traurigen Helden, sondern jene irgendeines anderen Lumpen. Die Vorsehung hat da einen Strich durch die unsaubere Rechnung gemacht.

Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este

Bis vor kurzem war über die Organisation des Mords von Sarajevo nicht viel bekannt. Der Sarajevoer Prozeß hatte nur wenig Licht in die Sache gebracht gehabt. Serbischerseits wurde der Mord als die Tat einiger junger bosnischer Exaltados hingestellt, die außerhalb jedes Zusammenhangs mit der serbischen Regierung standen. Es fehlte an konkreten Anhaltspunkten, um dieser Darstellung entgegenzutreten. Erst in jüngster Zeit ist Licht in die lange im Dunkeln gebliebene Mordaffäre gelangt. Der Wiener Publizist Leopold Mandl hat in einer Artikelserie im Wiener Achtuhr-Abendblatt durch das Zeugnis der Offiziere der „Schwarzen Hand“ und der an der Mordaffäre beteiligten serbischen Emigranten, denen er in Wien Asylrecht verschafft hatte, festgestellt, dass der russische Generalstab nicht nur um die beabsichtigte Ermordung des österreichischenThronfolgers gewußt, sondern zur Ausführung des Plans sogar ermuntert hatte.

Hiedurch sahen sich der serbischen Regierung beziehungsweise Pasic nahestehende Persönlichkeiten zu Berichtigungen und anderen Darstellungen („Die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand“ von Stanoje Stanojevic, Erklärungen des serbischen Obersten Bozin Simic, mitgeteilt von Viktor Serge in der Mainummer 1925 der Pariser Zeitschrift „Clarte“, „Krv Slovenstva - Das slavische Blut - Einleitung von Ljuba Jovanovic, „Die Geheimnisse der Belgrader Kamarilla“ in der Zeitschrift „La Fédération Balkanique“, „Das Attentat von Sarajevo und die Kriegsschuldfrage“ von V.Nikolic in der obigen Zeitschrift, „Weshalb verlangen wir die Revision des Prozesses von Saloniki“ von M.Vladimirov in der obigen Zeitschrift.) bemüßigt und haben durch Widersprüche, in die sie sich verwickelten, und durch gewisse Geständnisse, deren Tragweite sie nicht erkannten, es dahin gebracht, daß nunmehr alle Fäden klar zutage liegen. 

Heute ist es erwiesen, daß der Oberst und Chef der Nachrichtenabteilung des serbischen Generalstabs Dragutin Dimitrijevic, wegen einer weißen Stelle im sonst schwarzen Haar „Apis“ genannt, die Seele der 1911 gegründeten Geheimorganisation „Vereinigung oder Tod“, im Verein mit Major Tankosic die Ermordung des Erzherzogs planmäßig organisiert hat. Es ist derselbe Dimitrijevic, welcher durch die Organisierung der Mordtat an dem serbischen Königspaar den Karageorgevic den Weg zum Thron gebahnt hatte. Durch das Geständnis des Ljuba Jovanovic, eines ehemaligen Ministerkollegen des serbischen Minister- präsidenten Pasic, ist auch erwiesen, daß dieser bereits Ende Mai oder anfangs Juni 1914, also vor dem Besuch Kaiser Wilhelms in Konopischt (11. und 12. Juni 1914), von dem vorbereiteten Attentat auf den österreichischen Thronfolger Kenntnis hatte. Es ist auch erwiesen, daß Pasic die k.u.k. Regierung nicht gewarnt hat, wie dies seitens der serbischen Regierung behauptet wird. Graf Berchtold hat dies in einer ausdrücklich zur Veröffentlichung bestimmten Zuschrift an Herrn Leopold Mandl festgestellt. Der damalige serbische Gesandte am Wiener Hof, Jovan Jovanovic, hat die Richtigkeit dieser Angabe bestätigt (Er erklärte in einem Artikel im „Neuen Wiener Tageblatt“ vom 28. Juni 1924, daß er aus eigener Initiative gewarnt habe. Diese Warnung kann aber als eine solche gar nicht aufgefaßt werden. Jovanovic sprach nur ganz vage von Gewehren, die scharf geladen werden könnten, und ähnlichen möglichen Gefahren. Von einer offiziellen Warnung der serbischen Regierung ist in dem Artikel nichts zu lesen.)

Auch in dem Blaubuch, welches die serbische Regierung zu Beginn des Krieges heraus gegeben hat, ist keine diesbezügliche Note veröffentlicht. Die Erklärung des Professors Stanoje Stanojevic, daß im österreichisch-ungarischen Ministerium des Äußern unter der Chiffre: „Res.-B. 28.VI.1914“ mit dem Vermerk „Serbische Mitteilung über Attentatsmöglichkeit gegen den Thronfolger“ ein Akt erliege, aus welchem hervorgeht, daß die österreichisch-ungarische Regierung rechtzeitig von der serbischen Regierung gewarnt worden sei 

(„Politika“ vom 16. April 1925.), hat sich als unwahr erwiesen (Siehe den Artikel „Zur Kriegsschuldfrage“ von Leopold Mandl in der Zeitschrift „La Fédération Balkanique“ vom 31. Mai 1925).

Nicht nur Pasic übrigens, sondern auch der russische Militärattaché in Belgrad, Artamonow, der russische Gesandte in Belgrad, Hartwig, und der damalige Kron-prinz und jetzige König Alexander haben von der Mordorganisation Kenntnis gehabt. Durch Artamonow, dem Oberst Dimitrijevic über die Vorbereitungen des Attentats von Sarajevo berichtet hatte, erhielt dieser die von der russischen Regierung eingeholte aufmunternde Antwort: „Nur vorwärts gehen.“ „Wenn man euch überfällt, werdet Ihr nicht allein stehen.“

Dies haben übereinstimmend der heute in der Verbannung lebende serbische Oberst Bozin Simic, ein intimer Freund des Obersten Dragutin Dimitrijevic, und der verstorbene Stojan Protic’, einer der führenden Männer der radikalen Partei, ausgesagt. Stojan Protie hat wiederholt er- klärt, daß ein Dokument existiere, welches eine Begnadigung — nach den Salonikiprozeß — des Hauptes der „Schwarzen Hand“, das ist des Dimitrijevic, ausschließe. Er schrieb wörtlich: „Wie man weiß, hat D. Dimitrijevic Apis eine Erklärung unterzeichnet, in welcher er gesteht, das Attentat von Sarajevo organisiert zu haben. Aber in dieser Erklärung war noch anderes enthalten: Apis nannte in ihr auch alle jene, welche über das Attentat informiert waren, und deswegen war er verloren. Nikola Nenadovic, Pseudonym eines bosnischen Emigranten, der bei dem im Dezember 1913 in Toulouse gefaßten Beschluß, Erzherzog Franz Ferdinand zu ermorden, anwesend war, bekräftigt dies in einem von ihm verfaßten, unter dem Titel „Die Geheimnisse der Belgrader Kamarilla“ veröffentlichten Artikel in der Zeitschrift „La Fédération Balkanique.“ Pasic hatte einen Agenten, durch den er von allen Vorkommnissen in der Geheimorganisation „Vereinigung oder Tod“ unterrichtet wurde.

Dies war jener Milan Ciganovic, mit dessen Hilfe Tankosic den Attentätern die Waffen und Bomben aus der Staatsfabrik in Kragujevac lieferte und über dessen Hilfeleistung bei der Lieferung und Beförderung der Waffen und Bomben die Angeklagten Princip, Grabez und Cabrinovic beim Sarajevoer Prozeß übereinstimmend aussagten. Es war derselbe Ciganovic, an den Princip am Tage vor dem Attentat telegraphiert hatte: „Die Hochzeit findet morgen statt, schickt die Mittel“, derselbe Ciganovic, von dem der Polizeipräfekt von Belgrad, der dessen Abreise nach dem Attentat veranlaßt hatte, erklärte, ein Mann namens Milan Ciganovic existiere in Belgrad nicht, obgleich er bei der Eisenbahndirektion bedienstet war. Es war derselbe Milan Ciganovic, von dem die serbische Regierung in ihrer Antwortnote an die k.u.k. Regierung vom 12./25. Juli 1924 erklärte, er könne nicht ausgeforscht werden und es sei daher gegen ihn ein Steckbrief erlassen worden. Der serbischen Regierung war es aus nahehliegenden Gründen sehr darum zu tun, alle lästigen Zeugen ihrer Mitwisserschaft, besonders jener des Ministerpräsidenten Pasic, an dem geplanten Attentat in Sicherheit zu bringen. Ciganovic wurde in Altserbien versteckt. Nach dem Prozeß von Saloniki, zu dem er als Belastungszeuge von der Regierung gerufen war, ging er mit einem von der serbischen Regierung ausgestellten falschen Paß nach Amerika, wurde dort jedoch nicht geduldet, kehrte zurück und erhielt vom Staate ein Gut in der Nähe von Uesküb geschenkt, auf dem er jüngst gestorben ist. 

Des zweiten und gefährlichsten Zeugen der Mitwisserschaft der serbischen und russischen Regierung an dem Sarajevoer Mordplan, des Obersten Dragutin Dimitrijevic Apis, sowie aller hervorragenden Mitglieder der „schwarzen Hand“, entledigten sich die Karageorgevici durch den Salonikiprozeß, der auf fingierten Unterlagen in Szene gesetzt wurde, bei dem die Entlastungszeugen nicht zugelassen wurden und bei dem die Vertrauensmänner, beziehungsweise Agenten des Pasic, als Kronzeugen fungierten. Dimitrijevic wurde zum Tod verurteilt und füsiliert. Eine Revision des Saloniki-prozesses würde nach Ansicht aller mit den Verhältnissen Vertrauten die ganze Mordaffäre aufhellen.

Wenn es auch heute keinem Zweifel mehr unterliegt, daß der Mord in Sarajevo mit Wissen und mit Zustimmung von der serbischen Regierung nahestehenden Kreisen und von in serbischen Diensten stehenden Personen organisiert wurde, so ist doch eine mit der Kriegsschuldfrage allerdings nicht in Zusammenhang stehende Nebenfrage noch offen und bisher wenig erörtert worden, die Frage nämlich, warum das Attentat, vor dem wiederholt gewarnt worden war, unsererseits nicht verhindert wurde, obwohl eine Verhinderung ohne weiters und leicht möglich gewesen wäre. Es ist die Frage noch offen, auf wessen Einfluß es zurückzuführen ist, daß die vielen und eindringlichen Warnungen, die rechtzeitig gegen die Reise des Thronfolgers nach Bosnien erhoben worden waren, keine Beachtung gefunden haben, daß die Reise trotz dieser Warnungen unternommen, und daß auch nicht die primitivsten Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz des Lebens des Erzherzogs getroffen wurden.

Bei Untersuchung dieser Frage fällt vor allem auf, dass an den maßgebenden amtlichen Stellen durchaus Menschen saßen, die dem Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand feindlich gesinnt waren. An der Spitze der ungarischen Regierung stand der erbittertste Feind des Erzherzog-Thronfolgers, Graf Stephan Tisza, im gemeinsamen Finanzministerium Ritter von Bilinski, ihm zur Seite der Sektionschef Ludwig von Thalloczy, ein erklärter Feind Franz Ferdinands, in Sarajevo an der Spitze der Landesregierung Feldzeugmeister Potiorek, beeinflußt und beraten von dessen Adjutanten und Faktotum, einem Ungar und Protege des Grafen Tisza, ferner als Regierungskommissär und Polizeidirektor Dr. Eduard Gerde, gleichfalls ein Ungar, schließlich in Agram der Banus Baron Skerlecz, ein Satellit des Grafen Stephan Tisza.

Die Verwaltung Bosniens und der Herzegovina stand damals in den denkbar schlechtesten Händen. Die Ernennung Bilinskis zum gemeinsamen Finanzminister war nicht auf Grund sachlicher Erwägungen erfolgt, sondern sie war eine Art Verlegenheitsmaßnahme gewesen. Graf Berchtold, dessen Familie das Indigenat sowohl in Österreich, als auch in Ungarn besaß, hatte nach dem Tod des Grafen Ährenthal das Amt eines Ministers des Äußeren als Ungar übernommen. Dadurch war es notwendig geworden, die Stelle eines gemeinsamen Finanzministers, welche Freiherr von Burian bekleidete, einem Österreicher zu verleihen, damit die zum Gewohnheitsrecht gewordene Parität zwischen Zis- und Transleithanien nicht gestört werde. Die österreichische Regierung lenkte die Aufmerksamkeit auf Bilinski, der unter Badeni und Bienerth das Finanzportefeuille in Österreich inne- gehabt hatte und viele Jahre Bankgouverneur gewesen war. Sie benutzte nur zu gern den Anlaß, um den intriganten Obmann des Polenklubs, der ihr immer nur Verlegenheit bereitet hatte, auf diese Weise loszuwerden.

Bilinksi hatte es immer gut verstanden, sich bei den einflußreichsten Ratgebern des Kaisers Franz Joseph in Gunst zu setzen und zu erhalten. So begegnete seine Ernennung auch bei der Krone keinen Schwierigkeiten, obgleich der Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, der die allerschlechteste Meinung von Bilinski hatte und von dem er wußte, daß er von südslavischen Dingen nichts verstehe, gegen dessen Betrauung mit der Leitung der bosnischen herzegovinischen Verwaltung lebhaft protestiert hatte. Der serbische Gesandte am Wiener Hof, Jovanovic, der wegen verschiedener vorangegangener Zwischenfälle, unter anderen wegen der 

bekannten Prohaskaaffäre, beim Ministerium am Ballplatz mit Recht schlecht angeschrieben war und dort mit größter Zurückhaltung behandelt wurde, benutzte den Minister Bilinski als Mittelsperson, wenn er dem Grafen Berchtold, zu dem er nur schwer Zutritt erhielt, etwas zu sagen hatte. Jovanovic war ein häufiger Gast im gemeinsamen Finanzministerium, welches in Angelegenheiten Serbiens dadurch zu einer Art Nebenstelle des Auswärtigen Amts geworden war. Erzherzog Franz Ferdinand hatte aber außer Bilinski noch einen anderen sehr einflußreichen Feind im Finanzministerium sitzen. Es war dies der Sektionschef Ludwig von Thallo’czyl), der als gewiegter Kenner Bosniens und der Herzegovina seit Jahren die administrativen Agenden dieser Länder besorgte. Thalloczy (Thalloczy verunglückte in der Nacht zum 1.Dezember 1916 bei der furchtbaren Eisenbahnkatastrophe bei Herczeghalom, der gegen siebzig Menschen zum Opfer fielen. Die Leiche Thalloczys wurde aus den Trümmern des Salonwagens, in dem er gefahren war, geborgen) war kurz vor der Sarajevoer Tragödie in einer Angelegenheit prinzipieller Bedeutung zu Erzherzog Franz Ferdinand in Gegensatz geraten und wußte, daß seine Entfernung von dem Posten, den er bekleidete, ja, daß seine Pensionierung beschlossene Sache sei und unmittelbar bevor-stehe. Der Landeschef, Feldzeugmeister Potiorek, kannte die Zustände des Landes nicht. Er lebte wie eine Schnecke in ihrem Haus.

Mit der Außenwelt trat er gar nicht in Berührung und erfuhr nur das, wovon ihm sein Adjutant berichtete. Auch der Regierungskommissär und Polizeidirektor, Dr. Eduard Gerde, war nicht der richtige Mann, dem das ebenso schwierige als verantwortungsvolle Polizeireferat auf dem heißen Boden Sarajevos hätte anvertraut werden sollen. Vor der Reise des Erzherzogs nach Bosnien war wiederholt gewarnt worden. Von vielen Seiten waren Warnungen ausgegangen und an die verschiedensten Adressen waren sie gerichtet worden. Auch das Ministerium des Äußeren verwahrt in seinem Archiv eine Reihe von Warnungen, von denen eine Herr Oberst Emil Seeliger im Jahre 1924 im „Neuen Wiener Tagblatt“ veröffentlichte. Sie hat folgenden Wortlaut:

„Aus vollkommen verläßlicher Quelle erfahre ich folgendes: ‚Herr Ilia Pavlovic, Direktor der Uesküber Filiale der Zemalska Banka, hat in serbischen Kreisen mitgeteilt, daß in zwei bis drei Tagen eine große Anzahl von serbischen Komitatschis mit Bomben, Gewehren und Munition nach Bosnien eindringen sollen. Organisation der Komitatschis wird dieser Tage erfolgen. Genannter Direktor hat sich ferner geäußert, daß serbischerseits gegen den Herrn Erzherzog-Thronfolger und den Grafen Berchthold Attentate geplant seien.“

Erzherzog Franz Ferdinand im Kreise seiner Familie

Doch Bilinski und Potiorek, beide ohne genügende Kenntnis südslavischer Zustände, ersterer durch Thalloczy, letzterer durch seinen Adjutanten und den famosen ungarischen Regierungskommissär Dr.Gerde informiert und beraten, haben diese Warnungen völlig unbeachtet gelassen und schließlich erklärt, daß zu einer Besorgnis nicht der leiseste Grund vorhanden sei. Wenn auch erwiesen ist, daß der serbische Gesandte in Wien, Jovanovic, nicht ausdrücklich gewarnt hatte, so hätten seine Andeutungen von den „Gewehren, die scharf geladen werden könnten“, Bilinski doch zu äußerster Vorsicht veranlassen sollen. Doch Bilinski legte den Erklärungen des serbischen Gesandten ebensowenig Beachtung bei, als allen übrigen auf die bevorstehende Katastrophe hinweisenden Mementos. Bilinski selbst schreibt in seinen Memoiren im Kapitel über den Thronfolgermord:

„Das Gerücht, ich hätte den Kaiser Franz Joseph vor der Reise gewarnt, ist nicht zutreffend“. Auch der Banus Baron Skerlecz und durch ihn die ungarische Regierung erhielten, und zwar durch die städtische Geheimpolizei in Agram Mitteilungen sehr bestimmter Form über das geplante Attentat. Sogar der Name Princip war in diesen Mitteilungen genannt worden. (Im Rekonvaleszentenheim im Parlament habe ich im Jahr 1915 Gelegenheit gehabt, mit Offizieren zu sprechen, die zur Zeit des Attentats in Sarajevo waren.

Als ich bei Besprechung des Attentats von einer geheimen Verschwörung sprach, lachten sie und meinten, die Sache habe sich gar nicht geheim abgespielt. Es sei ganz öffentlich von einer Verschwörung gesprochen worden. Die jungen Leute, welche die Bevölkerung als die Verschwörer kannte, seien an weißen Abzeichen kenntlich gewesen. Doch niemand habe sich darum gekümmert. Es sei aber ganz ausgeschlossen, daß die Polizeibehörde von dem beabsichtigten Attentat in Unkenntnis gewesen sei.

Wenn ich auch diesen Einzelheiten nicht unbedingt Glauben zumessen kann, so ist doch gewiß, daß die politische Atmosphäre eine sehr überhitzte war, und dass der Mangel jedweder Sicherheitsmaßnahmen ganz unverständlich erscheinen muß. Dieser ungewöhnliche Grad von Leichtfertigkeit rückt den Gedanken an eine Absichtlichkeit nahe. Alle nachträglich formulierten Erklärungen sind nicht imstande, die Leichtfertigkeit zu entschuldigen.) Um 10 Uhr 25 Minuten erfolgte am verhängnisvollen Tag (28. Juni 1914) auf dem Appelkai das erste Bombenattentat. (Die folgende Darstellung des Hergangs beim Mord ist den übereinstimmenden Darstellungen der unmittelbar Anwesenden Fzm. Potioreks (Geheimbericht an Kaiser Franz Joseph) und Graf Franz Harrachs (Mitteilungen an den Verfasser) entnommen.) 

Die Bombe fiel an den Rand des herabgelassenen Daches des Autos, glitt von da ab und explodierte vor dem nachfolgenden Wagen der Suiten. Oberstleutnant von Merizzi wurde hierbei nicht unerheblich verletzt und sogleich ins Spital geschafft. Die Herzogin von Hohenberg war durch die wegfliegende Kapsel der Bombe am Hals geritzt worden. Der Attentäter Cabrinovic wurde verfolgt und auf dem anderen Ufer der Miljacka festgenommen. Der Erzherzog-Thronfolger und seine Gemahlin setzten die Fahrt bis zu dem kaum hundert Schritte entfernten Rathaus fort. Dort angelangt, erörterte der Erzherzog mit den Herren seines Gefolges das eben glücklich überstandene Attentat und gab seiner Entrüstung darüber unverhohlen Ausdruck. 

Dann wendete er sich sehr ungnädig an Potiorek mit der Frage: „Also, was soll jetzt geschehen, sollen wir die Fahrt fortsetzen? Wird das jetzt so fortgehen mit den Bomben oder nicht?“ Potiorek erwiderte: „Kaiserliche Hoheit, meiner Überzeugung nach wird nichts mehr geschehen. Es gibt jetzt nur zwei Dinge: entweder direkt in den Konak zu fahren oder auf einem Umweg unter Vermeidung der Stadt, um die Bevölkerung zu strafen, ins Museum. Da ist übrigens der Regierungskommissär“  und Potiorek, sich an diesen wendend, stellte die Frage: „Kann die Fahrt ohne Gefahr fortgesetzt werden?“ Dr. Gerde bejahte die Frage. Darauf wendete sich Erzherzog Franz Ferdinand an Potiorek mit folgenden Worten: „Also ich will vorerst unbedingt den Oberstleutnant von Merizzi im Garnisonsspital besuchen. Von dort werden wir ins Museum fahren.“ 

Obersthofmeister Graf Bumerskirch richtete nun an Potiorek die kluge Frage, wo das Garnisonsspital liege und ob es ohne Fahrt durch die Stadt zu erreichen sei. Es wurde beschlossen, nicht durch die Stadt, also nicht durch die Franz-Joseph-Straße, wo die Bevölkerung auf die Vorbeifahrt des Erzherzogs wartete, sondern über den nun ganz menschenleeren Appelkai zu fahren. Vor dem Rathaus, bevor man die Wagen bestieg, wurde dieser Beschluß zur Instruierung der Chauffeure wiederholt, mit der ausdrücklichen Weisung, „nicht über die Franz-Joseph-Straße, sondern über den leeren Appelkai zu fahren. Vor dem Rathaus, bevor man die Wagen bestieg, wurde dieser Beschluß zur Instruierung der Chauffeure wiederholt, mit der ausdrücklichen Weisung, „nicht über die Franz-Joseph-Strasse, sondern über den leeren Appelkai!“ Die Herzogin von Hohenberg hätte programmmäßig direkt in den Konak fahren sollen. Sie wendete sich aber an ihren Gemahl mit den Worten: „Ich möchte lieber die Fahrt mit Dir machen.“ „Bitte, wenn Du willst“, antwortete der Erzherzog freundlich zustimmend. 

Auch Potiorek bat, die Fahrt mitmachen zu dürfen. Er setzte sich dem Erzherzog und der Herzogin von Hohenberg gegenüber. Graf Franz Harrach stellte sich trotz des Widerstrebens des Thronfolgers auf das Trittbrett des Autos, links von ihm, in der Absicht, mit seinem Körper Schutz zu bieten. Im führenden Auto saßen der Bürgermeister von Sarajevo und der Polizeichef Dr. Gerde. Das Auto des Erzherzogs hatte die Weisung, dem ersten Wagen nachzufahren. An der Stelle der Straßengabelung fuhr aber das führende Auto nicht, wie ausdrücklich wiederholt befohlen worden war, den geraden Weg über den Appelkai, sondern bog gegen den ausdrücklichen Befehl in die von Menschen dichtbesetzte Franz-Joseph-Straße ein. Das Auto des Erzherzogs folgte. 

Graf Harrach machte sofort darauf aufmerksam. Potiorek erhob sich und rief dem Chauffeur erregt zu: „Was ist denn das? Wir fahren ja falsch! Wir sollen ja über den Appelkai.“ Der Chauffeur drehte den Kopf nach hinten zu General Potiorek und stoppte. Kaum hatte das Auto gehalten, schnellte aus der unmittelbar neben dem Wagen spalierbildenden Menge ein Arm heraus mit vorgehaltener Browning-Pistole. Es krachten die Schüsse. Beim ersten Schuß ließ die Herzogin sofort den Kopf sinken und glitt an der Seite ihres Gemahls zu Boden, beim zweiten griff sich der Erzherzog an den Hals und sagte: „Sopherl, ich bitte dich, lebe für unsere Kinder.“ Er tastete mit den Händen wie im Finstern herum. Auf die Frage des Grafen Harrach: „Haben kaiserliche Hoheit Schmerzen?“ antwortete der Erzherzog mit „Oh, nein!“ Es war das letzte Wort, das er sprach. Noch wollte er etwas sagen, da stürzte ein Blutstrom aus seinem Mund und er verlor das Bewußtsein. Man fuhr rasch in den Konak. Die herbeigeeilten Ärzte fanden kaum mehr wahrnehmbaren Puls- und Herzschlag, ganz oberflächliche Atmung, die Pupillen reagierten nur noch wenig. Das Projektil war hinter dem Kehlkopf in den Hals gedrungen, hatte die Schlagader zerrissen und war im Halswirbel steckengeblieben. Um 11 Uhr vor- mittags, zehn Minuten nach Ankunft im Konak, verschied Erzherzog Franz Ferdinand, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Die Herzogin von Hohenberg hatte bereits vor dem Eintreffen in den Konak ihren Geist aufgegeben.

Der mohammedanische Bürgermeister und der ungarische Polizeichef hatten den Thronfolger und dessen Gemahlin entgegen der wiederholt erteilten Weisung in das Menschengewühl der Franz-Joseph-Straße und damit direkt vor den Lauf des Mörders geführt.

 

 


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