DAS NEUNTE LEBENSJAHR VON HERMANN KOEPKE

Bruno Walter Dante Alighieri Entwicklungsphasen Hans Carossa Heinrich Schliemann Heinz Müller Kindheit Menschenkunde Neunte Lebensjahr Oskar Kokoschka Pädagogik Rudolf Steiner Waldorfpädagogik

DAS NEUNTE LEBENSJAHR - Seine Bedeutung in der Entwicklung des Kindes

Verlag am Goetheanum ISBN 372350342X

 

Inhaltsangabe

DAS KIND IM NEUNTEN LEBENSJAHR

Gespräch mit Peters Eltern 
Hausbesuch des Lehrers bei den Eltern eines neunjährigen Knaben — Zusammenarbeit Lehrer und Elternhaus — Märchen, Sachkunde, Religion - Josef und Robinson Crusoe — Verbindung des Unterrichtes mit dem täglichen Leben — Woher kommt der Strom — Zurückgehen auf die Natur — Störende Einflüsse der Technik im neunten Jahr — Kinderbesprechung als Erziehungshilfe

Gespräch mit Monikas Eltern 
Hausbesuch des Lehrers bei den Eltern eines neunjährigen Mädchens — Merkwürdige Verhaltensweisen als Ausdruck des Lebensüberganges — Todesahnung und Sterblichkeit — Opfe-rung Isaaks — Sarah und der Teufel — Blutbande und die freie Nächstenliebe — Wahrnehmen der Individualität


Liebe Eltern 

Darstellung des Neun-Jahres-Überganges an einem Elternabend — Unterschiedliches Zeiterleben bei Kindern und bei Erwachse- nen — Das horizontale Weltbild — Grenzen der Gegenwart — Dunkelheit Zukunft — Dunkelheit Vergangenheit — Öffnung durch das vertikale Weltbild — Der Sündenfall im neunten, zehnten Lebensjahr — Drei Unterrichtsbeispiele: Verlebendi- gung der Vergangenheit, Erweiterung in der Geist-Gegenwart, Verbindung mit der Zukunft durch den Willen — Wie die Autori- tät auf das Kind wirkt — Ein mögliches Missverständnis — Warum das neunte Jahr ein allerwichtigster Lebenswendepunkt ist

Das neunte Jahr in der Biographie 
Heinrich Schliemann, der Forscher — Hans Carossa, der Dichter und Arzt — Oskar Kokoschka, der Maler — Bruno Walter, der Dirigent — Dante Alighieri, der Dichter — Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie — Heinz Müller, der Pädagoge


MENSCHENKUNDLICHE ASPEKTE ZUM NEUNTEN LEBENSJAHR

Das zweite Jahrsiebt 
Dreigliederung des zweiten Jahrsiebts — Zahnreife, Atemreife, Erdenreife — Wirkungen von oben und von unten — Das neunte Jahr als Durchgang entgegengesetzter Strömungen

Gegenüberstellung des sieben- und zwölfjährigen Kindes

Bereich der Gliedmassen
Länge der Glieder im Verhältnis zum Alter — Sympathie und Antipathie - Bewusstwerden und Gestalten

Bereich des Kopfes
Grossköpfigkeit und Kleinköpfigkeit - Schlafender Kopfgeist und wacher Kopfgeist — Umkehrung von Imagination und Vorstellung

Bereich des Rumpfes

Sitzgrösse und Stehgrösse — Dominierender Atem bei den Kleinen, dominierende Pulswerte bei den Grösseren

Zusammenfassung Gegenüberstellung Erstklässler und Sechstklässler


Das Kind im Wendepunkt des neunten Jahres 

Der „Umzug im eigenen Haus”

Umkehrung im Kopf— und Gliedmassenbereich — Veränderungen im rhythmischen System — Kräftewirkungen von oben und unten — Aufsteigende Pulskurve und absteigende Atmungskurve — Schema des Umzugsplanes — Der Neun-Jahres-Ubergang im Kreuzpunkt — Befreiung von Denken, Fühlen und Wollen durch das Ich - Zusammenschau von Weltbild und Menschenbild — Einseitigkeiten beim Erzieher und die Spiegelung beim Zögling — Auswirkungen auf das spätere Leben

Wie der Lehrplan hilft
Hausbau — Bauernleben — Sprachunterricht — Musik - Konsequenzen der Umkehrung für den Unterricht

Störungen von Denken, Fühlen und Wollen
Kopfdruck, Bauchweh, Herzklopfen und Atembeschwerden — Vergiftung der drei Systeme durch den Intellekt, Vergleich mit dem Märchen „Schneewittchen“

Die Inkarnation des Ich
Drei helfende Impulse: Die göttliche Herkunft, Lebendes im Tode, die Kunst

Gesichtspunkte des Schularztes Dr. med. Walter Holtzapfel
Veränderungen von Lebensvorga"ngen im 9. Lebensjahr — Die Schulkrankheit oder das „Periodische Syndrom" — Ernstere Erkrankungen — Ursache und Behandlung der Schulkrankheit


ANHANG

Das starke Bäumchen 
Geschichte für ein Kind vor dem Neun-Jahres-Übergang

Der halbe Mondknoten
Die Umkehmng im neunten Jahr als Spiegelung der umgekehrten Mondbahn

Umkehrung im Zahnwechsel
Zusammenschau der Zahnbildung mit dem Formenzeichnen

Anmerkungen und Literatur 

 

Vorwort
Etwa zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahr liegt im Leben eines jeden Menschen ein wichtiger Wende- punkt. Für den einen mehr bewusst, für den andern mehr unbewusst, vollzieht sich in dieser Wende ein Einschlag, der schicksalsbestimmend fortwirkt. Obwohl Rudolf Stei- ner in den grundlegenden Schriften der Waldorfpädagogik besonders auf diesen Lebenspunkt aufmerksam gemacht hat, liegen zu diesem Thema des neunten Lebensjahres nur wenige Veröffentlichungen vor.

Hermann Koepke hat in dieser Lebensstufe eine Umkehr des dreigliedrigen Menschen entdeckt, eine Umkehr, durch die das Ich in die leibliche Organisation eingreift.

Anderthalb Jahrzehnte Schulpraxis in der Rudolf Steiner- Schule sowie die Erfahrung zahlreicher Seminarstunden sind in dieses Werk miteingeflossen, das man besonders gerne in die Hände vieler Eltern legen möchte. Es beginnt mit Gesprächen zwischen Eltern und Lehrer. An Hand von konkreten Erziehungsbeispielen wird aufgezeigt, wie man dem Kinde in der besonderen Situation des neunten Jahres helfen kann, sein Ich in dieser krisenhaften Lebenswende so in sich aufzunehmen, dass auf dieser Grundlage die Entwicklung zur Freiheit möglich ist.              Jörgen Smit

 

Einleitung Seite11

Einleitung
Eben hatte ich die grossen, farbigen Bilder meiner Erstklässler an der Wand aufgehängt, als Gerda Langen, eine ältere Kollegin, in das Klassenzimmer hereinkam. Sie blieb vor der Bilderwand stehen und freute sich. Dann wandte sie sich zu mir. „Sie brauchen keine Angst zu haben, wenn Ihre Kinder diese reichen Phantasiekräfte eines Tages verlieren. Diese Kräfte kommen wieder zurück, und zwar in verwandelter Gestalt.” Diese und die folgenden Äusserungen, an die ich mich — wenn auch nicht dem Wortlaute, so doch dem Inhalte nach — noch genau erinnere, gaben den ersten Anstoss zu dieser Niederschrift.

Als erfahrene Pädagogin wusste sie um den Verlust der Kindheitskräfte genau Bescheid. Bei einer Hospitation im Rahmen ihrer staatlichen Lehrerausbildung hatte sie es selber erlebt, dass die „Kleinen“ sonnig und froh zur Schule kamen und die „Grossen“ blass und matt, beinahe krank aussahen. Als sie erkannte, dass die Kinder ihre besten Kräfte in der Schule verloren hatten, stellte sich ihr die Frage, ob sie überhaupt Lehrerin werden könne. „Mit der Bürde dieses Problems beladen, ging ich in einen Vortrag, den Rudolf Steiner hielt”, erzählte sie weiter.

„Es geschah etwas ganz Unerwartetes. Mir war, als würde Rudolf Steiner vom Thema seines Vortrages abweichen und etwas sagen, was mit meinem persönlichen Problem zusammenhing. Er sprach von einem Fluss, der versickere, aber an einer anderen Stelle wieder hervortrete und weiterfliesse. Mit dieser Naturerscheinung verglich er eine seelische Entwicklung im Menschen. Es würden Kräfte in das Innere des Menschen verschwinden, die aber später, in verwandelter Form, wieder hervortreten könnten.’

Dieser Vortrag habe ihr eine grosse Erleichterung gebracht. Sie folgte dem Hinweis Rudolf Steiners und erlebte, dass durch die Waldorfpädagogik die reichen Phantasiekräfte in verwandelter Art tatsächlich wieder zurückkamen.

„Etwa zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahr macht das Kind eine merkwürdige Entwicklung durch”, fuhr sie fort. ”Das neunte Jahr liegt ja zwischen dem ‚Zahnwechsel und der Geschlechtsreife. Diese beiden auch körperlich hervortretenden Entwicklungsstadien sind gut bekannt. Das neunte Jahr aber — Rudolf Steiner sprach immer von dem ‚Übergang des Lebens’ — ist etwas, was sich in erster Linie im Seelisch—Geistigen abspielt; das bedeutet aber nicht, dass es deswegen minder wichtig ist, im Gegenteil, es handelt sich ja um den allerwichtigsten Lebenspunkt. Da versickert etwas, und etwas tritt neu hervor.”

Die verehrte Lehrerin, von der ich so wichtige Hinweise erhalten hatte, starb 1973 im Alter von 70 Jahren. Ihren guten Geist erlebte ich wie einen Leitstern über dieser Arbeit, aus der Lehrer und Eltern Anregungen schöpfenmögen. Gerda Langen sei diese Niederschrift in grosser Dankbarkeit gewidmet.  Dornach, Michaeli 1982




Gespräch mit Monikas Eltern
Seite 29
Die letzten Töne waren verklungen. Der Vater, der mit dem Lehrer alleine im Musikzimmer zurückgeblieben war, während die Mutter ihre Tochter zu Bett brachte, benützte die Gelegenheit, um dem Lehrer sein Herz auszuschütten.

„Wir sind sehr froh, dass Sie heute abend zu uns gekommen sind. Denn — ganz offen gestanden — unsere Monika macht uns sehr grosse Sorgen. Sie wissen es ja selbst: Sie ist ein sensibles und hochbegabtes Kind, mindestens auf dem Gebiet der Musik, und nun beobachten wir Dinge, gerade in allerletzter Zeit, die uns sehr beunruhigen. Das ist nicht nur ein vorübergehender, elegischer Zug. Meine Frau hat die sonderbarsten Beobachtungen gemacht.” Inzwischen war die Mutter wieder zurückgekehrt.

„Das beste Beispiel hätten Sie eben sehen sollen. Sie hat eine merkwürdige Angewohnheit. Sie legt sich nicht zum Schlafen hin, ohne vorher unter dem Bett nachzusehen, ob jemand darunterliegt. Eben hat sie es wieder getan. Und auch die Art, wie sie die Bettdecke vorsichtig zurückzieht: Als ob ein Fremder in ihrem Bett liegen könnte ...”

„Ist das nicht merkwürdig? Da muss doch irgendetwas in ihr vorgehen”, vermerkte der Vater.

„Das ist aber nicht das einzige. In unserem Flur hängt neben der Garderobe ein grosser Spiegel. Glauben Sie, dass sie manchmal fast nicht an dem Spiegel vorbei kommt? Neulich musste ich mich vor den Spiegel stellen, damit sie ins Musikzimmer gehen konnte, das auf der andern Seite des Flurs liegt.”

„Meine Frau ist stolz darauf, dass sie mit Leichtigkeit die ganze spiegelnde Fläche verdeckt.” Nachdem der Mann eine kleine Attacke seiner Frau liebevoll abgewehrt hatte, setzte er hinzu: „Wir haben den Spiegel jetzt mit Mänteln verhängt, um unsere Tochter nicht weiter zu beunruhigen.”

Der Lehrer hörte gespannt zu.

„Das ist aber nicht alles”, fiel die Mutter ein. „Ich muss Ihnen noch erzählen, was ich neulich erlebt habe.” Der Vater unterbrach: „Meine Frau steht am Fenster im ersten Stock - von dort aus übersieht man die ganze Strasse — da kommt Monika von der Schule zurück, wie üblich, etwas schlendernd, und plötzlich fängt sie an, wie eine Rasende zu rennen. Sie rennt, als wenn, ich weiss nicht wer, hinter ihr her wäre.”

„Es war aber niemand zu sehen. Auf der ganzen Strasse war kein Mensch”, schob die Mutter ein.

„Sie rennt zur Haustüre, wühlt mit grösster Hast ihren Schlüssel hervor, findet kaum das Schlüsselloch, endlich gelingt es ihr, die Türe zu öffnen, und sie springt auf die kleine Fussmatte, die gleich hinter der Schwelle liegt. Was hat sie dann getan? Was hat sie dann gemacht? Erzähle du, du hast es ja gehört.”

„Erst hat sie mit den Füssen gestampft, und dann hat sie leise vor sich hingemurmelt: ,Gerettet, gerettet!’ Finden Sie das normal?” Der Vater sah den Lehrer mit erwartungsvoller Miene an.

Der Lehrer überlegte eine Weile. „Erklärungen im üblichen Sinne kann ich dazu keine geben. Aber es hilft Ihnen vielleicht, zu wissen, dass nicht nur Sie durch Beobachtungen dieser Art bei Kindern beunruhigt werden, die, wie Ihre Tochter, den Lebensübergang zwischen dem neunten und zehnten Jahr zu bewältigen haben.”

„Erzählen Sie”, bat der Vater.

„Das Kind steht in diesem Alter an einer Schwelle. Es ist die Schwelle, die zwischen seiner frühen Kindheit liegt und dem, was jetzt an ganz neuartigen Eindrücken auf es zukommt. Es nimmt plötzlich seine Umgebung zur Kenntnis. Vorher ist das nicht der Fall gewesen, solange es noch durch die Nachahmung, man möchte fast sagen: in seiner Umgebung einen süssen Traum genossen hat. Das ist jetzt vorbei, und das spürt auch das Kind. Alles, was Sie geschildert haben, bezieht sich in gewisser Weise darauf. — Aber, was ich eigentlich sagen möchte, es ist dies keine wissen- schaftliche Erklärung, wie man sie im heutigen Sinne verlangt —”

„Sagen Sie es doch ruhig”, bat der Vater.

„Es ist eher eine Art Traumdeuten”, lächelte der Lehrer. „Und da sind oft mehrere Möglichkeiten denkbar. Ich meine, dass in allen Ihren Beobachtungen immer wieder dieses eine deutlich wird: Ihre Tochter erlebt die Übergänge in besonderer Weise. Ob das jetzt die Hausschwelle ist oder der Übergang vom Tag in die Nacht, in beiden Fall"en kann man das doch deutlich sehen.”

„Und der Spiegel?” fragte die Mutter.

Der Lehrer besann sich. „Wie ich schon sagte, diese Beobachtungen machen nicht nur Sie allein. Der Spiegel gehört in diesem Alter zu den Einrichtungsgegenständen, mit denen sich das Kind auseinandersetzt.”

„Aber warum?” forschte die Mutter.

„Man kann es nicht erklären — oder vielmehr, ich wüsste keine Erklärung. Man kann es aber innerlich mitvollziehen, was in einer Kinderseele vor sich geht, wenn es durch sein Spiegelbild gestört wird. Das Kind will diese Begegnung mit sich nicht auf diese äusserliche Art. Gerade jetzt greift nämlich sein Ich in sein Schicksal ein. In dieser Schwellen- situation erlebt das Kind sich selbst. Der Spiegel ist wie eine Karikatur für das kindliche Erleben. Es weicht ihr aus."

„Darauf bin ich noch gar nicht gekommen, dass so etwas dahinterstehen könnte.” Die Mutter schwieg sinnend.

„Aber“, wandte der Vater ein, „wenn das eine altersbedingte Erscheinung ist, dann müssten auch andere Kinder derartige Erlebnisse haben. Sind Ihnen solche bekannt?”

„Das ist durchaus der Fall”, bestätigte der Lehrer. „Nur muss man in Betracht ziehen, dass die Kinder sehr verschieden sind. Das, was Sie bei Ihrer Tochter beobachtet haben, ist im Grunde nichts Aussergewöhnliches. Ausser- gewöhnlich ist höchstens die Heftigkeit, die Gefühlsstärke oder der Grad der Erregung, mit dem das alles bei ihr herauskommt.” „Haben andere Kinder wirklich ähnliche Erlebnisse?” drang der Vater weiter auf den Lehrer ein; aber die Mutter
unterbrach seine Gedankengänge: „Mir ist eben noch eingefallen, dass unsere Tochter augenblicklich alles, was Sie in der Schule erzählen, sehr stark beeindruckt. Ich sehe es ihr direkt an. Es beschäftigt sie. Die Erzählung vom Sündenfall hat ihr keine Ruhe gelassen. Immer wieder ist sie mit der Frage zu mir gekommen, was das Böse eigentlich sei, woher es komme und warum Gott das zulasse. Sie bedrängt mich mit vielen Fragen. Es liegt ihr aber gar nicht viel an meinen Antworten. Sie will es nur jemandem sagen können, und dann beschäftigt sie sich mit diesem Thema ganz selbständig weiter.”

„Als ich vom Sündenfall erzählte, wurde es mäuschenstill in der Klasse. Die Kinder waren auf das äusserste gespannt. Eine Stecknadel, die auf den Boden fällt, hätte man hören können. Gut und Böse beschäftigt die Kinder jetzt gerade, da haben Sie ganz recht. Ich möchte nicht Ihrer Frage ausweichen”, wandte sich der Lehrer zum Vater, „aber in gewisser Weise gehört ja alles zusammen. Sehen Sie: Gerade heute hat mir eine über siebzigjährige Kollegin, die nicht mehr in der Lage ist, selber etwas zu schreiben, ihre Memoiren diktiert. Ich möchte Ihnen gerne die Stelle vorlesen, wo sie ihre Eindrücke als neunjähriges Mädchen schildert: ‚In diesem Jahr hatte ich ein bedeutsa-

Die Sonne sinkt ins Meer in roter Glut,

Kein Lüftchen regt sich, und alles ruht.

Die Sonne ist nun halb ins Meer gesunken,

Am Himmel glühn noch kleine Funken.

Die Sonne ist nun ganz ins Meer gesunken,

Am Himmel starben die letzten Funken. Und um mich ward alles öd und leer,

Als säh' ich die Sonne nimmermehr.”


Der Lehrer sah das Eltempaar aufmerksam an. Die Mutter blickte zu Boden, als suche sie etwas aus ihrer Vergangenheit heraufzuholen. Der Vater war stark beeindruckt. Es schien, als wollte er sich äussern, aber fände die Worte
nicht. Schliesslich unterbrach der Lehrer die Stille mit der Frage: „Was haben Sie denn erlebt, als Sie neun oder zehn Jahre alt gewesen sind?” „Ich versuche schon die ganze Zeit mich daran zu erinnern. Jetzt ist es mir ganz klar: damals verlor ich meinen Vater.” Die Mutter schwieg. Ihr Mann schaute sie teilnahmsvoll an. Plötzlich sagte er:

„Sehen Sie, meine Erinnerung ist ganz ähnlich. Sie hängt auch mit dem Tod zusammen! An meinem neunten Geburtstag bekam ich das Versprechen, dass wir in den Sommerferien ans Meer fahren würden. Ich bin im Frühling geboren, und so war ich neun Jahre und etwa vier Monate, als wir auf einer kleinen Insel die ersehnten Ferien machten. Was ich damals erlebt habe, steht mir heute noch vor den Augen. Ich stand mit meinem Vater am Hafen in einer schweigenden Menschenmenge. Dann ging eine Gruppe Matrosen an uns vorbei, die einen überaus schweren Eisensarg auf ein Schiff trugen. Sie ruderten das Schiff weit aufs Meer hinaus, ich konnte es kaum noch sehen, und dann sagte mein Vater zu mir: ‚Siehst du, jetzt heben sie den Sarg ins Wasser. Der Kapitän findet seine letzte
Ruhestätte auf dem Grund des Meeres." Diesen Eindruck werde ich nie vergessen. Noch nie zuvor hatte ich daran gedacht, dass ein Mensch einmal in einem Sarg liegen könne.”

Der Vater war in tiefe Gedanken versunken. Etwas ging in ihm vor, was ihm keine Ruhe liess. Der Lehrer beobach- tete ihn mit wachsender Teilnahme.

„Sie haben vorhin bemerkt”, sagte der Vater zögemd, mit einer plötzlich sehr tiefen Stimme, „dass Ihre Erklärung, Sie verglichen es mit dem Traumdeuten, auch noch andere Möglichkeiten offen lasse.” Der Vater, sichtlich erregt, blickte dem Lehrer scharf in die Augen. „Wer ist dieser Unbekannte, den meine Tochter unter und in ihrem Bett sucht, den sie plötzlich spürt und vor ihm in das Haus flieht? Wer — könnte es nicht ebenso gut sein ..."

„Du musst dich doch nicht gleich so aufregen”, versuchte die Frau ihren Mann zu beschwichtigen. „Wissen Sie, mein Mann und ich haben nämlich einen ganz merkwürdigen Verdacht. Aber nach dem, was Sie uns heute abend gesagt haben, sind unsere Ängste vielleicht doch unberechtigt. Findest du nicht auch?” Sie versuchte ihren Mann weiter zu beruhigen.

„Ich muss es Ihnen geradeheraus sagen: Wir haben den Eindruck, dass unsere Tochter ganz konkrete Todesahnungen hat! Dass sie uns vielleicht bald verlässt. Bei einem so hochsensiblen Kind wäre das ja doch möglich.” Offensichtlich war diese Frage der Grund, warum der Vater den Besuch des Lehrers dringend gewünscht hatte.

„Da darf ich Sie nun wirklich beruhigen. Was Sie beobachten, stimmt überein mit dem, was andere Eltern auch bemerken, wenn ihre Kinder durch den Lebensübergang gehen. Das stimmt schon, auch ich sehe das alles. Nur kommen Sie zu einem anderen Schluss, der ganz abwegig ist, wenn ich das so sagen darf.” Der Vater sah flüchtig zu dem Lehrer auf.

„Ich verstehe nicht ganz, wie Sie das meinen mit Beobachtung und Schluss”, fragte die Mutter.

„Sie haben in gewisser Weise schon recht mit Ihrer Empfindung: Mit der Vertreibung aus dem Paradies, die ich vorhin erwähnte, werden sogar die Worte ausgespro- chen: ,... denn du bist Staub und sollst wieder zu Staub werden.’ Damit ist aber nicht gemeint, dass Adam und Eva sogleich sterben müssen. Etwas anderes kommt da zum Ausdruck. Etwas tritt in ihr Bewusstsein ein, was vorher nicht darin gewesen ist. Das ist die Sterblichkeit des Menschen.”

„Nun, Sie haben ja heute abend unsere Monika selber gehört, als sie am Flügel sass. Die Texte zu ihrem Lied dichtete sie selbst, und immer ist es das Motiv des Todes. Ich frage mich, ob eine so frühreife künstlerische Leistung mit dem, was Sie sagen, ihre Erklärung findet.” Der Vater sah mit unbeweglichem Gesicht zu Boden.

„Was auch mich bewegt, wenn ich Ihre Tochter so am Flügel höre und sehe”, versicherte der Lehrer, „das ist das erst neunjährige Kind, das den Schmerz, den Tod schon künstlerisch zu gestalten beginnt. Das hat etwas Ergreifendes, wenn das ein junger Mensch versucht. Nur wenige Kinder können das so früh. Aber alle Kinder gehen durch dieses Leiderlebnis. Ihre Tochter befreit sich aber davon, indem sie es gestaltet. Das konnte man sehen, als sie nachher vom Flügel wegging. Diesen Prozess kennen Sie doch als Künstler ganz genau.” Der Vater wandte sich dem Lehrer zu. Beider Männer Blicke ruhten einen Augenblick ineinander. „Vielleicht darf ich noch etwas Persönliches hinzufügen”, sagte der Lehrer in fragendem Tonfall. Der Vater hatte seine Ruhe wieder gefunden.

„Wenn Sie zu sehr auf Ihr Kind eingehen, so wird es sich noch mehr nach innen wenden. Ihre Tochter wird zu stark auf sich verwiesen und bekommt diesen schwermütigen Zug. Lassen Sie sie ruhig ganz ungehindert musizieren,
ohne dass Sie darin etwas Ungewöhnliches sehen, und Sie werden bald bemerken, dass dieses Musizieren für sie eine Art Selbstheilung ist.”

„Mag sein, dass Sie recht haben und ich tatsächlich den elegisch-melancholischen Ausdruck über den Verlust ihrer paradiesischen Kindheitstage missdeutet habe. Es drückt sich darin also eigentlich nur der Tod ab, er ist es nicht selbst. — Ich will damit leben. Ich bin froh, dass ich Ihre Anschauung auch kennengelernt habe.” Während des Gesprächs war der Vater aufgestanden und hatte die Bibel geholt. Die Schöpfungsgeschichte wollte er im Wortlaut nachlesen. Der Lehrer erhob sich, um sich zu verabschieden.

„Bitte, bleiben Sie doch noch einen Augenblick", bat die Mutter. „Sie haben uns heute abend schon geholfen. Aber es ist noch etwas anderes: Es bedrückt mich noch etwas — vielleicht können Sie da auch helfen. Sie hatten den Eindruck, dass unsere Tochter nach dem Spielen erleichtert und befreit vom Flügel wegging. Mag sein. Ich erlebe noch etwas ganz anderes dabei.” Die Frau zögerte einen Augen- blick. „Früher konnte ich mit meiner Tochter zusammen am Flügel sitzen, oder sie kam und sagte: ‚Mama, komm! ich muss dir was vorspielen.’ Wie haben ihre Augen dann geleuchtet. Wir sind ein Herz und eine Seele gewesen. Aber jetzt? — Es stört sie, wenn ich nur im Musikzimmer bin. Und glauben Sie, dass sie mich auch nur einmal gefragt hätte, ob sie mir etwas vorspielen könne? Davon ist nicht die Rede. Sie spielt stundenlang für sich, für sich ganz allein. Dann steht sie auf und ist vergnügt — wie Sie sagen —, aber sie geht in den Garten, zu einer Freundin oder an die Hausaufgaben. Kurzum, sie macht alles, nur kommt sie nie mehr zu mir. Es ist, als sei etwas zwischen uns. Das ist nun schon seit Beginn der dritten Klasse so. Manchmal denke ich, ich verIöre mein Kind. Sie ist nicht mehr bei mir ...”

„Heute früh habe ich den Kindern die Opferung Isaaks erzählt. Ich muss sagen, dass ich selber lange Zeit keinen Zugang zu dieser Geschichte hatte. Durch das, was Sie mir eben jetzt erzählt haben, ist mir der tiefere Sinn dieses Opfers erst richtig aufgegangen.”

Die Mutter hörte gespannt zu.

„Es war mir lange nicht klar”, fuhr der Lehrer fort, „welcher Sinn darin liegen könnte, Abraham zu prüfen, ob er Gott oder seinen Sohn lieber habe. Jetzt aber muss ich sagen, dass ich den Unterschied sehe. Die Liebe zu Gott äussert sich darin, dass wir in den notwendigen Entwicklungsschritten eines Kindes das Walten eines Höheren, Göttlichen erahnen und diesem höheren Willen, dieser Entwicklung zum Durchbruch verhelfen, auch wenn es — wie im Falle des Lebensu"berganges — das Opfer verlangt, dass die Mutterliebe sehr, sehr gross wird, so gross, dass sie ihr Kind frei gibt. Es kann in der Entwicklung des Kindes etwas nicht eintreten, das heisst, es würde er- schwert, wenn diese Opferbereitschaft bei den Eltern nicht bestünde.”

Der Lehrer hielt inne. Die Mutter schien gedanklich wohl zu folgen, aber etwas in ihr wehrte sich gegen diese Interpretation.

„Das ist eigentlich das Problem Vater—Sohn ...”

„Bis zu einem gewissen Grad vielleicht auch”, ergänzte der Lehrer. „Aber die Opferung Isaaks wird ja in dem jüdischen Sagenkreis noch weiter gesponnen. Satan, in der Gestalt eines Greises, geht zu Sarah und spricht: ‚Weisst du, was geschehen ist? Abraham hat auf Geheiss Gottes deinen Sohn Isaak geopfert. Der Knabe schrie und flehte, aber der Vater fand kein Erbarmen.’

Da stiess Sarah einen bitteren Schrei aus, zerriss ihre Kleider und warf sich auf die Erde. Sie weinte: ‚Isaak, Isaak, mein Sohn! Mit 90 Jahren habe ich dich geboren, und nun bist du des Feuers und des Messers! Aber es war das Gebot des Herrn’, so versuchte sie, sich zu trösten. ‚Seine Werke sind gerecht. Es ist nur mein Auge, das weint, mein Herz ist fröhlich!’

Sarah fand keine Ruhe und zog Abraham entgegen. Obwohl sie überall nach ihm forschte, fand sie ihn nicht. Da verwandelte sich der Teufel in einen Menschen, trat vor sie hin und sprach: ‚Isaak lebt, Abraham hat ihn gar nicht geopfert.’ Auf diese Worte hin wurde Sarah von solcher Freude ergriffen, dass ihr das Herz brach und sie entseelt niedersank.”

Der Lehrer sah, dass die Mutter durch einen heftigen Seelenkampf ging. Gerne hätte er ihr etwas Gutes gesagt, aber eine innere Stimme verbot ihm jedes weitere Wort.

Die Mutter schwieg.

Schliesslich unterbrach der Vater die Stille. Er hatte die Opferung Isaaks in der Bibel gefunden und rasch für sich gelesen. Nun blickte er auf und sah, wie es seiner Frau zumute war. Da las er die Worte:

„Weil du dies getan und deines eingeborenen Sohnes nicht geschont hast, so will ich dich segnen und deine Nachkommen vermehren wie die Sterne des Himmels und wie den Sand am Meer; und in Einem deiner Nachkommen sollen alle Völker der Erde gesegnet werden!”

„Das deutet auf die Geburt Christi hin”, sagte der Lehrer.

Die Mutter, die wie verwandelt war, wandte sich zu ihrem Mann: „Ich glaube, jetzt erst ahne ich den tieferen Zusammenhang. Christus ist der Bringer der
Nächstenlie- be. Das ist nicht die Liebe des Blutes. Deshalb muss mich meine Tochter verlassen. Aber ich sehe jetzt, dass ein neues Wesen in sie einziehen will: ihr Eigenwesen. Das will frei sein von der alten Mutterliebe. Aber sie wird ihre Mutter wieder lieben, später. — Wir haben etwas ganz Falsches im Auge gehabt. Wir haben der Vergangenheit nachgetrauert. Die Züge ihrer Kinderzeit verschwimmen wie das Spiegelbild in den Wellen des Wassers. Das ist vergangen und verklungen. - Jetzt erst kommt dieses Kind wirklich zu sich selbst. Wir dürfen in der Nähe sein und das alles miterleben. Ich bin ganz glücklich darüber.

Ich sehe unsere Tochter jetzt mit anderen Augen.“

 


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