DAS ZWÖLFTE LEBENSJAHR VON HERMANN KOEPKE

Entwicklungsphasen Kindheit Lehrermaterial Methodik Waldorfpädagogik Zwölfte Lebensjahr

Hermann Koepke -Das zwölfte Lebensjahr - Eintritt in die Pubertät

Verlag am Goetheanum

ISBN 3723505007

 

 

Inhalt

Motto

Vorwort

Probleme einer ausgezeichneten Lehrerin 

Das Unterrichten kostet mehr Kraft - Es wird nur eine Seite gefragt — Eine Schwäche scheint unüberwindbar — Noch ein Schlag für die Lehrerin — Ein bedeutender Grund für die Schwierigkeiten — Desinteresse und Interesse — Das kausale Denken ansprechen — Die Autorität des Gesetzes — Die Evolution muß weitergehen

Im Unterricht von Susanne K 

Die „Strafpredigt“ — Das Erüben des Dialogs — Gerade und krumme Striche — Bewegungsbilder im Pausenhof — Was durch den Gang sichtbar wird — Flöten für verschiedene Altersstufen —

Bild oder Gedanke — Lob und Tadel in bezug auf die Gemeinschaft — Schwächen als Hilfen

Die Verwandlung im zwölften Lebensjahr

Eine Flut von Eindrücken — Gewinn im Verlust — Die Sinnerweckung — Ein Erwachen ohne Orientierung — Das Individuelle fördern — Knaben und Mädchen — Vertrauen und Selbstver— trauen

 

Liebe Eltern! 

 

Alles Lebendige ist göttlich — Wie Eltern ihre Kinder sehen — Geschmackssache — Druck und Gesundheit — Die Doppelaufgabe— Pflicht und Selbständigkeit— Absonderung und Lösung— Wollen, Fühlen, Denken — Ein ungehobeltes Stück Holz — Gehen, Sprechen, Denken — Die Erdenreife

 

Gespräch mit Gottfrieds Eltern 

Ein komischer Anblick — Ein schwieriges Gespräch — Der Freiraum — Ein unvergeßliches Erlebnis — Das Geburtstagsgeschenk — Ein erneutes Gespräch — Schlamperei — Vorstellungen und Ideale — Für und Wider — Verborgene Gaben


Besuch bei Brigittas Mutter 

Die Warnung — Die Not — Der Entschluß — Der Traum

Die Entwicklung eines Kindes im Spiegel der Wortzeugnisse 

Sachwortregister 

 

 

Motto

„Merkmale: Rebellisches Verhalten gegenüber Erwachsenen (die plötzlich so ungerecht sind). An- und abflauendes Interesse an dem polaren Geschlecht. Plötzliche Unausgeglichenheit, die ei- nen fast verrückt machen kann (himmelhoch jauchzend — zu Tode betrübt), und Minderwertigkeitsgefühle.

Man bekommt außerdem langsam eine eigene Meinung (die von den Erwachsenen unbedingt respektiert werden sollte). Und noch was, was man Jugenddiskriminierung nennen könnte. Das heißt nicht, daß die Jugendlichen diskriminieren, sondern daß sie diskriminiert werden. Ich kann aus eigener Erfahrung versichern, daß das etwas sehr Unangenehmes und Frustrieren- des sein kann. Man hockt beispielsweise ganz harmlos mit ein paar Gleichaltrigen im Tram. Wegen irgendwas muß man furcht- bar lachen, und schon geht das Theater los. Von allen Seiten wird auf einen eingekeift und gegiftelt. Oder man streift versehentlich einen rüstigen alten Herrn, und schon ergießt sich eine Flut von Schimpfwörtern (die man solchen Leuten gar nicht zutraut) auf einen, und man kriegt Knüffe ab. In den Geschäften wird man sehr unfreundlich oder gar nicht bedient. Als Kind würde das einem ja nie passieren. . .”

Notiz einer vierzehnjährigen Schülerin

 

Vorwort

Der Autor blickt auf eine zwanzigjährige Erfahrung als Klassenlehrer an Waldorfschulen zurück. In dieser Zeit pflegte er außerdem mit Eltern, Studenten, Künstlern und Ärzten reichen Gedankenaustausch und lernte von ihnen, wie stark der Wunsch nach einem unmittelbaren Einblick in das Leben einer Rudolf-Steiner-Schule ist.

Diesem Wunsch möchte diese Schrift entgegenkommen. Bei der Bearbeitung entstand die Geschichte von Susanne K., einer Klassenlehrerin, deren Schülerinnen und Schüler das zwölfte Lebensjahr gerade überschreiten, und Henriette B., einer älteren Kollegin, die sie berät. Weitere Szenen folgen: eine Hospitation im Unterricht von Susanne K., ein Gespräch unter Lehrern, ein Elternabend, zwei Elternbesuche.

Obwohl alle in der Geschichte auftretenden Personen frei erfunden sind, liegt dieser Darstellung trotzdem eine Wirklichkeit zugrunde: wird doch keine einzige Begebenheit geschildert, die nicht auf irgendeine Weise einem Erlebnis entsprungen ist, das sich tatsächlich ereignet hat.

Dornach, Michaeli 1989


Besuch bei Brigittas Mutter

In der ersten Klasse gehörte Brigitta zu den ausgesprochen fleißigen und willigen Kindern. Sie zählte, wenn ein Erwachsener die Geduld zum Zuhören dazu aufbrachte, bis tausend und rechnete im Zahlenraum bis hundert in allen vier Rechnungsarten. In der zweiten Klasse konnte sie schon die meisten Wörter orthographisch richtig schreiben, und ihre Hefte waren mustergültig. Aber dann mußte Brigitta die Klasse verlassen. Ihre Mutter hatte sich scheiden lassen, und da sie nicht mehr an demselben Ort leben wollte, brachte der Ortswechsel auch den Schulwechsel mit sich. Es war ein schmerzlicher Abschied für das Kind, für die Klasse und für die Lehrerin.

Um so größer war die Freude, als die Mutter nach drei Jahren an ihren angestammten Wohnort zurückkehrte und Brigitta wieder in ihre alte Klasse kam. Sie hatte sich in der Zwischenzeit stark verändert. Sie war außerordentlich gewachsen, hatte kurzgeschnittene Haare und trat recht be- stimmt auf. Sie zeigte deutlich, was sie wollte und was ihr mißfiel. Ja, sie schien der Gefahr der Musterschülerin entronnen.


Die Warnung

Henriette (erfahrene Kollegin) hatte nach ihrer Hospitation noch einen besonderen Hinweis gegeben, der die Temperamentsverschiebung betraf. Er lautete etwa so: „Mit dem Eintritt in die Erdenreife wird der Temperamentswechsel sichtbar, der sich mit dem Lebensübergang zwischen dem neunten und zehnten Jahr angebahnt hat. Es gibt Kinder, die ihr Temperament behalten, wenn sie es aber wechseln, so ist in der Regel die Erfahrung häufig die, daß die Choleriker sanguinisch, San- guiniker phlegmatisch und Phlegmatiker melancholisch werden. Die Melancholiker können zu Cholerikern werden! 

Achten Sie dabei ganz besonders auf die melancholischen Mädchen, weil diese im Gegensatz zu den melancholischen Knaben durch die Erdenreife eine zusätzliche starke Beziehung zum Blutsystem bekommen. Alle Mädchen, egal welches Temperament sie haben, erhalten einen leichten cholerischen Einschlag, was durch Trotz und Opposition zum Ausdruck kommt. In dieser allgemein stärkeren Bindung an das Blutsystem kann also bei melancholischen Mädchen, wenn die Temperamentsverschiebung zum Choleriker noch dazu kommt, ein doppelter cholerischer Effekt auftreten. Es sind zwei Faktoren, die zusammenkommen und ein folgsames, melancholisches Mädchen zu einer eigenwilligen, zornigen und trotzigen Cholerikerin machen können. Die Überraschung ist groß, die Eltern sind darauf nicht vorbereitet. Sie müssen rechtzeitig vorkehren, bevor solche Mädchen über alle Stränge schlagen.”

Da Brigitta ein melancholisches Kind war, hatte Susanne auch bei ihr besonders darauf geachtet, was Henriette ihr gesagt hatte. Ein gewisser Eigenwille — eher melancholisch als cholerisch — kam allerdings zum Vorschein, aber er war nicht auffallender oder stärker als bei den anderen Mädchen. Somit dachte die Klassenlehrerin bei diesem Kind gar nicht an eine Temperamentsverschiebung. Im Laufe der sechsten Klasse veränderte sich Brigitta sogar in einer Art und Weise, die den Äußerungen von Henriette völlig zu widersprechen schien. Der gelegentliche Eigensinn und allenfalls unterschwellige Emanzipationswille waren bei Brigitta plötzlich verschwunden. Statt dessen beobachtete Susanne eine Schülerin, die ausgesprochen locker, entspannt und munter in die Schule kam. Sie hatte eine ungewöhnlich lässige und schmissige Art, und es gelangen ihr im künstlerischen Gestalten auf einmal Dinge, die für dieses Alter ganz erstaunlich waren. An einem Bilderwettbewerb außerhalb der Schule gewann sie den ersten Preis. 

Aber dann schien die Phase nach einigen Wochen wieder vorbeizugehen. Es fiel auf, daß Brigitta immer häufiger zu spät kam, Aufgaben noch nicht erledigt waren und sie einen verschlafenen und müden Gesichtsausdruck hatte. Nicht selten hielt sie den Kopf in die Hand gestützt. Ihr Schwung war weg. Sie war nicht nur müde, sie war traurig. Etwas ging in ihr vor, was sich Susanne nicht erklären konnte. Die Kleidung wurde anders: Brigitta bevorzugte von jetzt an eindeutig schwarze Farbe, ein merkwürdiger Kontrast zu ihrem unausgeschlafenen, bleichen Gesichtchen. War die alte Melancholikerin, nun stärker als früher, wieder zum Vorschein gekommen? In der Pause stand sie oft alleine herum. Im Unterricht war sie unkonzentriert. Manchmal hatte sie wieder sehr kurze heitere Phasen, im Ganzen sank aber ihr Leistungsniveau steil ab.

Die Klassenlehrerin war beunruhigt über die seltsame Wesensveränderung dieser Schülerin. Sie besprach sich mit ihren Fachlehrern, die ähnliche Symptome beobachtet hatten, aber man wußte nicht so recht, wie man das einordnen sollte. Man kam daher zu dem Entschluß, eine ausführliche Kinderbesprechung zusammen mit dem Schularzt anzuberaumen. Am darauffolgenden Tag fehlte Brigitta. Tags darauf brachte sie eine Entschuldigung, fehlte bald darauf wieder, hatte keine Entschuldigung, fehlte abermals, verstrickte sich in allerlei Ausreden, und Susanne sah, daß ihre Schülerin den sicheren Boden unter den Füßen verloren hatte.

Brigittas Mutter war schwer zu erreichen. Tagsüber arbeitete sie, und abends gab niemand Antwort. Schließlich klappte es. Die Mutter machte einen verstörten Eindruck. Ihr sei ein Elternbesuch schon recht. Sie war wortkarg und legte das Telephon ab.

 

Die Not

Susanne hatte ein bedrückendes Gefühl, als sie an der Wohnungstüre läutete und die Schritte zur Tür hin hörte. Die Mutter öffnete. Sie versuchte, ihr verweintes Gesicht etwas zu verbergen, und bat Susanne, hereinzukommen. Sie saßen sich einen kurzen Augenblick stumm gegenüber. Dann durchbrach die Mutter die beklemmende Stille und konfrontierte Susanne mit der Tatsache, da8 die Tochter Haschisch rauche, das sie selbergedrehten Zigaretten beimischte. Ein kleines Klümplein Haschisch, das die Mutter unter der Matratze gefunden hatte, lag noch auf dem Tisch.

Susanne brachte kein Wort heraus. Wie war es möglich, dass sie diese Entwicklung gesehen und nicht verstanden hatte! Brigittas kurze schwungvolle Leistungssteigerung, über die sie sich noch gefreut hatte, war in Wahrheit der Beginn des Drogenkonsums. Danach die Erschöpfungsphase, die schwarze Kleidung, das Isoliertsein, das Verstricktsein in Illusion und Lüge! Eine Schülerbesprechung war vorgesehen; nun hatten die Ereignisse diese Besprechung überholt.

Im Laufe des Abends gewann Susanne ein Bild von der häuslichen Situation. Die Bande zwischen Mutter und Tochter waren unmittelbar nach der Ehescheidung sehr eng; als aber die Mutter an ihren angestammten Wohnsitz wieder zurückgekehrt war, wo ein neuer Lebensgefährte in die Zweiergemeinschaft eintrat, setzte es bei Brigitta flammenden Protest. Sie schlug die Türen zu, verweigerte das gemeinsame Essen und warf sogar Teller und Tasse an die Wand. Ganz unvorbereitet und ohne Übergang vollzog sich bei diesem Mädchen von einem Tag zum anderen der Schritt in die „Selbständigkeit“. Der Durchbruch ihres cholerischen Temperamentes, in der Schule sorgfältig getarnt, war zu Hause in voller Wucht zum Ausdruck gekommen. Die Spannungen zwischen Mutter und Tochter wurden schließlich so groß, daß Brigitta abends nicht nach Hause kam. Einmal war sie eine ganze Nacht weggeblieben.

 

Der Entschluß

Die Mutter machte sich die schlimmsten Vorwürfe. Sie meinte, daß ihre Tochter aus Protest gegen ihren Lebenspartner zu den Drogen gegriffen habe. „Das Unglück wollte es, daß dieser Mann auch keine Beziehung zu meiner Tochter fand”, sagte sie mit Bitternis. „Ich weiß, dass ich vom Schicksal vor eine schwierige Entscheidung gestellt worden bin: Ich muß mich für meine Tochter oder für meinen Lebenspartner entscheiden. Ich arbeite den ganzenTag. Bleibe ich bei meiner Tochter, so bin ich in wenigen Jahren vielleicht schon so verbraucht, dass ich für den Rest  meines Lebens alleine bleiben muß. Entscheide ich mich für meinen Lebensgefährten, so weiß ich nicht, wie es mit meiner Tochter weitergehen soll. Was immer ich tue, ich stehe vor einem schweren Verlust.”

Susanne versuchte die Frau aufzurichten. Aber die Mutter wies diesen Trost zurück. „Ich sehe keinen Sinn mehr in meinem Leben, wenn es immer nur so weitergeht”, preßte die von Schluchzen erschütterte Frau aus sich heraus.

Die beiden Frauen saßen lange zusammen, mehr schweigend als redend, und Susanne erfuhr noch vieles aus dem leidvollen Schicksal der andern. Es gehe ihr jetzt etwas besser, bedankte sich die Mutter für das Aushalten Susannes. Sobald sie aber wieder an die Tochter dachte, liefen ihr die Tränen über das Gesicht.

Susanne kam der Besuch am Sterbebett eines unheilbar erkrankten Kollegen in den Sinn. Durch ihn waren Worte aus griechischem Geistesgut zu ihrem eigenen unvergeßlichen Besitz geworden. Und an diesen Kollegen dachte sie, als sie es wagte, seine Worte nachzusprechen: „Wenn etwas größer ist als das von den Göttern verhängte Schicksal, dann ist es der Mensch, der es unerschütterlich trägt.” „Meiner Tochter zuliebe . . .”, weiter kam die Mutter nicht. Schließlich stand sie auf, dankte Susanne und brachte sie zur Tür.

Die letzten Worte der Mutter hatten in Susanne neue Hoffnung geweckt. Wenn Brigitta den einzigen Menschen verlieren würde, um den sie gekämpft hatte, dann würde sie noch tiefer in den Drogen versinken. Susanne sah ihre Aufgabe nur darin, die Mutter vor einem reinen Gefühlsent- scheid zu bewahren. Sie sollte sorgfältig erwägen, was sie tat. Und eine klare Entscheidung mußte des Kindes wegen bald gefunden werden.

Als Brigitta am übernächsten Tag wieder zur Schule kam, hielt sie der Lehrerin einen Brief der Mutter entgegen. Die Mutter schrieb, daß sie nach ihrem Besuch kein Auge zugetan habe. Die ganze Nacht habe sie um die Entscheidung zwischen ihrem Lebensgefährten und ihrer Tochter gerungen. Zuerst sei sie zu dem Entschluß gekommen, Brigitta in ein Heim zu geben, damit sie durch den Wechsel und durch geordnete Lebensverhältnisse eine neue Chance bekomme. Auch habe es ihr falsch geschienen, die alte Zweierbeziehung wieder aufbauen zu wollen. Als sie sich aber die Situation in einem irgendwie gearteten Heimbetrieb vorgestellt habe, besonders im Hinblick auf die Notwendigkeit einer Vertrauensperson, die ihre Tochter unbedingt haben mußte, erschien ihr die Lösung immer fadenscheiniger. So habe sie sich, noch bevor sie zur Arbeit gegangen sei, zu dem Entschluß durchgerungen, für ihre Tochter dazusein, wenn auch nicht in gleicher Weise wie früher, sondern als Helfende und Partnerin, die ihrer in Not geratenen Tochter treu zur Seite stehen wolle. Sie sei froh über diesen Entschluß, und wenn ihr Lebenspartner dies nicht akzeptieren könne, so habe ihre Tochter sie vielleicht nur vor einer neuen Enttäuschung bewahrt.

Brigitta habe sie erst nach Arbeitsschluß am Abend wieder zu Hause vorgefunden, und sie könne nicht alles schreiben, was in dieser Aussprache herausgekommen sei. Brigitta wolle unbedingt in der Klasse bleiben. Sie habe geschworen, daß sie kein Rauschgift mehr nehmen werde. Sie hoffe, so schloß die Mutter den Brief, daß die Lehrerin bald wieder zu einem Besuch Zeit finde.

Nach Rücksprache mit ihren Kollegen stand die Lehrerin wieder vor derselben Türe.

Susanne ließ sich von Brigitta ein genaues Bild von allen ihren Erlebnissen schildern, für die sie bis in alle Ausflüchte und Lügen geradestehen mußte. Nachdem sie die volle Wahrheit gesagt hatte, berichtete die Lehrerin, zu welchen Konsequenzen sich die Schule entschlossen habe. Sie müsse sich streng an die Maßnahmen halten, ansonsten könne sie nicht auf der Schule bleiben. Dazu gehöre, daß sie nicht alleine von zu Hause wegging und in der Schule nicht unentschuldigt fehlen durfte. Sollte sie trotz ihres ehrlichen und festen Entschlusses, auf die Droge gänzlich zu verzichten, einen Rückfall erleiden, so müsse sie dies unverzüglich ihrer Mutter oder der Lehrerin eingestehen. Auch bei den Aufgaben dürfe es keine Unregelmäßigkeiten mehr geben. Diese Maßnahmen waren auf ein halbes Jahr befristet; man vereinbarte außerdem vierzehntäglich Zusammenkünfte, bei denen man jedesmal Rückschau halten wolle.

Brigitta hatte im Laufe eines Dreivierteljahres zwei Rückfälle. Den ersten gestand sie der Mutter sofort ein, beim zweiten wurde sie während des Rauchens ertappt. Jedesmal gab es danach lange Aussprachen. Für Susanne war aber ausschlaggebend, daß Brigitta ihren Arbeitswillen wieder zurückgewonnen hatte, ansprechbar war und von der Klassengemeinschaft akzeptiert wurde. Susanne behielt Brigitta genau im Auge und setzte alles, was in ihrer Kraft stand, dafür ein, daß das Mädchen in der Schule bleiben konnte.

 

Der Traum

Nachdem ein halbes Jahr vergangen war, traf Susanne zufällig mit der Mutter in der Stadt zusammen. „Ich wollte Ihnen schon längst etwas erzählen”, begann die Mutter. „Als Brigitta nach Ihrem ersten Besuch die ganze Nacht und auch am Morgen noch nicht zurückgekommen war, fand ich sie am Abend als ein Häuflein Elend in der Küche, nicht mehr — wie vorher — trotzig und voller Abwehr. Wir begannen zuerst nur wenig miteinander zu sprechen. Dann sagte sie: ‚Mutter, ich muß dir einen Traum erzählen.’ — Ich war sehr gespannt. Sie erzählte von einem Keller, der wie ein Schacht gewesen sei und aus dem es keinen Ausweg gegeben habe. Ich hätte da hineingeschaut und sei wieder verschwunden. Erst nach langer Zeit sei ich endlich wieder zurückgekommen und hätte ihr ein Seil hinuntergelassen, an dem sie hochklettern konnte. Das war ihr Traum in jener Nacht”, so schloß die Mutter, „als ich so sehr um die Entscheidung zwischen meinem Lebensgefährten und meiner Tochter gerungen hatte.”

Literatur

Olaf Koob, Droge und Suchtentstehung. Schriftenreihe „Soziale Hygiene” Nr. 107. 3. Aufl. Bad Liebenzell-Unterlengenhardt 1987.

Rudolf Steiner, Das Geheimnis der menschlichen Temperamente. Durch C. Englert-Faye aus mehreren Vorträgen im Wortlaut zusammengestellter Text. Basel1980. 

Rudolf Treichler, Die Entwicklung der Seele im Lebenslauf. Stufen, 

Störungen und Erkrankungen des Seelenlebens. 2. Aufl. Stuttgart 1982.

 


Gespräch mit Gottfrieds Eltern

Gottfried blieb so lange wie möglich in seinem warmen Bett. Während er die Mutter schon wieder rufen hörte, hatte er endlich in seine Kleider gefunden und zog sich die ausgebeulte Hose an. Er frühstückte nicht viel und kaute kaum. Die Brote schmeckten ihm besser, wenn sie richtig süß 

waren, und darum häufte er mit dem Teelöffel auf jede Schnitte noch so viel Marmelade darauf, bis es an den Rändern hinunterlief. Wenn er morgens zuwenig Zeit hatte, klappte die Mutter die übriggebliebenen beiden Brote zusammen, so dass er wenigstens auf dem Weg etwas essen konnte. Gottfried aber eilte noch ins Bad. Er strich sich Pomade auf die Hand, verteilte sie auf beide Hände und fuhr damit durch die Haare. Mit Genugtuung sah er im Spiegel, wie die Pomade steif wurde; er stellte mit dem Kamm die Haare auf, mit einem Spray fixierte er das Ganze, blickte erfreut auf sein Kunstwerk, suchte in der Wohnung umher, um Kassetten, Heftchen und Schulsachen zu holen, und machte sich dann auf den Schulweg.

Seine Mutter trat in sein Schlafzimmer. „Immer dasselbe”, schüttelte sie den Kopf. Sie ging durch die stickige Luft zum Fenster, das sie weit öffnete, und lüftete das Bett aus.

Bei der nächsten Station stiegen Schulkameraden in das Tram ein, in dem Gottfried fuhr. Einer hatte ebenfalls — wie Gottfried — eine Frisur mit abstehenden Haaren. Er war sein Vorbild. Standen sie nebeneinander, so sahen sie aus wie die beiden Igel, die sich für den Wettlauf mit dem Hasen vorbereitet hatten.

„Guten Morgen, Gottfried”, sagte Susanne und hielt seine Hand beim Morgengruß fest. Er kannte nichts Unangenehmeres als diese Begrüßungen, denn die Lehrerin wartete, bis sein Blick dem ihren begegnet war. Erst dann ließ sie seine Hand los. Nun sollte er seine Aufgaben zeigen, die er schon am Vortag nicht gemacht hatte. Er suchte lange und zeigte endlich ein Heft vor, das voller Eselsohren war. Er wußte schon, was nun kam. Was er gemacht habe, sei schlampig, und die Hauptsache fehle immer noch. Er nickte zustimmend, was er aber eigentlich mit dem Nicken erreichen wollte, war ein kleines Wohlwollen von Seiten der Lehrerin. Deswegen wiederholte er seine Zustimmung und versprach, „bis morgen” alles nachzuholen. Susanne schrieb die fehlenden Aufgaben ins Heft und fragte ihn, ob er alles verstanden habe. Nochmalige Beteuerung Gottfrieds, und nun durfte er endlich auf seinen Platz gehen.

Gottfried sang, sprach die Rezitationen mit, flötete und fühlte sich ganz wohl und zu Hause. Er schaute in die obere Zimmerecke und dachte irgendwie an den Motor, den er ausbauen wollte . . . „Gottfried! . . .” Er war aufgestanden, die Lehrerin hatte ihn etwas gefragt. Während sie die Frage wiederholte, wurde ihm zugleich eingeblasen: „Die Cowboys!” — „Die Cowboys”, stammelte er. Ein schallendes Gelächter war die Folge. Er lachte mit und tat, als sei ihm wieder einmal etwas Gutes gelungen. Unter der Maske des Klassenclowns überspielte er seine Unsicherheit. In der Pause stand eine Mitschülerin neben ihm, die er besonders mochte. „Die Ureinwohner von Amerika sind doch nicht die Cowboys”, lachte sie. Erst jetzt wußte er die Frage.

Die Englischstunde begann mit einem Diktat, das war für Gottfried ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen. Aber sein Nebensitzer schob ihm das Heft zu. Gottfried schaute zuerst angestrengt auf den Lehrer, und dann schielte er. Die nächste Stunde war Rechnen. Im Bruchrechnen konnte er folgen, als aber die algebraischen Gleichungen an die Reihe kamen, hielt er sich wieder an seine Nachbarn.

Am Nachmittag hatte die Klasse Turnen. Nach der Doppelstunde war Gottfried klatschnaß, so sehr hatte er sich ausgegeben. Seine Partei hatte gewonnen. Er hatte viele Ideen, wie sie das nächste Mal noch besser spielen könnten. Er redete auf seine Kameraden mit hochrotem Kopf ein und wurde dabei so von seiner Rede weggerissen, daß keiner mehr etwas sagen konnte und ihm bald auch keiner mehr zuhörte.

„Heute habe ich keine Aufgaben, wir hatten ja nachmittags Schule”, beantwortete er, zu Hause angekommen, eine diesbezügliche Frage seiner Mutter. Dann fiel ihm doch ein, was er am Morgen versprochen hatte, aber als er sich an den Tisch setzte, sah er die Heftchen, die er mit Klassenkollegen auszutauschen pflegte. Er fing an zu blättern. Die Kassette fehlte. Wo war sie wieder? Er holte seinen Walkman. Er hörte, daß der Vater nach Hause gekommen war. Es gab Abendessen.

Nach dem Abendbrot sagte Gottfried der Mutter, daß er noch „etwas holen” müsse, während er schon die Wohnungstür zumachte, so dass der Mutter keine Zeit mehr für eventuelle Nachfragen blieb. Er wußte, wo seine Mitschülerin, die er heimlich verehrte, abends war. Diesmal sah er sie. Sie hatte ihn auch gesehen. Sie hatte sogar zu ihm hingeschaut. Er ging weiter und kramte eine angerauchte Zigarette hervor, die er anzündete. Während er schnell ein paar Züge nahm, dachte er an die Cowboys zurück. Wie mochte sie darüber denken?

Bei seiner Rückkehr gelang es ihm, so still auf sein Zimmer zu schleichen, daß ihn niemand hörte. Er wollte vor allem der Frage ausweichen, was er eigentlich geholt habe. Geräuschlos setzte er sich an den Tisch. Da lag das Aufgabenheft. Flüchtig las er die Eintragungen seiner Lehrerin. Ohne darüber nachzudenken, schrieb er einige Zeilen, unterbrach, schrieb wieder. „Ob das wohl richtig ist?” zweifelte er. Wen könnte er fragen? Jetzt war es zu spät. Vielleicht fände er morgen früh auf dem Schulweg einen Kollegen, der Bescheid wußte. Einige Zeit kaute er an den Fingernägeln, dann ging er ins Bett. Die Kleider lagen über dem Stuhl, die ausgebeulte Hose war auf den Boden gefallen.


Ein komischer Anblick

„Gottfried, wo sind die Aufgaben?” Er stand vor seiner Klassenlehrerin. „Ich wußte nicht . . . ich konnte nicht . . . wir hatten gestern den ganzen Nachmittag Schule.”

„Gottfried!“ Susanne hatte seinen Namen mit allem Nachdruck ausgesprochen.

Ein zustimmendes Kopfnicken von Gottfried. Er war mit allem einverstanden, wenn er nur bald auf seinen Platz gehen durfte. Mindestens schön schreiben könne er. Die Ober- und Unterlängen seiner Schrift seien so ineinander geschrieben, daß sich die Schrift selbst ausstreiche. Er nickte.

„Morgen unbedingt, Gottfried!“

„Ja, morgen!” Er versprach alles. Er verstehe, was er zu tun habe. Endlich durfte er auf seinen Platz gehen.

„Gottfried, wo sind die Aufgaben?” Wer ihn so eindringlich ansprach, war wieder seine Klassenlehrerin. Es war dieselbe Szene am dritten Morgen. „Ich weiß nicht... wir hatten Schule. . . nein, gestern nicht. . . ich, ich. . .”

Er sah in das enttäuschte Gesicht seiner Lehrerin. Es tat ihm eigentlich leid. Im Grunde wünschte er, etwas zu ändern. Susanne machte sich Aufzeichnungen. Sie trug immer etwas in ihr Tagebuch ein. Diesmal war es besonders unangenehm, als er neben ihr stand und zusah, wie sie schrieb. Für die Mitschüler mußte sein Anblick komisch sein: sein blasses Gesicht, der betreten zu Boden gerichtete Blick, die dünne Gestalt in zerbeulten Hochwasserhosen und dazu die hahnenartige Stachelfrisur. Als die Lehrerin mit ihrem Eintrag fertig war, sagte sie ihm, dass sie unbedingt mit seinen Eltern sprechen müsse. Gottfried ging an seinen Platz. Er sah zu seiner Freundin hinüber, die sich lebhaft mit einigen Kameraden unterhielt. Er war froh darüber. Wahrscheinlich hatte sie ihn doch nicht beobachtet, als er bei der Lehrerin vorne gestanden hatte.

In Susanne brannte die Frage, wie sie zu diesem Knaben Zugang finden könnte. Und es bereitete ihr keine geringe Sorge, daß er so wenig lernte. Jedesmal, wenn sie mit ihm gesprochen hatte, blieb ihr der starke Eindruck seiner unartikulierten Sprache. Er sprach —trotz der vielen Sprechübungen und Rezitationen — fast keine Konsonanten; andererseits war er der Lauteste, wenn es in irgendeiner Ecke Gegröle gab.

Nicht weniger unglücklich als Susanne war auch Gottfrieds Mutter, mit der Susanne sprach. Er lasse sich von ihr kaum noch etwas sagen, ziehe sich in sein Zimmer zurück und höre nur Kassettenmusik. Was sie aber am meisten beunruhige, sei, dass er soviel rauche.

Auch die Kollegen hatten Susanne ihr Leid geklagt, allen voran die Fremdsprachenlehrer. Man bekomme ihn nicht zum Sprechen; auch sein Lesen sei nur ein Herumstottern. Die Diktate seien völlig fehlerhaft und sein Wortschatz minim. Er habe ein Gedächtnis wie ein Sieb.

Verzweifelt suchte Susanne nach etwas, was Gottfried gut konnte und Anerkennung verdiente. In ihren Überlegungen stieß sie auf einen Zug in Gottfrieds Wesen, und das war seine überspielte Melancholie, obgleich er eigentlich ein sanguinisches Temperament hatte. Es mußte also doch in diesem Buben der Wunsch liegen, sich anders in die Klassengemeinschaft hineinzustellen und Anerkennung für seine Arbeit zu finden . . . Susanne hatte einen Eltembesuch ohnedies ins Auge gefaßt, und so machte sie sich eines Abends auf den Weg.

 

Ein schwieriges Gespräch

Der Vater faltete die Zeitung zusammen und bot Susanne einen Stuhl an, während die Mutter sich noch einmal versicherte, daß alle Kinder schliefen. Der Vater fragte, was die Lehrerin gern trinke, gab ihren Wunsch an die Mutter weiter, um sich dann bei einer Zigarette Susannes sorgenvollen Schulbericht anzuhören.

„Ich weiß, daß es nicht gut mit ihm aussieht. Zu Hause gehorcht er nur mir; meine Frau kann sich nicht recht gegen ihn durchsetzen. Aber ich frage mich, ob das nicht alles eine altersgemäße Durchgangsphase ist, die gewiß notwendige Veränderungen mit sich bringt, worauf Sie ja auch an Ihrem Elternabend hingewiesen haben.”

Susanne zögerte. Mit der Bejahung dieser Frage war an dem Problem selbst nichts verändert. Gottfried war der Älteste in der Klasse, er war schon dreizehnjährig und hatte sich durch seine Haltung ein ganzes Stück vom Klassenbild abgesetzt.

„Ein Teil der Problematik hängt schon mit der Pubertät zusammen, aber wir müssen ganz klar und deutlich sehen, daß Gottfried jetzt in einem derart unausgeglichenen Zustand ist, daß er mit eigener Kraft sicher nicht da herauskommt. In meinen Augen ist er wirklich gefährdet.”

Dem Vater kam diese Antwort nicht gelegen, seine Frau schaute mit sorgenvollem Gesicht zu ihm hin.

„Ich weiß auch nicht, was wir tun sollen”, sagte sie, „wir haben unseren Sohn extra in eine besondere Schule geschickt, und jetzt sind wir trotzdem in einer ganz verfahrenen Situation, wo, wie mir scheint, auch Sie” — und damit blickte sie Susanne vorwurfsvoll an — „nicht wissen, wie es weitergehen soll.”

„Wir müssen klipp und klar wissen, was wir tun sollen”, betonte der Vater. „Die Schwierigkeit besteht darin”, setzte er hinzu, „daß sowohl meine Frau und ich arbeiten gehen, meine Frau hat allerdings nur eine halbe Stelle. Also dauernd auf dem Bub ,draufsitzen’ können wir nicht.”

„Warum geht es Gottfried eigentlich so schlecht?” fragte Susanne dazwischen.

„Das möchten wir auch gerne wissen, deshalb sitzen wir ja zusammen. Von Ihnen möchten wir das wissen und auch, was wir tun sollen! ”

„Haben Sie eine feste innere Beziehung zu Ihrem Sohn?” forschte Susanne, indem sie sich zuerst an den Vater wandte.

„Natürlich, ich habe schon eine Beziehung zu ihm. Ich bin ja der einzige, dem er gehorcht, aber auch nicht immer. Was heißt Beziehung? Früher war es besser, jetzt will er von mir auch nicht mehr viel wissen. Er fragt mich nichts, er kommt nie mit seinen Problemen, außer wenn er Geld braucht, dann kommt er, und zwar ziemlich oft.”

„Hat er denn Vertrauen zu Ihnen, führen Sie gelegentlich Gespräche?” bohrte Susanne weiter.

„Dazu kannst du etwas sagen”, wandte sich der Vater an seine Frau, die ziemlich unglücklich dasaß. „Wie gesagt, von mir will er nichts wissen.”

„Gespräche kann man das nicht nennen, was sich zwischen ihm und mir abspielt. Sobald er heimkommt, ißt er und geht in sein Zimmer. ‚Mutter, gib, wo ist das?’ Wenn er etwas nicht findet, schimpft er, und in letzter Zeit nimmt er sich eigentlich alles, ohne groß zu fragen, mitunter auch Zigaretten von meinem Mann.”

„Finden Sie es denn so schlimm, daß er raucht? Andere Buben rauchen doch auch in dem Alter? Ich bin ein mäßiger Raucher, seit wir verheiratet sind; meine Frau raucht auch, wenn auch bedeutend weniger als ich.”

Susanne wollte das Pferd nicht am Schwanz aufzäumen. „Das Rauchen sehe ich in erster Linie als ein Symptom an, aber es ist nicht der Grund, weshalb Gottfried in einer Sackgasse gelandet ist.”

„Und der Grund? Was ist dann der Grund?” Der Vater blickte Susanne auffordernd an.

„Wie sehen Sie das denn?” Susanne wandte sich an seine Frau. Die Mutter schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht, aber so viel ich sehe, gibt es mit Gottfried augenblicklich kein Auskommen. Ich weiß nicht, wie das weitergehen soll. Er zieht sich einfach zurück. Nur, wie gesagt, wenn er etwas braucht, dann kommt er.”

Die Eltern schwiegen. Das Rauchen, die Kassettenmusik und der Klassenclown, das alles war für Susanne nur eine Flucht aus der Realität, sie hatte den Eindruck, daß Gottfried darauf wartete, daß man ihn suchte.

„Haben Sie denn eine Beziehung zu unserem Sohn?” erkundigte sich die Mutter. Susanne merkte bei dieser Frage, daß sie nicht auf dem hohen Roß sitzen durfte.

„Ich ringe um diese Beziehung, aber daß ich sie habe, kann ich nicht sagen”, war ihre Antwort. „Hat er denn Freunde in der Klasse?” Der Vater wollte einen Anhaltspunkt gewinnen. Susanne verneinte. Er sei wohl gelitten in der Klasse, aber speziell gute Freunde habe er nicht. Sie erkundigte sich, wie er mit seinen Geschwistern auskomme.

„Er wollte eben mit seinen Geschwistern, als sie noch klein waren, immer nur spielen. Das war schon eine Hilfe, denn neben dem Haushalt mußte ich ja noch arbeiten. Aber wenn er den Küchentisch aufräumen sollte, war alles verkehrt zurückgestellt. Ich machte es schneller und besser selber. Manchmal war er mir bei der Arbeit direkt im Weg. Und heute hilft er gar nicht mehr. Zur Arbeit ist die Mutter da! Er ist außerdem so zerfahren.”

„Immerhin ging es früher besser mit ihm”, fand der Vater. „Er bekam eben von mir eins hinter die Ohren, wenn es nicht klappte.” — „Aber das nützt doch nichts!” unterbrach die Mutter.

„Jetzt nicht mehr, aber früher!” beharrte der Vater auf seinen Erziehungsmaßnahmen. Dann räumte er allerdings ein, daß der Sohn inzwischen recht nachtragend geworden sei, wenn ihm die Hand mal ausrutsche.

Die Eltern erzählten viel von früher und fielen sich dann und wann barsch in die Rede. Susanne gewann dabei ein sehr lebendiges Bild von dem Elternhaus Gottfrieds. Wie mochte es Gottfried ergangen sein, wenn die Mutter von der Arbeit zurückkam, der Haushalt noch nicht gemacht war und der Vater heimkam. Ob dann Gottfried, wenn er unnütz herumstand, nur noch die Rolle des Blitzableiters blieb?

Susanne sah wohl, daß sie an diesem Abend nichts mehr ausrichten konnte. Sie hatte den Wunsch, mit Henriette über alles zu sprechen und ihren Rat zu hören. Als sie sich dahingehend äußerte, zeigten sich die Eltern davon wenig beeindruckt, vielleicht waren sie sogar enttäuscht. Da sie aber auch keinen Ausweg wußten, widersprachen sie nicht.

„Es ist sicher wichtig, daß Sie Gottfrieds Hausaufgaben überwachen”, sagte Susanne, „und ich will mir Mühe geben, alles so in seine Hefte einzutragen, daß Sie verstehen können, was er zu tun hat. Aber das alleine wird noch nicht genügen. Ich suche noch nach anderen Möglichkeiten, um Gottfried zu helfen. Wir sollten dann noch einmal zusammenkommen.”

Der Vater hatte sich zum Schluß zurückgehalten. Etwas ging in ihm vor, und es war für Susanne nicht schwer zu erraten, daß er mit der Schule unzufrieden war.


Der Freiraum

Susanne mußte Henriette über den Elternabend und den Besuch bei Gottfrieds Eltern haarklein berichten, denn ihre Kollegin hakte jedesmal mit Zwischenfragen nach, wenn Susanne, um abzukürzen, nur ihr Urteil über etwas aussprach. „Wie war denn die Situation ganz genau?” Eine Frage, die sie ständig in Kauf nehmen mußte.

Als Susanne endlich zu Ende gekommen war, wartete sie gespannt, was ihr die Kollegin sagen würde. Aber die schwieg und sann. Schließlich brach sie das Schweigen.

„Sie haben die Schwierigkeiten des Knaben und seiner Situation geschildert, wie ich sie häufig in dieser Altersstufe angetroffen habe", vernahm Susanne voller Staunen. Es erinnerte sie an die allererste Reaktion des Vaters auf ihren Schulbericht. Aber obwohl in der Aussage ähnlich, so hatten Henriettes Worte doch einen ganz anderen Klang.

Henriette suchte nach einem Bleistift und Papier, aber bevor sie sich entschloß, davon Gebrauch zu machen, fuhr sie fort: „Da haben Sie also einen richtigen Duckmäuser in der Klasse. Er weicht allem aus, und er würde am liebsten heimlich auf der Welt leben: Flucht! Er kann sich nicht mit irgend etwas verbinden. Und das wird noch durch das gesteigert— verzeihen Sie —‚ was er in Schule und Elternhaus an Reaktionen erlebt. Nach der anderen Seite folgt er ganz seinen vielen Wünschen, die er sich raffiniert zu befriedigen weiß. Zwischen diesen Extremen bleibt von ihm selber nur ein Häuflein Elend übrig; darum muß man ihm helfen.

Ich möchte Ihre Skizze etwas weiterführen, die Sie früher einmal gemacht haben.” Sie zeichnete zweimal den Umriß einer menschlichen Gestalt. Die erste umgab sie mit einer Hülle, in die sie allerlei einzeichnete, die zweite füllte sie mit dem aus, was sie in der ersten Figur in der Hülle angedeutet hatte.

„Solche Skizzen sind immer nur ein äußeres Hilfsmittel”, schränkte sie ein, „und man muß dann bald wieder von ihnen wegkommen. Aber so können Sie leichter sehen, was ich meine: Der Vater hat ihn geschlagen, wenn er etwas nicht richtig machte. Der Wille des Knaben wurde also nicht mit der Aufgabe verbunden, sondern entzweit. Die Mutter machte die Arbeit lieber schnell selber, wenn er sich ungeschickt anstellte. Dadurch entstand in ihm der Eindruck, dass er im Grunde nichts kann. Er resignierte. Das war alles einmal äußeres Geschehen. Ich habe es in die Hülle eingezeichnet: dieses zurückgewendete Gefühl, diesen abgerissenen Willen. Denn mit dem zwölften Jahr lebt der junge Mensch nicht mehr in dieser Wolke, die ihn umgibt, sondern er spürt ihren Inhalt. Alles, was sich darin angesammelt hat, ist nun sein Innenleben. Wenn er jetzt keinen Arbeitswillen hat, sich nicht recht verbinden kann und mag, so ist das durch das Frühere veranlagt. Es ist wie ein zeitlich verschobener Spiegel, in dem heute dasjenige hervortritt, was früher um ihn herum gewesen ist.”

„Dann kommt eigentlich jede Hilfe zu spät, oder. . .”

„Nein. Niemals! Wenn die richtige Erziehungshilfe auch spät kommt, aber es ist nie zu spät.” Susanne war von dem Feuer, das plötzlich aus Henriettes Augen aufflammte, überrascht. So aufrecht, wie sie ihr gegenübersaß, glich sie in diesem Augenblick eher einem Freiheitskämpfer als einer alten Lehrerin.

„Es hat nur keinen Sinn, von dem Knaben etwas zu verlangen, was nicht vorhanden ist. Wir verlangen ja auch nicht von einem Gartenbeet — wenn ich diesen einfachen Vergleich einmal machen darf —, dass darin etwas wachsen soll, was nicht in diesem Beet ausgesät wurde.

Nicht ohne Grund begleiten Sie als Klassenlehrerin Ihre Kinder durch die verschiedenen Zeiträume, in denen sich Prozesse vollziehen, die wie Wachsen, Blühen und Fruchten aufeinander abgestimmt sind. Und darum ist ja auch ein Lehrerwechsel in diesen Jahren nicht gut. Denn leicht kann es geschehen, daß der nachfolgende Gärtner nur ein unbestimmtes Bild hat, was der Gärtner vor ihm getan hat, ganz abgesehen davon, dass es nicht in ihm mitgewachsen ist oder dass der Lehrer das Elternhaus gar nicht richtig kennt und dementsprechend berücksichtigt.”

„Dann müßte ich mit Gottfried eigentlich etwas nachholen, um sein Willens- und Gefühlsleben zu stärken, dass er auch etwas lernen kann.”

„Und wie werden Sie das machen?” forschte Henriette gespannt.

Susanne wußte wohl, dass ihre Kollegin einen Schatz reicher Erfahrungen hatte, und davon wollte sie profitieren. Sie hielt daher mit ihren Ansichten zurück und fragte, wie sie in solchen Fällen vorgegangen war.

Henriette begann sogleich mit einer konkreten Übung. Sie legte ihren Bleistift auf die Tischdecke und sagte mit ruhiger Bestimmtheit: „Ich lege diesen Stift hier auf den Tisch. Er zeigt mit der Schreibspitze zu mir, mit dem Radiergummi zur Wand. Die Seitenflächen des Stiftes sind rot und orange, der Tisch ist hellbraun, und der Stift bildet mit der Tischecke ein rechtwinkliges, ungefähr gleichschenkliges Dreieck.

Und nun zurück zu Gottfried. Was würde eine solche Handlung, zusammen mit diesem Bildeindruck und zusammen mit dem gesprochenen Satz, der mit ,ich’ beginnt, für ihn bedeuten?”

„Er könnte es tun, nichts könnte leichter sein, aber er würde sich fragen, warum er das tun soll. Es erschiene ihm zwecklos, vielleicht absurd.”

„Sie würden ihm sagen, daß er durch solche kleinen Übungen sein Gedächtnis trainieren kann, indem er sich besser erinnern kann, wo er den Stift hingelegt hat, wenn er ihn das nächste Mal wieder haben will. — Zwecklos ist die Handlung allerdings. Zum Beispiel wäre es ja viel zweckmäßiger, den Bleistift immer in eine Schreibschale zurückzulegen, so daß man sich gar nicht zu erinnern braucht, wo man ihn weggelegt hat. Es ist eine Handlung ohne Zweck, aber sie hat einen Sinn: Sie bildet ihn. Und mehr noch: Es befriedigt keinen Wunsch, kein Verlangen. Andererseits wird der Handelnde nicht von außen irgendwie bestimmt oder eingeschränkt. Er tut etwas aus völliger Freiheit: Er selbst sucht den Gegenstand aus und den Ort, wohin er ihn legt, und fügt den Bildeindruck hinzu. Diesen Freiraum muß sich Gottfried schaffen lernen, den hat er nicht! Die meisten seiner Handlungen kommen nicht aus einer freien Mitte, sondern aus seinem weggerissenen Ich, das an die Wünsche und Begierden gekettet ist oder zurückgestoßen in das Erlebnis: Ich kann es nicht.”

„Ich kann mir nur nicht vorstellen, daß diese Hilfe genügt”, zweifelte Susanne.

„Sie sagten vorhin, nichts könnte leichter sein als diese Übung. Ich habe sie mit meinen Klassen gemacht. Es ist sogar mir sehr schwer gefallen, diese und andere Übungen über lange Zeit durchzuhalten, und ich habe dabei erfahren, welchen Ruck man sich geben muß, wenn man so etwas ,Nutzloses’ tun will. Da kommt man sehr stark zu einer Selbstbegegnung.

Und dann kann man auch die anderen Übungen miteinbeziehen, die Rudolf Steiner in einem öffentlichen Vortrag dargestellt hat. Sie sollten diesen Vortrag: ‚Nervosität und Ichheit’ studieren. Ich habe ihn, wann immer ich in dieser Altersstufe unterrichtete, sorgfältig durchgearbeitet und diese Übungen in abgewandelter Form mit der Klasse geübt. Solch scheinbar einfache kleine Übungen haben eine große Wirkung, wenn man sie längere Zeit durchhält.”

Sie sah Susannes Skepsis und fügte leicht hinzu: „Zunächst glaubte ich natürlich auch nicht so recht an die positiven Wirkungen! Aber dieses Vorurteil fiel im Laufe des Übens ganz alleine von mir ab. Die Wirkungen sind es, die Sie überzeugen werden. Sie brauchen dabei die Geduld und die Liebe des Gärtners. Ich bin gespannt, von Ihren Erfahrungen zu hören.”

Mit Bedachtsamkeit, die ihren Eindruck auf die jüngere Kollegin nicht verfehlte, faßte sie die Tischecke mit dem Stift ins Auge. Es war, als prüfe sie noch einmal die Übereinstimmung von Form, Farben und Winkel ihres Erinnerungsbildes mit der Wahrnehmung, bevor sie den Stift leicht — wie einen Mikadostab — aufnahm und weglegte. Eigentlich hatte Susanne nie zuvor einen Menschen so genau beobachtet, der durch und durch mit dem verbunden ist, was er tut.

„Noch etwas anderes. Es ist sehr wichtig, wie Sie sich Gottfried gegenüber verhalten. Wenn er zum Beispiel vor der Klasse steht und seine Aufgaben wieder nicht gemacht hat, dann sagen Sie meinetwegen großzügig und so, dass er Ihren Humor bei der Sache herausspürt, aber nicht ironisch: ‚Guten Morgen, Gottfried, heute wollen wir mal die Aufgaben nicht kontrollieren, aber wie wär’s, wenn du mich morgen mit deinem Heft überraschen würdest?’ Locker sein, den Knaben aufhellen! Jedes Lächeln, das Sie ihm abgewinnen, ist tausendmal mehr wert als die abgrundtiefe Beschämung, die ihn augenblicklich gefangen hält. Das ist für seinen gegenwärtigen, so außerordentlich schwachen Zustand nötig. Später, wenn er sich gefestigt hat, können Sie ihn wieder herzhafter anfassen. Es ist ja das Schämen auch etwas, um das man im Leben nicht umhinkommt, und dank ihm gewinnen wir neue Einsichten.”

„Soll ich den Eltern diese Übungen empfehlen?” überlegte Susanne halblaut.

„Zuerst machen Sie ein, zwei Übungen mit Ihrer Klasse, und beobachten Sie dabei die Schüler und besonders natürlich Gottfried. Nehmen Sie die Erfahrungen, die Sie von jetzt an mit Gottfried machen, und legen Sie diese Ihrem nächsten Besuch zugrunde.

Sie werden nicht auf die Fehler direkt zugehen, die im Elternhaus vorliegen. Das wäre ganz verkehrt. Es könnte sonst sein, daß Sie Schuldkomplexe auftürmen oder Aggressionen auslösen; beides würde Gottfried schaden — abgesehen davon, daß es Ihre Stellung auch nicht unterstützt. Genauso wie wir die Hintergründe für Gottfried aufgesucht und verstehen gelernt haben, genauso könnten wir vieles finden, was uns die Eltern näherbringen würde, wenn wir nur auf ihre Lebensgeschichte und ihre Erziehung ebenso eingehen könnten. Ein Elternhaus so zu akzeptieren, wie es ist, ist manchmal gewiß nicht leicht, aber gut. Freilich gibt es ganz krasse Situationen, die Ausnahmen sind.


Ein unvergeßliches Erlebnis

Was Sie allerdings direkt ansprechen sollten, das sind die negativen Wirkungen der Kassettenmusik. In der Rockmusik finden Sie Kassetten, die den Sex, die Gewalt und den unverblümten Satanismus geradezu verherrlichen. Die Texte werden mitunter rückwärts aufgespielt, sogenanntes Backward-Masking, und dadurch prägt sich der Inhalt in das Unterbewußtsein ein und wirkt. Bei den Sublimalkassetten werden Sprachschwingungen egal welchen Inhaltes in Musikschwingungen umgesetzt, so daß wir mit dem Tagesbewußtsein ebenfalls nicht wahrnehmen können, was wir eigentlich hören. Auch auf dem Video-Markt werden weltweit Sex, Brutalos und Satanismus angeboten.

In diesem Zusammenhang muß ich Ihnen ein unvergeßliches Erlebnis erzählen. In einer Gesprächsgruppe fiel mir ein Mann auf, der einen außergewöhnlichen Gesichtsausdruck hatte. Es war mir, als würden seine großen Augen Güte und Licht ausstrahlen und zugleich weinen. Wir sprachen über Drogen. Endlich meldete auch er sich zu Wort. Er habe, so sagte er, mit seinem Sohn lange Zeit immer alles besprechen können, er habe immer eine intensive Verbindung zu ihm gehabt. Eines Tages habe er gemerkt, daß er ihn nicht mehr erreichen konnte: Die innere Beziehung war nicht mehr da; sie war wie ausgelöscht. Das sei zu der Zeit gewesen, wie er rückblickend festgestellt habe, in der sein Sohn die Gewohnheit entwickelte, mit dem Walkman in den Ohren ins Bett zu gehen, so daß er schon schlafend mit Rockmusik berieselt wurde. — Ich werde den Gesichtsausdruck dieses Vaters nie vergessen, als er hinzufügte: ‚Und dann versank mein Sohn in den Drogen.’ Ich saß in seiner Nähe und verstand, was ihm im Flüsterton noch über die Lippen kam: ‚Was mir bleibt, ist die Fürbitte‘.”

Susanne trat das Traumbild von ihren Schülern wieder vor Augen. Sie sah in den Abgrund. „Schrecken oder Empörung, so verständlich die eine oder die andere Reaktion auch ist, sie helfen uns nicht weiter”, fügte Henriette mit einer Güte hinzu, die Susanne aufblicken ließ. „Es gibt ein gutes Mittel, das Niveau in einer Lebensgemeinschaft zu heben. Wenn Sie sich auf den Weg machen, Gottfried zu suchen, so wird sich die ganze Klasse mit Ihnen freuen, wenn Sie das verlorene Schaf wiedergefunden haben.”


Das Geburtstagsgeschenk

Nach dem Gespräch mit Henriette war Susanne wie verwandelt. Etwas von Henriettes Feuer war auf sie übergesprungen und trieb sie in ganz neuer Weise bei der Unterrichtsvorbereitung an. Sie war von einer Mission beseelt, und diese Mission war nicht Gottfried mit den Stachelhaaren und der ausgebeulten Hose, es war nicht jener Knabe, der sich ständig ablenken ließ und am Morgen ohne Aufgaben vor ihr stand — nein, diese Bilder hielten sie nicht länger gefangen. Zu tief hatte sie in sein Inneres gesehen, den Schrei nach Erlösung vernommen und ihn tausendfach in sich erklingen lassen. Diesem Knaben durfte kein Unheil widerfahren, und es konnte ihm kein Unheil widerfahren, denn sie hatte sich mit ihm verbunden, sie trug sein Wesen in sich. Sie freute sich auf den nächsten Schultag, auf die Begegnung mit Gottfried, auf den Augenblick, in dem ein mächtiger Impuls aufblitzen mußte.

„Guten Morgen, Gottfried!” erklang ihre helle Stimme, und ihre Augen leuchteten. „Guten Morgen, Frau K.”, hörte sie ihn ihren Gruß erwidern und ihren Namen aussprechen, etwas, was er noch nie getan hatte. Einen Augenblick war er wie angewurzelt stehengeblieben, dann eilte er auf seinen Platz.

Noch vor dem Morgenspruch führte Susanne die Verlegeübung ein. Nach einem Vorschlag aus der Klasse breitete eine Schülerin in der hinteren Ecke des Raumes eine Zeitung auf dem Boden aus und setzte einen Stapel Hefte darauf. „Ich setze den Heftstapel auf die Zeitung”, sagte sie. „Die Hefte sind grün, und das oberste Heft ist mit einem roten Strich versudelt. Die Zeitung schaut von allen Seiten unter den Heften hervor.” Als sie nicht mehr weiterkam, half ihr ein Mitschüler: „Die Hefte sind rechteckig, und die Wand ist rechtwinklig.”

„Gut”, lobte Susanne, die froh war, daß auch Gottfried ganz bei der Sache war. Der Unterricht begann in einer außergewöhnlichen Stimmung. Susanne merkte, daß die Schüler von Anfang an präsent waren. Als die Stunde beendet war, deuteten da und dort versteckte Zeigefinger auf Susanne: das verabredete Zeichen, Hefte und Zeitung wieder zurückzulegen.

Als alle Schüler die Übung verstanden hatten, forderte Susanne jeweilen zwei Schüler auf, sich bis zum nächsten Tag etwas zu überlegen, was sie wo verlegen wollten. Als Gottfried an die Reihe kam, legte er ein Feuerzeug, das er aus der Hosentasche holte, auf ihren Tisch. „Es ist rechteckig, schwarz und hat einen grünen Fleck”, beschrieb er das Aussehen. „Ich lege es auf den Tisch.” Susanne sah genauer hin: Der grüne Fleck war ein Trapez. Gottfried drehte das Feuerzeug rasch um, lachte und sagte: „Es ist schwarz, rechteckig, und auf dieser Seite ist ein grünes Dreieck.” Die Lehrerin lachte mit, und Gottfried ging auf seinen Platz.

Es verging kein Schultag, an dem Susanne nicht den ganzen Unterricht vor ihrem inneren Auge noch einmal vorübergehen ließ und dabei ganz genau auf Gottfrieds Verhalten achtete. Am nächsten Morgen wollte sie ihm die Heftkontrolle nach Henriettes Rat schenken. Da trat Gottfried in das Klassenzimmer, den Schulsack unter dem Arm und in der anderen Hand das Heft, das er ihr — strahlend wie eine Sonne — unter die Augen hielt. Susanne nahm das Heft — noch immer voller Eselsohren — wie eine Gabe für den Geburtstag entgegen.

Nach der Verlegeübung machte sie einen weiteren Versuch. Jeden Morgen übte sie für eine kurze Zeit Buchstaben aus der alten Sütterlinschrift. Infolge der völlig ungewohnten Schriftzüge verbanden sich die Schüler viel intensiver mit dem Schreiben als sonst. Susanne unterschied den schwungvollen Aufstrich von dem breiten Abstrich und achtete darauf, daß die Buchstaben gemalt wurden. Als sie sah, daß Gottfried nicht schlecht bei der Sache war, meldete sie ihren nächsten Hausbesuch an.


Ein erneutes Gespräch

Gottfrieds Vater hatte die Zeitung noch einen Augenblick in der Hand behalten und gesagt, daß er auf seine Frau warte. Sie spürte deutlich, was in ihm vorging. Nur zu genau erinnerte sie sich an die Stimmung, als sie sich beim letzten Besuch von ihm verabschiedet hatte. Die Enttäuschung über die Schule und über Gottfrieds Versagen lebte immer noch stark in ihm, und er gab seinem Mißmut jetzt unverhohlen Ausdruck. Aber für Susanne war gerade dieses Bild ihres Gegenübers unvermittelter Anstoß zu einer neuen Erkenntnis: So hatte sich Gottfried auch getrennt von seiner Umgebung, ohne konkrete Verbindung zum andern. Doch jetzt stand in ihrem Inneren das jubelnde Erlebnis der morgendlichen Begrüßung Gottfrieds dagegen. In der Erinnerung blickte sie auf die Hand, die das Heft — ohne Nachfrage — hingestreckt hatte. Sie trug den anderen — nicht so, wie er aussah! —, den neuen Gottfried trug sie in ihrem Herzen. Und so sprudelte es spontan aus ihr hervor: „Ihr Sohn zeigte mir ganz unaufgefordert seine Aufgaben, und sie waren richtig, und die Schrift war schön. Ich habe mich so über Ihren Sohn gefreut. Er hat sich einen Ruck gegeben.”

War es die gute Nachricht von Susanne, war es, dass seine Frau eingetreten war, der Vater hatte die Zeitung weggelegt und schaute die Lehrerin verwundert an, die seinem Blick heiter begegnete. Eigentlich wollte er etwas sagen, aber seine Frau kam ihm zuvor.

„Seit ich ihm seinen Walkman verbogen, zerbrochen und weggeschmissen habe, hört er einem wenigstens wieder zu”, sagte sie und begrüßte ihren Gast. „Auf diese Idee hätte ich schon viel früher kommen sollen. Sie waren ja auch immer gegen diese Musikberieselung. Jetzt arbeitet er. Er sitzt oben und macht Aufgaben, sonst hörte er um diese Zeit nur seine Kassetten.”

„Er wird sie auch wieder hören, wenn er sich von meinem Geld einen neuen Walkman gekauft hat...” Der Vater kam nicht zu Ende. „Das wird er nicht”, triumphierte seine Frau, „ich habe die Kassetten ebenfalls der Müllabfuhr mitgegeben. Und wenn du ihm für solche Sachen noch einmal Geld gibst, dann bist du selber schuld. Er ist seither doch ein ganz anderer Bub. Sieh selber nach, er sitzt oben und übt die Sütterlinschrift.”

„Warum machen Sie denn das eigentlich, diese Schriftübungen? Er kann ja noch nicht einmal die lateinische Schreibschrift ordentlich und leserlich, geschweige denn schön aufs Papier bringen. Warum jetzt diese alte Schrift, die doch kaum noch ein Mensch kennt oder gar schreibt?”

„Wenn er diese Buchstaben schreibt, die so ähnlich sind wie die lateinische Schreibschrift und doch in vielen Einzelheiten wieder ganz anders, so wird er dabei gezwungen, seine ganze Aufmerksamkeit auf das zu verwenden, was er tut; anders geht es nicht. Also: Er muß sich stark mit dem, was er tut, verbinden. Und darauf kommt es an. Dadurch wird er mit der Zeit ruhiger, sogar gesünder”, antwortete Susanne.

„Ich glaube, dass er ruhiger geworden ist, weil er die ständige Musikberieselung nicht mehr in den Ohren hat”, behauptete die Mutter. „Mag sein, daß das eine und das andere einander wohltuend ergänzt haben”, fügte Susanne hinzu, die wohl sah, daß der Vater noch nicht zufrieden war,

„In der Schule sollte man doch Sachen lernen, die einem im späteren Leben nützen. Ich will, daß mein Sohn etwas lernt, etwas kann, dass er selbständig durchs Leben kommt. Vielleicht hat er augenblicklich etwas Freude an diesen Schriftübungen, was nützt ihm das später? Ich meine, er müßte unsere Schrift anständig schreiben können, Rechtschreibung üben, rechnen können und überhaupt etwas lernen. Er vertrödelt ja seine Schulzeit!”

Susanne verstand die Gesinnung des Vaters. Hatte er doch ausgesprochen, wonach sie selbst, im Grunde viel zu lange, Gottfried unterrichtet und erzogen hatte. Sie hatte auch nur etwas von ihm gewollt und sich nie gefragt, welche Voraussetzungen dazu nötig waren und ob sie ihm diese in ausreichendem Maße geschaffen hatte.

„Bei meinem letzten Besuch haben wir unter anderem davon gesprochen, daß Gottfried so wenig lernt, weil er keine Motivation hatte, an seine Aufgaben zu gehen oder im Unterricht richtig zuzuhören, kurzum, er konnte sich eben nicht mit innerster Anteilnahme verbinden mit dem, was er tat. Und gerade das übt er jetzt; er übt es, um seinen Charakter zu schulen. Die Aufmerksamkeit wird ihm dann in allen Fächern zustatten kommen, aber zuerst muß er sie einmal irgendwo an einem Zipfel gepackt haben. Das ist der Grund, weshalb wir die Sütterlinschrift üben.”

„Das könnte man auch im Rechnen gewinnen”, wandte der Vater ein. Das bejahte Susanne zwar, aber sie versuchte ihm dann zu erklären, warum eine nicht zweckgebundene Handlung mehr wert sei als eine Handlung, die man nicht um ihrer selbst willen verfolge. „Ein Freiraum wird dadurch gebildet, wenn der Wesenskern - das Ich - nicht vom Zweck oder Vorteil fortgerissen wird oder in der Gleichgültigkeit verkommt, wie sie zum Beispiel aus einer hingesudelten Schriftseite spricht. Wenn Gottfried die Liebe zu dem, was er gerade tut, wirklich findet, dann geht er gestärkt von seiner Arbeit weg.”

Susanne kam eine Idee. „Natürlich können Sie das, was wir augenblicklich mit der Schrift üben, auch im Gebiete der Zahlen tun. Sie nennen Ihrem Sohn eine Zahl, und er spricht sie in umgekehrter Zahlenfolge aus. Also 27 wird 72, 301 wird 103, 528 wird 825. Auch dabei muß man sich zwingen, bei der Vorstellungsbildung ganz mitzugehen.”

Der Vater war es zufrieden.


Schlamperei

„Mir scheint, dass Sie da eine Reihe von ganz interessanten Übungen haben”, erkundigte sich die Mutter. „Gibt es nicht auch etwas gegen die Schlamperei? Das hätte er besonders nötig.”

„Es gibt ein dünnes Büchlein mit sehr hilfreichen Übungen von Rudolf Steiner, das ich Ihnen gerne ausborge. Das Problem der Schlamperei ist darin zwar nicht direkt angeführt, aber es enthält Übungen, die damit zu tun haben. Da ist zum Beispiel die Übung, sich bildhaft Rechenschaft von dem zu geben, was man tut. Es ist nicht so einfach, sich eine bildhafte Rechenschaft zu geben, wie man sitzt oder geht oder ißt, aber es ist verhältnismäßig einfach, anzuschauen, was man zum Beispiel geschrieben hat. Sie können das mit Gottfried zusammen machen. Sind die Zeilen auf unliniertem Papier gerade geschrieben, ist die Richtung der Schrift einheitlich oder nicht, ist es schön oder häßlich? Der Gewinn wäre am größten, wenn Gottfried erleben kann, wie schön eine Schriftseite geworden ist, die er selber geschrieben hat. Das Zurückblicken auf etwas, was man getan hat, weckt die gesuchte Kraft. Man könnte zum Beispiel auch fragen, wie sein Zimmer aussieht, ob es aufgeräumt ist, ob er schöne Bilder aufgehängt hat, und so weiter. Was für einen Eindruck macht sein Zimmer jetzt?”

„Scheußlich sieht das Zimmer aus, ganz scheußlich!“ schimpfte die Mutter.

„Das können wir als ein Bild seines Handelns erleben, ein äußeres Bild seines in ihm wirkenden Willens. Auf dem Umweg über ein aufgeräumtes Zimmer wird er aber auch seinen eigenen Willen ordnen können”, fuhr Susanne fort.

„Das ist wahr, das ganze Zimmer muß geputzt und aufgeräumt werden, ob er es will oder nicht. Wie oft hab’ ich das schon gesagt! Aber er kann es immer noch nicht allein!” entgegnete die Mutter.

„Machen Sie es mit ihm zusammen”, schlug Susanne vor. „Er muß in das Bild seines Willens schauen, nicht in das Bild Ihres Willens. Das wäre der Fall, wenn Sie das Zimmer putzen und aufräumen würden. Da er es aber alleine noch nicht kann, braucht er den Beistand der Erwachsenen. Die Versuchung, daß man es lieber selber macht, weil es schneller geht und besser wird, ist groß. Aber wir müssen nicht die äußere, sondern die innere Veränderung im Auge haben. Und wir können Gottfried viel mehr helfen, wenn er lernt, seine eigene Umgebung zu ordnen, und man ihn dabei nur unterstützt. Die Unordnung ist so gesehen ein wertvolles Arbeitsgebiet für sein Ich.”

„Habe ich Sie dann am Elternabend richtig verstanden, als Sie sagten, daß die Unordnung bei den Knaben die Folge oder die Voraussetzung für ihr neues Denken sei, das im Gegensatz zu den Mädchen bildlos ablaufe, quasi abstrakt? Also soll man in diesem Alter etwas Unordnung tolerieren?” erkundigte sich der Vater.

„Die Unordnung habe ich am Elternabend so interpretiert, daß man darin den Ausdruck einer Wandlung im Denken sehen kann, nämlich vom bildhaften zum bildlosen Denken. Wie ich zu schildern versuchte, geht diese neu zu erringende Fähigkeit des bildlosen Denkens häufig einher mit einer gewissen Unordnung, und zwar besonders bei den Knaben. Ich hatte an dem Beispiel der Konstruktionsaufgabe den Unterschied zu zeigen versucht. Die Mädchen hatten den Buben voraus, daß sie die Zeichnung besser konnten. Was die Knaben von ihnen lernen können, das ist die Beherrschung des bildhaften Eindrucks. Der bildhafte Eindruck schafft Selbstbeherrschung, und Schlamperei ist ja nichts anderes als ein Mangel an Selbstbeherrschung. Es ist also ganz wichtig, daß die Knaben sich Rechenschaft von ihrer Unordnung geben und aufräumen. Die geordnete Umgebung wirkt Halt gebend zurück. — Dadurch kommt Gottfried auch in die Lage, wenn es nötig ist, sich einen Wunsch zu unterdrücken.”

„Der Bub besteht momentan fast nur aus Wünschen, eigentlich eher Begierden. Wie ist das mit dem Rauchen? Wird er da nicht von seinen Mitschülern angesteckt? Wenn ich ihm das Rauchen verbiete, dann macht er es heimlich", betonte der Vater.

Susanne zögerte ein wenig mit der Antwort, sie wollte einerseits nicht in die Freiheit des Vaters eingreifen, aber andererseits führte der Weg nur durch das Nadelöhr einer ganz offenen, direkten Aussprache. Wie der Vater merkte, daß sie zögerte, rückte er selber mit der Sprache heraus. „Wir beide rauchen natürlich auch, und das sieht er. Und selbst wenn wir ihm immer wieder sagen, er sei noch zu klein, er wachse noch, er solle damit warten, bis er erwachsen sei, so wirkt doch unser Vorbild negativ. Das könnte schon ein gewichtiger Grund sein, oder?”

Susanne war durch die Offenheit des Vaters sichtlich befreit: „Eine der vorhin erwähnten Übungen ist, daß man sich gelegentlich einen kleinen Wunsch versagt, der nur Behaglichkeit, Freude oder Lustgewinn bringt, also keinen Schaden anrichtet, wenn man ihm nicht folgt. Das würde die Herrschaft über die Begierden ganz allgemein stärken.”

„Das ist schon recht”, meinte der Vater, „das kann ich für mich tun. Aber wenn ich sage, laß das sein, dann tut er es erst recht, und außerdem findet er, daß ich ein alter Herr sei, der am Leben vorbeigeht, verstehen Sie!”

„Jetzt darf ich auf Ihr eigenes Beispiel zurückkommen: Wenn der Sohn sieht, daß der Vater weniger raucht, dann macht das auf ihn schon einen Eindruck. Wenn man nicht dem Kind, sondern sich selbst einen Wunsch versagt, und zwar so, daß wir es in des Kindes Gegenwart deutlich bemerkbar tun — darüber sprechen brauchen wir nicht —, dann ist das ungeheuer bedeutungsvoll.”

 

Vorstellungen und Ideale

„Ich weiß nicht, ob Sie auch geraucht haben, aber wenn ich mir sage, ich will nicht mehr rauchen, und selbst wenn ich es mir aufschreibe, die Gedanken kreisen immer wieder um diesen Punkt, und ich komme nicht davon weg.” Er lachte. „Es ist zum Teufelholen!”

„Doch, ich habe während meiner Ausbildung auch geraucht”, gestand Susanne. „Ich habe es gelassen, als ich merkte, daß ich nicht die Kraft haben würde, die Klasse zu führen und zu rauchen. Übrigens erinnert mich Ihr Vorgehen an Kant, der seinen diebischen Diener, den er aber doch wiederum sehr gern hatte, entließ und, als er merkte, daß er über den Kummer nicht hinwegkam, an seiner Zimmerwand eine Tafel mit der Aufschrift aufhängte: ‚Mein Diener muß vergessen werden.’ Aber so geht es natürlich nicht. Die menschliche Natur hat ihre Tücken! Die muß man berücksichtigen.”

„Natürlich, da liegt der Hase im Pfeffer!” lachte der Vater. Gibt es da irgendeine Technik?”

„Das ist schwierig. Willensentschlüsse verlangen ja danach, daß man sie von sich selber ablöst. Bei einem Ideal ist das zum Beispiel der Fall. Es ist wie ein Licht, auf das man ewig zugehen kann und von dem man immer erhellt wird. Will man aber etwas verdrängen, dann ist es wie mit einem Ball, den man in ein Wasserbecken taucht. Sobald man ihn losläßt, kommt er hoch!”

„Und wann bleibt er unten?”

„Ich glaube nicht, daß es richtig ist, den Ball unterzutauchen, das heißt, die Verdrängung ist die falsche Technik. Man muß vielleicht in sich dasjenige suchen, was einem noch schöner und besser erscheint als die Zigarette, und wenn dann der Trieb des Rauchens doch hochkommt, dann versetzt man sich in das Ideal und überstrahlt damit den Trieb. Das Ideal kann sein, daß man die Luft besser findet, wenn sie nicht verraucht ist, es kann auch ein anderes Ideal sein, die körperliche Leistungsfähigkeit zum Beispiel, aber es muß einen ganz und gar erfüllen‚ wahrheitsgemäß durchdringen, sonst geht es nicht!”

„Weißt du, wegen unserem Gottfried . . . Ich meine, es könnte doch ein Ideal sein, für unseren Gottfried darauf zu verzichten, damit er ein gesunder Mensch wird, das wäre doch was!” begeisterte sich die Mutter.

„Du kannst das vielleicht”, versetzte ihr Mann. „Du bist auch keine starke Raucherin. Ich freue mich schon während der Arbeit darauf! Ich bin ein Kontrolleur und. . .”

‚Ja, und jetzt könntest du dich auf unseren Gottfried freuen!”

„Lassen wir das! ” entschied der Vater großzügig. „Immerhin wäre es vielleicht nicht schlecht, die Sache etwas einzuschränken, während meine Frau ganz aufhört.” Das Ehepaar lachte.

„Wenn Sie das wirklich ins Auge fassen, so hören Sie nur nicht abrupt auf. Ich machte es damals so: vom Normalverbrauch jeden Tag eine Zigarette weniger, und gleichzeitig versuchte ich, das Ideal immer lebendiger und stärker zu erleben.” Die Atmosphäre hatte sich nach dem letzten Wortwechsel merklich entspannt. Alle drei gaben sich etwas gelöster, und das Gespräch floß ungezwungen hin und her. Susanne erzählte aus der Schule und wie sie bestrebt sei, in ihren Schülern Ideale zu entzünden. Die Mutter erwähnte den manchmal eigenartigen Gang ihres Sohnes. Es sei der Gang eines Kinohelden, den er sich von der Leinwand abgeschaut habe. Seine Ideale seien vielfach noch Idole.

„Es ist wichtig, daß die Schüler ihren Helden selber wählen, dem sie auf dem Weg zum Olymp nachfolgen wollen”, zitierte Susanne. „Ich merke oft, daß ich mit meinen Heldinnen und Helden nicht das treffe, was in den Kindern lebt. Es ist nur gut, wenn auch am Familientisch über viele Menschen gesprochen wird, die man nicht in der Schule behandelt, die aber auch hohe Ideale hatten und darum hart kämpften. Ich bin nicht begeistert von den Hundertstelsekunden, die in heutigen Wettkämpfen so entscheidend sind, aber wenn er zum Beispiel einen Sportler zum Vorbild wählen sollte, dann sind es gerade die Körperbeherrschung und die Willensdisziplin — kein Tropfen Alkohol und kein Zug aus einer Zigarette! —, die etwas Vorbildliches haben.”

„Sie meinen, man könne auch an den Idolen, was oder wer immer es ist, etwas Gutes finden”, zweifelte die Mutter.

 

Für und Wider

„Warum nicht!” entgegnete Susanne spontan. „Gerade darauf kommt es an, daß wir immer beide Seiten, nämlich das Für und Wider, ins Auge fassen. Nur dann kann das Kind selber abwägen und zu einem eigenen Urteil kommen. Im anderen Fall drücken wir unsere eigene Meinung auf, und die wird in der Regel abgelehnt, auch wenn sie gut ist, woran wir natürlich nicht zweifeln wollen. . .”

„Sicher nicht”, schmunzelte der Vater. „Ein Problem besteht aber darin, daß er gleich weiß, was er will; er überlegt eben gar nicht!”

„Das ist die eine Seite”, stimmte ihm Susanne zu. „Es gehört aber noch dazu, da8 er vieles anfängt und nicht zu Ende führt, das heißt, es geht ihm die Motivation aus. Gerade die Motivation wird aber durch das Erwägen von Dafür und Dagegen gebildet.

Da erlebten wir kürzlich bei unseren beiden achten Klassen etwas Erstaunliches. Zufällig hatten beide Parallelklassen kurz nacheinander in derselben Hütte ihre Unterkunft genommen, und beide Klassen wollten den Sonnenaufgang sehen. Bei einer Klasse kamen alle Schüler— auch die Schwachen — mit auf die Tour und hielten durch, bis sie den Gipfel erreicht hatten. Bei der anderen Klasse schaffte nur ein Teil den gut zweistündigen Aufstieg. Dann stellte es sich heraus, daß der eine Lehrer, dessen Klasse geschlossen den Gipfel erreicht hatte, die Tour grundsätzlich in Frage gestellt hatte. Die Schülerinnen und Schüler sollten alles äußern, was ihnen dafür und dawider einfiel. Dann stellte der Lehrer die Aufgabe, daß sie bis zum nächsten Tag sich alles noch einmal gut überlegen sollten, sie wollten erst dann den Entschluß fassen. Dieser Entschluß kam einstimmig zustande und wurde entsprechend einmütig bis zum Gipfel durchgehalten.”

„Es kommt eben eine ganz andere Willensbildung zustande, wenn man es so gründlich macht”, meinte die Mutter. „Da kann sich ja wirklich ein jeder mit dem Vorhaben verbinden. Das könnten wir auch einmal bei uns versuchen.” „Ich fände es sogar gut, wenn Sie diese ausführlichen Für-

und-Wider-Gespräche auch im Hinblick auf die Kassettenmusik noch nachholen würden”, riet Susanne. „Zur Anregung lasse ich Ihnen gerne auch noch zwei Schriften da, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Dann sitzt eine Maßnahme ganz anders, und es wird nicht so schnell das passieren, was Ihr Mann befürchtet hat.”

„Ich glaube, wir sollten noch einmal einen Versuch machen und den Gottfried doch auf der Schule lassen. Was meinen Sie?” fragte der Vater Susanne.

„Wollten Sie ihn von der Schule nehmen?” entfuhr es Susanne, ohne dass sie ihren Schrecken ganz verbergen konnte.

„Wir dachten, daß er sich vielleicht besser entwickelt, wenn er härter angefaßt wird. Aber es könnte natürlich auch sein, daß er dann ganz resigniert. Darum wollen wir jetzt einmal zuwarten, ob er nur auf einem Wellenkamm reitet oder ob der Schwung noch länger anhält.”

Nun wußte Susanne, wieviel von der Beziehung zwischen ihr und dem Elternhaus abhing. Wenn die Eltern wirklich nur eine abwartende Haltung einnehmen würden, ohne sich energisch um ihren Sohn zu kümmern, dann war Gottfried weiterhin in Gefahr. Sie mußte also so bald als möglich den nächsten Elternbesuch ins Auge fassen. Sie wollte Begeisterung für die Erziehung von Gottfried wecken.


Verborgene Gaben

Als Susanne in später Nachtstunde auf dem Heimweg war, mußte sie vor allem an Gottfrieds Vater denken. Hatte er nicht gleich zu Beginn des Abends etwas sagen wollen, wobei ihm seine Frau zuvorgekommen war? Jetzt ahnte Susanne, was es hätte sein können, und es kam ihr wie ein Wunder vor, daß etwas wie eine höhere Macht in dieses Gespräch hineingewirkt hatte und der Vater im Laufe des Abends seine Einstellung hatte ändern können. Sie empfand einen leisen Schrecken, als sie daran zurückdachte, was sie an Ratschlägen gegeben hatte, die sie nur gelesen, aber nicht aus der eigenen Erfahrung geschöpft hatte. Und das hatte ihr der Vater nicht übelgenommen . . .

Eine Stütze hatte sie jetzt an der Mutter. Sie sah ganz anders nach dem Jungen als früher. Susanne mußte an Henriette denken: Durch sie hatte sie die Beziehung zu Gottfried gefunden. So hatte von dem Kreis derer, die sich um Gottfried bemühten, jeder etwas von sich selbst gegeben: eine innere Anstrengung, eine Überwindung.

Susanne fiel noch vieles ein, was sie mit den Eltern besprechen sollte. Gottfried könnte in einen Judoklub eintreten. Da würde er Drehpunkt, Schwerpunkt und Hebelgesetze am eigenen Leib kennenlernen und üben, sozusagen ein kleines Physikum absolvieren, das mit dem Lehrplan der siebenten Klasse korrespondiert, wenn in der Mechanik die Hebel- und Fallgesetze durchgenommen werden. Außerdem würde er unter Kameraden kommen, die Nikotin und Alkohol verachten. Sie wollte sich erkundigen, ob es einen Klub gäbe, der sich für Gottfried eignete.

Und vielleicht könnte sie mit der Mutter über das Kochen sprechen. Ob die häufigen Konzentrationsstörungen Gottfrieds nicht auch mit einer einseitigen Ernährung zusammenhängen konnten? Aß er zuviel Fleisch und zuwenig Salate oder Körner? Schleckte er zuviel Süßes? Bei dem nächsten Zusammentreffen mit Gottfrieds Eltern wollte sie dieses Thema ansprechen.

Aber warum hatte sich die Lage um Gottfried eigentlich überhaupt so zugespitzt? Susanne verlangsamte ihren Schritt: War er wohl in dieses Loch gefallen, weil die Erzieher untereinander zu wenig Austausch gehabt hatten? Und im Weitergehen wurde ihr immer klarer, daß man in der Erziehung an einem gemeinsamen Werk schafft. Es kann gar nicht gutgehen, wenn die Beteiligten nichts voneinander wissen. Die Beziehungslosigkeit, unter der Gottfried litt, war der Spiegel dafür, dass die Erzieher selbst zu wenig echtes Interesse füreinander gehabt hatten.

Literatur

Rudolf Steiner, Nervosität und Ichheit, Vortrag vom 11. 1. 1912 

(Einzelausgabe aus GA 143), Dornach 1987.

John Rockwell, Trommelfeuer. Rocktexte und ihre Wirkung. Aßlar 1983.

Rainer Patzlaff, Medienmagie und die Herrschaft über die Sinne. Stuttgart 1988.

Neil' Postman, Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der 

Unterhaltungsindustrie. Frankfurt a. M. 1988.

Udo Renzenbrink, Zeitgemäße Getreideernährung. 

Die Zubereitung aller Getreidearten mit Rezepten. Dornach 1983.

 

 


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