DIE RUNEN, DIE SICH REGTEN von Gulle Brun

Einführung der Buchstaben Erste Klasse Lehrermaterial Methodik Pädagogik Unterstufe

DIE RUNEN, DIE SICH REGTEN, so lebendig waren die Vorgänger unserer Buchstaben

ISBN 97839392402973 bei jürgensendesign

Dieses Buch ist das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit mit Kindern, ein Versuch, einige der vielen Impulse zu verwirklichen, die wir Rudolf Steiner auf dem künstlerisch-pädagogischen Gebiet verdanken.

Ein isländisches Märchenmotiv, frei gehandhabt, bildet den Rahmen für diese Runenverse. Jeder selbsttätig tönende Laut hat sein adäquates Verschen. Es handelt sich nicht um ein Buchstabenalphabeth. Das Wesenhafte eines jeden Lautes wird herausgearbeitet und durch die Zeichnungen von Kurt Wegener sichtbar gemacht. 

Wenn der abstrakte Buchstabe einen solchen Vorlauf für die Wahrnehmung der Kinder hat, regt diese Tätigkeit die Phantasie nachhaltig an. Auf diese Weise können sich reale Vorstellungen bilden.

 

„Die Runen, die sich regten.“

Es lebte einmal vor Zeiten ein mächtiger König, namens Ring. Hoch im Norden lag sein Reich, weit draußen im blauen Meer. Nur ein einziger Sohn, Hlini, erfreute den betagten Vater. Jener war ein Jüngling voller Tugend und Tatkraft. Keiner kam ihm gleich, weder an männlichen Taten, noch an Klugheit und Gerechtigkeit. Darum liebte und lobte ihn jedermann.

Eines Abends jagte der Königssohn mit seinen Mannen in den Bergen. Wie immer auch sonst, ritt er auf seinem feurigen Rosse, seinen Gesellen voran. Ein prächtiger Hirsch mit mächtigem Geweih war die ersehnte Beute.

Doch plötzlich wälzten gewaltige Wolken sich ihnen entgegen. Der nächtliche Nebel nahte, alles verhüllend. Kaum kümmerte es den Königssohn. Der Gefahr trotzend, hastete er dem hurtigen Hirsche nach. Seine Mannen folgten. Doch bald entschwand er ihnen in Nebel und Nacht.

Drei Tage und Nächte durchstreiften sie das Gelände, jede Schlucht durchsuchend, von jeder Höhe seinen Namen rufend, so daß es weithin hallte, aber umsonst. Traurig kehrten sie zu dem

Königshof zurück, noch hoffend, der Königssohn möge auf anderen Wegen heimgekehrt sein. Aber o weh, auch dort war er nicht!

Da schickte der König seine Boten aus, jedermann zum Suchen aufzubieten. Zahlreich zogen sie hinaus, Berge und Täler durchspähend, Heiden und Haine durchforschend. Jede Klippe erkletterten sie, doch war alles vergebens. Hlini, der Königssohn, blieb verschwunden. Nach drei Wochen kehrte der letzte Sucher müde und mutlos zurück.

In seiner Not ließ König Ring kundgeben, wer den Königssohn auffände, lebendig oder tot, bekäme das halbe Reich als Lohn, dazu noch seinen höchsten Wunsch erfüllt.

Weit drinnen in der Einöde wohnte ein armer Häusler in einer armseligen Hütte aus Stein und Torf. Seine ganze Habe waren einige Schafe, die das Jahr über im Freien lebten. Sein Weib war alt und schwächlich wie er selbst auch. Doch eine einzige Tochter, Signy mit Namen, hatten sie. Eine schönere und tugendsamere Jungfrau ward nie gesehen. Flachshaarig und stattlich war sie, behende im Hauswesen und flink auf den Füßen, wenn sie in den Bergen die Schafe hütete oder Beeren und Wurzeln für den Wintervorrat sammelte. Den Haushalt besorgte sie allein. Sie war es auch, die mit der Angelrute am reissenden Bach fischte, oder unter dem wilden Wasserfall Netze spannte, um Nahrung für ihr dürftiges Leben zu haben. Kein anderer konnte Torf für den Herd stechen, oder Laub und Moos für die Schafe sammeln, damit sie während der kältesten Winter— zeit nicht verhungerten, wenn das Moos gefroren und von Eis und Schnee bedeckt war. Die schwersten Lasten trug sie auf ihrem Rücken heim. Wach und klug war Signy, obwohl sie nichts wußte, als was Wind und Wetter, Kraut und Tier sie gelehrt hatten. Furcht kannte sie nicht.

In diese Einöde gelangte schließlich auch die Kunde von dem verschwundenen Königssohn.

Da bat Signy ihre Eltern, den Königssohn suchen zu dürfen, und von Herzen willigten sie ein. Der Vater schusterte ihr ein paar taugliche Wanderstiefel. Die Mutter packte ihr den Ranzen. Selber schnitt sie sich einen tüchtigen Stab. So gerüstet, nahm sie Abschied von den beiden Alten, mit einem gegenseitigen: „Gott behüte!”

Frisch singend machte sie sich auf den Weg in die Berge. Und die Eltern schauten ihr nach, bis sie auf der Höhe Ihren Blicken entschwand. Sie aber glaubten, daß Gott ihr beistehe und alles zum Glück wenden würde.

Drei Tage und Nächte wanderte Signy weiter und weiter, bald den Spuren der Schafe folgend, bald ohne Weg und Steg durch Stein und Geröll laufend. Am dritten Tag gegen Abend kam sie auf einen Pfad, der geradewegs in eine große und geräumige Felsenhöhle führte. Dort trat Sie ein.

Kaum konnte sie etwas erkennen, so dunkel war es darin.

Als sich aber die Augen an die Dämmerung gewöhnt hatten, entdeckte sie eine Feuerstätte und zwei große Betten, zu jeder Seite der Höhle eins. Auf dem einen Bett lag ein wunderlicher Teppich aus goldenen und silberne Fäden gewebt, mit allerlei herrlichen Farben durchwirkt, die sich zu den merkwürdigsten Formen und Zeichen gestalteten. Ihr leuchtete ein, daß es ein Runenteppich sein müsse. Während sie nun erstaunt dastand, schienen gerade die letzten Strahlen der Sonne durch die Höhlenöffnung herein und fielen auf das Bett. Da gewahrte sie, beinahe versteckt unter dem Runenteppich, einen Jüngling, so still und leblos, daß sie erst meinte, er sei tot. Sie beugte sich dicht über ihn und vernahm, da er leise atmete. Auch schimmerte ein frischer rosiger Hauch auf seinen Wangen.

Froh und dankbar wurde sie, denn der schlafende Jüngling konnte niemand anders sein als Hlini, der Königssohn. Leise flüsterte sie seinen Namen. Er aber hörte es nicht. Immer lauter rief sie. Doch nicht einmal seine Wimpern zuckten. Vorsichtig schüttelte sie ihn, aber umsonst. Hlini, der Königssohn lag in einem Zauberschlaf.

Jetzt versank die Sonne im Meere. Da ertönte ein greuliches Getöse draußen im Geröll.

Eilig zog Signy den Runenteppich halb über’s Gesicht des Königssohnes. Selber versteckte sie sich in der dunkelsten Ecke der Höhle, wo niemand sie sehen konnte.

Da kam ein Riesenweib herein, das den ganzen Höhleneingang versperrte. Eine Gyger mußte es sein, denn so grausig war sie anzuschauen, daß es Signy kalt überlief. Mit ihrem Riesen-Riecher schnupperte sie herum:

Pfui, hier stinkt‘s nach Christenblut...

 

VORWORT 

In seinem vielseitigen Lebenswerk hat er auch den Schlüssel zu einem neuen Lauterleben gegeben. Seine Methode zeigt den Weg in die mannigfaltige Welt des Wortes, zu der verschiedenen Qualität und zum inneren Leben der Laute. 

Deren inneres Leben lässt sich durch äußere Bewegungen des Körpers zur Erscheinung bringen (Eurythmie), so dass die Eigenart eines jeden Lautes zum Ausdruck kommt, die kantige Härte des K; das Milde und doch Eindringliche des M; das Strahlende des A; das E, das sowohl das Erschrecken wie auch die Ehrfurcht aussagt.

In der Außenwelt finden wir die Konsonanten, in Licht und Luft, im Wind und Wetter, im klingenden Kristalle. Die Vokale aber sind der Ausdruck unserer Seele, die Antwort unseres Inneren auf das, was von außen an uns herankommt.

Wir öffnen uns mit dem A in „Ja”. Wir begrenzen, lehnen ab, im „Nein“ „Ne-e-e-".

Im Märchen haben wir einen Reichtum an Bildern, die den Lautqualitäten entsprechen. Der Königssohn, der Krieger, der zum Kampfe geht, ist ein Bild des K. 

Die Feuerflamme, der fliegende Vogel sind Bilder für das F. 

Das Geräusch der Schlange ist dem S-Laut verwandt, und ihre Form zeigt ungezwungen das Schriftzeichen.

In meinem Kindergarten habe ich durch alle Jahre mit den Kindern versucht, in das „Land des WORTes” einzudringen, und Laut, Bewegung und Märchen-Bild sind gepflegt worden. Für die letzte Stufe, das Buchstabenzeichen, sind die Kinder aber in diesem Alter noch nicht reif (auch hier in Norwegen nicht, obwohl sie erst mit sieben Jahren zur Schule kommen). 

Dies zu vermitteln, muß Aufgabe der Schule sein.

Diejenigen Kinder, die später in eine Waldorfschule kommen, dürfen dann in diesem dynamischen Element weiter leben, das zuletzt reduziert wird bis zum Buchstaben, in dem aber immer noch der Entstehungsprozeß für Ihr Bewusstsein lebendig bleibt.

Ein jeder Lehrer wird bei dem unerschöpflichen Märchenschatz seinem Gefühl und der jeweiligen Situation entsprechend, adäquate Bilder wählen können. Wenn er das Wesenhafte eines jeden Lautes zu erlauschen vermag, hat er ungeahnte Möglichkeiten, Bilder zu finden, die zum Buchstaben, zum Zeichen führen können.

Besonders für Kinder, die keine Waldorfschüler sind, für solche, die die Buchstaben in der üblichen abstrakten Art fertig vorgesetzt bekommen, ist das vorliegende Buch gedacht. Vielleicht könnten in dieser Weise auch sie die Sprache, das WORT, als ein Lebendiges, ein Tätiges, erahnen und die Buchstaben als eine letzte Stufe eines Geschehens, einer Entwicklung erleben.

Das Wirksamste ist gewiss immer das unmittelbare gemeinsame Tun von Lehrer und Kind, und die Möglichkeit, daß das Kind, den Lauten entsprechend, sich bewegen darf (Eurythmie). 

Wo dies aber nicht möglich ist, bietet das Buch hierfür einen Ersatz an. 

Wir gehen dabei verständlicher Weise den umgekehrten Weg, nämlich vom Buchstaben, von der schlafenden Rune, zum Laut und zum lebendig bewegten Wesen. 

Ein isländisches Märchenmotiv, frei gehandhabt, bildet den Rahmen dieser Runenverse.

Die Kraft des WORTes, seine magische Macht, ein wohlbekanntes Thema früherer Zeiten, wirkt hier deutlich hindurch.

So ergibt dieses Buch kein Buchstaben-Alphabet, sondern ein Laut-Alphabet, wo jeder selbständig tönende Laut sein adäquates Verschen hat:

A-AE-B-D-E-F(V)-G-H-I-J-K-L-M-N-O-Ö-P-R-S-T-U-Ü-W-Z.

Die übrigen: C-G (ausgesprochen Kw) X -Y haben im Deutschen keinen selbsttönenden Ausdruck.

Das Buch ist 1952 in norwegischer und deutscher Sprache gleichzeitig nebeneinander entstanden. 

Erst 1967 ist es zum ersten Mal in Norwegen gedruckt worden.

Oslo/Baerum

3.Auflage Sommer 2019


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