Helmuth von Moltke: DIE "SCHULD" AM KRIEGE 1914-1918

Ausbruch des Krieges Chef des Generalstabs Erster Weltkrieg Kaiserreich Wilhelm II.

DER AUSBRUCH DES ERSTEN WELTKRIEGES

mit einem Vorwort von Rudolf Steiner in EUROPÄER Schriftenreihe

ISBN 3-907564-51-0

Helmuth von Moltke war der Chef des Generalstabs im Kaiserreich. Er hat diese Aufzeichnungen für seine Frau Eliza geschrieben im November 1914, nachdem er von Kaiser Wilhelm II. abgesetzt und durch General v.Falkenhayn ersetzt wurde.

Klappentext des Buches: "Denn es ist gewiss klar, dass England, ja wohl auch Frankreich und sogar Russland der Friede lieber gewesen wäre als der Krieg, wenn es ohne diesen auf diplomatischem Wege gegangen wäre, Deutschland und Österreich gegenüber der Entente zur politischen Bedeutungslosigkeit herabzudrücken und es dazu zu bringen, sich dem Machtwillen der Entente zu fügen.

Nicht darauf kommt es an, ob Grey Frieden oder Krieg gewollt habe, sondern darauf, wie er sich zu den Ansprüchen derjenigen Mächte bei Kriegsausbruch gestellt hat, die im Kriege Englands Bundesgenossen sind. Und Jacob Ruchti ("Zur Geschichte des Kriegsausbruches nach den amtlichen Akten der Königlich grossbritannischen Regierung, dargestellt von Dr. Jacob Ruchti - preisgekrönte Arbeit des historischen Seminars der Universität Bern, 1916 -  beweist, dass Grey sich so gestellt hat, dass durch sein Verhalten der Krieg notwendig herbeigeführt werden musste."

Helmuth von Moltke: Der europäische Krieg des Jahres 1914 kam dem nicht unerwartet, der ohne diplomatische Befangenheit in die Welt blickte. Seit Jahren stand er wie eine Wetterwolke am politischen Himmel, die gespannte europäische Lage drängte nach Entladung, und es konnte keinem Zweifel unterliegen, dass der Konflikt zwischen zwei europäischen Großstaaten den Krieg fast des gesamten Europas entfesseln werde... Es war sicher, dass Deutschland aktiv an einem Kriege teilnehmen werde, der die Existenz der Österreich-ungarischen Monarchie ernstlich bedrohte, und ebenso sicher, dass Frankreich an der Seite Russlands stehen werde. Seit Jahren stand die Entente dem Dreibund feindlich gegenüber. Dass letzterer bei der Probe des Ernstfalls versagen, dass Italien seinen bindenden Verpflichtung gen nicht nachkommen werde, war allerdings nicht zu erwarten... Alles war genau besprochen. Alle Abmachungen waren so klar und so bindend getroffen, dass ein Zweifel an der Bundestreue Italiens kaum entstehen konnte. Trotzdem hat Italien sein Wort gebrochen. Es erklärte seine Neutralität und setzte sich gleichmütig über alle Verträge hinweg...  Deutschland und Österreich standen allein, als der Krieg ausbrach. 

Die englische Diplomatie hatte es verstanden, sich von bindenden Verträgen freizuhalten, sich die Politik der freien Hand zu wahren. Es waren allerdings Verabredungen zwischen England, Frankreich und Belgien für den event. Fall einer Kooperation getroffen, aber England konnte mit Recht behaupten, dass es keine bindenden Staatsverträge eingegangen sei. Blieb somit die Haltung Englands bei Ausbruch des Krieges zweifelhaft, so sprach doch alle Wahrscheinlichkeit dafür, dass es auf Seiten der Gegner Deutschlands zu finden sein werde, wenn der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich ausbrechen sollte. Die Gelegenheiten unbequemen Konkurrenten auf dem Weltmarkt aus dem Wege zu räumen, mit einzugreifen, wo die Aussicht vorlag, im Verein mit Russland und Frankreich Deutschland mit Übermacht zu erdrücken; die langjährige, von König Eduard VII. eingeleitete Wühlarbeit zur Einkreisung Deutschlands, die Hoffnung, die gefürchtete deutsche Flotte zu vernichten und damit die unbeschränkte Herrschaft der Weltmeere, die Weltherrschaft Kurzhin zu erlangen, machten es von vornherein wahrscheinlich, dass England in der Reihe unserer Feinde zu finden sein werde.

Die Hoffnung unserer Diplomatie, ein gutes Verhältnis zu England anbahnen zu können, die jahrelang die Magnetnadel war, nach der unsere Politik eingerichtet wurde, musste sich als verfehlt erweisen, sobald die brutalen englischen Interessen Gelegenheit finden konnten, sich durchzusetzen. England hat es immer verstanden, seinen selbstsüchtigen Handlungen ein moralisches Mäntelchen umzuhängen.So musste auch hier die Verletzung der belgischen Neutralität durch Deutschland als Vorwand dienen, um letzterem den Krieg zu erklären...

Der Ausbruch des europäischen Krieges ist durch Jahre hindurch hinausgeschoben worden durch die Furcht der Menschen. Sie war es, die alle Kabinette zu den immer wiederholten Beteuerungen veranlasste, dass alle Bestrebungen auf Erhaltung des Friedens gerichtet seien.

Es wäre besser für uns gewesen, wenn wir in den letzten Jahren den kommenden Ereignissen, dem Kriege, der unverkennbar vor der Türe stand, fest ins Auge geblickt und uns auch diplomatisch auf ihn vorbereitet hätten. 

Die höchste Kunst der Diplomatie besteht meiner Ansicht nach nicht darin, den Frieden unter allen Umständen zu erhalten, sondern darin, die politische Lage des Staates dauernd so zu gestalten, dass er in der Lage ist, unter günstigen Voraussetzungen in einen Krieg eintreten zu können. — 

Das war das unsterbliche Verdienst Bismarcks vor den Kriegen von 1866 und 1871. Seine stete Sorge war eine Koalition Frankreichs und Russlands, die jetzt eingetreten ist und uns zu dem Kriege nach zwei Fronten zwingt. — Dass das deutsche Volk eine klare Empfindung darüber gehabt hat, dass dem Vaterlande schwere Zeiten bevorstanden, beweist die Annahme der vom Generalstab und Kriegsministerium geforderten Wehrvorlage des Jahres 1912.

Mit dem Kriege nach zwei Fronten war seit Jahren im Generalstab gerechnet worden. Dass er notwendig werden würde in dem Augenblick, wo die Rivalität Russlands und Österreichs auf dem Balkan zum offenen Konflikt führen werde, war klar genug. Wir wussten alle, dass Frankreich an der Seite des Zarenreichs, dem es seine Milliarden zur besseren Vorbereitung für den Krieg zur Verfügung gestellt hatte, unbedingt an demselben teilnehmen würde.

Man könnte die Frage aufwerfen, ob Deutschland nicht weiser getan hätte, Österreich seinem Schicksal zu überlassen, statt bundestreu die ungeheure Schwere des zu erwartenden Krieges auf sich zu nehmen. Mehrfach ist die Ansicht geäußert worden, dass der Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie doch nicht mehr aufzuhalten sei und dass für Deutschland eigentlich keine Veranlassung vorläge, sich Österreichs wegen in das Abenteuer eines Krieges zu stürzen, über dessen Schwere sich jedermann klar war. Die Möglichkeit, dass Deutschland, wenn es die verbündete Monarchie preisgab, zunächst vor dem Kriege hätte bewahrt werden können, muss zugegeben werden. Aber abgesehen davon, dass das deutsche Volk für eine solche Felonie kein Verständnis gehabt haben würde, wäre meiner Ansicht nach das Fallenlassen Österreichs ein politischer Fehler gewesen, der sich binnen kurzem schwer gerächt haben würde. Die englisch-französische Einkreisungspolitik richtete sich in erster Linie gegen Deutschland. Sie wäre bestehen geblieben, wenn Deutschland sich von Österreich getrennt hätte, und in wenigen Jahren würden wir vor dem Kriege mit derselben Koalition gestanden haben, die uns jetzt angreift, dann aber ohne, oder vielleicht sogar mit einem feindlichen Österreich. Dann würden wir ganz allein gestanden haben. 

Dieser Krieg, den wir jetzt führen, war eine Notwendigkeit, die in der Weltentwickelung begründet ist. Unter ihrem Gesetz stehen die Völker wie die einzelnen Menschen. Wenn diese Welt-

entwickelung, die man gewöhnlich als Weltgeschichte bezeichnet, nicht vorhanden wäre, wenn sie nicht vom Weltentwickelungsplan aus nach höheren Gesetzen geleitet würde, wäre die Ent- wickelungstheorie, die man in Bezug auf die Lebewesen der Erde anerkennt, auf das höchste Lebewesen, den Menschen, in seiner Zusammenfassung als Volk, nicht anwendbar. Dann wäre die Weltgeschichte nichts weiter als das wirre Ergebnis von Zufälligkeiten, und man müsste ihr jede planvolle Entwicklung abstreiten. Dass aber eine solche stattfindet, lehrt meiner Ansicht nach die Geschichte selber. Sie zeigt, wie die Kulturepochen sich in fortschreitender Folge ablösen, wie jedes Volk seine bestimmte Aufgabe in der Weltentwickelung zu erfüllen hat und wie diese Entwicklung sich in aufsteigender Linie vollzieht.

So hat auch Deutschland seine Kulturaufgabe zu erfüllen. Die Erfüllung solcher Aufgaben vollzieht sich aber nicht ohne Reibungen, da immer Widerstände zu überwinden sind; sie können nur durch Krieg zur Entfaltung kommen. Wollte man annehmen, dass Deutschland in diesem Kriege vernichtet würde, so wäre damit das deutsche Geistesleben, das für die spirituelle Weiter- entwickelung der Menschheit notwendig ist, und die deutsche Kultur ausgeschaltet; die Menschheit würde in ihrer Gesamtentwickelung in unheilvollster Weise zurückgeworfen werden.

Die romanischen Völker haben den Höhepunkt ihrer Entwickelung schon überschritten, sie können keine neuen befruchtenden Elemente in die Gesamtentwickelung hineintragen.

Die slawischen Völker, in erster Linie Russland, sind noch zu weit in der Kultur zurück, um die Führung der Menschheit übernehmen zu können. Unter der Herrschaft der Knute würde Europa in den Zustand geistiger Barbarei zurückgeführt werden. — England verfolgt nur materielle Ziele.

Eine geistige Weiterentwickelung der Menschheit ist nur durch Deutschland möglich. Deshalb wird auch Deutschland in diesem Kriege nicht unterliegen, es ist das einzige Volk, das zur Zeit die Führung der Menschheit zu höheren Zielen übernehmen kann.

Es ist eine gewaltige Zeit, in der wir leben.

Dieser Krieg wird eine neue Entwickelung der Geschichte zur Folge haben, und sein Ergebnis wird der gesamten Welt die Bahn vorschreiben, auf der sie in den nächsten Jahrhunderten vorzuschreiten haben wird.

Deutschland hat den Krieg nicht herbeigeführt, es ist nicht in ihn eingetreten aus Eroberungslust oder aus aggressiven Absichten gegen seine Nachbarn.

Der Krieg ist ihm von seinen Gegnern aufgezwungen worden, und wir kämpfen um unsere nationale Existenz, um das Fortbestehen unseres Volkes, unseres nationalen Lebens. Damit kämpfen wir um ideale Güter, während unsere Gegner es offen aussprechen, dass ihr Ziel die Vernichtung Deutschlands ist.

Nie ist von einem Staat ein gerechterer Krieg geführt worden, und nie hat er ein mehr von idealen Empfindungen bewegtes Volk betroffen. Wie mit einem Schlage traten bei ihm alle Entzweiung, alle Parteiunterschiede, alle materiellen Interessen zurück, einmütig stand das Volk zusammen, und jeder war bereit, Gut und Blut für das Vaterland zu opfern. Der hohe Idealismus des deutschen Volkes, den selbst die materialistische Strömung der langen Jahre des Wohllebens nicht hat vernichten können, brach sich siegreich Bahn. Das Volk erkannte, dass es höhere und

wertvollere Ziele gibt als materielle Wohlfahrt, es wandte sich diesen zu mit der ganzen Inbrunst des Germanentums. Ein solches Volk ist unbesieglich.

Die äußere Ursache des Krieges war die Ermordung des Erzherzog-Thronfolgers. Sobald es sich zeigte, dass Österreich weitgehende Vergeltungsansprüche an Serbien stellte, trat Russland auf die Seite der Mörder. Es fürchtete, dass sein Prestige auf dem Balkan und seine Stellung als Protektor aller Slawen verloren sein werde, wenn es Serbien ohne Unterstützung an Österreich ausliefern werde. Deshalb war Russland von vornherein zum Kriege entschlossen und begann alsbald mit den Vorbereitungen zur Mobilmachung, die zunächst sehr geheim gehalten wurden. Meiner Ansicht nach wollte es nur Zeit gewinnen, als es kurz darauf erklärte, dass die nun offen angeordnete Mobilmachung in den südlichen Militärbezirken sich nur gegen Österreich richte, dass gegen Deutschland nicht mobilisiert werden solle. Während die Mobilmachung schon in vollem Zuge war, gab der Kriegsminister dem deutschen Militärattache sein Ehrenwort, dass nicht mobilisiert werde. Es ist bekannt, dass dann, während unser Kaiser noch zwischen Russland und Österreich in ehrlicher Weise zu vermitteln versuchte, in Russland die Mobilmachung auch der nördlichen Militärbezirke ausgesprochen wurde. Zwar erklärte der Zar, dass diese Mobilmachung sich nicht gegen Deutschland richte, dass Russland den Krieg gegen Deutschland nicht wolle, es stellte aber damit die Anforderung an uns, ohne eigene Kriegsvorbereitung der Willkür eines fertig gerüsteten Russlands uns ausgeliefert zu sehen.

Das war natürlich für Deutschland unmöglich. Mit dem Augenblick, wo Russland sein gesamtes Heer mobilisierte, waren auch wir gezwungen, mobil zu machen. Hätten wir es nicht getan, wäre Russland jederzeit in der Lage gewesen, in unser ungeschütztes Land einzumarschieren und eine spätere Mobilmachung für uns unmöglich zu machen.

Es kann für jeden Unbefangenen keinem Zweifel unterliegen, dass Russland es gewesen ist, das diesen Krieg entfacht hat. Es wusste genau, dass Deutschland seinen Bundesgenossen Öster- reich nicht vernichten lassen werde, aber es hatte durch sein hinterlistiges Verhalten Zeit gewonnen und war in seiner Mobilmachung schon weit vorgeschritten, wie Deutschland die seinige begann.

Wie schon erwähnt, war der Krieg gegen zwei Fronten im Generalstab schon seit Jahren bearbeitet worden. Schon unter meinem Vorgänger, dem Grafen Schlieffen, war der Vormarsch durch Belgien ausgearbeitet.

Diese Operation wurde dadurch begründet, dass es so gut wie ausgeschlossen schien, ohne die Verletzung der belgischen Neutralität das französische Heer im freien Felde zur Entscheidung zwingen zu können. Alle Nachrichten schienen es gewiss zu machen, dass die Franzosen hinter ihrer starken Ostfront einen Defensivkrieg führen würden, und man musste darauf gefasst sein, einen lange währenden Positions- und Festungskrieg vor sich zu haben, wenn man frontal gegen diese starke Front vorging. — Graf Schlieffen wollte sogar mit dem rechten Flügel des deutschen Heeres durch Südholland marschieren. Ich habe dies abgeändert, um nicht auch die Niederlande auf die Seite unserer Feinde zu zwingen, und lieber die großen technischen Schwierigkeiten auf mich genommen, die dadurch verursacht wurden, dass der rechte Flügel unseres Heeres sich durch den engen Raum zwischen Aachen und der Südgrenze der Provinz Limburg hin- durchzwängen musste.

Um dieses Manöver überhaupt ausführen zu können, mussten wir uns möglichst rasch in den Besitz von Lüttich setzen. Daraus entstand der Plan, sich dieser Festung durch Handstreich zu bemächtigen.

Wiederholt ist auch im Generalstab die Frage geprüft worden, ob wir nicht besser täten, einen Defensivkrieg zu führen. Sie wurde immer verneint, da mit ihm die Möglichkeit hinfällig wurde, den Krieg so bald wie möglich in Feindesland zu tragen. Mit der Möglichkeit, dass Belgien zwar gegen einen Durchmarsch protestieren, aber sich demselben nicht mit Waffengewalt entgegenstellen werde, war gerechnet. In diesem Sinne war die von mir entworfene Sommation an die belgische Regierung gehalten, die dem König den Bestand der Monarchie garantierte. Der in derselben enthaltene Passus, in dem Belgien territoriale Vergrößerung im Falle freundschaftlichen Verhaltens in Aussicht gestellt wurde, ist vom Auswärtigen Amt bei Überreichung der Sommation ge- strichen worden.

Es lässt sich gewiss vieles gegen ein Vorgehen durch Belgien einwenden, aber der Verlauf der ersten Kriegswochen hat gezeigt, dass es, wie beabsichtigt, die Franzosen zwang, sich uns im freien Felde zu stellen, und dass sie geschlagen werden konnten. Dass die Niederwerfung Frankreichs im ersten Anlauf misslang, hat es der schnellen Hilfeleistung Englands zu verdanken.

Der Handstreich auf Lüttich war ein gewagtes Unternehmen. Wenn er misslang, musste der moralische Rückschlag empfindlich sein. Was mich in erster Linie veranlasste, ihn anzuordnen, war die Hoffnung, damit die Bahn Aachen—Lüttich unzerstört in unseren Besitz zu bringen. Das ist gelungen, und dass wir die Bahn bis Brüssel und darüber hinaus bis St-Quentin später zur Verfügung hatten, ist von unberechenbarem Nutzen gewesen.

Am Tage vor der Mobilmachung war eine Depesche aus London eingetroffen, in der gesagt war, dass England sich Frankreich gegenüber verpflichtet habe, den Schutz der französischen Nord- küste gegen deutsche Angriffe von der See her zu schützen. Der Kaiser forderte meine Ansicht, und ich erklärte, dass wir uns unbedenklich verpflichten könnten, die französische Nordküste nicht anzugreifen, wenn England unter dieser Voraussetzung neutral bleiben werde. Meiner Ansicht nach werde der Kampf gegen Frankreich zu Lande entschieden werden, ein Angriff von der See könne, wenn die Neutralität Englands davon abhinge, unterbleiben. — Diese Depesche war augenscheinlich der erste Versuch Englands, uns zu düpieren, wenigstens unsere Mobilmachung zu verzögern.

Auf die am 28. Juli oder 29. (.7) 1915 eintreffende Nachricht, dass in Russland die allgemeine Mobilmachung befohlen sei, hatte der Kaiser die Erklärung: drohende Kriegsgefahr erlassen. Am 1. August befahl Se. Majestät der Kaiser nachmittags 5 Uhr die Mobilmachung für Deutschland. Der 2. August war erster Mobilmachungstag.

Ich war auf dem Rückwege vom Schloss nach dem Generalstab, als ich den Befehl erhielt, sofort ins Schloss zurückzukehren, es sei eine wichtige Nachricht eingetroffen. Ich drehte sofort um. Im Schloss fand ich außer Sr. Majestät den Reichskanzler, den Kriegsminister; und noch einige andere Herren.

Der Reichskanzler, der, wie schon angedeutet, das wichtigste Ziel seiner Politik darin sah, ein gutes Verhältnis mit England herzustellen, und der merkwürdigerweise bis zu diesem Tage immer noch geglaubt hat, dass sich der allgemeine Krieg, zum mindesten die Teilnahme Englands an demselben vermeiden lassen würde, war augenscheinlich über den Inhalt einer soeben von dem deutschen Botschafter in London, Fürst Lichnowsky”, eingetroffenen Depesche freudig erregt. Ebenso Se. Majestät der Kaiser. — 

Die Depesche teilte mit, dass der Staatssekretär Grey dem Botschafter mitgeteilt habe, England wolle die Verpflichtung übernehmen, dass Frankreich nicht in den Krieg gegen uns eintreten werde, wenn Deutschland sich seinerseits verpflichte, keine feindselige Handlung gegen Frankreich zu unternehmen. Ich muss dabei bemerken, dass auch in Frankreich bereits am selben Tage wie bei uns die Mobilmachung befohlen und dies uns bekannt war. — Es herrschte, wie gesagt, eine freudige Stimmung.

Nun brauchen wir nur den Krieg gegen Russland zu führen! Der Kaiser sagte mir: «Also wir marschieren einfach mit der ganzen Armee im Osten auf!» — Ich erwiderte Sr. Majestät, dass das unmöglich sei. Der Aufmarsch eines Millionenheeres lasse sich nicht improvisieren, es sei das Ergebnis einer vollen, mühsamen Jahresarbeit und könne, einmal festgelegt, nicht geändert wer- den. Wenn Se. Majestät darauf bestehen, das gesamte Heer nach dem Osten zu führen, so würden dieselben kein schlagfertiges Heer, sondern einen Wüsten Haufen ungeordneter bewaffneter Menschen ohne Verpflegung haben. — 

Der Kaiser bestand auf seiner Forderung und wurde sehr ungehalten, er sagte mir unter anderem: «Ihr Onkel würde mir eine andere Antwort gegeben haben!», was mir sehr wehe tat. — Ich habe nie den Anspruch erhoben, dem Feldmarschall gleichwertig zu sein. — Daran, dass es für uns eine Katastrophe herbeiführen müsste, wenn wir mit unserer gesamten Armee nach Russland hineinmarschiert wären, mit einem mobilen Frankreich im Rücken, daran schien kein Mensch zu denken. Wie hätte England es jemals — selbst den guten Willen vorausgesetzt — verhindern können, dass Frankreich uns in den Rücken fiel! Auch meine Einwendung, dass Frankreich bereits in der Mobilmachung begriffen sei und dass es unmöglich sei, dass ein mobiles Deutschland und ein mobiles Frankreich sich friedlich darauf einigen würden, sich gegenseitig nichts zu tun, blieb erfolglos. Die Stimmung wurde immer erregter, und ich stand ganz allein da.

Schließlich gelang es mir, Se. Majestät davon zu überzeugen, dass unser Aufmarsch, der mit starken Kräften gegen Frankreich, mit schwachen Defensivkräften gegen Russland gedacht war, planmäßig auslaufen müsste, wenn nicht die unheilvollste Verwirrung entstehen solle. Ich sagte dem Kaiser, dass es nach vollendetem Aufmarsch möglich sein werde, beliebig starke Teile des Heeres nach dem Osten zu überführen, an dem Aufmarsch selbst dürfe nichts geändert werden, sonst könne ich keine Verantwortung übernehmen.

Die Antwortdepesche nach London wurde dann demgemäß entworfen, dass Deutschland das englische Angebot sehr gerne annähme, dass aber der einmal geplante Aufmarsch, auch an der französischen Grenze, aus technischen Gründen zunächst ausgeführt werden müsste. Wir würden aber Frankreich nichts tun, wenn es sich unter Kontrolle Englands ebenfalls ruhig verhalten würde. — Mehr konnte ich nicht erreichen. Das Unsinnige dieses ganzen englischen Vorschlages war mir von vorneherein klar. Schon in früheren Jahren war mir vom Auswärtigen Amt davon gesprochen worden, dass Frankreich möglicherweise in einem Kriege Deutschlands gegen Russland neutral bleiben könne. Ich glaubte so wenig an diese Möglichkeit, dass ich schon damals erklärt hatte, wenn Russland uns den Krieg erklärt, müssen wir, wenn die Haltung Frankreichs zweifelhaft ist, ihm sofort den Krieg erklären. Jetzt forderte ich als Garantie für das Nichtlosschlagen Frankreichs die zeitweilige Überlassung der Festungen Verdun und Toul an uns. Dieser Vorschlag wurde als ein Misstrauensvotum gegen England abgelehnt.

Ich war im Laufe dieser Szene in eine fast verzweifelte Stimmung gekommen, ich sah aus diesen diplomatischen Aktionen, die hindernd in den Gang unserer Mobilmachung einzugreifen drohten, das größte Unheil für den uns bevorstehenden Krieg erwachsen.

Ich muss hier einschalten, dass in unserem Mobilmachungsplan die Besetzung Luxemburgs durch die 16. Division schon am ersten Mobilmachungstag vorgesehen war. — Wir mussten unbe- dingt die luxemburgischen Bahnen gegen einen französischen Handstreich sichern, da wir sie zu unserem Aufmarsch gebrauchten. Um so schwerer traf es mich, als der Reichskanzler nun er- klärte, die Besetzung Luxemburgs dürfe unter keinen Umständen stattfinden, sie sei eine direkte Bedrohung Frankreichs und würde die angebotene englische Garantie illusorisch machen. — Während ich dabeistand, wandte sich der Kaiser, ohne mich zu fragen, an den Flügeladjutanten vom Dienst und befahl ihm, sofort telegrafisch der 16. Division nach Trier den Befehl zu übermitteln, sie solle nicht in Luxemburg einmarschieren. — Mir war zumut, als ob mir das Herz brechen sollte. — Abermals lag die Gefahr vor, dass unser Aufmarsch in Verwirrung gebracht werde. Was das heißt, kann in vollem Umfang wohl nur derjenige ermessen, dem die komplizierte und bis auf das kleinste Detail geregelte Arbeit eines Aufmarsches bekannt ist. Wo jeder Zug auf die Minute geregelt ist, muss jede Änderung in verhängnisvoller Weise wirken. —

Ich versuchte vergebens, Se. Majestät davon zu überzeugen, dass wir die Luxemburger Bahnen brauchten und sie sichern müssten, ich wurde mit der Bemerkung abgefertigt, ich möchte statt ihrer andere Bahnen benutzen. Es blieb bei dem Befehl.

Damit war ich entlassen. Es ist unmöglich, die Stimmung zu schildern, in der ich zu Hause ankam. Ich war wie gebrochen und vergoss Tränen der Verzweiflung. Wie mir die Depesche an die 16. Division vorgelegt wurde, die den telefonisch gegebenen Befehl wiederholte, stieß ich die Feder auf den Tisch und erklärte, ich unterschreibe sie nicht. Ich kann nicht meine Unterschrift, die erste nach Ausspruch der Mobilmachung, unter einen Befehl setzen, der etwas widerruft, was planmäßig vorbereitet ist, und der von der Truppe sofort als Zeichen der Unsicherheit empfun- den werden wird. — «Machen Sie mit der Depesche, was Sie wollen», sagte ich dem Oberstleutnant Tappenz". «Ich unterschreibe sie nicht.» — So saß ich in dumpfer Stimmung untätig in meinem Zimmer, bis ich um 11 Uhr abends wieder ins Schloss zu Sr. Majestät befohlen wurde. Der Kaiser empfing mich in seinem Schlafzimmer, er war schon zu Bett gewesen, aber wieder aufgestanden und hatte einen Rock übergeworfen. Er gab mir eine Depesche des Königs von England, in der dieser erklärte, ihm sei von einer Garantie Englands, Frankreich am Kriege zu verhindern, nichts bekannt. Die Depesche des Fürsten Lichnowsky müsse auf einem Irrtum beruhen oder er müsse etwas falsch verstanden haben. — Der Kaiser war sehr erregt und sagte mir: «Nun können Sie machen, was Sie wollen.» — Ich fuhr sofort nach Hause und telegrafierte an die 16. Division, der Einmarsch in Luxemburg solle ausgeführt werden. Um diesen erneuten Befehl wenigstens etwas zu motivieren, fügte ich hinzu: «Da soeben bekannt geworden ist, dass in Frankreich die Mobilmachung befohlen ist.»

Das war mein erstes Erlebnis in diesem Kriege.

Ich habe die Überzeugung, dass der Kaiser die Mobilmachungsorder überhaupt nicht unterzeichnet haben würde, wenn die Depesche des Fürsten Lichnowsky eine halbe Stunde früher angekommen wäre. — Ich habe die Eindrücke dieses Erlebnisses nicht überwinden können, es war etwas in mir zerstört, das nicht wieder aufzubauen war, Zuversicht und Vertrauen waren erschüttert.

Der Handstreich gegen Lüttich war auf den 5. August angesetzt. Am Abend des Tages lief eine Meldung von dort ein, nach der anzunehmen war, dass das Unternehmen nicht gelungen sei. Je- denfalls waren unsere Truppen nicht bis in die Stadt vorgedrungen. Ich musste es dem Kaiser melden. Er sagte mir: «Das habe ich mir gleich gedacht. Mir hat dies Vorgehen gegen Belgien den Krieg mit England auf den Hals gebracht.» — Als am nächsten Tage die Meldung kam, dass die Stadt von uns genommen sei, wurde ich abgeküsst.

Nach dem ersten raschen und siegreichen Vorgehen unserer Armeen durch Belgien nach Frankreich hinein trat der Rückschlag ein durch den Angriff starker französischer und englischer Kräfte von Paris her gegen unseren rechten Flügel. Die 2. Armee musste ihren rechten Flügel zurücknehmen, auch die 1. Armee musste zurückgenommen werden. Die Lage war kritisch.

Ich war zu den Armee-Oberkommandos herausgefahren. Wie ich bei A.-O.-K. 4 war, kam ein Funkspruch der Z. Armee, dass starke französische Kräfte nach Osten abbiegend gegen die 

3.Armee vorgingen. Ich wollte die 3. Armee gerne stehenlassen, ebenso die 4. und 5. Wie ich zum A.-O.-K. 3 kam, erklärte mir der General v. Hausen, er könne die ihm zugewiesene Linie nicht halten, seine Truppen seien nicht mehr leistungsfähig. Ich war daher gezwungen, der 3. Armee eine kürzere und weiter zurückliegende Linie zuzuweisen, gleichzeitig musste ich aber die 4. und 5. Armee ebenfalls zurücknehmen, um wieder eine geschlossene Armeefront herzustellen. Ich musste den entsprechenden Befehl sofort an Ort und Stelle ausgeben, auf meine eigene Verantwortung hin. — Es war ein schwerer Entschluss, den ich fassen musste, ohne die Genehmigung Sr. Majestät vorher einholen zu können. Der schwerste Entschluss meines Lebens, der mich mein Herzblut gekostet hat. Ich sah aber eine Katastrophe voraus, wenn ich das Heer nicht zurückgenommen hätte.

In der Nacht um 3 Uhr kam ich wieder in Luxemburg im Großen Hauptquartier an. — Am 13. September meldete ich dem Kaiser das, was ich angeordnet hatte, und motivierte es. — Der Kaiser war zwar nicht ungnädig, aber ich hatte den Eindruck, dass er von der Notwendigkeit des Rückzuges nicht ganz überzeugt war. — Ich muss zugeben, dass meine Nerven durch alles, was ich erlebt hatte, sehr herunter waren und dass ich wohl den Eindruck eines kranken Mannes gemacht habe.

Am 14. September, nachmittags, erschien der General v. Lyncker bei mir auf dem Büro und sagte mir, der Kaiser ließe mir sagen, er habe den Eindruck, dass ich zu krank sei, um die Operationen weiter leiten zu können. Se. Majestät hätten befohlen, ich solle mich krank melden und nach Berlin zurückfahren. General v. Falkenhayn solle die Operationen übernehmen.

Gleichzeitig war mein bisheriger Oberquartiermeister General v. Stein abgelöst und ihm das Kommando über ein Reserve-Armeekorps übertragen. Das alles kam ohne jede Vorbereitung über mich.

Ich ging sofort zu General v. Falkenhayn und teilte ihm den Befehl Sr. Majestät mit. Er war völlig überrascht. — Wir gingen zusammen zum Kaiser, der mir erklärte, er habe den Eindruck, dass ich durch meine zweimalige Kur in Karlsbad geschwächt sei und mich erholen müsse. — Ich sagte dem Kaiser, dass ich glaube, es werde in der Armee und im Auslande keinen guten Eindruck machen, wenn ich unmittelbar nach dem Rückzug der Armee fortgeschickt werde.

General V. Falkenhayn trat dieser Ansicht bei. Der Kaiser meinte darauf, Falkenhayn solle als Oberquartiermeister fungieren und ich solle «pro forma» bleiben. Falkenhayn erklärte, er könne die Operationen nur übernehmen, wenn er völlig freie Hand habe. Ich konnte dies nur anerkennen.

So blieb ich im Hauptquartier, während mir alles aus der Hand genommen wurde und ich ohne allen Einfluss als Zuschauer dastand. Das wird vielleicht niemand verstehen. — Ich habe dies Martyrium auf mich genommen und die weiteren Operationen mit meinem Namen gedeckt, des Landes wegen und um dem Kaiser es zu ersparen, dass von ihm gesagt werde, er habe seinen Generalstabschef fortgeschickt, sobald der erste Rückschlag eintrat. Ich wusste, welche unheilvollen Folgen das haben müsste. — 

Später bat ich Se. Majestät, mich nach Brüssel zu schicken, um die Einnahme von Antwerpen mit zu betreiben. Ich konnte es nicht mehr ertragen, ohne Tätigkeit und ganz beiseite geschoben im Großen Hauptquartier anwesend zu sein. Der Kaiser genehmigte meine Bitte, und ich fuhr nach Brüssel und von dort in das Hauptquartier des Generals v. Beseler nach Fildonk. Ich war dreimal dort, zwischendurch wieder im Großen Hauptquartier, wohin mich die Unruhe wegen der weiteren Operationen immer wieder zurücktrieb. Dem General v. Beseler konnte ich einige Hilfsmaterialien, Brückentrains und eine Landwehr-Brigade verschaffen. Bei der Kapitulation Antwerpens war ich in Fildonk anwesend. Der Kaiser hatte mir Vollmacht gegeben, die eventuelle Kapitulation abzuschließen, die ich indessen an Beseler abtrat, dem allein die Ehre gebührte. Nach der Kapitulation kam ich ins Große Hauptquartier zurück. Ich hatte nun nichts mehr zu tun, war fertig und fast verzweifelt über meine Scheinstellung. — 

Ich ging zum Kaiser und sagte ihm, ich könne diesen Zustand nicht mehr ertragen. Er war verwundert, wie ich ihm darlegte, dass ich ganz ausgeschlossen sei, und sagte, er betrachte mich nach wie vor als den eigentlichen Leiter der Operationen. Nachdem ich ihm den Tatbestand dargelegt hatte, sagte er, das sei nicht seine Absicht, er werde Remedur eintreten lassen, wolle sich die Sache durch den Kopf gehen lassen und sie ändern. — Am nächsten Tage erkrankte ich an einer Entzündung der Gallenblase und Leber und musste mich zu Bett legen. Die seelische Aufregung der letzten Wochen, meine verzweifelte Stimmung und Lage hatten auf den physischen Organismus krankheitsbildend eingewirkt. Nachdem ich acht Tage gelegen hatte, besuchte mich der Kaiser und saß eine Stunde an meinem Bett. Er war sehr gütig und gnädig, kam jedoch auf meine dienstlichen Funktionen nicht zurück. Zwei Tage darauf erhielt ich seinen zweiten Besuch. Er stellte mir Wohnung im Schloss Homburg zur Verfügung, riet mir, dorthin auf einige Zeit zu gehen, um mich zu erholen. Er ermahnte auch meinen zweiten Adjutanten, Hauptmann Köhler, gut für mich zu sorgen, und war wiederum sehr gnädig. Ich fuhr ein oder zwei Tage später nach Homburg, es war am 1. November.

Am 3. November wurde die Order unterzeichnet, in der General v. Falkenhayn zu meinem Nachfolger ernannt wurde. Ich stand ohne irgendeine dienstliche Funktion in der Luft.

Ich habe diese flüchtigen Aufzeichnungen gemacht, ohne Notizen oder irgendwelches Material zur Hand zu haben. Es mögen daher manche Irrtümer in Bezug auf Daten usw. darin sein. Auch war ich noch krank, wie ich sie schrieb. Sie sollen nur für meine Frau bestimmt sein und dürfen niemals der Öffentlichkeit bekannt werden. Das Martyrium, das ich getragen habe, war groß. Ich glaubte, es dem Kaiser und dem Lande schuldig zu sein. Wenn ich falsch gehandelt habe, möge Gott mir verzeihen.

Ich bin fest überzeugt, dass der Kaiser sich nie darüber klar geworden ist, was er mir angetan hat. Er hat mir auch nach meiner Verabschiedung seine gnädige Gesinnung bewahrt.

Hamburg, November 1914

 

 

 


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