KOROLENKO: DIE GESCHICHTE MEINES ZEITGENOSSEN

Korolenko Russland

Wladimir Korolenko

DIE GESCHICHTE MEINES ZEITGENOSSEN

Aus dem Russischen übersetzt von Rosa Luxemburg

Nachworte von Rosa Luxemburg und Heinrich Ringenbach

Manesse Verlag Zürich

ISBN 3-7175-1694-9 Gewebe

ISBN 3-7175-1695-7 Ldr.

1985, 646 Seiten

 

Inhalt

Vorwort des Verfassers

 

FRÜHE KINDHEIT

Die ersten Eindrücke des Daseins

Mein Vater, der Richter

Vater und Mutter

Hof und Strasse

Das „Jenseits“ und die mystische Furcht

Ein Gebet unter dem Sternenhimmel

Herr Ulanitzki und die „gekauften Knaben“

„Es kommt was...“

Der kleine Thomas aus Sandomir und der Gutsbesitzer Degert

 

ERSTE LEHRZEIT - DER POLNISCHE AUFSTAND

Das Pensionat

Die erste Theatervorstellung

Während des polnischen Auffstands

Wer bin ich?

Das Gymnasium in Schitomir

Die Abfahrt

 

IND DER KREISSTADT - LEHRJAHRE

Die Kreisstadt Rowno

„Das Kreisgericht“, seine Sitten und Gestalten

Noch eine Kehrseite

Der erste Eindruck des neuen Gymnasiums

Der gelbrote Papagei

Die Religion daheim und in der Schule

Unsere Meutereien. Der Genaralgouverneur und der Direktor

Die Wohlgeborenen von Garns Lug

Die Verhältnisse im Dorfe

Vaters Tod

 

NEUE STRÖMUNGEN

„Die Neuen“

Benjamin Wassiljewitsch Awdijew

Balmaschewski

Mein ältester Bruder wird Schriftsteller

Der Zeitgeist von Garny Lug

Der verlorene Beweggrund

Das abgelehnte Abendmahl

Was soll ich werden?

Das letzte Jahr auf dem Gymnasium

Die letzte Prüfung. Freiheit!


 

 

 

 

Vorwort des Verfassers

Ich habe in diesem Buche eine Reihe von Bildern des vergangenen halben Jahrhunderts aus meinem Gedächtnis hervorgelockt und festgehalten, wie sie sich in der Seele erst des Kindes, dann des JüngIings, endlich des Erwachsenen spiegelten. Meine frühe Kindheit und die ersten Jahre meiner Jugend fallen in die Zeit der sogenannten großen Reformen Alexanders II. Die Mitte meines Lebens habe ich unter der finsteren Reaktion im herrschenden Regierungssystem und in der Gesellschaft sowie unter den ersten Regungen des revolutionären Kampfes verlebt. Heute sehe ich so manches, wofür meine Generation geschwärmt und gefochten hat, in wirren Formen in die Schranken des Lebens hereinstürmen. Mich dünkt, daß manche Erlebnisse aus der Zeit meiner Irrfahrten in der Verbannung, dass Ereignisse, Charaktere, Gedanken und Empfindungen jener Zeit und jener Umgebung auch heute noch das Interesse der lebendigen Wirklichkeit nicht verloren haben. Ja, ich möchte glauben, daß auch die Zukunft sie nicht ganz wertlos finden dürfte. Unser heutiges Leben wankt und erzittert unter dem heftigen Zusammenprall des Neuen mit dem Abgelebten, und ich hoffe wenigstens einige Keime dieses Widerstreits beleuchten zu können.

Doch zunächst war es mir darum zu tun, die Aufmerksamkeit des Lesers auf die ersten Regungen des aufkeimenden und wachsenden Bewußtseins einer Menschenseele zu lenken. Ich wußte wohl, daß es mir nicht leichtfallen würde, mich jetzt, mitten im dröhnenden Lärm der Gegenwart, beim ersten dumpfen Grollen des heraufziehenden Gewitters, in jene alten Erinnerungen zu vertiefen, aber ich sehe, daß ich diese Schwierigkeit noch bedeutend unterschätzte.

Ich schreibe hier nicht die Geschichte meiner Zeit, sondern bloß die Geschichte eines Menschenlebens in dieser Zeit, und ich möchte, daß der Leser zuerst das Prisma kennenlerne, in dem die Zeit sich spiegelte. Diese Bekanntschaft ihm zu verschaffen ist nur in einer zusammenhängenden Erzählung möglich. Die Kindheit und die Jugend sollen den Inhalt dieses ersten Teils meiner Geschichte bilden.

Noch eins. Diese Erinnerungen sind keine Selbstbiographie: ich habe mich um die erschöpfende Genauigkeit der biographischen Angaben kaum gekümmert. Sie sind auch keine Beichte: ich glaube nicht an öffentliche Beichten noch an ihren Nutzen. Sie sind endlich kein Selbstbildnis: ist es doch schwer, wenn man sich selbst schildert, irgendeine Gewähr für die Ähnlichkeit zu bieten. Jedes Spiegelbild unterscheidet sich von der Wirklichkeit schon dadurch, daß es eben ein Spiegelbild ist: wieviel mehr ein bewußt unvollständiges Lebensbild. Dieses gibt stets die ausgewählten Einzelbilder, ich möchte sagen in satteren Farben wieder und ist deshalb mitunter bei aller Echtheit anziehender, bedeutender, meinetwegen reiner als die Wirklichkeit.

Ich strebte in meiner Arbeit nach möglichst getreuer geschichtlicher Wahrheit und habe ihr oft die schönere und leuchtendere künstlerische Wahrheit zum Opfer gebracht. Man wird hier nichts finden, was mir nicht in Wirklichkeit begegnet wäre, was ich nicht erlebt, empfunden, gesehen hätte. Und doch wiederhole ich: es war nicht mein Trachten, ein Bildnis meiner selbst zu geben. Hier findet der Leser nur «die Geschichte meines Zeitgenossen», das Lebensbild eines Menschen, den ich besser gekannt habe als irgendeinen der Lebenden . .

 

FRÜHE KINDHEIT

I 

Die ersten Eindrücke des Daseins

Meine Lebenserinnerungen beginnen sehr früh, die ersten Eindrücke, die ich bewahrt habe, sind jedoch zerstreut, gleichsam hell beleuchtete kleine Inseln inmitten farbloser nebliger Leere.

Die früheste dieser Erinnerungen weckt mir das grelle Bild einer Feuersbrunst. Ich mag damals im zweiten Lebensjahre gestanden haben, und doch sehe ich heute noch ganz deutlich die Flammenzungen am Dach eines Schuppens im Hof emporlecken, ich sehe mitten im nächtlichen Dunkel seltsam beleuchtete Mauern eines großen steinernen Hauses und den feurigen Widerschein in den Fensterscheiben. Ich weiß mich selbst, warm eingebüllt, bei irgendjemandem auf dem Arm, mitten in einem Häuflein Leute auf der Treppe. In dieser unbestimmten Menge weiß mein Gedächtnis die Gestalt meiner Mutter zu unterscheiden, zugleich sehe ich meinen hinkenden Vater, der sich beim Gehen auf seinen Stock stützt, die Treppe des steinernen Hauses im Hofe gegenüber hinaufsteigen, und mir ist, als ginge er direkt ins Feuer. Doch das erschreckt mich gar nicht. Mich nehmen die im Hof wie Fackeln da und dort aufblitzenden Helme der Feuerwehrleute sehr in Anspruch, dann bemerke ich ein Löschfaß am Tor und einen Gymnasialschüler mit einem kurzen Bein und hohem Stiefelabsatz, der gerade ins Tor tritt. Ich empfand damals, wie ich glaube, weder Angst noch Unruhe, der Zusammenhang der Dinge entging mir noch völlig. In meinem Gesichtskreis war zum ersten Mal im Leben ein großes Feuer erschienen, metallene Helme und ein Gymnasialschüler mit kurzem Bein, und ich betrachtete aufmerksam alle diese Dinge, die auf dem Hintergrund der Nacht plastisch hervortraten. Irgendwelcher Schalleindrücke entsinne ich mich dabei nicht: das ganze Bild spielt in meiner Erinnerung lautlos in zuckenden Reflexen purpurroter Flammen.

Dann stehen einige ganz unbedeutende Begebenheiten vor mir wieder auf, wie man mich auf dem Arm hielt, meine Tränen stillte oder mit mir spielte. Sehr dunkel erinnere ich mich, so kommt es mir vor, an meine ersten Schritte. Als Kind hatte ich einen sehr großen Kopf und schlug mit ihm oft, wenn ich fiel, auf den Boden hin. Einmal war dies auf der Treppe passiert. Die Beule tat ordentlich weh und ich heulte aus Leibeskräften, bis mein Vater auf einen eigenartigen Trost verfiel: er züchtigte mit dem Stock die Treppenstufe, auf der ich hingeschlagen war, und das verschaffte mir augenblickliche Genugtuung. Wahrscheinlich befand ich mich damals in der Periode des Fetischismus und vermutete in dem Holzbrett einen bösen und feindlichen Willen. Nun wurde es für mich durchgeprügelt und konnte nicht einmal weglaufen. Diese Worte geben freilich meine damaligen Empfindungen nur vergröbert wieder, ich sehe aber das bestrafte Brett in seinem gleichsam demütigen Ausdruck unter den Schlägen noch deutlich vor mir. 

Später einmal habe ich dieselbe Empfindung auf verwickeltere Art wieder erlebt. Ich war schon etwas größer. Es war ein heller, milder Mondscheinabend, der erste Abend in meinem Leben, den ich in meinem Gedächtnis festgehalten habe. Die Eltern waren irgendwo zu Besuch gefahren, meine Brüder schliefen wohl schon, unsere alte Amme hatte sich in die Küche begeben, und ich war mit dem Diener Gandylo allein geblieben. Die Eingangstür zum Flur stand offen, und aus der mondbeschienenen Ferne kam ein schwaches Wagengerassel. Auch das Wagengerassel habe ich damals zum ersten Mal als besondere Erscheinung im Bewußtsein festgehalten, wie ich zum ersten Mal überhaupt so lange aufgeblieben war. Mir war ängstlich zumute. Wahrscheinlich war bei uns am Tage von Einbruchsdiebstählen erzählt worden. Mir kam es plötzlich vor, als sähe unser Hof bei Mondschein ganz merkwürdig aus und als müßte durch die offene Außentür im nächsten Augenblick todsicher «der Dieb» eintreten. Ich wußte zwar so ungefähr, daß unter einem Dieb ein Mensch zu verstehen sei, gleichzeitig aber stellte ich mir ihn doch nicht ganz als einen Menschen vor, vielmehr als ein menschenähnliches geheimnisvolles Wesen, das mir durch sein bloßes Erscheinen ein Leid zufügen würde. Ich brach in Tränen aus. Kraft welcher Logik, weiß ich nicht mehr, genug, der Diener Gandylo brachte wieder Vaters Stock herbei und führte mich auf die Treppe hinaus, wo ich, vielleicht in Erinnerung an die frühere Episode, anfing, heftig den Treppenabsatz zu bearbeiten. Auch diesmal verschaffte mir dies Genugtuung. Meine Feigheit war bald so weit gewichen, daß ich noch zweimal, und zwar allein, ohne Gandylo, furchtlos hinausging, um wieder auf der Treppe den eingebildeten Dieb zu züchtigen und mich an dem eigenartigen Gefühl der eigenen Courage zu berauschen. Am andern Morgen berichtete ich der Mutter mit Begeisterung, dass gestern, als sie fort war, sich bei uns ein Dieb eingeschlichen hätte und daß wir beide, Gandylo und ich, ihn tüchtig durchgeprügelt hätten. Die Mutter nickte gütig zu der Erzählung. Ich wußte genau, dass gar kein Dieb dagewesen war und dass auch die Mutter dies wußte. Und doch hatte ich sie in jenem Augenblick besonders lieb, weil sie mir nicht widersprach. Es wäre mir schmerzlich gewesen, auf jenes Phantom zu verzichten, vor dem ich erst Angst empfunden hatte und das ich hernach beim Schein des Mondes zwischen meinem Stock und der Treppenstufe förmlich «fühlen» konnte. Das war natürlich keine Sinnestäuschung des Auges, vielmehr eine Art Rausch, in den mich die Überwindung der eigenen Furchtsamkeit versetzte.

Dann haftet noch in meinem Gedächtnis wie eine kleine Insel die Reise nach Kischinjow zum Großvater von Vaters Seite. Von dieser Reise ist mir deutlich eine Flußüberfahrt (ich glaube, es war der Pruth) in Erinnerung geblieben. Ich weiß, wie unsere Kalesche auf die Fähre gestellt wurde, die mit sanftem Schaukeln vom Ufer stieß — oder stieß das Ufer von ihr, ich unterschied es dazumal noch nicht. Zur selben Zeit setzte ein Militärtrupp über den Fluß, wobei, wie ich noch weiß, die Mannschaft zu zweit und zu dritt auf kleinen quadratischen Fähren hinübersetzte, was sonst bei Truppenüberfahrten wohl nicht üblich ist. Ich betrachtete die Soldaten neugierig, während diese ihrerseits unsere Kalesche betrachteten und dabei einige Worte miteinander wechselten, die ich nicht verstand. Wenn ich nicht irre, stand diese Überfahrt in Verbindung mit dem Krimkriege.

Am gleichen Tage lernte ich zum ersten Mal das schneidende Gefühl der Enttäuschung und der Kränkung kennen. In unserer geräumigen Reisekutsche war es dunkel. Ich saß vorne bei irgend jemandem auf dem Schoß, als meine Aufmerksamkeit durch einen rötlichen Punkt angezogen ward, der in der Tiefe, wo mein Vater saß, abwechselnd aufflammte und wieder erlosch. Ich lachte fröhlich und streckte meine Hand nach dem Lichtpunkt aus. Die Mutter warnte mich, allein ich wurde von einem so lebhaften Verlangen erfaßt, mit dem interessanten Ding oder Wesen Bekanntschaft zu machen, dass ich zu weinen anfing. Nun brachte mir der Vater das kleine rote Sternlein näher, das sich neckisch unter der Asche versteckte. Ich streckte ihm den Zeigefinger meiner rechten Hand entgegen. Erst wollte das Sternlein sich nicht fassen lassen, dann aber flammte es hell auf, und mich durchfuhr plötzlich das brennende Gefühl eines scharfen Bisses. Ich denke, daß mir heute den gleichen Eindruck etwa nur der unvermutete Biß einer Schlange machen würde, die aus einem Blumenstrauß hervorgekrochen käme. Mir kam vor, als sei das Flämmchen mit Vorbedacht tückisch und boshaft. Als mir nach zwei oder drei Jahren die Erinnerung an jenen Vorfall aufstieg, lief ich zur Mutter, begann ihr zu erzählen und brach in Tränen aus. Das waren wieder Tränen der Enttäuschung und Kränkung.

Eine ähnliche Enttäuschung erlebte ich, als ich das erste Mal ins kalte Bad stieg. Der Fluß hatte mir einen zauberhaften Eindruck gemacht: neu, eigenartig und herrlich waren die kleinen hellgrünen Wellchen, die unter den Wänden des Badehäuschens hineinglucksten und mit Lichtreflexen, mit Splittern der Himmelsbläue, mit bunten Scherben der gleichsam zerbrochenen Kabine spielten. Das Wasser atmete Frische und Munterkeit, war lieblich und lockend, und ich bestürmte die Mutter, mit mir so rasch wie möglich hinunterzusteigen. Und dann das unvermutete schneidende Gefühl von, ich weiß nicht, eisiger Kälte oder brennender Hitze. Ich brach in lautes Weinen aus und zappelte so heftig in den Armen der Mutter, daß sie mich beinahe ins Wasser fallen ließ. Aus meinem Bade war natürlich für diesmal nichts geworden. Während die Mutter niit einer mir unbegreiflichen Wollust im Wasser plätscherte, saß ich beleidigt auf der Bank, betrachtete die tückischen Wellchen, die immer noch so lockend mit Splittern des Himmels und Scherben der Badekabine spielten, und schmollte . . . Mit wem? Ich glaube, mit dem Flusse.

Solcher Art waren meine ersten Enttäuschungen: ich eilte den Naturerscheinungen in vertrauensseliger Unkenntnis entgegen, die Natur aber vergalt meine Hingebung mit einem elementaren Gleichmut, den ich als bewußte Feindseligkeit empfand. Oft später im Leben erwachten bei ernsten Enttäuschungen auf dem Grunde meiner verwundeten Seele jene ersten Erlebnisse. Und mehr als einmal bin ich zu der Erkenntnis gekommen, daß mein Gefühl der Kränkung zwar in den späteren Fällen verwickelterer Natur, aber im Grunde genommen nicht viel vernünftiger war als jene ersten Enttäuschungen des Kindes.

Hier noch eins von jenen frühesten Erlebnissen, wenn eine Naturerscheinung für uns zum ersten Mal aus der umgebenden Welt heraustritt, um sich als ein gesondertes, scharf umrissenes Bild dem Bewußtsein einzuprägen. Es ist die Erinnerung an meinen ersten Spaziergang im Fichtenwalde. Mich hatte dies wiegende Rauschen der Baumwipfel förmlich verzaubert, und ich blieb wie erstarrt mitten am Wege stehen. Niemand hatte es bemerkt, und unsere ganze Gesellschaft war weitergegangen. Der Waldweg fiel einige Meter weiter steil ab, und ich schaute, wahrscheinlich mit aufgerissenen Augen, wie in dieser Bodenfalte erst die Beine meiner Leute verschwanden, dann ihre Körper, endlich ihre Köpfe. Ich wartete mit beklommenem Herzen, bis der leuchtendweiße Hut Onkel Heinrichs, des größten unter den Brüdern meiner Mutter, als letzter verschwand. Endlich war ich allein. . . Ich fühlte wohl, dass «allein im Walde» eigentlich nicht geheuer sei, und doch vermochte ich, wie ein Behexter, weder eine Bewegung zu machen, noch einen Laut von mir zu geben. Ich lauschte nur, wie der Wald leise pfiff und flüsterte und seufzte und wie alle diese Laute in eine tiefe, unendliche, ergreifende Melodie zusammenflossen — eine Melodie, in der mein Ohr zugleich den allgemeinen rollenden Chor des Waldes, wie die einzelnen Stimmen der Waldriesen, das langsame Wiegen und das leise Knarren der roten Stämme unterschied. Alles dies drang auf mich ein und schlug über mir wie eine mächtige Woge zusammen. Ich hörte auf, mich als ein von jenem lebendigen Meere gesondertes Wesen zu fühlen, und dieser Zustand war derart stark, dass, als man meine Abwesenheit schließlich gewahr wurde und der Bruder meiner Mutter zurückkam, um mich zu holen, ich immer noch auf demselben Fleck stand, ohne Antwort zu geben. Ich sah den Onkel in seinem hellen Anzuge und weißen Strohhut auf mich zukommen, wie man einen wohlbekannten Menschen im Traume sieht.

Oft in späteren Jahren, zumal in Stunden, wo ich des Lebens müde war, stand jener Augenblick als der Inbegriff des tiefen lebendigen Friedens in meiner Seele wieder auf. Die Natur lockte das Kind freundlich an der Schwelle seines Lebens mit ihren undurchdringlichen Geheimnissen, als verhieße sie irgendwo in unbestimmter Ferne die Tiefen des Erkennens und die Wonnen der Lösung . . .

Aber ach, wie vergröbert geben doch die Worte das, was man empfunden, wieder. Unsere Seele hat eben auch ihr undeutliches Flüstern, das sich von unserer plumpen Sprache so wenig fassen läßt wie das Raunen der Natur. Und jenes Unsagbare ist’s ja gerade, worin die Seele des Menschen und die Natur eins sind.

Alles dies sind zerstreute Eindrücke eines halb bewußten Daseins, anscheinend ohne ein anderes Verknüpfungsband als die persönliche Empfindung. Als letztes Bild in jener Reihe ersteht vor mir ein Wohnungsumzug. Eigentlich nicht einmal der Umzug, dessen ich mich gar nicht mehr entsinne, so wie mir auch an die alte Wohnung gar keine Erinnerung geblieben ist, sondern wiederum der erste Eindruck des «neuen Hauses», des «neuen Hofes» und des Gartens. Das kam mir wie eine neue Welt vor, und doch, merkwürdig genug: jene Erinnerung an die erste Bekanntschaft mit der neuen Welt war vorerst für lange Zeit ganz aus meinem Gedächtnis geschwunden. Sie kam mir erst nach Jahren wieder, und als sie kam, da war sie mir selbst eine Überraschung, denn ich lebte dazumal in der Vorstellung, als wohnten wir in diesem Hause seit einer Ewigkeit und als gäbe es in der Welt überhaupt keine erheblichen Veränderungen. Den Grundton meiner Eindrücke aus den paar ersten Kinderjahren bildete die unbewußte Überzeugung von der völligen Abgeschlossenheit und Unverrückbarkeit der Dinge, die mich umgaben.

Wäre mir damals die Schöpfungsgeschichte bekannt gewesen, so hätte ich wahrscheinlich behauptet, dass mein Vater (der schon lahmte, als ich geboren wurde) eben mit dem Krückstock in der Hand auf die Welt gekommen sei, dass Großmama einfach schon als Großmama vom lieben Gott erschaffen wurde, dass meine Mutter immer das schöne blauäugige Weib mit dem dicken blonden Zopf war‚ ja, dass selbst der Schuppen hinter dem Hause wohl schon von allem Anfang an so baufällig mit moosbewachsenem grünen Dach erstanden war. Das war ein stilles ruhiges Wachstum der Lebenskräfte, das mich sanft forttrug mitsamt der kleinen Welt, die mich umgab, wobei die Ufer der unendlichen Außenwelt, an denen ich die Bewegung hätte messen können, damals noch für mich nicht vorhanden waren. Auch war ich selbst — so kam es mir vor — schon immer der kleine Junge mit dem großen Kopf gewesen, dessen älterer Bruder etwas größer, der jüngere aber kleiner war. Und diese Beziehungen sollten für immer so bleiben. Wir sprachen manchmal davon, was alles passieren würde, «wenn wir groß sind» oder «wenn wir sterben», aber das waren leere Redensarten ohne lebendigen Inhalt.

Eines Morgens trat mein jüngerer Bruder, der vor mir schlafen zu gehen und früher aufzustehen pflegte, zu mir ans Bett und sagte mit besonderer Betonung: «Steh auf, schnell . . . Was ich dir zeige!»

«Was denn?»

«Wirst schon sehen. Aber mach schnell, warten tu’ ich nicht.»

Und er ging mit wichtiger Miene, wie ein Mensch, der keine Zeit zu verlieren hat, wieder hinaus. Ich zog mich eilig an und folgte ihm. Es zeigte sich, daß ein paar fremde Männer dabei waren, unsere Freitreppe gänzlich auseinanderzunehmen. Alles, was von ihr übriggeblieben, war ein Haufen Bretter und Moder, und die Eingangstür hing wunderlich oben frei in der Luft. Was aber am merkwürdigsten war: unter der Tür klaffte eine tiefe Wunde aus abgestoßenem Verputz, dunklen Balken und Pfählen. Der Eindruck, den das Ganze auf mich machte, war ein unheimlicher, beinahe schmerzlicher, vor allem aber überraschender. Der Bruder stand regungslos da und folgte in größter Spannung jeder Bewegung der Zimmerleute mit den Augen. Ich schloß mich seiner schweigsamen Betrachtung an, und bald gesellte sich zu uns beiden unser Schwesterchen. So standen wir alle drei lange Zeit wortlos und ohne uns zu rühren. Zwei oder drei Tage später war anstelle der alten Treppe eine neue fertig, und mir kam entschieden vor, als hätte sich die Physiognomie unseres Hauses völlig verändert. Die neue Treppe war sichtlich «angesetzt», während die frühere ein organischer Teil unseres ehrwürdigen alten Hauses schien, wie die Nase oder die Augenbrauen im menschlichen Antlitz. Zum ersten Male prägte sich meiner Seele der Begriff der «Kehrseite» ein, der Gedanke, daß sich unter der glattgehobelten und überstrichenen Oberfläche feuchte vermoderte Balken und gähnende Leere verbargen.

 


Mein Vater, der Richter

Nach unserer Familienüberlieferung stammte unser Geschlecht von irgendeinem Mirgoroder Kosakenhauptmann, dem von polnischen Königen der Adelstitel mit Wappen verliehen war. Nach dem Tode meines Großvaters brachte mein Vater, der zum Begräbnis gefahren war, ein wunderliches Sigill mit heim, auf dem ein Boot mit zwei Hundeköpfen an den beiden Enden und mit einem gezackten Turm in der Mitte zu sehen war. Als wir Kinder fragten, was denn das wäre, sagte der Vater, das sei unser «Wappen», mit dem wir unsere Briefe zu siegeln das Recht hätten, während andere Leute dazu nicht berechtigt wären. Das Ding hatte auf polnisch einen kuriosen Namen: «Korab z Lodzia» (Arche mit Boot), was das jedoch zu bedeuten hatte, wußte der Vater selbst nicht zu erklären; vielleicht war auch gar kein Sinn dabei. Es gäbe da — erzählte er — ein anderes Wappen, das heiße viel einfacher: «Ein Floh tanzt auf der Trommel», was immerhin einen Sinn habe, denn die Kosaken und die polnischen Schlachtschitzen (Angehörige des alten polnischen Adels, der Schlachta) mußten sich auf ihren Feldzügen mit Flöhen wacker herumschlagen. Und mit einem Bleistift in der Hand entwarf er rasch auf dem Papier einen Floh, der auf der Trommel einen kühnen Tanz aufführt, umgeben von Schild und Schwert und allen adligen Attributen. Er war kein übler Zeichner, und wir mußten lachen. So flocht der Vater in unsere erste Bekanntschaft mit den adligen «Kleinodien», wie mir scheinen will, nicht ohne Absicht, eine gewisse spöttische Note.

Unser Urgroßvater war, dem Vater zufolge, ein kosakischer Regimentsschreiber, der Großvater aber schon, wie auch der Vater selbst, russischer Beamter. Ein Landgut oder leibeigene Bauern hatten sie wohl kaum besessen. Mein Vater dachte nie daran, seinen erblichen Adelsstand wiederherzustellen, und als er starb, waren wir, wie es hieß «Söhne des Hofrats Soundso», mit den Rechten, des Beamtenadels ohne Ar und Halm, ohne jedes reale Band mit dem adligen Milieu und, die Wahrheit zu sagen, ebensowenig mit irgendeinem anderen Milieu.

Das Bild meines Vaters sehe ich deutlich vor mir: ein Mann von mittlerer Statur, mit leichter Neigung zur Korpulenz. Wie alle Beamten jener Zeit rasierte er sein Gesicht mit peinlicher Sorgfalt. Seine Gesichtszüge waren schön und nicht ohne Feinheit: eine Adlernase, große braune Augen und ein Mund mit stark geschweifter Oberlippe. Er soll in seiner Jugend dem Napoleon sehr ähnlich gewesen sein, besonders wenn er seinen Beamten-Dreimaster a‘la Bonaparte aufsetzte. Mir freilich wollte es nicht gelingen, mir den Napoleon als hinkenden Mann zu denken, Vater aber stützte sich immer auf den Krückstock und schleppte leicht sein linkes Bein nach.

Auf seinem Gesicht lag stets der Ausdruck heimlichen Kummers und nagender Sorge, selten nur hellte es sich auf. Hin und wieder pflegte er uns in seinem Arbeitszimmer um sich zu sammeln, ließ uns auf sich herumklettern und spielen, zeichnete Bildchen und erzählte lustige Geschichten und Märchen. In der Seele dieses Mannes war sicher ein ungehobener Schatz kindlicher Einfalt und Heiterkeit verborgen: selbst seine Belehrungen wußte er in eine halb humoristische Form zu kleiden, und in solchen Augenblicken hatten wir ihn sehr lieb. Doch diese Lichtblicke wurden mit den Jahren immer spärlicher, sein angeborener Frohsinn wurde immer dichter vom Nebel der Melancholie und Sorge eingehüllt. Zum Schluß brachte er es kaum fertig, unsre Erziehung schlecht und recht zu Ende zu führen, und in den Jahren, wo wir bereits bewußter zu leben anfingen, gab es zwischen uns und dem Vater gar keine innere Fühlung mehr. . . So starb er schließlich, ohne daß ihn seine eigenen Kinder eigentlich gekannt hätten. Erst nach vielen Jahren, als bei mir die Periode der jugendlichen Sorglosigkeit vorüber war, ging ich daran, zu sammeln, was sich irgend an einzelnen Zügen aus seinem Leben aufspüren ließ, und das Bild des tief unglücklichen Mannes lebte in meinem Herzen auf — mir teurer und näher als damals, wo ich ihn noch um mich hatte. Er war ein Beamter, sein äußerer Lebenslauf ist deshalb in den Konduitenlisten aufbewahrt worden. Geboren 1810, als Kanzleischreiber in den Staatsdienst getreten 1826, gestorben im Rang des Hofrats 1868. Dies der schlichte Roman, in dem doch ein ganzes Menschenschicksal eingeschlossen war: Hoffnungen, Erwartungen, Lichtblicke des Glücks, Enttäuschungen . . . Unter den vergilbten Papieren des Vaters war eins erhalten, das eigentlich doch keinen Wert mehr besaß, das er jedoch als Erinnerung aufbewahrte. Es war dies ein halboffizieller Brief des Fürsten Wasiltschikow, worin er meinen Vater auf den Posten des Kreisrichters nach Schitomir berief. «Diese Gerichtskammer», schrieb der Fürst, «der auch der Magistrat angeschlossen wird, stellt nunmehr einen größeren und daher auch wichtigeren Wirkungskreis dar und erfordert einen Vorsitzenden, der seiner Aufgabe völlig gewachsen und der Rechtsprechung daselbst die erwünschte Richtung zu geben befähigt ist.» Für diese Aufgabe hatte der Fürst eben meinen Vater ausersehen. Zum Schluß des Briefes geht der «hohe Herr» mit viel Aufmerksamkeit auf die Interessen des kleinen Beamten ein, für den als Familienvater der Umzug gewiß mit manchen Opfern verbunden sei, dem er aber zugleich große Aussichten für die Zukunft eröffnet und den er bittet, so schnell wie möglich zu kommen. Die letzten Zeilen sind von der eigenen Hand des Fürsten geschrieben, und der Ton des Schreibens atmet nicht bloß gnädige Herablassung, sondern auch Achtung. Dies war ein bescheidener, heute vergessener und damals gescheiterter Anlauf zu einer Reform; aber ein Reformversuch war es doch, und der glänzende Magnat, launenhaft und despotisch wie die meisten Magnaten jener Zeit, doch zugleich nicht ohne einen gewissen wohlgemeinten «Sturm und Drang» im Busen, forderte den bescheidenen Beamten auf in dem er offenbar den neuen Mann für das neue Werk erkannt hatte, sein Mitarbeiter zu sein.

Dies war im Jahre 1849, und damals bot man dem Vater den Posten eines Kreisrichters in einer Gouvernementsstadt an. Zwanzig Jahre später starb er auf demselben Posten — in einem weltentlegenen Krähwinkel. Er ist also, was die dienstliche Laufbahn betrifft, entschieden ein Pechvogel gewesen. Für mich unterliegt es keinem Zweifel, daß daran hauptsächlich seine donquichottehafte Ehrlichkeit schuld war.

Jedes Milieu pflegt die Ausnahmen, die es nicht begreift und durch die es sich bloß aus seiner Ruhe aufgestört fühlt, gering zu schätzen. Jedesmal, wenn mein Vater an einem neuen Ort seinen Dienst antrat, wiederholten sich dieselben Auftritte: es meldeten sich bei ihm alsbald, kraft «uralter Sitte», die Repräsentanten verschiedener städtischer Bevölkerungsschichten mit Gaben. Der Vater lehnte zuerst ziemlich ruhig ab. Alsdann kamen die Deputationen am anderen Tag mit verdoppelten Gaben, die der Vater aber bereits mit Grobheiten zurückwies. Am dritten Tage gab es schon tragikomische Sturmszenen: mein Vater, der sehr jähzornig war, schimpfte ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen und jagte die «Repräsentanten» mit dem Stock zum Haus hinaus, worauf sich diese mit erstaunten und betretenen Gesichtern in der Tür drängten . . . Später, als man Vaters Tätigkeit näher kennengelernt hatte, pflegten alle für ihn die größte Hochachtung zu hegen. Vom kleinen Krämer bis zur Gouvernements-Obrigkeit bestätigten alle, daß es keine Macht gab, die den Richter dazu vermocht hätte, wider Gewissen und Recht zu fehlen. Aber man war dennoch allgemein der Meinung, dass, wenn der Richter bei alledem auch noch bescheidene «Erkenntlichkeiten» genehmigen wollte, es doch verständlicher, einfacher und, wie man damals zu sagen pflegte, «menschlicher» gewesen wäre. Ich erinnere mich noch aus der Zeit, wo ich schon ein ziemlich bewußtes geistiges Leben führte, eines bezeichnenden Falls dieser Art.

Vor das Kreisgericht war der Prozeß zwischen einem reichen Gutsbesitzer, Grafen E., und seiner armen Verwandten, wenn ich nicht irre, der Witwe seines Bruders, gekommen. Der Graf war ein großer Herr mit mächtigen Konnexionen, Mitteln und Einflüssen, die er auch rührig ins Werk setzte. Die Witwe verfocht ihren Anspruch kraft des «Armenrechts», ohne Stempelgebühren zu zahlen.

Man prophezeite, daß sie verlieren würde, da der Rechtsfall immerhin verwickelt war, von des Grafen Seite aber ein kräftiger Druck auf das Gericht ausgeübt wurde. Vor der Entscheidung sprach der Herr Graf bei uns in eigener Person vor; seine wappengeschmückte Kutsche hielt zwei- oder dreimal vor unserem bescheidenen Häuschen, und sein langbeiniger Heiduck in Livree stelzte vor unserer windschiefen Treppe auf und ab. Die ersten beiden Male beobachtete der Graf eine majestätische und vorsichtige Haltung, und der Vater schob nur kühl und förmlich seine Tastversuche zurück. Beim dritten Besuch jedoch war der Herr wahrscheinlich mit einem direkten Anerbieten herausgerückt. Der Vater brauste plötzlich auf, warf dem hohen Herrn einen unparlamentarischen Ausdruck an den Kopf und klopfte dabei heftig mit dem Stock auf den Boden. Der Graf verließ Vaters Zimmer hochrot vor Wut, Drohungen murmelnd, und bestieg eilig wieder seine Kutsche.

Auch die Witwe war ein paarmal gekommen, wiewohl der Vater diese Besuche nicht sonderlich liebte. Das arme Weib setzte sich in seinen Trauergewändern‚ mit verweinten Augen, bedrückt und schüchtern zu meiner Mutter, erzählte ihr etwas und weinte. Die Ärmste glaubte, sie müsse dem Richter immer noch etwas auseinandersetzen. Wahrscheinlich waren es bloße Lappalien, denn der Vater winkte mit der bei ihm in solchen Fällen üblichen Redensart ab: «Ach was! Belehre Kranker den Medikus! Alles wird gemacht, wie das Gesetz es vorschreibt.»

Der Prozeß wurde zugunsten der Witwe entschieden, wobei alle Welt wußte, daß dies ausschließlich der Festigkeit meines Vaters zu danken war. Der Senat bestätigte diesmal die Entscheidung unerwartet schnell, und die armselige Witwe war plötzlich eine der reichsten Gutsbesitzerinnen des Kreises, wenn nicht gar des Gouvernements geworden.

Als sie wieder vor unserem Hause, diesmal in eigener Kalesche, erschien, war die frühere kümmerliche Bittstellerin kaum zu erkennen. Ihre Trauer war zu Ende, sie schien beinahe verjüngt und strahlte vor Glück. Der Vater nahm sie sehr freundlich mit jenem Wohlwollen auf, das wir Leuten gegenüber zu fühlen pflegen, die uns stark verpflichtet sind. Als sie aber ein Gespräch «unter vier Augen» erbeten hatte, trat sie bald aus Vaters Zimmer mit gerötetem Gesicht und verweinten Augen. Die gute Frau wußte, daß die Wendung in ihrem Schicksal gänzlich an der Festigkeit, man kann beinahe sagen an dem Heroismus dieses schlichten lahmen Mannes gehangen hatte. Und nun durfte sie ihm nicht einmal irgendwie ihre Erkenntlichkeit zeigen.

Sie war bekümmert‚ ja gekränkt. Am Tag darauf kam sie wieder, als mein Vater im Dienst, die Mutter aber zufällig fortgegangen war, und schleppte einen Haufen verschiedener Stoffe und Waren her, die sie auf allen Möbeln in unserem Wohnzimmer aufstapelte. Unter anderm rief sie mein Schwesterchen heran und gab ihm eine riesige herrlich gekleidete Puppe mit blauen Augen, die sich schlossen, wenn man die Puppe schlafen legte.

Die Mutter kriegte keinen geringen Schreck. als sie der Bescherung ansichtig wurde. Als aber der Vater vom Dienst kam, brach in unserer kleinen Wohnung eines der heftigsten Gewitter los, deren ich mich entsinnen kann. Er erging sich in Schimpfworten über die Witwe, überhäufte die Mutter mit Vorwürfen und gab nicht eher Ruhe, bis ein Handwägelchen vor der Treppe erschien, auf das sämtliche Geschenke aufgeladen und zurückgeschickt wurden. Dabei stellte sich jedoch eine unerwartete Schwierigkeit heraus: als die Reihe an die Puppe kam, legte mein Schwesterchen entschiedenen Protest ein, und dieser Protest nahm so dramatische Formen an, daß Vater nach einigen Versuchen, wiewohl mit großer Unzufriedenheit, nachgab. «Durch euch bin ich also doch ein käuflicher Kerl geworden», brummte er ärgerlich und verschwand in seinem Zimmer. Solches Gebaren wurde damals allgemein für zwecklose Marotte angesehen. «Nun sage doch selbst, ich bitte dich, wem schadet so ein bißchen Erkenntlichkeit», setzte mir ein tugendhafter Assessor, der selbst «nicht nahm», auseinander, «überlege einmal: der Prozeß ist ja beendet, die Person weiß, daß sie euch alles zu danken hat, und kommt mit vollem Herzen. Und nun wird sie von euch beinahe mit Hunden hinausgehetzt! Na, wozu denn das?»

Ich bin fest überzeugt, dass mein Vater diese Dinge auch nie vom Standpunkte unmittelbaren Schadens oder Nutzens erwog. Er war einst, wie ich vermute, mit hohen, für jene Zeit wohl ungewöhnlich hohen Erwartungen ins Leben getreten. Das Leben hatte ihn in dem grauen unsauberen Milieu niedergetreten. Und nun hegte er wie ein letztes Heiligtum diesen Zug seines Wesens, der ihn nicht bloß von dem Troß notorisch «Käuflicher», sondern auch von den Tugendbolden der damaligen goldenen Mitte schied. Je schwerer er mit der zahlreichen und rasch anwachsenden Familie an seinem Päckchen zu tragen hatte, um so argwöhnischer und hartnäckiger behütete er seine seelische Unantastbarkeit und Unnahbarkeit. Für mich blieb dabei ein Zug im Charakter meines Vaters ein gewisses psychologisches Rätsel. Rings um ihn her starrte mauerdick, jawohl, «starrte» geradezu, wie ein dicker Morast allgemeine Bestechlichkeit und Korruption. Die Beamten desselben Gerichts, an dem mein Vater wirkte, nahmen zweifelsohne mit der rechten und mit der linken Hand, und nicht bloß «Erkenntlichkeiten», sondern notorische Schmiergelder. Ich entsinne mich noch, wie einmal ein «verehrter» und lieber Bekannter unseres Hauses, ein lustiger und flotter Herr, während einer Abendgesellschaft bei uns vor zahlreichem Auditorium außerordentlich drastisch erzählte, wie er einmal einem jüdischen Schmuggler aus der Patsche geholfen hatte, wobei es gelang, ihn nicht nur der Verantwortung zu entziehen, sondern auch eine enorme Partie der beschlagnahmten Ware zu retten. Die Schmuggler hatten versprochen, den kleinen Beamten, damals noch Neuling in seiner Laufbahn, für diesen Dienst mit Reichtum zu überhäufen, worauf der Beamte ihrer Bitte willfahrte, ehe jene ihr Versprechen wahrgemacht hatten. Zur Abrechnung wurde ein Stelldichein in der Nacht an irgendeinem einsamen Ort ausgemacht, und der Beamte wartete richtig bis zum Morgengrauen. Ich erinnere mich noch deutlich an die lebhafte Schilderung jener Nacht. Der Beamte wartete auf den Juden, «als wie ein verliebterJüngling seines Schätzchens harrt». Er lauschte fieberhaft auf die nächtlichen Laute, sprang bei jedem Geräusch auf. . . Und die ganze Gesellschaft folgte dem Schmugglerdrama in atemloser Spannung. Als sich aber herausstellte, daß der Beamte geprellt war, löste sich die Spannung in allgemeine Heiterkeit auf, in die sich zugleich Entrüstung über die Juden und eine gewisse Teilnahme für den Geprellten mischten. Mein Vater war bei der Erzählung zugegen. Wenngleich ich mich seines Gesichtsausdrucks nicht mehr entsinne, so sehe ich doch noch deutlich das folgende Bild vor mir: ein von Talglichtern beleuchteter Kartentisch, um den Tisch herum vier Partner; einer von diesen ist mein Vater, sein Gegenüber, der Held der Schmugglergeschichte, der jedesmal, wenn er seine Karte auf den Tisch haut, ein Witzwort losläßt. Und der Vater lacht heiter dazu.

Überhaupt stellte er sich zu seinem Milieu äußerst gutmütig und suchte nur den kleinen Bereich, der unter seinem unmittelbaren Einfluß stand, von Korruption rein zu halten. Ich erinnere mich, wie er ein paarmal mit schwerem Kummer vom Gericht heimkam. Einmal, als ihm die Mutter, mit ängstlicher Teilnahme in sein gedrücktes Gesicht blickend, einen Teller Suppe reichte, versuchte er zu essen, nahm zwei, drei Löffel zu sich und schob den Teller weg.

«Ich kann nicht», sagte er.

«Ist die Sache zu Ende?» fragte die Mutter leise.

«Ja, ... Zuchthaus. . .»

«O Gott!» rief sie erschrocken. «Nun und du?»

«Ach was, belehre Kranker den Medikus!» antwortete der Vater gereizt, «ich! ich! Was kann ich denn tun?»

Dann fügte er sanfter hinzu: «Ich habe getan, was ich konnte... Das Gesetz war ganz klar.»

An diesem Tage aß er nicht zu Mittag und legte sich nicht wie gewöhnlich nach Tisch hin, sondern wanderte lange in seinem Zimmer auf und ab, mit seinem Stock auf den Boden aufstoßend. Als mich Mutter nach zwei Stunden in sein Zimmer gehen hieß, um nachzusehen, ob er schlief, und falls er nicht schlief ihn zum Tee zu bitten, fand ich ihn kniend vor seinem Bette. Er betete inbrünstig zum Heiligenbild hinauf, und sein ganzer etwas voller Körper erzitterte vor krampfhaftem Schluchzen.

Dennoch bin ich sicher, daß dies Tränen des Mitleids mit dem «Opfer des Gesetzes» waren und nicht etwa das peinigende Bewußtsein eigener Mitschuld als Werkzeug des Gesetzes. In dieser Hinsicht war Vaters Gewissen stets unerschütterlich ruhig, und wenn ich jetzt darüber nachdenke, so wird mir klar, wie grundverschieden der Seelenzustand ehrlicher Leute jener Generation von der Stimmung unserer Tage war. Mein Vater fühlte sich lediglich für seine persönlichen Handlungen verantwortlich. Das nagende Gefühl der Verantwortlichkeit für das soziale Unrecht war ihm völlig fremd. Gott, Zar und Gesetz waren für ihn über jede Kritik erhaben. Gott ist allmächtig, und doch gibt es auf Erden viel triumphierende Niedertracht und leidende Tugend. Nun, das steht offenbar in den unerforschlichen Ratschlüssen der höchsten Gerechtigkeit geschrieben, und damit basta. Der Zar und das Gesetz entziehen sich gleichfalls dem menschlichen Witze, und wenn sich einem mitunter bei der Anwendung des Gesetzes vor Kummer und Mitleid das Herz im Leibe umdreht, so ist das eben Elementarunglück, das zu keinerlei Schlüssen allgemeiner Natur berechtigt. Der eine geht am Typhus zugrunde, der andere am Gesetz. Schicksalsschläge! Des Richters Sache ist, lediglich zu wachen, daß das Gesetz, wenn es einmal in Wirksamkeit tritt, auch richtig angewendet wird. Trifft indes auch dies nicht zu, wird das Gesetz von der käuflichen Beamtenschaft dem Starken zu Gefallen gebeugt, dann wird er, der Richter, im Bereich seines Amtes dagegen mit allen verfügbaren Mitteln ankämpfen. Sollte er dafür büßen müssen, so wird er sich auch dadurch nicht beirren lassen. Mag er büßen, aber in den Akten Numero Soundso wird jede von seiner Hand eingetragene Zeile von Unrecht frei sein. Und in dieser Gestalt wird die Sache über den Bereich des Kreisgerichts vor den Senat treten, vielleicht noch höher hinaus. Wird der Senat des Richters Erwägungen beitreten, so wird ihn das für die Partei, die das Recht auf ihrer Seite hat, aufrichtig freuen. Werden sich auch die Senatoren vor Macht und Geld beugen, so ist das ihre Gewissenssache, und sie werden sich dafür, wenn nicht vor dem Zaren, so vor Gott zu verantworten haben. Dass die Gesetze selbst untauglich sein mögen, das schlägt hinwiederum in die Verantwortlichkeit des Zaren vor dem Herrgott, er, der Richter, ist für Gesetze so wenig verantwortlich wie dafür, daß der Blitz vom hohen Himmel manchmal ein unschuldiges Kindlein erschlägt. Ja, das war eine Weltanschauung aus einem Guß, eine Art unerschütterlichen Gleichgewichts der Gewissen. Ihre inneren Grundlagen wurden nicht durch Selbstanalyse unterwühlt, und die ehrlichen Leute jener Zeit kannten den tiefen inneren Zwiespalt nicht, der sich aus dem Gefühl der persönlichen Verantwortlichkeit für «die ganze Gesellschaftsordnung» ergibt. Ich weiß nicht, ob heute auch nur eine Beamtenseele jenes innere Gleichgewicht in diesem Grade kennt. Ich bezweifle es. Die Zeiten jener Weltanschauung sind unwiederbringlich dahin, und schon die denkende Jugend meiner Generation war von dem zernagenden, qualvollen, aber schöpferischen Geist der sozialen Verantwortlichkeit ergriffen.

Mein Vater starb früh. Wäre er länger am Leben geblieben, dann hätten wir Jungen, vom Geiste der Kritik besessen, wie wir waren, wohl mehr als einmal seine Lieblingsformel zu hören bekommen: «Belehre Kranker den Medikus!» Wobei als der majestätische Medikus in diesem Fall wohl jene oberste Gewalt gemeint wäre, vor der nach seiner Auffassung jede Kritik haltzumachen hatte.

Welchen Ausgang dieser Konflikt schließlich genommen hätte, dies ist mir eine Frage geblieben, über die ich oft mit reuiger Wehmut nachsinne.

 


Vater und Mutter

Mein Vater hatte wohl seine Gründe für den verborgenen Kummer und die Reue, die sein ganzes uns Kindern bekanntes Leben beschatteten.

Er war in seinen jungen Jahren ein schöner Mann gewesen und hatte enormen Erfolg bei Frauen gehabt. Den ganzen Überschuß seiner vielleicht über den Durchschnitt hervorragenden jungen Kräfte mag er in allerlei Unternehmungen und Abenteuern dieser Art verzettelt haben, und so trieb er es bis in seine Dreißigerjahre. Die eigene Lebenserfahrung hatte ihm tiefes Mißtrauen gegen weibliche Tugend eingeflößt, und als er zu heiraten beschloß, machte er sich einen eigenartigen Plan zurecht, um seine häusliche Ruhe und sicheren Grund zu bauen...

 

 

 

 


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