PETER SELG: DIE ARBEIT DES EINZELNEN UND DER GEIST DER GEMEINSCHAFT

Anthroposophie Dreigleiderung des sozialen Organismus Soziale Dreigliederung Soziales Grundgesetz Soziales Hauptgesetz

PETER SELG - DIE ARBEIT DES EINZELNEN UND DER GEIST DER GEMEINSCHAFT 

Rudolf Steiner und das „soziale Hauptgesetz“

Drittes Kapitel

Verlag am Goetheanum

ISBN 978-3-7235-1292-0

156 Seiten

 

Inhalt

Einleitung

RudoIf Steiner, Berlin und der Beginn des 20.Jahrhunderts

Die Formulierung des „Sozialen Hauptgesetzes“ (1905)

Die Dreigliederung des sozialen Organismus (1919)

Der Einzelne und die Gemeinschaft

Anmerkungen 

Literaturverzeichnis

 

 

Seite 69

3. DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS (1919)

(GA = Gesamtausgabennummer. Es folgt die Seitenzahl)

Die Fussnoten wurden nicht in den folgenden Text aufgenommen.

Rudolf-Steiner-Zitate in: # #

 

Nicht ein revolutionärer Gang der Ereignisse ist hier gemeint, nicht etwas, was von heute auf morgen geschehen soll, sondern an die Richtung ist gedacht, in welche alle einzelnen Maßnahmen des öffentlichen und privaten Lebens gebracht werden müssen, wenn eine Gesundung des sozialen Organismus eintreten soll. [. . .]

[. . .] Es handelt sich nicht um ein Programm, das man ausführen oder unterlassen kann, sondern es handelt sich darum, dass das erkannt werden muss, was sich verwirklichen will, und was der Mensch deshalb verwirklichen muss, weil es in seinen notwendigen geschichtlichen Wachstumskräften für die Gegenwart und die nächste Zukunft liegt. Rudolf Steiner, 5.2.1919 (GA328, 42ff.)

Motto: Das wäre heute gerade das Wesentliche, dass ein gerader Weg gehen würde von Ethik, Religion und Geistigkeit zu den alleralltäglichsten ökonomischen, volkswirtschaftlichen sozialen Fragen. (GA188, 238)

«Das Jahr 1917 ist das Epochenjahr der neuesten Geschichte, in welchem sich die heutige Weltkonfiguration deutlich abzuzeichnen beginnt. Durch die russischen Revolutionen im Februar und Oktober entsteht die Sowjetmacht im Osten, im Westen werden die USA durch ihren Kriegseintritt zur entscheidenden Macht. Sowohl Lenin, der Führer der Sowjetmacht, wie auch Wilson, der Präsident der USA, entfalten einen Propagandafeldzug für ihre Kriegsziele: Sozialismus, Völkerbefreiung, Demokratie sind die Schlagworte, hinter denen sich andere Impulse verbergen. Die Mittelmächte (Deutschland und die Österreichisch-Ungarische Doppelmonarchie) formulieren demgegenüber keine ideellen Konzepte, die sich an alle Menschen und Völker wenden, sondern vertreten Kriegsziele, die sich auf Annexionen von Gebieten im Westen und Osten beschränken.

 

In dieser Situation wird Rudolf Steiner durch Otto Graf Lerchenfeld gefragt, was zu tun sei. Rudolf Steiner entwickelt daraufhin zunächst dem Grafen Lerchenfeld, dann auch dem Grafen Ludwig Polzer-Hoditz die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus, die durch die Entflechtung des Einheitsstaates zur Freiheit des Einzelmenschen, zu kultureller Autonomie, zu staatlicher Rechtlichkeit und zu einer kooperativen Wirtschaft führen soll. 

Als mitteleuropäische Kriegsziele werden diese Gedanken an leitende Politiker, unter anderem an den deutschen Außenminister und an den österreichischen Ministerpräsidenten, herangetragen, damit sie als deutsche Konzepte — namentlich in den Verhandlungen mit dem Osten — wirksam werden. Den zahlreichen Versuchen, diesen Ideen zur Wirksamkeit zu verhelfen, ist jedoch kein Erfolg beschieden. Erst 1919 wird der zweite groß angelegte Versuch unternommen, die Ideen der Dreigliederung — nunmehr unter ganz anderen Bedingungen — für das soziale Leben fruchtbar zu machen.»                        (Christoph Lindenberg)

 

*

 

Rudolf Steiner nannte den Ersten Weltkrieg, über dessen Ursachen und Hintergründe er bereits in den Kriegsjahren sprach, eine «furchtbare Katastrophe» — eine Katastrophe, «die ja zum Teil gerade das soziale Rätsel in seiner Urgestalt zeigt» (GA188, 212). «Die Kriegskatastrophe ist wie der letzte Akt, in den die menschlichen Impulse ausgelaufen sind; was sie zurückgelassen haben, das wird ein neues Verständnis der Dinge notwendig machen.» ( 328, I78) Bereits in seinen Vorlesungen an der Berliner Arbeiterbildungsschule hatte Rudolf Steiner auf die — im Verlauf des 19.Jahrhunderts erzwungene — und in sich verhängnisvolle Abhängigkeit des geistigen und kulturellen Lebens von den ökonomischen Kräften und Konstellationen hingewiesen, im Sinne eines machtvollen Übergriffes der Ökonomie, die die marxistisch-materialistische Theorie zur (sekundär geschaffenen) Wirklichkeit werden ließ («Das Wirtschaftsleben hat ja, weil es hinausgewachsen ist [...] über das Rechtsleben, weil es auch über das Geistesleben hinausgewachsen ist, gewissermaßen alles überflutet und hat suggestiv gewirkt auch auf die Gedanken, Empfindungen, Leidenschaften der Menschen.» (GA332a, 23). Die Übergriffe und Dissoziationen einander wesensverschiedener Bereiche sah Rudolf Steiner in späteren Jahren auch an den kriegerischen Prozessen prioritär beteiligt — und schrieb 1919:

#Was in den letzten Jahrhunderten als eine Zeiterscheinung sich entwickelt hat: die Abhängigkeit des Geistes- und Rechtslebens vom Wirtschaftsleben, das sieht man als eine 

Naturnotwendigkeit an. Man bemerkt nicht, was die Wahrheit ist: dass diese Abhängigkeit die Menschheit in die Katastrophe hineingetrieben hat [. . .]. (GA24, 18f.)

Die Staatsgemeinschaften sind aus anderen als bloß wirtschaftlichen Kräften entsprungen. Dass man sie zu Wirtschaftsogemeinschaften umwandeln wollte, bewirkte das Chaos der neuesten Zeit. (GA23, 16)#

 

In der Konstellation der kriegsverursachten Kräfte beschrieb Rudolf Steiner wiederholt und im Einzelnen wirtschaftliche Interessen und Konflikte als primär treibende Kräfte - «Wirtschaftsfaktoren, Wirtschaftselemente [...], welche sich bedient haben der staatlichen Machtkräfte» (GA328, 71):

#Wären [diese Wirtschaftskräfte] darauf angehalten gewesen, bloß auf Grundlage ihres wirtschaftlichen Lebens und auf Grundlage ihrer gegenseitigen Zusammenklänge sich zu entfalten, niemals hätten sie zu dieser Katastrophe führen können. Zu dieser Katastrophe haben sie geführt als bloße Wirtschaftskräfte, weil diese Wirtschaftskräfte sich bedienen durften durch eine falsche politische Körperschaft der politischen Staatskräfte‚ die für sie ihre Heere ins Feld schickten. (GA328,71)#


Als Rudolf Steiner Ende Mai 1917 von dem Reichsrat der Krone Bayerns, Otto Graf Lerchenfeld, in Berlin um ideelle Konzepte für eine gesellschaftliche Neuordnung Deutschlands — auch als Voraussetzung eines künftigen Friedensvertrages — gebeten wurde, entwickelte Steiner Lerchenfeld im Gespräch erstmals die Gesichtspunkte einer sozialen Dreigliederung («[...] war heute drei Stunden bei Dr.Steiner in der Motzstraße. Vor mir steht die Lösung von allem. 

Weiß, dass es keine andere geben kann. Dreigliederung des sozialen Organismus hat er genannt, was er wie das Ei des Kolumbus vor mich hingestellt hat.» Lerchenfeld). 

Zwei Jahre später formulierte Rudolf Steiner:

#Man mag aus den Denkgewohnheiten, denen man aus den bisherigen Staatsverhältnissen heraus ergeben ist, noch so stark an dem Glauben hängen, dass die Umwandlung dieser Verhältnisse «praktisch undurchführbar» sei: Die geschichtliche Entwickelung wird über alles dasjenige zerstörend hinwegschreiten, das als Maßnahmen aus diesen Denkgewohnheiten sich erhalten oder neu entstehen will. Denn für die Lebensbedürfnisse der neueren Menschheit wird die weitere Verschmelzung des geistigen, des rechtlichen und wirtschaftlichen Gebietes eine Unmöglichkeit. Durch die Weltkriegskatastrophe hat sich diese Unmöglichkeit geoffenbart. Sie beruht darauf, dass wirtschaftliche und Geisteskulturkonflikte sich in der Gestalt der Staatsgegnerschaften ergaben und dadurch in einer Art zum Austrag kommen mussten, die nicht möglich ist, wenn nur Geistesleben dem Geistesleben und Wirtschaftsinteresse dem Wirtschaftsinteresse gegenüberstehen. (GA24, 26)

Freiheit ist der Grundimpuls des geistigen Lebens, wo auf die Freiheit der individuellen menschlichen Fähigkeiten gebaut werden muss. Gleichheit ist der Grundimpuls des Staats- und Rechtslebens, wo alles hervorgehen muss aus dem Bewusstsein der Gleichheit der menschlichen Rechte. Brüderlichkeit ist das, was auf dem wirtschaftlichen Lebensgebiet herrschen muss im großen Stile; aus den Assoziationen wird diese Brüderlichkeit sich entwickeln. (GA330, 39)#

Während Rudolf Steiner in der Zeit des Krieges die sozialen Dreigliederungsaspekte zwar in Gesprächen — auch mit führenden Politikern — als «mitteleuropäisches Programm» und im Hinblick auf ihre außenpolitischen Belange thematisiert, sie aber in Vorträgen noch kaum erwähnt hatte, erläuterte er sie in Dornach bereits in den ersten Tagen und Wochen nach dem Kriegsende und der beginnenden deutschen Revolution — und mit besonderer Betonung ihrer wirtschaftlichen Aspekte im Sinne des «Sozialen Hauptgesetzes». Über das «Problem des Bösen» in seiner ganzen Destruktivität bzw. egoistischen Antisozialität und als gegenwärtig zu lösende Zivilisations- und damit Bewusstseinsaufgabe hatte Rudolf Steiner in Dornach ein Jahr zuvor, im November 1917, zu sprechen begonnen; Ende Oktober 1918 führte er diese Thematik weiter aus und schlug dabei — erstmals nach vielen Jahren — wieder einen dezidierten Bogen zu seinen Berliner Aussagen vom Spätherbst und Winter des Jahres 1905:

#Alles, was der Mensch so erwirbt, dass er es für seine Arbeit im sozialen Zusammenhange erhält, das wird zum Unheil. Heilsamkeit ergibt sich im sozialen Zusammenhange nur, wenn der Mensch nicht von seiner Arbeit, sondern aus anderen Quellen der Sozietät sein Leben zu fristen hat. Scheinbar widerspricht das dem, was ich soeben gesagt habe, aber eben nur scheinbar. 

Das gerade wird die Arbeit wertvoll machen, dass sie nicht mehr entlohnt wird. 

Denn worauf hingearbeitet werden muss, selbstverständlich vernünftig, nicht bolschewistisch, das ist: die Arbeit zu trennen von der Beschaffung der Existenzmittel. [...] Wenn jemand nicht mehr für seine Arbeit entlohnt wird, dann verliert das Geld als Machtmittel für die Arbeit seinen Wert. 

Es gibt kein anderes Mittel für jenen Missbrauch, der getrieben wird mit dem bloßen Gelde, als wenn überhaupt die soziale Struktur so geschaffen wird, dass niemand für seine Arbeit entlohnt werden kann, dass die Beschaffung der Existenzmittel von ganz anderer Seite her bewirkt wird. Dann können Sie natürlich nirgends erreichen, dass jemand durch das Geld in die Arbeit gezwungen werden kann. [...]

Geld darf in der Zukunft kein Äquivalent sein für menschliche Arbeitskraft, sondern nur für tote Ware. Nur tote Ware wird man in Zukunft bekommen für Geld, nicht menschliche Arbeitskraft. 

Das ist von ungeheurer Wichtigkeit, meine lieben Freunde. (GA186, 49)#

 

Solange das Geld als «Anweisung auf Arbeitskraft» verstanden und gebraucht werde, fungiere es — so Steiner — als reales und destruktives «Machtmittel» (GA186, 53) — insbesondere in Gestalt des ererbten, Zinsen werfenden und Arbeitskraft instrumentalisierenden Kapitals: «[...] 

In dem, was Geld als Geld scheinbar produziert, lebt die ahrimanische Kraft. 

Sie können nicht erben, ohne dass soundso viel ahrimanische Kraft mit dem Gelde übergeht.» (Ebd.)

 Das «sozial wirksame menschliche Innere» (GA24, 72) werde auf diese Weise — durch «wirtschaftliche Übermacht» (wie in anderer Hinsicht durch «staatliche Bevorrechtung») - realiter geschwächt, entstellt und in seinen Entfaltungsmöglichkeiten nachdrücklich gehindert.

Wiederholt las Steiner in seinen Vorträgen nach Kriegsende, die die dringend notwendige gesellschaftliche Neuordnung auf der Basis einer «Einsicht in die Grundkräfte des sozialen Organismus» (GA23, 91) zum Inhalt hatten, aus seinem Wiener Vortrag vom Frühjahr des Jahres 1914 vor, in dem es geheißen hatte:

#Da schaut derjenige, der das soziale Leben geistig durchblickt, überall, wie furchtbare Anlagen zu geistigen Geschwürbildungen aufsprossen. Das ist die große Kultursorge, die auftritt für denjenigen, der das Dasein durchschaut; das ist das Furchtbare, was bedrückend wirkt und was selbst dann, wenn man allen Enthusiasmus sonst für Geisteswissenschaft unterdrücken könnte, wenn man unterdrücken könnte, was sonst den Mund öffnet für Geisteswissenschaft, 

was einen auch dann dahin bringen müsste, das Heilmittel der Welt gleichsam entgegenzuschreien für das, was so stark schon im Anzug ist und was immer stärker und stärker werden wird. Wenn der soziale Organismus so sich weiter entwickelt, wie dies bisher geschehen ist, so entstehen Schäden der Kultur, die für den sozialen Organismus dasselbe sind, was die Krebsbildungen für den menschlichen natürlichen Organismus sind. (GA328, 182f.)#

Die «wirkliche Erkenntnis der Wesenheit des sozialen Organismus» (GA328, 24) und die aus ihr folgende Gliederung und Verwaltung in drei autonomen Gebieten — mit einer impliziten Begrenzung der ökonomischen Einflusssphäre — war für Rudolf Steiner nicht nur eine mögliche Zukunftskonzeption geisteswissenschaftlicher Provenienz, sondern ein absolutes Zeit- und Zivilisationsgebot («Ich meine, dass die Gedanken, die ich ausspreche, nicht die eines einzelnen Menschen sind, sondern dass sie das unbewusste Wollen der europäischen Menschheit ausdrücken.» GA24, 12). Die soziale Dreigliederung ist — als «fundamentales Strukturgesetz» (Schweppenhäuser) — essentialer Bestandteil der «Lebensmöglichkeiten der modernen Menschheit» (GA328, 61). In einem Leitartikel einer Zeitschrift schrieb Rudolf Steiner:

#Man wird [...] zu keiner Gesundung der Zivilisation kommen, wenn man nicht das Wollen der Zeit, das so dicht in dem Gestrüpp der unpraktischen, illusionären Parteischablonen verborgen ist, 

zum vollen Bewusstsein bringt. (GA24,13)#

In verschiedenen seiner Dreigliederungs-Darstellungen des Jahres 1919 bezog Rudolf Steiner das «Soziale Hauptgesetz», bzw. das «soziale Grundgesetz der menschlichen Arbeit» (GA328, 89) in seine Ausführungen mit ein — seinen Inhalt neuerlich erläuternd und im Rückblick auf die Bemühungen zweimal sieben Jahre zuvor hieß es in Zürich am 12.Februar 1919 beispielsweise:

#Ich habe versucht, bereits im Beginne des Jahrhunderts in einem Aufsatz, der dazumal in meiner damals erscheinenden Zeitschrift «Luzifer- Gnosis» über die soziale Frage erschienen ist, gerade auf dieses fundamentale soziale Gesetz aufmerksam zu machen. 

Aber man predigte damals und predigt über viele Dinge auf diesem Gebiet auch heute noch tauben Ohren, leider. Dieses Gesetz besteht darin, dass niemand, insofern er dem sozialen Körper, dem sozialen Organismus angehört, für sich selber in Wirklichkeit arbeitet. 

Wohlgemerkt, insofern der Mensch dem sozialen Organismus angehört, arbeitet er nicht für sich selbst. Jegliche Arbeit, die der Mensch leistet, kann niemals auf ihn zurückfallen, auch nicht in ihrem wirklichen Erträgnis, sondern sie kann nur für die anderen Menschen geleistet sein. 

Und das, was die anderen Menschen leisten, das muss uns selbst zugutekommen. 

Es ist nicht bloß ein ethisch zu fordernder Altruismus, der in diesen Dingen lebt, sondern es ist einfach ein soziales Gesetz. Wir können gar nicht anders, ebenso wenig wie wir unser Blut anders leiten können, als in der Zirkulation der menschlichen Betätigung so wirken, dass unsere Tätigkeit allen anderen und aller anderer Tätigkeit uns zugutekommt, dass niemals unsere eigene Tätigkeit auf uns selbst zurückfallt.

So paradox es klingt, wenn Sie untersuchen, welchen wirklichen Zirkulationsprozess menschliche Arbeit im sozialen Organismus macht, Sie werden finden: sie geht aus dem Menschen heraus, sie kommt den anderen zugute, und das, was die einen von der Arbeitskraft haben, das ist das Ergebnis der Arbeitskraft anderer. Wie gesagt, so paradox es klingt, wahr ist es. Man kann ebenso wenig leben von seiner eigenen Arbeit im sozialen Organismus, als man sich selber aufessen kann, um sich zu ernähren. (GA328, 89f.)#

Für die wirtschaftlichen Gesichtspunkte seiner Dreigliederungskonzeption war das solchermaßen verstandene «soziale Grundgesetz der menschlichen Arbeit» von ebenso entscheidender wie gestaltender Bedeutung. Die wirkliche Besinnung auf das Wesen der menschlichen Arbeit, so hatte Steiner bereits 1905 aufgezeigt, mache deutlich, dass die Arbeitskraft nicht als Ware betrachtet und entlohnt werden dürfe; als humane Qualität in ihrer unbedingten sozialen Funktion gesehen, gehöre die Arbeitskraft keinesfalls dem — Güter produzierenden, in Verteilung bringenden und konsumierenden — Wirtschaftsbereich an, obwohl sie in diesen hineinwirkt. 

In der Kontinuität seiner Aussagen und Vorschläge von 1905 gehörte es zu den Hauptmerkmalen von Steiners Dreigliederungskonzeption des Jahres 1919, die Materialisierung und Vermarktung der menschlichen Arbeitskraft aufzuheben; erst die Dreigliederung des sozialen Organismus werde, so Steiner, die faktische «Befreiung» der menschlichen Arbeit von ihrer instrumentalisierenden Waren-Interpretation mit sich bringen können:

#Worum es sich handelt, ist [...]‚ dass die menschliche Arbeitskraft nicht im Preise mit irgendeiner Ware verglichen werden kann; dass die menschliche Arbeitskraft etwas ganz anderes ist als die Ware. Diese menschliche Arbeitskraft muss heraus aus dem Wirtschaftsprozess. Und sie kommt nicht anders heraus, als wenn man das Wirtschaftsleben als ein Glied des sozialen Organismus betrachtet, abgegliedert von dem eigentlichen Rechts- oder Staatsorganismus, von dem politischen Organismus. (GA333, 20) 

Man kann nicht die menschliche Arbeitskraft des Warencharakters entkleiden, wenn man nicht die Möglichkeit findet, sie aus dem Wirtschaftsprozess herauszureißen. Nicht darauf kann das Bestreben gerichtet sein, den Wirtschaftsprozess so umzugestalten, dass in ihm die menschliche Arbeitskraft zu ihrem Rechte kommt, sondern darauf: Wie bringt man diese Arbeitskraft aus dem Wirtschaftsprozess heraus, um sie von sozialen Kräften bestimmen zu lassen, die ihr den Warencharakter nehmen? (GA23, 54)

Man merkt gar nicht, dass die wichtigste Frage, von der das Glück oder Unglück der zivilisierten Welt auf volkswirtschaftlichem Gebiet abhängt und auf die jeder Impuls des Denkers gerichtet sein muss, diese ist: Wie löst sich die objektive Ware, das Gut, ab von der Arbeitskraft, sodass Arbeitskraft nicht mehr Ware sein kann? Das kann man erreichen. Wenn man die Einrichtungen trifft im Sinne jener Dreigliederung, die ich Ihnen vorgetragen habe, so ist dies der Weg, um dasjenige, was objektiv vom Menschen losgelöste Ware, losgelöstes Gut ist, von der Arbeitskraft loszulösen. (GA186, 234)#

Während die revolutionären Bestrebungen in Russland und Deutschland in ihren wirtschaftszentrierten Neuordnungsversuchen am (vermeintlichen) Warencharakter der menschlichen Arbeitskraft ungebrochen festhielten («Man wird durch diese Blickrichtung nie finden, wie Arbeitskraft nicht mehr Ware zu sein braucht. Denn eine andere Wirtschaftsform wird diese Arbeitskraft nur in einer andern Art zur Ware machen.» GA23, 54f.), ist es nach Steiner auf dem Boden der realisierten Dreigliederung des sozialen Organismus möglich, die menschliche Arbeitskraft jener Rechtssphäre anheimzustellen, der sie realiter zugehört («zu den Menschenrechten gehört auch das Arbeitsrecht» GA331, I67). Obwohl — oder gerade weil — der Wirtschaftsorganismus die permanente Tendenz hat, die Arbeitskraft «aufzusaugen» und sie — verbrauchend — zur Ware zu machen («das Wirtschaftsleben kann eben nicht anders, als alles, was in seinen Bereich eintritt, zur Ware zu machen»; GA338, 80), ist es Aufgabe des demokratischen Rechtsstaates, sie zu schützen und in ihrer wahren Bedeutung zu erhalten — «das Rechtsleben muss immer der Arbeitskraft ihre naturgemäße altruistische Stellung anweisen» (GA328, 90). 

Darüber hinaus gehört es nach Steiner in den Aufgabenbereich des freien Geisteslebens, das Wesen und die anthropologische Bedeutung der menschlichen Arbeitskraft erkennend zu durchdringen und die motivationalen Aspekte ihrer Ausrichtung ideell zu befördern. 

Geistes- und Rechtsleben müssen, so Steiner, auf diese Weise dem Wirtschaftsleben immer wieder Kräfte zuführen, «welche das entstehende Antisoziale zum Sozialen zurückbringen» (GA24, 73), d. h.‚ sie müssen ein System korrigieren und heilen, dessen Alleindominanz für den Sozialorganismus zerstörend sein würde («Die fortwährend aus dem Wirtschaftsleben sich ergebenden Schäden werden [durch das selbständige Geistes- und Rechtsleben] schon im Entstehen aufgehoben.» GA24, 101).

Konkret beschrieb Rudolf Steiner im Hinblick auf die «soziale Gestaltung der Menschenarbeit» (GA24, 128), dass die Feststellung von «Maß und Art und Zeit der Arbeit» im dreigliedrigen Sozialorganismus auf rechtsstaatlicher Grundlage und vor dem Eintritt des Arbeiters in den Wirtschaftsprozess festzustellen sei (GA333, 21), d.h. nicht selbst Teil des ökonomischen (Waren- bzw. Leistungs-)Vertrages ist, sondern vielmehr des autonomen Rechtsbereiches. 

Über den Wirtschafts-Vertrag selbst sagte Steiner:

#Mag man auch noch so gute Worte sprechen über den sogenannten Arbeitsvertrag — solange er ein Lohnvertrag ist, wird daraus immer nur die Unbefriedigtheit des Arbeiters hervorgehen können. Erst dann, wenn nicht mehr über Arbeitskraft Verträge abgeschlossen werden können, sondern lediglich über die gemeinsame Produktion des Arbeitsleiters und des Handarbeiters, wenn lediglich über das gemeinsame Erzeugnis ein Vertrag abgeschlossen werden kann, wird daraus ein menschenwürdiges Dasein für alle Teile hervorgehen. Dann wird der Arbeiter dem Arbeitsleiter gegenüberstehen als der freie Gesellschafter. (GA333, 21)#

Rudolf Steiner betonte in dem wirtschaftlichen Teil seiner Dreigliederungs-Ausführungen stets die fortbestehende, ja weiterzuentwickelnde individuelle Initiative, auch im Unternehmerbereich («Auf der freien Initiative der individuellen Fähigkeiten und auf dem freien Verständnis, das den Leistungen der individuellen Fähigkeiten entgegenkommt, muss die Sozialisierung beruhen; eine andere gibt es nicht.» GA189, 134f.) — und sagte den entindividualisierend-kollektivierenden Wirtschafts- und Gesellschaftsbestrebungen der russischen Revolution ihr unvermeidliches ökonomisches Desaster voraus («Schalten Sie die geistigen individuellen Fähigkeiten aus, so vernichten Sie auch das Wirtschaftsleben. Niemals kann es sich darum handeln, eine Weltbürokratie einzurichten, durch die ganz gewiss die freie Initiative der geistigen Fähigkeiten ausgeschaltet wird! Diese Weltbürokratie, die das Ideal der Trotzkij und Lenin ist, die würde selbstverständlich den sozialen Organismus zum Verhungern bringen.» [GA190, 43] «Stellt man an die Stelle der Initiative des Einzelnen die abstrakte Gemeinsamkeit, so bedeutet das das Auslöschen, den Tod des Wirtschaftslebens. Der Osten Europas wird es beweisen können, wenn er noch lange unter derselben Herrschaft bleibt, unter der er eben ist. 

Die Auslöschung, den Tod des Wirtschaftslebens bedeutet es, wenn man von dem Einzelnen abnimmt die Initiative, die von seinem Geiste ausgehen muss und hineinfließen muss in die Bewegung der Produktionsmittel, gerade zum Wohle der menschlichen Gemeinsamkeit.» [332a, 48]). Das Verhältnis zwischen dem Unternehmer und dem manuellen Arbeiter (bzw. zwischen dem «Arbeitsleiter» und dem «Arbeiter») aber sollte im Rahmen der sozialen Dreigliederung im strengen Sinne ein Rechtsverhältnis und keinesfalls ein Kaufverhältnis sein, mit entsprechenden Konsequenzen auch für das adäquate «Lohn»-Abkommen und —Verständnis:

#In Wirklichkeit besteht das Verhältnis so, dass der sogenannte Lohnarbeiter zusammenarbeitet mit dem Leiter der Unternehmung, und was stattfindet, ist in Wirklichkeit eine Auseinandersetzung — die nur [üblicherweise] kaschiert wird durch allerlei täuschende Verhältnisse, durch Machtverhältnisse meistens und so weiter — über die Verteilung des Erlöses. 

Wenn man paradox sprechen wollte, so könnte man sagen: Lohn gibt es ja gar nicht, sondern Verteilung des Erlöses gibt es — heute schon, nur dass in der Regel derjenige heute, der der wirtschaftlich Schwache ist, sich bei der Teilung übers Ohr gehauen findet. 

Das ist das Ganze. Es handelt sich darum, hier nicht etwas, was nur auf einem sozialen Irrtum beruht, auf die Wirklichkeit zu übertragen. In dem Augenblicke, wo die soziale Struktur so ist, wie ich sie dargestellt habe in meinem Buch: «Die „Kernpunkte der sozialen Frage“, wird es durchsichtig sein, wie ein Zusammenarbeiten besteht zwischen dem sogenannten Arbeitnehmer und Arbeitgeber, wie diese Begriffe Arbeitnehmer und Arbeitgeber aufhören, und wie ein Verteilungsverhältnis besteht. Dann hat das Lohnverhältnis überhaupt vollständig seine Bedeutung verloren. (GA332a, 73 f.)#


 

Der «Arbeitsleiter» und die manuellen Arbeiter innerhalb einer Unternehmung wirken für eine «gemeinsame Produktion», ein «gemeinsames Erzeugnis», dessen Werdegang — bis in seine konkreten finanziellen und administrativen Rahmenbedingungen hinein — nach Steiner von allen Mitarbeitenden prinzipiell mit- und nachvollzogen werden sollte:

#Es muss als eine Notwendigkeit angesehen werden, dass ebenso wie an der Maschine gearbeitet wird, ebenso regelmäßig in Besprechungsstunden zwischen dem Unternehmer und dem Arbeiter die geschäftlichen Verhältnisse besprochen werden, sodass der Arbeiter fortdauernd ganz genau den Überblick hat über dasjenige, was geschieht — das ist es, was für die Zukunft angestrebt werden muss —, und dass der Unternehmer wiederum jederzeit genötigt ist, sich völlig zu decouvrieren vor dem Arbeiter und mit ihm alle Einzelheiten zu besprechen, sodass ein gemeinsames Geistesleben die Fabrik, die Unternehmung umschließt. Darauf kommt es an. Dann ist es erst möglich, dass sich jenes Verhältnis herausstellt, aufgrund dessen der Arbeiter sich sagt: Ja, der ist ja ebenso notwendig wie ich, denn was soll meine Arbeit im gesellschaftlichen Organismus, wenn der nicht da ist? Der stellt meine Arbeit an den richtigen Platz. (GA189, 134)#

Das Wissen um den gesamten Arbeits- bzw. Produktionsprozess betrachtete Rudolf Steiner ebenso wie das konkrete Verständnis der gesellschaftlichen Notwendigkeit des Erzeugnisses als essentielle Elemente einer künftigen, motivationalen Arbeitsauffassung, einer Arbeitshaltung, die nicht länger aus dem egoistischen Lohninteresse des Einzelnen entsteht, sondern vielmehr auf den selbstlos erkannten Notwendigkeiten der Gemeinschaft (oder Gesamtheit) beruht. 

Wie Rudolf Steiner in einem spirituell grundlegenden Vortrag vom 12.November 1916 in Dornach aufzeigte, kann der Wirtschaftsprozess der Zukunft, durch die weiter ansteigende Spezialisierung und Arbeitsteilung in keiner Weise mehr den unmittelbaren Bezug des Arbeiters oder Handwerkers zu seinem Erzeugnis ermöglichen — an dem er de facto nur zu einem geringen Teil noch beteiligt sein wird. Das Erzeugnis, an dessen gesamter Hervorbringung der Arbeiter in früheren Zeiten tätig war, entfernt sich sukzessive weiter von diesem, im Sinne einer primär vom Menschen «losgelösten», «objektivierten» Werk-Welt, die nicht mehr Teil der eigenen Hände und kaum mehr der seelischen Bindung erreichbar ist. Auch in seinen Dreigliederungs-Vorträgen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs akzentuierte Rudolf Steiner wiederholt diesen Prozess — in seinen Schattenseiten und Möglichkeiten — und sagte im Hinblick auf die zukünftige Motivation des Arbeitsvorganges am 26.Oktober 1919 in Zürich beispielsweise:

#Die alte Hingabe, das unmittelbare Beisammensein mit dem hervorgebrachten Objekte, das ist nicht mehr, das muss aber durch etwas anderes ersetzt werden. Denn das ist nicht erträglich für die menschliche Natur, dass nicht ein ähnlicher Antrieb zur Arbeit da sei, wie er da war durch die Freude am unmittelbaren Hervorbringen des Objektes. 

Das muss durch etwas anderes ersetzt werden. Durch was kann es ersetzt werden?

Es kann allein dadurch ersetzt werden, dass der Horizont der Menschen vergrößert wird, dass die Menschen herausgerufen werden auf einen Plan, auf dem sie mit ihren Mitmenschen in großem Kreise — zuletzt mit allen Mitmenschen, die den gleichen sozialen Organismus mit ihnen bewohnen — zusammentreffen werden, um als Mensch für den Menschen Interesse zu entwickeln. Das muss eintreten, dass selbst derjenige, der in dem verborgensten Winkel an einer einzelnen Schraube für einen großen Zusammenhang arbeitet, mit seinem persönlichen Verhältnisse nicht in dem Anblick dieser Schraube aufzugeben braucht, sondern dass er hineintragen kann in seine Werkstätte, was er als Gefühle für die anderen Menschen aufgenommen hat, dass er es wiederum findet, wenn er herausgeht aus seiner Werkstatt, dass er eine lebendige Anschauung hat von seinem Zusammenhang mit der menschlichen Gesellschaft, dass er arbeiten kann, auch wenn er nicht für das unmittelbare Produkt mit Freude arbeitet, aus dem Grunde, weil er sich als ein würdiges Glied innerhalb des Kreises seiner Mitmenschen fühlt. (GA332a, 93)#

Elf Jahre zuvor, im März 1908, hatte Rudolf Steiner in einem Berliner Architektenhaus-Vortrag über «Beruf und Erwerb» in genau diesem Sinne betont:

#Denken Sie daran, wozu der Mensch imstande ist, wenn er aus Liebe zu anderen Menschen etwas tut. Da braucht es keine Liebe zum Produkt der Arbeit, da braucht es ein Band zwischen Mensch und Mensch. Die Liebe zum Produkt können Sie bei der Menschheit nicht zurückbringen, denn die war an primitive, einfache Verhältnisse gebunden. Dasjenige aber, was die Zukunft bringen muss, das ist die große, allumfassende Verständigung und Liebe von Mensch zu Mensch. Ehe nicht ein jeder Mensch aus den tiefsten Impulsen [...] den Antrieb für seine Tätigkeit finden kann, ehe er nicht imstande ist, die Arbeit aus Liebe für seine Mitmenschen zu tun, eher ist es nicht möglich, echte Impulse für eine Zukunftsentwickelung im Sinne des Menschenheils zu schaffen. (GA56, 246)#

Bereits der fortgeschrittene Arbeitsteilungsaspekt des modernen Wirtschaftslebens bedingt nach Steiner einen immanenten Altruismus der einzelnen Tätigkeit («Rein wirtschaftlich ist der Egoismus unmöglich. Man kann nichts für sich mehr tun, je mehr die Arbeitsteilung vorschreitet, sondern man muss alles für die anderen tun.» [GA340, 46] «Ob man will oder nicht, in einem sozialen Organismus, in dem Arbeitsteilung herrscht, [. . .] kann nicht wirtschaftlich egoistisch gearbeitet und gewirkt werden. Alles, was der Einzelne arbeitet, muss der Gesamtheit zufallen.» GA329, I70f). 

Wird zusätzlich der egozentrische Lohnantrieb der Arbeitsprozesses infrage gestellt bzw. im Rahmen der sozialen Dreigliederung de facto aufgehoben, so entsteht die Möglichkeit — aber auch Notwendigkeit — zur übergeordneten, weithorizontigen Motivbildung des individuellen Arbeitseinsatzes. Wenn «für den anderen arbeiten heißt, aus der sozialen Notwendigkeit heraus arbeiten» (GA340, 48), so sind die Wirtschaftsprozesse der Zukunft nach Rudolf Steiner von einem umfassenden Produktionsverständnis des einzelnen Mitarbeiters (im Sinne der betriebswirtschaftlichen Einheit bzw. des «gemeinsamen Geisteslebens der Fabrik»), zugleich jedoch von dem real erlebten «Zusammenhang mit der menschlichen Gesellschaft», d. h. ihren erlebten Bedarfs- oder Konsumnotwendigkeiten abhängig:

#Der Egoismus liegt dem Bedarf, der Konsumtion zugrunde. Und es handelt sich darum, dass man dieser Tatsache das nötige Verständnis entgegenbringt. Dann wird man nicht für das Wirtschaftsleben die Frage aufwerfen: Wie ist der Egoismus zu überwinden? — sondern: Wie ist es dem Altruismus möglich, den berechtigten Egoismus zu befriedigen? - Vielleicht klingt diese Frage weniger idealistisch, aber wahr ist sie. (GA332a‚ 191)

Es muss wiederum eine Zeit kommen, wo jede Einzelheit des Lebens interessant wird. 

War sie früher interessant durch das, was sie als Objekt war, so wird sie für eine Zukunft interessant werden können, indem wir bei jedem Einzelnen, was wir vollbringen, wissen können, wie es sich eingliedert in die soziale Ordnung der Menschheit. Wir werden, während wir früher auf das Produkt geschaut haben, jetzt auf den des Arbeitsprodukts bedürftigen Menschen schauen. Während früher das Produkt geliebt worden ist, wird menschliche Liebe und menschliche Brüderlichkeit gerade in der entwickelten Seele auftreten können so, dass der Mensch wird wissen können, warum er auf seinem Posten steht. (GA83, 248)#

 

Der Bedarf des einzelnen Menschen und der Gesellschaft wird nach Steiner auch in Zukunft ein notwendig egoistisches Gepräge vorweisen müssen; der «egoistischen», im Duktus individueller Lebensnotwendigkeiten stehenden Konsumtion aber wird eine zunehmend altruistische, «liebedurchwaltete» Produktion gegenüberstehen können — eine Produktion, die keinesfalls — im traditionell privatkapitalistischen oder marktwirtschaftlichen Duktus — profitorientierter Selbstzweck ist, sondern in einem dienenden Verhältnis zum realen Bedarf steht und sich an diesem orientiert. Wie Rudolf Steiner in seinen Ausführungen zur sozialen Dreigliederung im Einzelnen zur Darstellung brachte, wird die Wirtschaftssphäre des sozial dreigliedrigen Organismus von konkreten «Assoziationen» verwaltet werden, die sich aus Zusammenschlüssen von Konsumenten und Produzenten bilden, Sorge für das Vorhandensein, den adäquaten Preis und die Zirkulation der Waren tragen und in denen «objektiver Gemeinsinn» (GA340, 152) bzw. «Brüderlichkeit» (GA333, 29)‚ auf der Basis wahrgenommener wirtschaftlicher Notwendigkeiten erstehen kann:


#Es fehlt heute nicht an Menschen, die herumgehen und sagen: Unsere Volkswirtschaft wird gut, furchtbar gut, wenn ihr Menschen gut werdet. Ihr Menschen müsst gut werden! [...] Aber solche Urteile sind eigentlich nicht viel mehr wert als auch das: Wenn meine Schwiegermutter vier Räder hätte und vorne eine Deichsel, wäre sie ein Omnibus — denn es steht tatsächlich die Voraussetzung mit der Konsequenz in keinem besseren Zusammenhang als da, nur etwas radikaler ausgedrückt.

Dasjenige, was den «Kernpunkten der sozialen Frage» zugrunde liegt, ist nicht diese Moralinsäure, was auf anderem Felde schon seine große Rolle spielen kann; sondern es ist das, dass aus der volkswirtschaftlichen Sache selbst heraus gezeigt werden soll, wie die Selbstlosigkeit rein in der Zirkulation der volkswirtschaftlichen Elemente drinnenstecken muss. (GA340, 153)#


In seinem Aufsatz vom Winter 1905/1906 hatte Rudolf Steiner bereits von zu schaffenden «Einrichtungen» gesprochen, in denen das «Soziale Hauptgesetz» — verstanden als «soziales Grundgesetz der menschlichen Arbeit» — wirksam werden könnte. Die 1919 von ihm beschriebenen Assoziations-Strukturen führten die frühzeitig (in einer «angefangenen Abhandlung») thematisierten Gesichtspunkte weiter aus — und wurden nach dem Ersten Weltkrieg als konkrete «Lebenseinrichtungen» (GA23, I40) auch anfänglich Realität.”

Die von Rudolf Steiner 1919 in zahlreichen Vorträgen und schriftlichen Arbeiten entwickelte «Dreigliederung des sozialen Organismus» war ein großer, weitblickender Wurf, auch im Hinblick auf eine internationale Friedensordnung im Zeitalter der sich rapide entwickelnden Weltwirtschaft. Dennoch ließ Rudolf Steiner in verschiedenen Darstellungskontexten keinen Zweifel daran, dass sie in der von ihm vorgebrachten Form für eine sehr bestimmte, geschichtlich definierte Zeit konzeptioniert war («Nicht darauf kommt es an, wie in chiliastischer Weise ein tausendjähriges Reich herbeizuführen ist, sondern was die geistige Welt für eine kurze Zeitspanne verwirklichen will [...].» (GA192, 16) — im Sinne eines unmittelbar Geforderten und zur Verwirklichung Drängenden:

#Sie [die Dreigliederung des sozialen Organismus] ist etwas, was der Geist der Zeit und der Gegenwart unbedingt von den Menschen fordert, was der Geist der Zeit verwirklichen will, was der Geist der Zeit — bitte, wenn Sie das Folgende hören, werden Sie auch diesen Satz, den ich jetzt vorausschicken kann, verstehen —‚ was der Geist der Zeit tatsächlich verwirklicht. Und gerade dadurch entsteht das Chaos, dass die Menschheit anders denkt und vor allen Dingen anders handelt, als der Geist der Zeit denkt und handelt. (GA192, 18)

Jetzt ist notwendig geworden durch die Zeitforderung die Dreigliederung. Und es wird wiederum eine Zeit kommen, wo die Dreigliederung überwunden werden muss. Aber das ist nicht die jetzige Zeit, das ist die Zeit in drei bis vier Jahrhunderten. Da wird man wiederum denken müssen, wie man die Dreigliederung ablösen kann. — Das ist der Gegensatz zu dem chiliastischen Denken, der Gegensatz zu dem Denken, das ein tausendjähriges Reich ein für alle Mal herbeiführen will, dem Denken, das sich sagt: Wir müssen einen gesegneten Zustand der Menschheit herbeiführen, dann ist er eben da, dann kann er bleiben. — So bequem lebt es sich nicht in der Welt. [...] Die Dinge sind immer richtig für bestimmte Orte und für bestimmte Zeiten. (GA192, 389)#

Rudolf Steiner formulierte die Umsetzung der dreigliedrigen Gesellschaftsordnung als eine primär mitteleuropäische Aufgabe («Ich meine, dass die Gedanken, die ich ausspreche, nicht die eines einzelnen Menschen sind, sondern dass sie das unbewusste Wollen der europäischen Menschheit ausdrücken.»), am Ende eines von Mitteleuropa ausgegangenen Weltkriegs und im Anbeginn einer Epoche, die — seinen Worten zufolge — von einem «westlichen imperialistischen, politisch-wirtschaftlichen Streben» (GA192, 121) — mit entsprechender, weltweiter militärökonomischer Machtentfaltung Anglo-Amerikas — und einem fundamentalistischen Aufstand des Ostens geprägt sein würde; eine Entwicklung, die spätestens im letzten Drittel des 20.Jahrhunderts in aller Deutlichkeit zum Vorschein kam. Steiner versuchte als Initiat, Richtlinien und Arbeitswege für eine alternative Zukunftsgestaltung aufzuzeigen («[...] Mit dem, was nicht aus der Einweihung stammt, ist heute kein soziales Denken mehr zu entwickeln.» GA197, 38); er versuchte «sozial wirksame Ideen von jenseits der Schwelle des physischen Bewusstseins» (GA185a, 198) in die Öffentlichkeit zu stellen, Ideen, die rational nachvollzogen werden und — rechtzeitig ergriffen und sukzessive verwirklicht — eine reale Zukunftsentwicklung der menschlichen Zivilisation vorbereiten und ermöglichen konnten. Trotz einem partiell außerordentlich positiven Presse-Echo auf die im Frühjahr 1919 erschienene Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Lage», Rudolf Steiners persönlichem Einsatz in einer «Aufklärung von unten» (GA185a, 123) sowie dem anfänglich regen Interesse in der Bevölkerung und großen Teilen der Arbeiterschaft aber konnte sich die Dreigliederungsbewegung schließlich nicht in nennenswertem Umfang durchsetzen.“ «Missverstanden [...] auf allen Seiten» (GA83, 278) begegnete Rudolf Steiner auf dem «zerstörten Boden der Ideenlosigkeit» (GA24, 148) nicht zuletzt gravierenden ideologischen Widerständen parteipolitischer und gewerkschaftlicher Orientierung — und wiederholte in gewisser Weise erneut und in weiter gesteigerter Weise seine Erfahrungen von der Berliner Arbeiterbildungsschule. 

Nicht zufällig an Johanna Mücke, die zu Zeiten von Steiners Lehrtätigkeit im Sekretariat der Liebknecht-Schule als überzeugte Sozialistin gearbeitet und später mit Marie von Sivers den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag für das publizistische Wirken Rudolf Steiners aufgebaut hatte, schrieb Steiner Ende Juni 1919, nach zweieinhalbmonatigem Einsatz für die soziale Dreigliederung in Württemberg:

#[...] Wir würden ganz zweifelsohne im Proletariat gute Fortschritte machen, wenn die Parteihäupter sich nicht so energisch bemühten, uns den Boden gründlich abzugraben, und da gehorcht das Proletariat folgsamer als nur je die Katholiken den Häuptern ihrer Kirche gehorcht haben. Und das Bürgertum als Masse schläft den Seelenschlaf, lässt sich daraus aufrütteln an und zu «Erklärungen» und steht in der Hand der Drahtzieher, die von wirksamen Mitteln doch nur die kennen, die dem Geiste entgegengesetzt sind ...#

Auch innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft bemühte sich Rudolf Steiner nach Kräften und gegen zahlreiche Widerstände, den Menschen zu einem Verständnis sozialer Initiativen zu verhelfen — und sie aus der Selbstbezogenheit einer Gemeinschaft zu befreien, die zwar nicht mehr den großbürgerlich-zurückgezogenen Charakter der frühen Theosophischen Gesellschaft vorwies, in sich jedoch keineswegs auf der Höhe von Steiners Arbeitsduktus lebte («[...] 

Die Menschen, welche sich vereinigen in der Bewegung, die wir die Bewegung der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft nennen, sie sollten sich fühlen als einen Kern, von dem die Kraft zur sozialen Neugestaltung ausstrahlt. Denn was zur sozialen Umgestaltung von anderen Seiten her kommen kann, kann sehr nützlich sein. Aber es muss daran gearbeitet werden: Wahrhaftige soziale Umgestaltung kann nur aus spirituellen Impulsen kommen. Deshalb hätte man schon erwarten können, dass aus diesem Kreise, der dieser Bewegung angehört, das beste Verständnis für diese Bedingungen hätte erstehen können.» GA193, 121; Hervorhebung v.V.). Anthroposoph «im wirklichen Sinne des Wortes», so Steiner am 14.September 1919 in Berlin, sei «nur der, welcher von dem Nerv der Zeit ergriffen ist [...].» (GA193, 158) — in einer Haltung des aktiven Engagements, das sich den Mächten und Kräften der Zeit — unter Einbezug ihrer destruktiven Dynamik — realiter gegenüberstellt. 

Bereits am 1.Februar 1919 und damit Wochen vor Beginn der Dreigliederungsbewegung hatte Rudolf Steiner angesichts problematischer Gesellschaftshaltungen in Dornach (und in direkter Kontinuität seiner ersten Berliner Stellungnahmen vor eineinhalb Jahrzehnten) gesagt:

#Ebenso schlimm im modernen Leben wie auf der einen Seite der materielle Kapitalismus, hat auf der andern Seite gewirkt jene Gesinnung, die da sagt: Ach, was kümmere ich mich um Ahriman! Ahriman mag Ahriman bleiben, ich widme mich den Impulsen des Innersten meiner Seele, ich gebe mich der geistigen Welt hin, ich suche die geistige Welt so, wie ich sie in meinem Inneren finden kann; die Angelegenheiten der Seele interessieren mich. Was kümmert mich dieses ahrimanische Kredit-, Geld-, Vermögens- und Besitzwesen! Was kümmert mich der Unterschied zwischen Rente und Zins, zwischen Bruttoeinnahmen und Reingewinn und so weiter. Ich kümmere mich um die Angelegenheiten meiner Seele! 

— Aber, wie der Mensch eine Einheit ist nach Leib, Seele und Geist, und wie ihm zwischen Geburt und Tod Leib und Seele und Geist zusammengebunden sind, so sind im äußeren physischen Dasein verbunden diejenigen Impulse, die wir finden können durch das innerste Gefüge unserer Seele, und diejenigen Impulse, die in der äußeren Wirtschaftsordnung liegen. Und ebenso schuldig an dem modernen Katastrophalen, wie es auf der einen Seite die materialistischen Kapitalisten sind mit ihrer Denk- und Gesinnungsweise, ebenso schuldig sind diejenigen, die auf der andern Seite nur fromm, nur geisteswissenschaftlich sein wollen, in ihrem Sinne dieses Geisteswissenschaftliche abstrakt einschränken und sich nicht einlassen auf die Durchdringung der alltäglichen Wirklichkeit mit einem eingreifenden Denken.

Das ist es, was mich immer wieder und wiederum bewogen hat, zu Ihnen davon zu sprechen, dass Sie doch ja nicht diese anthroposophische Geistesbewegung als eine Gelegenheit nehmen sollen, bloße Sonntagnachmittagspredigten zu hören, die einem wohltun in der Seele, weil sie einem davon sprechen, dass das Leben ein Ewiges ist und so weiter, sondern dass Sie diese anthroposophische Bewegung nehmen als den Weg, die modernen Aufgaben des Daseins, die so brennend an uns herandringen, wirklich sinngemäß anzugreifen. Und eine der ersten Notwendigkeiten ist diese: zu verstehen, wo begonnen werden muss [...]. (GA188, 231 f.)#

Auch gegen die vorsichtig artikulierte Unterstellung, das «Soziale Hauptgesetz» und die «Dreigliederung des sozialen Organismus» — mit ihrem spezifischen Arbeits- und Brüderlichkeits-Begriff — seien ihrer Zeit (bzw. der moralischen Entwicklungsstufe der Menschen) voraus und könnten in der Gegenwart noch nicht realisiert werden, verwahrte sich Rudolf Steiner mit Nachdruck:

#Man hört heute vielfach: Ja, diese Ideen sind ja vielfach sehr schön, und sogar verwirklicht gedacht wären sie sehr schön, aber die Menschen sind ja noch nicht reif dazu. In ihrer Masse seien die Menschen noch nicht reif dazu. — Ja, was heißt denn das eigentlich, wenn man sagt, die Menschen in ihrer Masse seien noch nicht reif? Wer das Verhältnis der Idee zur Wirklichkeit kennt, wer das praktische Leben nach seinem Wirklichkeitscharakter durchschaut, der denkt anders über diese Menschen, der weiß, dass genügend Menschen in der Gegenwart sind, welche, wenn sie nur tief genug in ihr Inneres hineingehen, volles Verständnis aufbringen können für das, um was es sich hier handelt. Was abhält, ist zumeist nur die Mutlosigkeit. 

Die Energie fehlt, zu dem wirklich vorzudringen, bis zu dem man vordringen könnte, wenn man nur volles Selbstbewusstsein in sich ausbilden könnte. (GA332a, 203f.)#

 

 


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