WALTER JOHANNES STEIN IN ZUSAMMENARBEIT MIT RUDOLF STEINER

Anthroposophie Berkeley Fichte Geisteswisschenschaft Locke Naturwissenschaft Rudolf Steiner

Peter Stühl 18. März 2021

Walter Johannes Stein in Zusammenarbeit mit Rudolf Steiner

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Walter Johannes Stein (1891–1957) studierte Mathematik, Physik und Philosophie, bevor er auf Rudolf Steiner traf. Die Dissertation erlangte er 1921. Seine Schülerschaft bei Rudolf Steiner spielte darin eine besondere Rolle, denn er hatte einen Auftrag.

Nach ausgiebiger Lektüre der Steiner’schen Schriften will Walter Johannes Stein diesen Menschen kennenlernen und besucht seinen Vortrag über die Dreigliederung des Menschen. Stein sagt sich: «Dieser Mann, der Rudolf Steiner heißt, gibt wirkliche Anweisungen zur Entwicklung eines dreigegliederten hellseherischen Bewusstseins. Nun sagt er mir in seinen Büchern, dass er nichts lehre, was er nicht selbst gefunden habe.

 Also muss er die Fähigkeiten selbst besitzen; er muss hellsichtig sein. Falls das zutrifft, muss er auch in der Lage sein, meine Gedanken zu lesen; er wird meine jetzigen Gedanken lesen können. Ich kann ihm also Fragen stellen.» Er stellt sie ihm gedanklich während des Vortrages und meint auch Antworten darauf zu bekommen. Nach Vortragsende reicht er eine schriftliche Frage ein: Was kam zuerst, menschliche Sprache oder menschliche Vernunft? «Rudolf Steiner nahm den Zettel hoch und beantwortete die Frage, aber nicht so, wie ich dachte.» Steiner ging von der individuellen Entwicklung des Kindes aus. Stein war bitter enttäuscht, offensichtlich hatte er die Frage nicht verstanden.

 Rudolf Steiner legte den Zettel nieder und schwieg einige Augenblicke. Dann nahm er ihn wieder auf und sagte: «Was ich eben gesagt habe, gilt nur von einem bestimmten Gesichtspunkt aus; es gibt noch einen anderen Aspekt, den der Urheber der Frage im Sinne hatte.» Und er ging dazu über, zu zeigen, wie sich in der Entwicklung der Menschheit Sprache und Vernunft, die eine anhand der anderen, entwickelt hatten.

Stein entscheidet, er möchte Rudolf Steiners Schüler werden. Steiner darauf: «Können Sie Englisch? Lesen Sie Locke und Berkeley. Sie müssen das Gleichgewicht zwischen beiden finden. Ich werde Ihnen noch Weiteres angeben […] Sie müssen es so machen wie ich. Ich habe Aristoteles durch Johann Gottlieb Fichte ergänzt. Aristoteles hat die Naturerkenntnis und empfängt seine Gedanken wie eine Wahrnehmung. Er sagt, es ist nichts in Gedanken, was nicht durch die Sinne in uns eintritt. Fichte aber hat die Tathandlung. Er hat die spirituelle Aktivität […] Wenn Sie daher den Aristoteles durch Fichte weiterbilden, kommen Sie zur Anthroposophie […] Sie müssen eine Erkenntnistheorie dieser spirituellen Erkenntnis schreiben und sie in ein Verhältnis zur Naturwissenschaft setzen.»

Kriegsjahre und Lebenseinweihung

Stein arbeitet mit seiner Mutter, die als junge Frau zur Theosophie kam, am ersten Goetheanum, als der Erste Weltkrieg ausbricht und er als Offizier zurück nach Wien muss. Er fragt Rudolf Steiner, was er machen soll, denn wenn die Grenzen geschlossen sind, kann er der Einberufung nicht folgen. Steiners Antwort: «Folgen Sie der Stimme ihres Gefühls!» Im Wartesaal auf dem Basler Bahnhof schreibt Stein einen Brief an den «Hochverehrten Herrn Doktor», den Steiner in zwei Vorträgen verliest als ein Zeichen für die Gesinnung, die aus der Anthroposophie erwächst: den Glauben an ‹die Sieghaftigkeit des Geistes›.

Stein hat in den riesigen Wäldern Russlands durch alle Jahreszeiten hindurch seine Kriegserlebnisse. Wie nie zuvor ist er von Natur umgeben, dem denkbar besten Meditationsgegenstand, wie er sagt. Während er im Schlamm oder auf dem Sand liegt, liest er Locke und Berkeley und sucht nach einem Mittelweg zwischen den beiden Extremen. In den Reit-, Gefechts- oder Fieberpausen schreibt er gedanklich fortwährend an seiner Dissertation weiter. Von seinen Kameraden wird er belächelt, weil er keinen Tropfen Alkohol anrührt. Dies ist die einzige Bedingung, die Rudolf Steiner gestellt hat.

Als der Befehl zum Rückzug kommt, ist es für ihn wie in einem Traum. Er passiert alle Orte, die mit Erlebnissen des Vormarschs verbunden waren. Erst nach anderthalb Jahren sind die Strapazen vorüber und er kehrt in die Heimat zurück. Er ist durch die Stationen einer Lebenseinweihung gegangen und seine Dissertation steht fertig vor seinem Geist. Sie muss noch niedergeschrieben werden. Er schreibt an Rudolf Steiner:

«Ich muss selbst erleben in Furcht und Schrecken, was in der Philosophie des Locke, des Berkeley west. Und meine Kräfte versagen – mir fehlt so oft die starke Kraft, die von der Vorstellung ins Wesenhafte führt. Nur denken kann ich es, aber nicht erleben. Das ist es, worin ich Hilfe brauche, um die ich herzlich bitte. Denn alles, was ich auch vermag, es reicht nicht in Geisteswirklichkeit.»

Die Dissertation

«Die moderne naturwissenschaftliche Vorstellungsart und die Weltanschauung Goethes, wie sie Rudolf Steiner vertritt» soll der Titel sein, aber das innere Ordnungsprinzip hat Stein noch nicht gefunden. Der Grundgedanke, der in den vielen Einzelheiten die Einheit schafft, fehlt ihm. Er sucht die Hilfe durch Rudolf Steiner und trifft ihn in Berlin an, in angespanntester Tätigkeit. Steiner nimmt sich trotzdem die Zeit für ausführliche Gespräche. Auf die Frage Steins nach der inneren Zielsetzung antwortete Steiner: «Ihre Dissertation soll die Geltung des Übersinnlichen sichern. Das ist das geistige Ziel, das Sie sich setzen können damit. Berücksichtigen Sie in allem, was Sie in Ihrer Dissertation schreiben werden, ganz genau die okkulten Realitäten, aber machen Sie die Darstellungen so, dass Sie, indem Sie die okkulten Details vermeiden, doch die ganze okkulte Realität darstellen. Das können Sie, wenn Sie den okkulten Tatbestand restlos in Begriffe umwandeln. Es wird Ihnen dann gelingen, auf dem Felde der Erkenntnistheorie zu bleiben.»

 «Ihre Dissertation soll die Geltung des Übersinnlichen sichern. Das ist das geistige Ziel, das Sie sich setzen können damit.»

In den Jahren 1916/17 – ein Jahrsiebt nach den Vorträgen über ‹Anthroposophie› und der fragmentarisch gebliebenen Niederschrift – macht Rudolf Steiner den Schritt in die öffentliche Auseinandersetzung mit der naturwissenschaftlichen Erkenntnisart. In den Büchern ‹Vom Menschenrätsel› (1916) und ‹Von Seelenrätseln› (1917) setzt er sich damit auseinander. Mit diesen grundlegenden Ausführungen, einer Abrundung der erkenntnistheoretischen Frühschriften, ist Rudolf Steiner beschäftigt, als er Stein empfängt.

Goethes Märchen als Gliederung

Der ungestüme Frager scheint ein willkommener Gast; will er doch durch seine Arbeit die anthroposophische Erkenntnisart vor dem naturwissenschaftlichen Bewusstsein rechtfertigen. In einem Brief an Steiner schreibt er von seinem Kompositionsgeheimnis der Abhandlung: «Ich habe, dem deutlichen Impuls folgend, der Kapitelgliederung meiner Arbeit die zwölf Bilder zugrunde gelegt, in welche Goethes Märchen sich gliedert, wenn man es in Bildern vor der Seele vorüberziehen lässt. Freilich ist davon in der Arbeit nichts zu finden, aber als Seelenimpuls stand mir die schöne Lilie bei. Ich bin ihr großen Dank schuldig.»

Goethe, Steiner, Stein

Stein fasst in seiner Arbeit zusammen: «Das selbstbewusste Ich identifiziert sich zuerst mit dem Leib, dann mit den Erinnerungen, dann mit den Trieben, Leidenschaften und Begierden, dann mit dem moralischen Wesen, dann endlich mit der Sphäre der allen gemeinsamen Ichheit, erlebt von einem höheren Bewusstsein aus. Es erlebt dann, wenn es dieses höhere Bewusstsein realisiert, sich: als die allen gemeinsame Ichheit; die allen gemeinsame Ichheit: als sich. Weil aber Liebe ‹das Erleben des andern in der eigenen Seele›, Denken aber ‹die Tätigkeit› ist, ‹sich in ein anderes zu versenken›, so fließen auf dieser Stufe denkende Hingabe an die allen gemeinsame Ichheit, liebendes Hereinnehmen der allen gemeinsamen Ichheit in die eigene Seele harmonisch zusammen.

Diese Stufe erreicht die naturwissenschaftliche Vorstellungsart nicht, ‹denn im Grunde arbeitet alles wissenschaftliche Streben der neueren Zeit (1921!) mit den wissenschaftlichen Denkermitteln, welche der Loslösung des selbstbewussten Ich von der wahren Wirklichkeit dienen› [Steiner: Rätsel der Philosophie, Bd. II,  S. 234]. Goethe aber basiert ganz auf dieser Stufe. Er sagt: Ob man sich als selbstbewusstes Ich der Natur gegenüber fremd fühlt, ob man sich in Natur, Natur in sich erlebt – das hängt nur davon ab, bis zu welcher Erkenntnisstufe man sich hinaufarbeitet: ‹Natur hat weder Kern noch Schale / Alles ist sie mit einem Male. / Dich prüfe du nur allermeist / Ob du Kern oder Schale seist.›»

Die Wirklichkeit der Beziehungen

In seinen Lebenserinnerungen beschreibt Stein den Augenblick, als er Professor Stöhr aus Wien aufsucht mit der Frage, ob er seine Arbeit annehmen würde. «Worüber möchten Sie denn schreiben?» Stein: «Ich möchte die Naturideen und die Erkenntnistheorien von Goethe und Rudolf Steiner vergleichen und zeigen, dass das menschliche Bewusstsein nur eine besondere Art von Bewusstsein ist und dass es noch andere Bewusstseinsformen gibt, zu denen wir uns entwickeln können. Ich will die möglichen Formen des Bewusstseins klassifizieren und untersuchen, in welcher Beziehung sie zu dem stehen, was uns die Wissenschaft über die wirkliche Welt lehrt. Ich möchte den Mittelweg zwischen Lockes einseitigem Sensualismus und Berkeleys Verleugnung jeglicher Materie aufzeigen.» Stein besteht alle Prüfungen und Professor Höfler fragt Stein, warum er selbst nach den vielen Zitaten des Kandidaten Rudolf Steiners Texte nicht verstehen könnte.

Stein: «Falls Sie die Antwort annehmen wollen? Sie haben Ihr Denken in einer zu einseitigen Weise in der kantischen Schule ausgebildet. Kant sucht die Wirklichkeit der Dinge hinter den Phänomenen statt in ihren gegenseitigen Beziehungen.»

 Der Professor  bricht das Examen ab und gibt die Bestnote. Mit dem Telegramm von Stein über den Abschluss der Prüfungen in der Hand geht Rudolf Steiner in Dornach zu Frau Stein: «Grüß Gott, Frau Doktor!» und wiederholt diese Worte so oft, bis sie schließlich begreift.

 Fußnoten

  1. Johannes Tautz, W. J. Stein, Eine Biografie. Dornach 1989.
  2. Walter Johannes Stein, Der Tod Merlins. Das Bild des Menschen in Mythos und Alchemie. Dornach 1984.
  3. Johannes Tautz, a. a. O.
  4. Ebd.
  5. Ebd.
  6. Walter Johannes Stein, Die moderne naturwissenschaftliche Vorstellungsart und die Weltanschauung Goethes, wie sie Rudolf Steiner vertritt. Stuttgart 1921.
  7. Johannes Tautz, Lebenserinnerungen von W. J. Stein. Philosophisch-Anthroposophischer Verlag am Goetheanum, 1989
  8. Walter Johannes Stein, Der Tod Merlins. A. a. O.

 


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