WAS MEINT HANDLUNGSPÄDAGOGIK

Landwirtschaft und Pädagogik

WAS MEINT HANDLUNGSPÄDAGOGIK?

Landwirtschaft als Chance zur ganzheitlichen Bildung

von Dr. phil. Peter Guttenhöfer, Text

Karlheinz Flau,

Teil-Zeichnung aus NEUE LESEBILDER, Mappe, jürgensendsign 

Was heute „Schule“ genannt wird, ist kaum mehr zeitgemäß. Bis vor hundert Jahren hat das Kind in Mitteleuropa beim Heranwachsen in der Familie sehr vieles gelernt, weil es von klein auf in die Arbeitsprozesse der Erwachsenen einbezogen war. Eine Vielfalt von Handfertigkeiten wurde erworben: Holzhacken, Feuer machen, Beeren pflücken, Zwiebeln schneiden, melken, putzen, kochen, backen, waschen. Ein großes Geschicklichkeitsprogramm, unerlässlich für Gehirnreifung und Ausbildung der verschiedenen Intelligenzen. Lange Wege wurden zu Fuß bewältigt, schwere Lasten wurden geschleppt, Wind und Wetter war man ausgesetzt. Immer war das Kinderleben schwer und voller Gefahren. Unter günstigen Umständen gab es Zeit und Raum und eine Vielfalt von Naturgegenständen, Tieren und altem Krimskrams zum Spielen. Und natürlich Geschwister und Nachbarskinder! Das waren die Grundbedingungen für eine Kindheit, die später die Altgewordenen eine „glückliche Kindheit“ nannten. Sicherlich gehörten dazu auch die Liebe und die Tüchtigkeit von Mutter und Vater und der Alterssonnenschein der Großeltern.

Schule fördert Intellekt aber nicht Handfertigkeiten …

Die Lebensbedingungen in Mitteleuropa sind heute vollständig anders. Nicht gemeint ist, dass es früher besser war. Das Bedeutungs­volle für unsere Betrachtung liegt darin, dass das Kind heute zu Hause fast gar nichts mehr lernt. Je wohlhabender, städtischer, bürgerlich geordneter und gesicherter die Familie lebt, umso weniger Hausarbeit fällt für das Kind an, umso weniger Geschwister gibt es, umso kürzer werden die Wege, die das Kind zu Fuß gehen muss. „Schule“ aber stammt aus jener schweren Zeit, in der es ein Privileg war, aus den dumpfen Verhältnissen des Land- und Dorflebens für die Hälfte des Tages erlöst zu werden, um Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen.

Und so bildete sich das Ideal, dem Bauern- und Handwerkerdasein zu entfliehen und in der Stadt das Leben eines gebildeten Menschen zu führen. Damit aber ging das Erüben der Ha nd- und Fußfertigkeiten in Hof und Haus zurück, im Verlauf des 20. Jahrhunderts versiegte es schließlich ganz durch Elektrifizierung und Automatisierung. In den letzten Jahrzehnten versiegt auch das Familienleben selbst; sogar die elementarste Menschenbeziehung, die zwischen Mutter und Kind, wird nun abgelöst durch das Leben des Kindes in Krippe und Kindergarten und die Erwerbstätigkeit der Mutter außerhalb des Hauses möglichst bald nach dem Abstillen.

… Entfremdung von sich selbst und der Natur ist die Folge

Die „Schule“ – es ist hier nur von der Grundschulstufe die Rede – hätte das große Lernprogramm, das den Kindern einst vom häuslichen Leben abverlangt wurde, übernehmen müssen! Sie hat es nicht getan; sie verharrt bis heute bei ihren „heiligen Kühen“: Lesen, Schreiben und Rechnen. Nur sehr rudimentär ersetzt sie es durch kleine Zusätze zum allgemeinen Unterricht, durch Handarbeit, Turnen, Ausflüge. Sie nimmt sich einseitig die Förderung der kognitiven Fähigkeiten der Kinder vor und vernachlässigt das alte Geschicklichkeitsprogramm fast völlig.

 

Das hat zur Folge, dass der jugendliche Mensch mit seinen Sinnen und seinen Gliedmaßen keinen Eingang findet in die physische Welt, dass er in Wahrheit an einer vollständigen Inkarnation in die Erdenverhältnisse hinein gehindert wird. Die irdische Welt bleibt ihm fremd, er selbst fühlt sich fremd auf der Erde, und fremd auch wird ihm sein eigener physischer Leib, wie es seit einiger Zeit z. B. in der dramatischen Steigerung der allergischen Erkrankungen und der Diabetes der Kinder in Mitteleuropa zum Ausdruck kommt. Rudolf Steiner hat schon 1919 den Zusammenhang zwischen der Stilllegung der Gliedmaßen und der Diabetes aufgezeigt.

 

Die Nichterfüllung der Pflicht, die „Schule“ heute eigentlich hat, führt zu der allgemeinen Frustration aller Betroffenen durch das heutige staatlich gelenkte Bildungswesen. Dies korrespondiert mit der Tatsache, dass in unserer Republik das Kind unter Androhung polizeilicher Gewaltanwendung genötigt wird, sich der Pflicht zu unterwerfen, in der Schule tagtäglich wenigstens anwesend zu sein. Es scheint, als wende sich der gesamte Zivilisationsprozess in die Richtung, Mensch und Erde einander zu entfremden, indem der Gliedmaßen-Mensch zum Nichtstun angehalten, das Vorstellungsleben mit unvollständigen, irreführenden Begriffen strukturiert und eine Emotionalität entfacht wird, deren Dynamik vor allem aus egoistischen Triebkräften gespeist wird.

 

 

Tiere sprechen an, fordern aber auch Verantwortung: Verbindlichkeit muss gelernt werden.

Selbsterziehung in ganzheitlichem Zusammenhang ermöglichen

Das Kind unseres Zeitalters braucht gerade nicht die sterile Umgebung und das reduzierte Lernprogramm, das „Schule“ ihm bietet; es braucht eine vollständige Umgebung, eine erzieherische Umgebung, in der es seine Selbsterziehung vollziehen kann. Eine Umgebung, die dadurch konstituiert ist, dass die vier Elemente, die drei Naturreiche und der arbeitende Mensch in schöpferisch-produktiver Wechselbeziehung zusammenwirken.

 

Der Ort, wo das geschieht auf Erden, ist der landwirtschaftliche Hof, auf dem nach den Grundsätzen des Biologisch-dynamischen Landbaus gearbeitet wird. Das Kind wird im Wesentlichen nicht direkt unterrichtet, sondern lernt durch das „allmähliche Hereinnehmen in die Tätigkeiten der Erwachsenen“ (Novalis). Auf die Vielfalt der Tätigkeiten der Erwachsenen kommt es an; der Bauernhof kann so gestaltet werden, dass seine Menschen sowohl Nahrungsmittel gewinnen, als auch allgemeine kulturelle Arbeit tun. Das bedeutet, dass der Hof als ganzheitlicher Organismus eine „Schule“ wird, wo die Kinder gemeinsam mit den Großen sich schulen in einer um die realen Tätigkeitsbereiche des Hofes – Landbau, Gartenbau, Handwerke, Hauswirtschaft – erweiterten erzieherischen Umgebung. Der Lehrer wird auch Bauer, Bauer und Handwerker sind Lehrer. Der Hof wandelt sich um in eine „Kulturstätte“, in der alles, was „Schule“ einmal geboten hat, von den Kindern selbstverständlich auch gelernt wird, weil es zum Leben gehört: Lesen, Schreiben, Rechnen, Musik und all die schönen Sachen.

 

Mit den wenigen Sätzen sei hingewiesen auf das, was wir „Handlungspädagogik“ nennen (s. Literatur ). Natürlich ist die Umwandlung von „Schule“ der längst vergangenen Kulturperiode in die erzieherische Umgebung der Zukunft ein langwieriger historischer Prozess, dem auch Widerstand entgegentritt. Auf dem Demeter-Hof Pente bei Bramsche ist nun mit den Vorbereitungen begonnen worden, einen kleinen Prototyp des Gemeinten zu entwickeln. Alles fängt klein an; da nicht das gesamte Erziehungs­system der Republik auf einmal refor­miert werden kann, ist unser Slogan: Small is beautiful! Es geht zunächst um ein erweitertes Erziehungsangebot für eine altersgemischte Gruppe von Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter. Für den Hof und seine Menschen ist das Chance und Herausforderung zugleich, wie die folgende Darstellung zeigen wird.

Autorennotiz

•    Dr. phil. Peter Guttenhöfer ist Oberstufenlehrer, Lehrbeauftragter an der Uni Kassel und in der Lehrer-Bildung und Schulberatung tätig.


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