WOLFRAM VON ESCHENBACH - PARZIVAL VON WALTER JOHANNES STEIN

Geschichte HEILIGE GRAL Neunte Jahrhundert Schicksal Waldorfpädagogik WOLFRAM VON ESCHENBACH

WALTER JOHANNES STEIN -

WELTGESCHICHTE IM LICHTE DES HEILIGEN GRAL

DAS NEUNTE JAHRHUNDERT

J.Ch.Mellinger Verlag Stuttgart, 1966

 

Mein Augenmerk habe ich auf die Frage gelegt, warum in die Abenteuer des Parzival die des Gawan verwickelt sind? Der Autor versucht nachzuweisen, dass die Gawan-Abenteuer kein „Einschiebsel“ in den Verlauf der Dichtung sind, sondern im Äußeren spiegeln, was Parzival innerlich noch nicht geleistet hat. 

Fazit: Gawan wie auch der Halbbruder Firefis gehören zur Entwicklung des inneren Weges Parzivals. Interessant ist auch, dass Es in diesen Texten für den Helden darauf ankommt, in seiner Entwicklung durch den Tierkreis zweimal durchzugehen. 

Analog zur allgemeinen menschlichen Entwicklung richtet der Gang durch Kindheit und Jugend einiges an, dass mit dem zweiten Gang in „Ordnung“ gebracht wird.

Walter Johannes Stein weist darauf hin, dass es sich nicht um ein Epos handelt, das in der Vergangenheit durchlebt wurde, sondern darauf, dass der Gral in Gegenwart und Zukunft von jedem Menschen „gesucht“, bzw. errichtet wird.

Peter Stühl

 

Inhaltsverzeichnis des Werkes

EINLEITUNG

Herbert. Hahn: Walter Johannes Stein. Einiges ans seinem Leben. 

Johannes Tautz: Walter Johannes Stein und das neunte Jahrhundert.

ZUM GELEIT

Darstellung der Veranlassung und des Zieles der vorliegenden Arbeit.

ERSTES KAPITEL 

Rudolf Steiners Besuch in der 11.Klasse der Waldorfschule. 

Hier wird erzählt‚wie die Grundidee der vorliegenden Betrachtung von Rudolf Steiner gelegentlich eines Besuches in der Waldorfschule ausgesprochen wurde und welche Methode für die Fortsetzung der Gralstradition die geeignete ist.

ZWEITES KAPITEL 

Das Auftauchen der Gralserlebnisse im achten und neunten Jahrhundert.

Eine Stelle aus Lestoire del Saint Graal.

Die Erzählung der Translatio sanguinis Domini von Reichenau.

Die Molsheimer Legende vom Ritter Hugo, der das rosenfarbene Blut der ersten Vergießung des Blutes Jesu von Ludwig dem Frommen empfängt.

In Karls des Großen Umgebung finden Wir einen Kreis von Menschen, den die Sage als Empfänger von Blutreliquien des Heilandes erwähnt. 

Sie pflegen ein deutsches volkstümliches Christentum.

Als Karl der Große den Bund mit dem römischen Christentum schloß wurde eine neue esoterische romfreie christliche Strömung notwendig.

Diese setzt Ulfilas Impulse fort und ist schicksalsgemäß verbunden mit dem esoterischen Christentum des Dionysius-Areopagita. 

DRITTES KAPITEL 

Die Sage von Flore und Blanscheflur als Ausdruck eines zwei Generationen vor Karl dem Großen nach dem Orient gerichteten Suchens, welches das rosenkreuzerische Gral-Christentum vorbereitet.

VIERTES KAPITEL

Orient und Occident. 

Hier wird gezeigt, daß die Geschichte des Gral die Geschichte der vom Himmel zur Erde ziehenden Weisheit ist, die sich im Fortschreiten von Ost nach West mit Christi Liebe erfüllt. 

Was in Persien verloren zu gehen drohte, die Verbindung der persischen Christusprophezeiung mit dem im Griechischen fortgepflanzten Weisheitsleben rettete Charibert von Laon, um es zu bewahren für den Moment, da die Menschheit es empfangen darf.

FÜNFTES KAPITEL

Wolfram von Eschenbachs Parzival als Weg einer inneren Entwicklung des Menschen, 

als Anweisung zur Erbildung eines Organs zum Wahrnehmen des Schicksalswaltens und als 

Darstellung von Ereignissen des  n e u n t e n  Jahrhunderts.

SECHSTES KAPITEL 

Papst Nicolaus I. und das achte ökumenische Konzil 869. 

Eine Darstellung des Ringens des Geistes der Wahrheit mit dem Geist der Unwahrheit. Gralsimpulse und Klingsor-Strömung.

SIEBTES KAPITEL

Das Gralsgeschlecht. 

Hier wird gezeigt, daß der Christusimpuls immer wieder neu erlebt werden muß. 

Im neunten Jahrhundert war ein Familienzusammenhang Christophor. 

In unserer Zeit bereiten sich die Völkerseelen zu Christusträgern.

NACHWORT 

Das Buch will nur Materialien geben. — Dank an die Helfer und Förderer dieser Arbeit.

ANHANG

Die Legende des Pater Nonnosus (eine Ergänzung zur Waldolegende).

Vorrede und Einleitung zum Buch Jaschar 

(ein Beitrag zur Quellenforschung Wolframs von Eschenbach)

Der heilige Laurentius und die Gralstradition von San Juan de la Pena in Spanien (ein Hinweis)

Zur Chronologie in Wolframs Parzival

Literaturnachweis

Register

Verzeichnis der Bild- und Faksimilebeigaben auf Tafeln

Anlagen. Zwei Übersichten: I. Die mit der Gralssage verbundenen Persönlichkeiten. 

II. Zusammenhang der Personen der Parzival-Dichtung Wolframs.

 

 

Aquarell um 1890 

SECHSTES ABENTEUER

Seite 206

lm  s e c h s t e n  Abenteuer lernen wir eine grosse Gefahr kennen, der Parzival durch wunderbare Schicksalsführung glücklich entrinnt. Parzival ist es nicht vorbestimmt, Artusritter zu werden - Schwertritter. Ihm ist vielmehr bestimmt, Ritter vom Wort zu werden - Gralsritter. 

Wenn uns der Dichter daher erzählt, Artus habe sich auf die Suche gemacht, um Parzival an seine Tafelrunde zu ziehen, so bedeutet das eine grosse Gefahr für Parzival. 

Sehr Schmerzvolles muss Parzival in diesem Abschnitt erleben. 

Aber gerade dieses Schmerzvolle, die Verbannung von Artus' Tafelrunde durch den Fluch der Gralsbotin, ist ihm zum Heil. 

Ehe wir aber die Einzelheiten darüber erzählen, sei eine allgemeine Bemerkung über den architektonischen Aufbau der Dichtung gestattet.

Wir haben Parzival begleitet durch mannigfache Abenteuer. 

Sie erwiesen sich in ihrer Anordnung so, dass wir erkennen konnten, Parzival ist ein echter Sonnenheld. Die Dichtung schritt, in den Zwillingen beginnend, durch die Tierkreisbilder. 

Wir wurden, der Reihe nach die Tierkreisbilder durchlaufend, zum Widder geführt. 

Als Parzival in die Gralburg trat, erreichte die Erzählung die Stimmung, die dem Widder entspricht. Wir haben dann erfahren, wie Parzival, nachdem er die Gralburg verlassen hat, anfängt, rückwärts zu erleben, und wie die strenge Schicksalsgesetzmässigkeit ihn ergreift. 

Dies entspricht der Stimmung des S t i e r e s. 

In dem nun folgenden Kapitel treten wir wiederum ein in das Zeichen der Zwillinge. 

Parzival wird zum Zweifler, er sagt Gott ab. 

Wie in Spiralen höher steigend, durchläuft die Dichtung auf höherer Stufe zum zweitenmal den Tierkreis. Aber indem sie übergeht zu diesem Sich-Erheben in die Wiederholung auf höherer Stufe, fügt der Dichter zu den Kräften des Tierkreises die der Planeten. Und alles folgende ist erfüllt von Planetenwirksamkeit. 

Später, als Parzival Gralskönig ist, wird es deutlich ausgesprochen, hier auf dieser Stufe nur angedeutet. Wer genau den ganzen Gang der Dichtung verfolgt, wird die Bemerkung machen, dass die Erwähnung unzeitigen sommerlichen Schnees bei Wolfram von Eschenbach mit Hinweisen auf den Saturn verbunden wird. 

Die alchemistischen Schriften des Mittelalters sagen vom Saturn, dass er mit der Kälte zusammenhänge (Vgl. Basilius Valentinus: „Mein Geist ist süss, kalt wie ein “Eis'“, lässt er den Saturn sagen.) Saturn ist aber nicht einfach als Kältebringer aufzufassen. Wolframs Bemerkung 782,14-16, dass die Planeten sich kämpfend entgegenstemmten gegen den Weltverlauf, 

die ja gewiss zunächst nur Bewegungsverhältnisse meint, zeigt vielleicht doch auch, dass Saturn deshalb bei ungewöhnlicher Kälte erwähnt wird, weil er sich dieser entgegenwirft. 

Auf den Zusammenhang des bunten Speeres mit dem Saturn, der in allen alchemistischen Schriften, z.B. bei Basilius, der vielfarbige genannt wird, haben wir schon hingewiesen. 

Machen wir uns also bewusst, dass mit den nächsten Versen der Dichter hinweist auf eine Konstellation, welche Saturn besonders zur Wirksamkeit aufruft. 

281,10 

Nun hört wohin uns ist gekommen,

Parzival der Waleis.

Über Nacht der Schnee war leis',

Doch dicht auf ihn herabgeschneit.

Es war jedoch nicht Schneiens Zeit,

Wenn ich die Kunde recht vernahm.

Artus, der maienhafte Mann,

Was man je von ihm sang und sprach,

Das geschah an einem Pfingstentag,

Oder in des Maien Blütenzeit.

Wie man mit süsser Luft ihn freut!

Meine Märe hat viel andern Brauch:

Sie kleidet sich in Schnee wohl auch.

 

Die Falkner des Artus hatten gejagt. Am Flusse PlimizöI hatten die Falkner von Karidöl ihren besten Jagdfalken verloren. Er hatte sich überfressen. (Vers191,13 zeigt die Bedeutung des Wortes „überkröpfen".)

281,29

„Überkröpfung verbrockte,

Dass kein Köder mehr ihn lockte.

Er blieb die Nacht bei Parzival.“

Parzival und der Falke sind im dunkeln Walde. 

Sie wissen nicht Weg und Pfad, und sie leiden an Frost. 

Als die Sonne aufgeht, waren die Wege überall verschneit. 

Da, in der Morgenfrühe, flogen Gänse auf, so dass man ihr Geschrei hörte. 

Eine dieser Gänse verfolgte der Falke. Sie entging ihm mit Not, doch er verwundete sie. 

Da fielen drei Blutstropfen in den Schnee. 

 

Das ist das Eigentümliche in Parzivals Schicksal: 

was in seiner Seele vorgeht, stellt sich zugleich als physisches Erlebnis vor ihn hin. 

Der Knappe an der Zugbrücke der Gralsburg hatte ihm nachgerufen: Du Gans! 

Nun sah er die Gänse auffliegen. War er nicht ebenso wund, wie diese Gans? 

War seine Seele nicht zu vergleichen einem verirrten Falken? 

Er schaut die Bilder - und indem er sie anschaut, geschieht etwas in den Tiefen seiner Seele. 

Versuchen wir es in Worten auszudrücken! 

Der Dichter verschweigt es. 

Parzival hat auch nicht diese Gedanken in seiner Seele, die bleiben unten in seinem Unbewussten, in sein Bewusstsein herauf steigen nur Bilder und Gefühle. 

Aber versuchen wir trotzdem diese Gedanken auszusprechen. 

 

Er könnte sich etwa so sagen: „Da war ich auf der Gralburg. 

Hätte ich die Probe bestanden, wäre ich ein Schwanritter geworden. 

Ich habe sie nicht bestanden, so konnte mir der Knappe nachrufen wie im Spott: 

Ritter von der Gans! 

 

Aber da ist mein seelisches Wesen; im Bilde des Jagdfalken erlebe ich es. 

Das stösst herab auf die Kraft in mir, die nicht so geworden ist, wie sie werden sollte, die Gans ist statt Schwan. 

 

Da ist etwas in meinem innersten Wesen verwundet, in meiner Lebensorganisation bin ich verwundet durch meine Seelenorganisation. Mein Seelisches hat sich verwirrt und hat das Leben in mir verwundet. Nun muss ich zurückdenken, nun muss ich die Ursache finden, warum das alles geschehen ist. Da muss ich denken an dasjenige, was noch Sehnsuchtskräfte in meiner Seele sind. Die Kräfte der egoistischen Sehnsucht, die das Geliebte besitzen wollen als Eigenbesitz, die sind es, die mich abgehalten haben, auf der Gralburg die Probe zu bestehen." 

All das denkt er nicht ausdrücklich, er empfindet es nur, er träumt davon, und indem er davon träumt, steigen ihm die Bilder auf. Und zugleich stellt sich der Traum als Wirklichkeit vor ihn hin. 

Er sieht die drei Blutstropfen auf dem weissen Schnee. Da kommt ihm seine Sehnsucht zum Bewusstsein, und er bricht aus in die Worte: 

„Kondwiramur, hier liegt dein Schein!“ Und das raubt ihm die Besinnung. 

Aus den Tiefen seines unbewussten Seelenlebens stemmt sich etwas der Seelenkälte entgegen. 

Das nimmt ihm die Besinnung. 

Was sich da in Parzivals Seele abspielt, das spielt sich auch ab in der Natur. 

Wenn im Frühling die Pflanzen spriessen, dann sind sie hervorgelockt durch die Kräfte, die sich voll entfalten zur Sommerzeit. Aber noch können diese Kräfte nicht voll wirken. 

Schnee und Eis des abziehenden Winters stellen sich entgegen. 

Da greift Saturn ein und dämpft die Kälte. Das soll Parzival innerlich nachahmen. 

Nicht der Frühlingskraft, nicht der Winterkälte darf er sich hingeben in seiner Seele. 

Die Kälte der klaren Gedankenwelt soll er aufrufen gegen die heissen Triebe; 

diese Kälte aber dann abmildern zu seelenwarmem Gedankenleben. 

Was da Saturn tut, wenn unzeitiger Schnee fällt, das soll er innerlich tun. Er kann es noch nicht. Einst aber naht er der Gralburg mit der Kraft Saturns. Jetzt aber raubt ihm seine Sehnsucht die Besinnung.

 

283,5

Da der Schnee dem Blute Weisse bot,

Das Blut den Schnee gefärbt so rot,

Kondwiramor,

Dem vergleicht sich dein beau Korps:

Das erlass' ich dir nicht.

Ihm schwebte vor ihr Angesicht.

Wie es jene Nacht sah prangen,

Zwei Zähren an den Wangen,

Das Dritt' an ihrem Kinne.

In den drei Blutstropfen sieht er diese Tränen wieder als blutige Tränen.

 

283,14

Er pflag getreuer Minne, 

Zu ihr ohn alles Wanken, 

So versank er in Gedanken . . . 

 

Wir haben versucht, diese Gedanken zu erraten. 

 

283,17 

Dass er da hielt mit Unbedacht:

Ihn zwang der starken Minne Macht,

Solche Not gab ihm sein Weib,

Dieser Farbe glich der Leib,

Von Pelrapär der Königin,

Die nahm ihm die Besinnung hin‘.

So hielt er da, als ob er schlief'. 

 

Die Kraft, welche ihm die Besinnung raubt, überfiel ihn am Altar des Trevrezent. 

Da überfiel sie ihn, wo er Orilus und Jeschute versöhnt in Liebe vereinte, da fiel ihm ein, dass er auch eine Frau habe, aber es fiel ihm nicht einmal träumend ein, sondern in den tiefsten Tiefen des Unbewussten. Da nahm er gedankenlos den bunten Speer des Ritters Taurian. 

In diesem Wort „Taurian" steckt vielleicht das Wort „Stier" darinnen; Tauros. 

Ein Stierbesieger muss Parzival noch werden. Die Sehnsuchtskräfte muss er noch überwinden. Diese Kräfte, die ganz dem Leibe dienen sollen, steigen ihm noch nach oben, steigen noch auf in seinem Blute und erzeugen ihm die bunten Bilder der Sehnsucht. Das muss er überwinden lernen. 

Sein Sonnengang muss ihn zur Kraft des den Stier besiegenden Mitras führen. 

Nicht äusserlich, innerlich muss er die Kräfte besiegen; über die Sehnsuchtswelt der Sommerwärme muss sich der Schnee lagern, der aus dem kalten Sternenraum des Gedankens herniederschneit. Aber die Kälte der Gedanken muss er durchwärmen. 

Er kann es noch nicht, er vermag noch nicht das Obere und Untere zu vermählen, den Gedanken zu durchwärmen mit der Liebe von oben. So steht er da im Walde, Sommernatur überdeckt von Schnee, heisses Blut auf kaltem Schnee. Hitze und Kälte fühlt er zugleich, und sein Bewusstsein schwindet. So steht er im Schlafe, sein Bewusstsein verlierend, den bunten Speer hochaufgerichtet.

 

Da kommt Kunnewarens Knappe. 

Er ahnt nicht, dass der Ritter, den er im Walde sieht, seiner Herrin treuester Diener ist. 

Er sieht nur den hochaufgerichteten Speer, er kann nichts anderes denken als dieses: 

Da steht ein Ritter, der sucht Kampf. So eilt er hinweg. 

Auf zwei Fingern pfeift er, und der Dichter ahmt sein Pfeifen nach. Fi, o fi! Fi, o fi! Fi. 

So jagt er die Tafelrunder auf. Er ruft, sie seien entehrt, wenn sie den Ritter nicht bestünden, der da Kampf sucht. 

So geht's den Menschen in der Seelenverfassung des Parzival. 

Die Kräfte, die in alle Welt hinausstreben und Abenteuer suchen, die werden aufgestachelt, wenn man die Sehnsucht in sich nicht besiegt. Parzival erlebt es innerlich, zugleich stellt es sich äusserlich vor ihn hin. Da kommen sie nun alle, einer nach dem andern, diese Ritter der Artusrunde. Und der erste ist Segramors. 

Aber nicht ohne weiteres darf er das Abenteuer bestehen, denn nahe ist die Gralburg, und Artus hat verboten, sich auf Kampf einzulassen, er fürchtet, einer seiner Ritter könnte mit einem Gralshüter in Streit geraten. So hat er seinen Rittern den Kampf verboten, und Segramors muss erst eine besondere Erlaubnis erwirken. Artus gab dem Segramors auf seine Bitte zur Antwort:


286,9 

Wird von dir hier eine Tjost getan,

Danach will mancher andre Mann,

Dass ich ihn lasse reiten,

Sich auch Preis zu erstreiten.

Doch damit schwächt sich unsre Wehr,

Wir nahn uns Anfortasens Heer,

Das von Monsalväsche fährt

Und seinen Wald mit Kämpfen wehrt.

Da wir nicht wissen, wo die stehn,

So kann uns Schade viel geschehn. 

 

Artus und seine Tafelrunde dienen einem Ritual, durch das auf Erden die Sternenkräfte repräsentiert sind: Die Kraft der Sonne in Artus, die Kraft des Mondes in Ginevra, das Sternenheer in den Rittern. So ist es uns durch Rudolf Steiner überliefert, und es bestätigt sich in allen schmückenden Beiworten, die den Personen in der Dichtung gegeben werden. 

Ginevra ist schön wie der Mond, Artus wird in Zusammenhang mit der Frühlingskraft der Sonne gebracht. Ginevra ist nun für die Zulassung Segramors zum Kampfe. Artus ist dagegen, gibt aber nach. Die Mondenkräfte siegen. Segramors reitet also. 

 

287,4 

Besinnungslos hielt Parzival. 

Ihn zwang des Blutes dreifach Mal, 

Dazu die strenge Minne.

 

Segramors reitet nun Parzival an. Er droht ihm, aber Parzival merkt davon nichts. 

 

288,4 

„Frau Minne gab ihm andern Krieg." 

 

Segramors wirft sein Pferd herum und stösst, im Galopp anreitend, so heftig auf Parzival, dass dieser sich durch den Anstoss in eine andere Richtung dreht. 

 

288,11 

Da ward sein Blick davon gekehrt (von den drei Blutstropfen)

Und der Preis ihm neuerdings gemehrt:

Denn als er nicht mehr sah das Blut,

Zu sich selber kam der Degen gut.

Hier ritt Segramors Roi.

Parzival nahm den Speer von Troyes,

Der zäh war und feste,

Dazu bemalt aufs beste,

Wie er ihn vor der Klause fand:

Den senkt er nieder mit der Hand.

Eine Tjost empfängt er durch den Schild,

Die er mit einer Tjost vergilt. 

 

Segramors kommt zu Falle und liegt auf dem Schnee. 

Parzival, dessen Speer ganz geblieben war, reitet dahin, wo die Tropfen liegen. 

Als er sie wiederum sah, verlor er abermals das Bewusstsein. 

Segramors Pferd aber trabte nach Hause. 

Zu Fuss kommt der geschlagene Segramors nach. 

Wie die Ritter das sehen, eilen sie ihm entgegen. 

Er aber empfängt sie scheltend und lobt Parzivals Kraft. 

Er meint, es käme eben vor, dass man auch einmal besiegt werde. 

Nun bittet Keie darum, mit Parzival kämpfen zu dürfen. Auch er reitet aus. 

Wolfram von Eschenbach schaltet nun einen Gesang auf Frau Minne ein. 

Darinnen nennt er Frau Minne allmächtig. Frau Minne - sagt er:

 

 

292,28 

Ihr helft zu allem klugen Sinne, 

Wider euch hält weder Schild noch Schwert,

Schnell Ross noch Feste turmbewehrt: 

Ihr werdet Meister aller Wehr. . . 

 

293,5

Frau Minne, ihr wart auch zugegen, 

Da Parzival der kühne Degen, 

Durch eure Kraft den Sinn verlor, 

Er war durch grosse Treu ein Tor. 

 

Keie ist nun nahe herangekommen. Er schilt den Parzival. Er rät ihm, sich an ein Hundeseil zu legen, damit er ihn daran vor den König ziehen könne. 

Aber Parzival bleibt stumm. Ihn zwingt der Minne Kraft. 

Da spricht Keie: Wart ich will dich wachend machen, auf den Schnee wirst du gelegt! 

Da bittet der Dichter, indem er sich wieder an Frau Minne wendet: 

 

294,26 

Frau Minne gönnt ihm sich zu rächen! 

 

Keie wirft nun die Lanze. Wiederum kehrt sich das Ross um und um. Parzival verliert die Blutstropfen aus dem Auge und kommt zu sich. Die beiden reiten nun gegeneinander. Keie bricht im Kampf Parzival ein grosses Fenster durch den Schild, Parzival vergilt den Stoss, und Keie kommt zu Fall; das Ross liegt tot. Zwischen dem Sattel und einem Stein zerbricht im Fall Herr Keie den rechten Arm und das linke Bein. 

Nun hat Parzival Kunnewares Misshandlung gerächt. 

Aber er hat nichts davon im Bewusstsein. 

Wieder fällt sein Blick auf die Blutstropfen, und er verliert abermals das Bewusstsein. 

 

296,1 

Dem nichts von Falschheit war bekannt,

Ihn lehrte Treue, dass er fand,

Schneeigen Blutes Zähren drei,

Die ihn machten Sinnes frei.

Seine Gedanken an den Gral,

Und das der Königin gleiche Mal,

Beides schuf ihm gleiche Not.

Doch war strenger, die ihm Minne bot.

Trauern und Minne

Zerbricht die zähsten Sinne.

Sollen dies Abenteuer sein?

Sie hiessen besser beide Pein! 

 

Wolfram von Eschenbach von Moritz von Schwind 

Nun sagt der Dichter: Keie war nicht so schlecht, wie man ihn oft macht, er war doch ein treuer, tapferer Held, der eben seinen Herrn liebte und ihm den höchsten Preis zuerkennen wollte. 

Jetzt lag er kläglich da, bis man ihn holte. Und nun kam auch Gawan. 

Er ist der Ritter, der uns nun auf lange Zeit beschäftigen wird, der bald wichtiger sein wird wie Parzival selbst, von dem die Märe nunmehr lang und breit erzählt, während Parzival in den Hintergrund tritt. 

Neuere Interpretationen der Wolframschen Dichtung sprechen von einer Gawan-Episode, die sich in die Dichtung einschiebe. Dass dies unberechtigt ist, werden wir gründlich zeigen. Gawan also kommt. Gawan ist erfahren. Wie er Parzival sieht, stellt er sofort die richtige Diagnose. 

 

301,21 

Da dachte mein Herr Gawan:

Vielleicht, dass Minne diesen Mann

Bezwingt, so wie sie mich einst zwang,

Dass sie fest sich um ihn schlang,

Sinn und Gedanken ihm bestrickte. 

 

Aber Gawan weiss, was man in solchem Falle zu tun hat. Nicht kämpfen, sondern ganz anderes. Er steigt vom Rosse, nimmt ein seidenes Tuch, breitet es über die drei Blutstropfen, und siehe da, Parzival erwacht. Eine gewaltige Lehre stellt der Dichter uns hier im imaginativen Bilde vor Augen, einen Schlüssel gibt er, der manches Schloss öffnet. Denn er beantwortet nichts Geringeres, als die Frage: Wie wird der Gralsucher Herr seiner Triebe? Ein Geheimnis der Menschennatur eröffnet sich jetzt. Stärker wie der Mensch sind zunächst die Triebe. 

Nur auf eine Art kann man sie besiegen, auf allen andern Wegen muss man verlieren! 

Nicht das Kämpfen gegen die Triebe führt zum Sieg, sondern die Beherrschung der 

V o r s t e l l u n g s w e l t.  Wer die Vorstellung, welche seine Sehnsucht erregt, aus seinem Bewusstsein auslöscht (und das kann der Mensch  i m m er,  denn in seiner Vorstellungswelt ist er  H e r r), der weiss das seidene Tuch Gawans zu gebrauchen. Parzival aber kann es noch nicht selbst gebrauchen. Was sich  i n  ihm vollziehen muss, durch ihn  s e l b s t,  vollzieht sich  a u s s e r  ihm durch einen  a n d e r n.  Dadurch gerät er in Abhängigkeit von diesem andern, deshalb schiebt sich die Gawan-Episode ein. 

Gawan verdrängt ihn aus der Dichtung, und erst, als Parzival nach langen Erfahrungen Gawan besiegt, wird er wiederum Herr der Aventüre. Von hier bis dahin macht Parzival dasjenige durch, was der Mensch erleben muss, wenn er Herr seiner Leidenschaften und Begierden werden will. 

Das wird Parzival. Aber in ganz verborgener Weise spricht es der Dichter aus. 

Denn die Geheimnisse der Erkenntnis sind offenbar, die Geheimnisse der Magie sind verborgen.

Parzivals Weg geht von der Gralburg, wo er in  S t e r n e n w e i t e n  Erkenntniskräfte findet, durch die Planetenwelt, wo er in Gefühlen träumt, ins  U n - t e r i r d i s c h e,  wo er sich selbst gewinnen muss in seinem Willen. Dies letztere sind die Abenteuer von Schatelmerveil. Parzival klagt: 

302,7

O weh, Herrin und Weib,

Wer benahm mir deinen schönen Leib. 

Und noch viel anderes klagt er. Aber er findet das rechte Wort und sagt: 

„Augendunst hat dich bei lichter Sonne hie mir entführt, ich weiss nicht wie.“

 

302,I7

Er sprach, oh weh, wo blieb mein Speer,

Den ich mitgebracht hierher?

All die schönen bunten Bilder, die seine Sehnsucht erregten, die hat er verloren. Gawan, sein Lehrmeister, gibt ihm recht trocken zur Antwort:

302, 20 

Ihr habt ihn in der Tjost vertan.

Da fragt Parzival: mit wem? 

Parzival hat ja kein Bewusstsein von seinem Gegner, glaubt er doch, allein zu sein. 

So ist es auch, Parzival ist wirklich allein. 

Es ist ja die Auseinandersetzung mit den Kräften seines eigenen Wesens, die er durchmacht. 

Nur wegen seiner Dumpfheit stellt sie sich als Aussenschicksal hin anstatt als inneres Erlebnis. Nun erzählt ihm Gawan, was geschehen ist. Dass er Keie verwundet habe, dass er überhaupt gekämpft habe. Parzival ist darüber ungeheuer erstaunt. Dann aber nennt ihm der Ritter seinen eigenen Namen  G a w a n — und spricht:

 

303,29

Ich und mein Name dient euch gern, 

Bleibt nur üble Deutung fern 

(iu dient mîn lip und der name 

welt irz kêren mir von schame.)

 

Diese Verse soll man nicht überlesen. 

Ausdrücklich sagt der Dichter, dass Gawan dem Parzival seinen Namen zur Verfügung stellt. So darf man doch nicht übersehen, dass hinter den Gawan-Abenteuern der Gawan-Episode sich Parzival verbirgt. Nur Parzival weiss es noch nicht, weil er noch in der Dumpfheit lebt, dass er im Innern realisieren muss, was ihm von aussen in Gawan entgegentritt. 

So fragt er nun mit Staunen: ei bist du es Gawan? 

Und so reiten sie zurück an Artus Hof. Freudig wird da Parzival empfangen. 

Frau Kunneware, die Hüterin des Quells, an dem sich das Gralschwert erneuert, empfängt ihn froh. Und nun geht Parzival durch eine grosse Versuchung, die darin besteht, dass er Artusritter werden soll. 

Sogar die Tötung Ithers will ihm Artus verzeihen. Er ist bereit, ihn aufzunehmen in seine Tafelrunde. Aber wenn es geschieht, ist Parzival verloren. Nie kehrt er dann zurück zur Gralburg, nie findet er Kondwiramur, nie seine Söhne Kardeiss und Lohengrin. 

Aber die göttliche Führung vergisst ihn nicht. Seine Retterin naht.

Wie merkwürdig ist doch der Mensch, dass er über einen schmerzlichen Schicksalsschlag, der ihn trifft, jammert, auch wenn er ihm zum höchsten Heile gesendet ist. So geht's auch Parzival. Eigentlich sollte er erkennen, dass sein guter Engel naht, und was sieht er?


312,2

Hier kam, von der ich sprechen will,

Eine Maid, um Treue hoch zu loben,

Scheint ihre Zucht uns gleich zu toben:

Ihre Botschaft in viel Herzen schnitt.

Nun höret, wie die Jungfrau ritt:

Ein Maultier wie ein Kastilian,

Fahl, doch scheckig um und an,

Geschlitzter Nase und verbrannt.

Wie ein Pferd aus Ungerland.

Ihr Zaum und all ihr Reitgerät,

War schön gestickt und wohl genäht,

Dazu kostbar und reich.

Das Maul ging eben und gleich,

Fräulich war nicht ihr Erscheinen.

Weh, was mag ihr Kommen meinen?

Sie kam jedoch, das musste sein:

Sie brachte Artusens Heere Pein.

Die Jungfrau war der Künste voll,

Alle Sprachen sprach sie wohl,

Französisch, Heidnisch und Latein,

Sie hatt' erlernt obendrein,

Dialektik und Geometrie,

Auch von Astronomie

War ihr alles wohlbekannt,

Kondrie war sie genannt.

 

Nun wird sie weiter beschrieben. 

Sie trug einen blauen Mantel und einen Pfauenhut. Über den Hut schwang sich ihr Zopf, schwarz und fest, weich wie die Rückenhaare der Schweine. Ihre Nase glich der eines Hundes. Zwei Eberzähne ragten spannenlang aus ihrem Munde. Die Augenbrauen endeten in langen Zöpfen. Ihre Ohren waren gestaltet wie die Ohren der Bären. 

Nicht gerade einladend zu zärtlichem Begehren war die Rauheit ihres Antlitzes. Eine Geissel trug sie mit vielen verknoteten Schnüren, deren Stil war ein Rubin. Ihre Hautfarbe war die eines Affen, und statt der Nägel hatte sie Löwenklauen. Man braucht diese Jungfrau nicht schön zu finden, sie ist doch nur das Gegenbild dessen, was der Mensch in sich trägt, wenn er noch begehrlich ist. 

Und doch ist dieses Wesen die Gralsbotin. Darüber wird nur der verwundert sein, der sich noch nicht klar gemacht hat, wie schön das Hässliche ist, wenn man es verwandelt. Die abscheulichste Begierde braucht nur in ihr Gegenteil verwandelt zu werden, um sich als herrliche Kraft zu offenbaren. Das erkennt Parzival noch nicht. Er muss noch als Fluch empfinden, was dieses Wesen ausspricht. Er versteht gar nicht, dass sie, die hier in den Regionen des Artus in ihrem Gegenbild erscheint, den guten Engel darstellt, der ihn davor bewahrt, Artusritter zu werden.

Und so hört er sie sprechen:

 

314,23

Fils dü Roi Utpandragon,

Dir selbst und manchem Breton 

Hast du geworben Schande.

Die Besten aller Lande,

Sässen hier, ein würd'ger Kreis, 

Fiele nicht, dies Gift in euern Preis, 

Hin ist die Tafelrunde:

Ein Falscher ist im Bunde.

 

Parzival ist gemeint. 

Ein Falscher ist er hier, denn der Gral ist ihm bestimmt, nicht der Pokal der abenteuerlustigen Artusritter. Verwandeln soll er die Kräfte der Artusritterschaft. Aus den Tiefen soll er sie heben zu den Höhen. Nicht umsonst steht die Gralburg oben, wo die Adler hausen, Artus Zelt aber auf dem flachen Fels, im Tale, bei den Flüssen. Und so hört er seine Verfluchung: 

 

316,2 

O ihr ungetreuer Gast.

So ruft sie, ihm seine Mitleidslosigkeit in der Gralburg vorwerfend:

 

316,7

Der Hölle hat euch vorbestimmt, 

Der Himmel gibt und nimmt; 

So soll euch auch auf Erden, 

Der Guten Abscheu werden. 

Ihr Glücksverwiesner, Heilverbannter, 

Vom Preis verlassner Ungekannter, 

Ihr seid an Ehre lahm und schwank, 

Und an der Würdigkeit so krank, 

Euch kann kein Arzt mehr Heil gewähren, 

Ich will auf eurem Haupte schwören, 

Stabt mir jemand solchen Eid, 

Nie sah man größeren Trug bis heut', 

An einem also schönen Mann. 

Ihr tück'sche Angel Natterzahn! 

Gab euch nicht der Wirt das Schwert, 

Dess ihr niemals wurdet wert? 

 

316,23

Doch statt zu fragen, schwiegt Ihr still; 

Ihr seid des Höllenhirten Spiel. 

Ehrloser Mann, Herr Parzival! 

Trug man nicht vor Euch hin den Gral, 

Schneidendes Silber, blut'gen Speer! (Symbole der Verbindung mit der göttlichen Liebe, 

der Liebe von oben.) 

Ihr Freudenziel, des Leids Gewähr! 

 

Und nun mahnt sie ihn daran, dass er doch eigentlich hätte fragen sollen, nicht nur um Anfortas, sondern auch um Feirefis zu erlösen. Hättet ihr gefragt, sagt sie, so hättet ihr erfahren von einer Stadt im fernen Heidenlande, Tabronit heisst sie, die jeden Wunsch erfüllt. Da hättet ihr gehört von Feirefis aus dem Geschlecht derer von Anschau, der jenes Landes Königin erobert hat, und der schwarz und weiss zugleich ist. 

Kundrie, die Gralsbotin, will Parzival ins Bewusstsein rufen, dass er einen Bruder hat. Jeder Mensch hat diesen Bruder, seinen Menschenbruder. Das ist die strenge Gralsregel: 

„Willst du dich dem Grale nähern, so darfst du nicht allein kommen, deinen Menschenbruder musst du mitbringen. Du darfst nicht nur deine eigene Entwicklung suchen, du musst sie suchen, um der anderen Menschen willen. 

Und nicht nur diejenigen darfst du mitbringen wollen, die selbst die Fähigkeit haben, den Gral zu schauen, die schon das weisse Gewand tragen, auch diejenigen musst du zum Grale führen, die noch weiss und schwarz erscheinen, an denen Himmel und Hölle Anteil haben. 

Sie können den Gral nicht schauen, wohl aber den Gralsträger, sie können die spirituelle Welt nicht schauen, aber wie der, der sie schaut, im praktischen Leben steht, das können sie wahrnehmen." 

So wird Parzival gemahnt daran, dass es gilt, durch die Lebensführung den Gral zu bekennen. Und nun spielen sich zwei Szenen ab, rasch hintereinander. Die eine zwischen der Gralsbotin Kondrie und Parzival, die andere zwischen dem Boten eines anderen Bereiches, der dem Gral polarisch entgegengesetzt ist und Gawan. 

Beide werden verflucht, Parzival sowohl wie auch Gawan, und zwischen dem Schicksal beider herrscht eine enge Verbindung. Von Kondriens Fluch haben wir schon gehört. Nun hören wir auch den anderen Teil der Geschichte.

 

319,19

Kondrie hat's ihnen angetan. 

Die ritt hinweg: da ritt heran, 

Ein Ritter, der trug hohen Mut.

Der Dichter weist ausdrücklich hin auf die enge Verbindung zwischen Kondrie und diesem Ritter. Wie sie wegreitet, kommt der Ritter heran. Dieser Ritter ist Kingrimursel. Kingrisin, sein Herr, sagt er, sei von Gawan meuchlerisch ermordet worden (Parzival hat lther getötet, den Gemahl der Lammire, einer Schwester Gahmurets. Gawan wird beschuldigt, Kingrisin, den Gemahl Fleurdamurs getötet zu haben, die ebenfalls eine Schwester Gahmurets ist. Also Gawans Tat wäre der des Parzival analog). lm Gruss habe er ihn erschlagen. Darum lade er ihn nun zum Zweikampf. In vierzig Tagen möge er sich einfinden vor dem Könige von Askalon, in der Hauptstadt Schampfanzon. Die Tafelrunde aber sei entehrt, denn ein Treuloser sitze daran.

Parzivals Seelenaufgabe besteht darin zu erkennen, dass die Abscheulichkeit der Gralsbotin durch seine eigene Unvollkommenheit gebildet ist. Das Äussere muss er ins Innere versetzen lernen. Gawans Prüfung geht in umgekehrtem Sinne. Nicht in einem Äußern muss er sein Eigenwesen sehen, sondern die Tat eines andern wird ihm zur Last gelegt, und er muss dieses ertragen lernen. An viel späterer Stelle (413,15) erfahren wir, dass nicht Gawan, sondern der Pfalzgraf Eckunat der Schuldige ist. Wir kennen Eckunat oder Ehkunat schon. Es ist die Persönlichkeit, welche den Bracken Gardevias als einen „wildlichen Brief" seiner Geliebten schickte. Eckunat ist der Bruder der Mahaute, der Mutter Schionatulanders. Er hängt also zusammen mit jenen Menschen, die wir in engster Verbindung mit den Geheimnissen der Sternenschrift gefunden haben. Wir werden immer genauer erkennen können, dass Parzivals und Gawans Schicksale eine wunderbare Ähnlichkeit haben und doch auch wieder ganz verschieden sind.

Wir werden sogleich erzählen müssen, wie Parzival, der den Erkenntnisweg wandelt, durch ungeheuren Zweifel hindurchgeführt wird. Gawan geht nicht den Erkenntnisweg, er geht den Herzensweg, er wird nicht zum Zweifler, er wird vielmehr das Objekt des Zweifels, er wird verleumdet. 

Und was wir jetzt erfahren, die fälschliche Anschuldigung des Gawan: er habe Kingrisin getötet - das ist nur die erste Anschuldigung von einer langen Kette von Anschuldigungen, denen Gawan ausgesetzt ist. In Wahrheit schildert der Dichter in Parzival und Gawan nur zwei polare Seiten der einheitlichen Menschennatur. Und wer den Weg zum Grale wandelt, wird die Entdeckung machen, dass ihm Parzival und Gawan gleich nahestehen. Man kann ja nicht einseitig den blossen Erkenntnisweg gehen, man kann nicht allein in die Gralburg eindringen wollen, man muss auch den Herzensweg gehen, den Gawan geht. Man muss auch die Abenteuer von  S c h a t e l m e r v e i l  bestehen. Wir werden daher an späterer Stelle noch sehen, wie Parzival und Gawan, als sie in Kampf miteinander geraten, sagen müssen, es sei ihnen so gegangen, als hätten sie mit sich selbst gekämpft. Sie repräsentieren die verschiedenen Seiten der menschlichen Natur. Ja, in der fortschreitenden Erklärung der Gralsgeschichte wird sich uns noch zeigen, dass ganz ähnliches auch von Feirefis gilt. Aber folgen wir zunächst dem Laufe der Erzählung.

Bevor Parzival den Artushof verlässt, muss er wiederum ein Stück Schicksal erfüllen. Indem er Kondwiramur geheiratet hat, hat er den König Klamide, der um Kondwiramur geworben hat, unglücklich gemacht. Nun muss er diese Tat ausgleichen. Er kann es. Er bewirkt, dass Kunneware Klamide heiratet. 

 

327, 27

Kunnewaren gab man Klamide; 

Dem war nach ihrer Minne weh. 

Er gab sich ihr zu Lohne,

Und ihrem Haupt die Krone.

 

Als dies geschehen war, als Parzival wiederum ein Stück Schuld abgetragen hatte, da erst erfährt er wiederum etwas, was ihn vorwärts bringt auf seinem Gralswege. Eckuba von Janfuse sagt, Feirefis, von dem Kondrie gesprochen habe, sei Parzivals Bruder vom Vater her. Sie selbst aber, die ihm dies mitteile, sei die Tochter der Schwester von Gahmurets erster Frau 

 

Diese Nachricht erweist sich später von allergrösster Bedeutung, als Parzival Feirefis begegnet. Parzival dankt für diese Aufklärung und für den Versuch, ihn zu trösten. Dann aber spricht er:

„Der Friede ist von mir genommen, den Gral muss ich wiederfinden. Wie finde ich die Wege, wieder gut zu machen, dass ich nicht fragte? Wie komme ich dazu, Anfortas zu helfen?" 

Dann sagt er: „Was soll ich noch länger bleiben, von hinnen muss ich gehn!" 

So entschliesst sich Parzival fortzureiten. Von Kunneware nimmt er Abschied. 

Künftig wird er ihr keinen Ritter mehr schicken, denn einem andern Helden gehört sie nun. 

Dann nimmt er von Gawan Abschied.

Gawan küsst ihn und spricht:

 

332,25 

„lch weiss wohl, Freund, du musst nun fahren, 

Darfst dich in manchem Kampf nicht sparen, 

Gebe Gott dir Glück im Streit, 

Und mir noch einst Gelegenheit, 

Dir zu dienen, wie ich es begehre, 

Dass seine Kraft mir das gewähre!"

 

 

Parzival aber antwortet.-

 

332,I 

„Weh, was ist Gott? 

Wär' der gewaltig, solchen Spott, 

Gäb' er uns beiden nicht fürwahr! 

Wär' er nicht aller Kräfte bar. 

Ich war mit Dienst ihm untertan, 

Solang' ich bin und beten kann, 

lch will ihm künftig Dienst versagen:

Hat er Hass, den will ich tragen.“

 

ln diesem Augenblick sagt Parzival Gott ab. Der Zweifel ergreift ihn, indem er die Worte spricht: „Weh, was ist Gott?"

Parzival geht ja durch drei Stufen: Dumpfheit, Zweifel, Saelde. 

Nun betritt er das Erleben der zweiten Stufe. 

ln den Zwillingen hat die Dichtung begonnen, durch den ganzen Tierkreis sind wir gewandert, in Dumpfheit hat ihn Parzival durchschritten. Als ihn der Zweifel ergreift in seiner Seele, steht die Dichtung wiederum im Zeichen der Zwillinge. Zum zweiten Male muss Parzival den Gang des Sonnenhelden antreten auf höherer Stufe, mit dem Zweifel im Herzen. 

Zwei Helden stehen nun vor uns, nicht mehr einer. 

Zwei Helden, die zwei Wesensseiten des Menschen verkünden: 

Parzival und Gawan. 

Vollendet wird die Dichtung sein, wenn auch der Dritte, Feirefis sich hinzugesellt hat. Kunneware sagt ihm das letzte Lebewohl. Bis hierher war Parzival der rote Ritter, nun wird er weiss. Aber noch nicht für immer.

333, I

„Nun war sein Ross mit Stahl verdeckt. 

Ihm selber neue Not erweckt.

Auch hat der Degen wohlgetan, 

Lichtweissen Eisenharnisch an.“

(„lieht wîz îsernharnasch an”).

So steigt er zu Pferde, hell strahlt er. Einst wird er die Rüstung aus dem durchsichtigen Diamant tragen, wenn er Gralkönig ist. Nun muss er durch Prüfungen gehen.


333,5

„Teuer, aller Mängel bar;

Korsett und Wappenrock ihm war. 

Geschmückt mit Gesteine.

Seinen Helm alleine

Hatt er nicht aufgebunden.

Da küsst er unumwunden, 

Kunnewar, die klare Magd;

Also ward mir gesagt.

Da geschah ein traurig Scheiden, 

Von den liebenden beiden.“

 

Parzival reitet, Entsagung im Herzen, Trauer im Herzen, Zweifel im Herzen. Die drei begleiten ihn. Der Dichter aber spricht ein bedeutsames Wort, indem er sagt:

 

333,15

„Wir lassen reiten unsern Helden;

Was die nächsten Abenteuer melden,

(„diene darf hie niemen mezzen zuo", d.h.: 

Davon kann man nicht ganz genau Rechenschaft ablegen in diesem Moment.

Das geht ihn so genau nicht an (also es geht ihn doch an). 

Doch hört ihr einst, was er begann,

Wohin er fuhr, und wo er blieb.

Wem Kampf und Ritterspiel nur lieb,

Denk unterdessen nicht an ihn, 

Rät ihm das sein stolzer Sinn."

 

Also der Dichter meint: Wer oberflächlich seine Dichtung liest, der mag denken, nun sei im weitern von Parzival im Wesentlichen nicht die Rede. Wer aber mit tieferem Verständnis liest, der sollte darauf aufmerksam sein, ob sich ihm nicht offenbart, dass in der sogenannten Gewan-Episode auch von Parzival die Rede sei. 

Wohin der Weg nun geht, das wird uns vom Dichter kurz angedeutet, indem er erzählt, dass viel lngesinde nach einem mühevollen Ziel nun strebte, nach dem Schloss Schatelmerveil. 

Der Grieche Klias wurde dort besiegt. Ein Türkowite fällte ihn. Er kann erzählen von den vier Königinnen in dem Schloss. Und auch, dass vierhundert Jungfrauen dort von einem Zauberer gefangen gehalten werden, erfahren wir. 

Wer wird sie erlösen? 

 

ln der Erzählung klingt nun die Sage von Schatelmerveil an. 

Sie ist das Gegenbild zur Erzählung vom Gral. 

Alles in Schatelmerveil ist polarisch zur Gralburg. 

An die Gralburg kommt man schwer heran. 

ln die Gralburg kommt man schwer  h i n e i n. 

Aus Schatelmerveil kommt man schwer  h e r a u s.  Das ist der Unterschied.

Nun erzählt uns noch der Dichter, wie die Helden sich zerstreuen: Artus nach Karidöl, Kunneware und Klamide nach Hause gen Brandigan, Jeschute und Orilus ebendahin, Klamiden zuliebe. Damit schliesst das sechste Abenteuer.


IM SIEBTEN ABENTEUER

müssen wir uns bewusst sein, dass wir in gewisser Weise anfangen, noch einmal durch den ganzen Kreislauf der Erzählung zu gehen. Aber nun nicht vom Aspekt des Parzival, sondern von dem des Gawan. Darum sagt der Dichter:

 

338,1 

Der Schande floh bis in den Tod, 

Eine Weile soll ihm zu Gebot 

Diese Aventüre stehn, 

Gawan, dem Degen ausersehn. 

Manchen Helden rühmt sie gern,

Neben oder vor dem Herrn, 

Diese Märe, Parzival.

 

Gawan also reitet auf Abenteuer. Vierzig Tage hat er Zeit. Dann muss er sich Kingrimursel zum Kampfe stellen. Der Dichter erzählt uns etwas scheinbar Nebensächliches. Er berichtet uns ausführlich, auf was für einem Pferde Gawan reitet. Wir werden aber im Fortgang der Erzählung sehen, dass es doch wesentlich ist, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, auf was für Pferden Gawan und Parzival an den verschiedenen Stellen der Dichtung jeweils reiten. 

 

Gawan nämlich reitet ein Gralspferd. Lähelein hatte es am See Brumbane genommen. Es gehörte einem Gralsritter, den er tötete. Orilus, der Bruder des Lähelein, hatte es Gawan geschenkt. Dieses Ross besass rote Ohren und hiess Gringuljet. Gawan besitzt noch andere Pferde. Eines kennen wir auch noch mit Namen, es heisst Ingliart mit den kurzen Ohren. Dieses Pferd, also nicht das Gralspferd, geht Gawan später durch und wird das Pferd Parzivals (VII Aventüre, 389, 26). 

Aber auch Gringuljet hat seine besonderen Schicksale, und wir werden noch hören, wie es Gawan verloren geht und im rechten Augenblick wunderbarerweise wieder in seinen Besitz kommt. Hier soll auf alles dieses aufmerksam gemacht werden, damit man es an seinem Orte bemerkt. 

Gawan trifft nun im Weiterreiten ein Heer. Dieses Heer führt der junge König Meljanz von Li gegen Lippaut, seinen Erzieher und Lehensträger, zur Belagerung der Burg Beaurosche. Lippauts Tochter, die schöne Obie, liebt Meljanz, hat ihm aber den Minnelohn verweigert. 

In dem Heere des König Meljanz von Li befindet sich der König Poidikonjonz von Gross, der Vater des Meljakanz 

  

Diesen Meljakanz kennen wir schon, und zwar kennen wir ihn (wir sind ja in einer Art Wiederholung der ganzen Dichtung, wie schon bemerkt worden ist), aus dem allerersten Anfang der Dichtung. Da haben wir ja gehört, wie der junge Parzival in der Waldeinsamkeit fern von allem Ritterwesen aufwächst. Eines Tages aber begegnet er drei Rittern, die einen anderen Ritter verfolgen, der eine Frau geraubt hat. Und die verfolgenden Ritter fragen den Parzival, ob er den Räuber gesehen hat. Der hält die hellstrahlenden Ritter für Gott. Diese Ritter verfolgten damals eben jenen Meljakanz. Man sieht, Parzival begegnete am Anfang seiner Abenteuer den Verfolgern des Meljakanz. Gawan begegnet am Anfang seiner Abenteuer einem Heere, zu dem Meljakanz selbst gehört. Von diesem Meljakanz sagt der Dichter: 

 

343, 25

Er trägt der Unsitte Kranz

Und heisst mit Namen Meljakanz, 

Ob es Weib war oder Magd,

Von der er Minne je erjagt,

So nahm er sie mit Nöten:

Man sollt' ihn drum ertöten.

lm weiteren wird der Dichter noch deutlicher. Er sagt:

 

344, 5

„Oftmals hat er Ritterschaft, 

Getan mit unverzagter Kraft. 

Was hilft sein mannlicher Brauch?

Ein Mutterschwein wehrt sich auch.

Tapfer, wenn's dem Ferkel gilt. 

Der Mann verdient, dass man ihn schilt."


Gawan kam ins Gespräch mit einem Knappen. Der erzählte ihm den Grund, warum dieses Heer im Anmarsch auf Beaurosch wäre. Der König Schaut, der Vater des Meljanz, rief auf dem Totenbett seine Fürsten zu sich und bat den Fürsten Lippaut, den Erzieher seines Sohnes, zunächst die Regierung zu führen und den Knaben in sein Haus zu nehmen. Dort lernte der Knabe, der künftige Herrscher, die Tochter Lippauts, Obie, kennen. Er begehrte sie zur Minne, sie aber‚ versagte sich ihm, obwohl sie ihn liebte. 

Darüber erzürnt‚ belagerte er nun die Feste und kämpft gegen seinen Lehrmeister und Vormund. Wir sehen, wir sind in eine merkwürdige Gegend geführt. Leute finden wir da, die Frauen Gewalt antun, andere wieder, die sich gegen ihre Erzieher auflehnen, kurz, es ist eine merkwürdige Gesinnung, die da herrscht. Macht man sich das bewusst, so erkennt man alsbald die relative Nähe von Schatelmerveil. Gawan wird in dieses Gebiet geführt, um zu zeigen, ob er rein und edel durch dasselbe hindurchziehen kann. Das ist die Probe, die ihm gestellt ist. Gawan konnte nur einen einzigen Entschluss fassen. Nämlich „mitten hindurch” (Bewusst prägt der Dichter dies Wort in Analogie zu „perce-val“). (VII, 351,1), durch alle diese Scharen zu reiten und sich denen, die da in der Stadt belagert wurden, als Helfer anzubieten. Auf ihrer Seite war offenbar die Moralität und das Recht. So wendet sich also Gawan zur Stadt.

 

351,17 

Er dachte: Muss ich Schmuggler sein, 

So berg ich vor Verlust, was mein, 

Draussen nicht so gut als drinnen. 

Auf Gewinn will ich nicht sinnen.

Nur das Meine zu erhalten, 

Will das Glück mir freundlich schalten.

 

Man sieht, Gawan denkt wie ein Kaufmann über Verlust und Gewinn. Aber er unterscheidet sich auch wieder von einem Kaufmann, indem er ausdrücklich sagt, er sei nicht auf Gewinn aus. Oben auf der Zinne der Stadt stehen die beiden Töchter des Fürsten Lippaut: Obie die Ältere, und Obilot, die noch ein Kind ist. Da sagt Obie zu ihrer Mutter: Seht Mutter, da kommt ein Kaufmann. Das ist nun nicht wahr, es ist eine Verleumdung. Denn Gawan ist kein Kaufmann, sondern ein Ritter. Aber etwas Wahres ist doch daran, denn eben dachte Gawan über Gewinn und Verlust. Aber auch darin war er kein Kaufmann, denn er wollte ja keinen Gewinn. Aber so ist es einmal bei allen Verleumdungen, sie sind unwahr, knüpfen aber an irgend etwas in der Seele dessen an, der verleumdet wird. Das ist gerade die Erfahrung, die Gawan machen soll.

Die jüngere Tochter, Obilot, sagte nun folgendes:

352,22

Er war nie Kaufmann sicherlich.

Er ist so minniglich und hold,

Zum Ritter ich ihn haben wollt‘.

 

Die ältere Tochter erfindet nun immer neue Verleumdungen. Nach einer Weile sagt sie, 

als die Jüngere ihn lobt:

 

353, 25 

Ich kann so viel nicht an ihm finden: 

Ein Wechsler sitzt dort an der Linden; 

Er wird ein gut Geschäft hier machen. 

Den Goldschrein hütet gleich den Drachen, 

Dein Ritter, närr'sche Schwester mein: 

Er will sein Wächter selber sein.

 

Gawan hörte dieses alles. Der Dichter schildert uns nun, wie es in der Stadt zugeht, in der man Vorbereitungen trifft, der Belagerung zu widerstehen. Dann aber kehrt er zurück in der Erzählung zu Obie und berichtet uns, dass sie einen Boten an den Burggrafen Scherules sendet und ihn aufmerksam macht, ein trügerischer Kaufmann sei in die Stadt gedrungen.

 

361,17

Gilt‘s vor Trug uns zu bewahren,

sprach Scherules, so will ich fahren.

 

Wie er aber zu Gawan hinkommt, ist er so entzückt von dessen Erscheinung, von seinem lichten Antlitz, dass er sagt, Herr, Ihr seid unser Gast. Wir waren nicht recht bei Sinnen, dass wir euch nicht längst in allen Ehren empfangen haben. Obie aber gibt sich doch nicht zufrieden und lässt ihrem Vater sagen, ein Falschmünzer sei in der Stadt. Ausdrücklich betont der Dichter:

 

363,17 

"Schuldlos war Herr Gawan ganz,

Nur seinen Rossen galt der Tanz, 

Seinem Gold und seinen Sachen."

 

Also die Verleumdungen haben den Zweck, Gawans Besitztum zu erbeuten. Man könnte sagen, dies sei nicht recht begreiflich. Die Fürstentochter müsse doch Rosse genug haben. Aber wenn man so spricht, bedenkt man nicht, dass Gawan ein Gralsross ritt; diesem galten die Verleumdungen. Scherules weist alles dies zurück, lachend sagt er: 

 

363,21 

Herr, lhr seid betrogen,

Wer es Euch sagte, hat gelogen,

Ob es Weib sei oder Mann,

Unschuldig ist mein Gast hieran. 

 

So lernen wir die mannigfaltigen Prüfungen kennen, durch die Gawan durchgeht. 

Gawan kämpft nun als der Ritter der jüngeren Tochter auf Seite der Belagerten. 

Diese jüngere Tochter Obilot bietet ihm ihre Liebe an. Er antwortet:

 

370, 13

Doch setzt auch, dass ich Dienst und Sinne

Richten wollt auf eure Minne, -

Eh' ihr Minne möchtet geben,

Müsstet ihr noch fünf Jahr leben;

Das ist für eure Zeit die Zahl (sie muss also noch sehr jung sein),

Da gedacht' er doch, wie Parzival,

Sich mehr auf Fraun als Gott verliess.

Ihm war, als ob der Freund ihn hiess',

Er soll ihr zu Gebote sein.

Er versprach dem Fräulein,

Helm und Schild für sie zu tragen. - 

 

Parzival hatte damals, als er Gott absagte, zu Gawan gesagt:

 

332, 9 

Freund, kommt deine Kampfeszeit,

Ein Weib beschütze dich im Streit.

Die müsse segnen deine Hand,

An der du Keuschheit hast erkannt

Und weibliche Güte

Ihre Minne dich behüte.

Man muss sich also vorstellen, dass Gawan Parzivals Worte wie eine Inspiration erlebt, die nun in ihm aufsteigt und der er gehorcht. Er wird also der Ritter der Obilot. Die Frage war nun nur, was die kleine Obilot Gawan schenken sollte, sie besass nämlich nur Puppen. Und nun kommen merkwürdige Verse, da heisst es nämlich:

 

372, 22

Mitten in des Berges Halde, 

Kam Lippaut der Fürst geritten. 

Obiloten und Klauditten

Sah er sich entgegen gehen. 

Er bat sie beide, stillzustehn.

 

Also Klauditte, die Tochter des Burggrafen Scherules, begleitet Obilot. Heisst sie nur zufällig ebenfalls Klauditte, wie die Geliebte des Ehkunat, für dessen Tat (die Ermordung des Kingrisin) Gawan zur Rechenschaft gezogen wurde? Obilot teilt nun dem Vater mit, dass Gawan für sie kämpfen wird. Sie schenkt ihm einen Ärmel ihres Gewandes als Wappenzeichen für seinen Schild. Und nun geschieht das Wunderbare, dass sich herausstellt, dass im andern Heer - im äussern, auf einmal ein unbesiegbarer tapferer Held auftaucht. Überall, wo er hinkam, neigte sich ihm der Sieg.

 

383, 24

Der Held war allenthalben rot, 

Er hiess der Ungenannte, 

Weil hier ihn niemand kannte.

 

Und an späterer Stelle sagt der Dichter: 

 

388, 6

Im innern Heer stritt ein Held,

Für die junge Obilot;

Im äussern ein Ritter rot:

Die zween errangen da den Preis. 

Und gönnten niemand nur ein Reis.

 

Dieser rote Ritter aber ist Parzival. Wie leicht hätte es geschehen können, dass Gawan und Parzival im Kampf aufeinander gestoßen wären ohne einander zu erkennen. Ein gütiges Geschick bewahrte sie davor. 

Merkwürdig, der rote Ritter kämpft im äusseren Heer auf der Seite der Übeltäter und Gawan im lnnern. Er hat sich diesem inneren Heer verbunden durch seinen Dienst für Obilot. Und dies geschah, indem er einen prophetischen Auftrag Parzivals erfüllte. Kämpft da nicht Parzival gegen das, was er sich selbst als Gegner hingestellt hat? Parzival leistete grossartige Taten. Er machte viele Gefangene. Den König Schirniel von Lirivoyn, dessen Bruder König von Avendroyn und den Herzog Marangliss von Brevigariess. Er schickt sie in die Stadt, um sie gegen den von Gawan gefangenen Meljanz auszutauschen. Parzival sagt zu den Gefangenen, sie mögen zu den Bürgern der Stadt reiten und Meljanz befreien:

 

388, 28

Dass sie Meljanz befreiten,

Wo nicht, ihm hülfen zu dem Gral. 

Da konnten sie ihm allzumal,

Nicht sagen, wo der wäre,

Als dass Anfortas ihm wehre.

Da diese Rede geschah,

Wiederum sprach der rote Ritter da: 

Kann nicht geschehen mein Begehr, 

So fahrt gen Pelrapär,

Und bringt der Kön'gin Sicherheit.

 

Jetzt schickt er seine besiegten Ritter nicht mehr zu Kunneware, sondern zu Kondwiramur und lässt ihr sagen, nach dem Grale sei ihm weh, zugleich aber auch nach ihrer Minne. 

Da ritten die Gefangenen hinweg. Während die entlassenen Ritter fortreiten, wendet sich Parzival an die Knappen und sagt: Ich will keinen Gewinn, nur eines bitte ich, dass ihr mir ein Ross schenkt, denn meines ist verwundet. Da schenken sie ihm dasjenige Ross, das Gawan davongelaufen ist: Ingliart mit den kurzen Ohren. So ereignet sich das Merkwürdige, dass Parzival auf Gawans Pferd reitet. Gawan aber wird durch die nächsten Abenteuer, wie wir sehen werden, dazu geführt, für Parzival den Gral zu suchen. Es ist, als ob die Helden gewisse Kräfte austauschen müssten. Den Ärmel aber löst Gawan vom Schilde und gibt ihn Klauditte. 

Sie sollte ihn Obilot zurückgeben.

 

Der Dichter erzählt uns nun weiter, wie die Ritter kamen, die im Auftrag des roten Ritters nach der Stadt gegangen waren, um Meljanz aus der Gefangenschaft zu lösen. Durch ihre Erzählung erfährt Gawan, welches Wappenschild der rote Ritter getragen hat. Ausserdem hört er, dass der rote Ritter sie aufgefordert habe, ihm bei der Suche nach dem Gral zu helfen. Daran erkannte Gawan, dass der rote Ritter Parzival war.

 

392, 30

Seine Augen auf zum Himmel sahn, 

Und dankten Gott, dass er sie heut, 

Voneinander hielt im Streit.

Es war bescheidner Zucht ein Pfand, 

Dass beide blieben ungenannt.

Sie kannten niemand hier zurzeit

Doch kennt die Welt sie weit und breit.

 

Gawan hatte den gefangenen König Meljanz Obilot geschenkt, und diese schenkte ihn nun weiter an ihre Schwester Obie. Dadurch konnte der Kampf friedlich beigelegt werden, indem Obie und Meljanz sich versöhnten.

 

396, 21

Da meisterte Frau Minne 

(Wohl hat sie Kraft und Sinne)

lm Bund mit herzlicher Treu' 

Der beiden Minne wieder neu.

 

So kommt es zur allgemeinen Versöhnung. Zum grössten Schmerz Obilots erklärt nun Gawan, dass er fortziehen müsse. Obilot bittet ihn, er möge sie mitnehmen.

 

397,17

Da ward der jungen süssen Magd, 

Von Gawan dieser Wunsch versagt.

Die Mutter kaum sie von ihm brach, 

Als er des Abschieds Worte sprach. 

 

Gawan aber zieht fort, Kummer im Herzen.

 

Betrachten wir dieses ganze Abenteuer, so müssen wir erkennen, dass es ausserordentlich lehrreich ist. Manches Rätsel stellt sich vor uns hin. Wie soll man sich erklären, dass zwei Heere vorhanden sind, das innere, das für Recht und Sitte kämpft und zu dem Gawan stösst, das äussere, bei welchem Unrecht und Unsitte vorhanden ist, für dieses Heer aber kämpft Parzival. Wie sollen wir verstehen, dass Parzival auf dieser Seite kämpft? Die richtige Interpretation dieser Tatsache ist von ausschlaggebender Bedeutung.

Bei wiederholten Versuchen, mit dieser Sache innerlich zurechtzukommen, hat sich mir das Folgende ergeben. 

Parzival betritt auf seiner seelischen Wanderung das Reich der Begierde. Er muss durch dieses Reich hindurchgehen. Er muss aber einen anderen Weg wählen wie Gawan. Gawan stellt sich dem Bösen gegenüber und bekämpft es, Parzivals Weg ist ein anderer. 

Er muss sich dem Bösen verbinden und auf der Seite des Bösen stehen, doch alles zum Guten wendend. Parzival geht den schwereren Weg. Ich möchte den Weg, den Parzival geht, in einem Bilde charakterisieren. Den Drachen kann man auf zwei Arten bekämpfen. Von aussen durch wirklichen Kampf, oder von innen, indem man sich von ihm schlucken lässt und dann im Innern seines Organismus die Kräfte entfaltet, die ihn verwandeln. 

Das Letztere ist ein manichäischer Gedanke. Würde man das Böse bekämpfen, so würde man selbst böse werden, denn man gebraucht ein böses Mittel. Lässt sich aber die Lichtwelt von der Finsterniswelt verschlingen, so wird dadurch der Drache der Finsternis von innen her erleuchtet. 

Dies letztere scheint mir der Weg Parzivals zu sein. 

Auf keine andere Art erscheint sonst erklärlich, warum Parzival auf der Gegenseite kämpft. 

Zu dieser Deutung wird man insbesondere geführt durch die Tatsache, dass, während Gawan vor der Entscheidung steht, ob er sich mit dem innern Heere ganz verbinden soll, er plötzlich Parzivals Worte erinnert, der ihm den entscheidenden Rat prophetisch gab. 

Die Probe, vor die Gawan gestellt ist, besteht darin, der lnspirationsstimme Parzivals mehr zu trauen wie dem Augenschein, der ihm Parzival auf der Gegenseite zeigen könnte. 

Doch ist ihm die Probe dadurch erleichtert, dass er erst nachträglich erfährt, 

Parzival stehe auf der Gegenseite. 

Wir werden im weiteren Verlauf sehen, dass Parzival alle Abenteuer Gawans mitmacht, aber auf geheimnisvolle Art, und wir werden Punkt für Punkt darauf hinweisen. Es kann also keine Rede davon sein, die Gawanabenteuer als nicht zum Ganzen gehörige Einschiebsel zu betrachten.

 

ACHTES ABENTEUER

Eine merkwürdige Verbindung ist durch die Erzählung des siebenten Abenteuers zwischen Gawan und Parzival hergestellt. Gawan ist sein Pferd entlaufen, lngliart mit Namen, es hat - so sagt der Dichter am Anfang des achten Abenteuers - alle guten Eigenschaften, die sonst die Pferde in Tabronit besitzen. Tabronit ist die Stadt, in der jeder Erdenwunsch erfüllt wird. Dieses Pferd ist ja gefangen worden, und Parzival hat es sich als Beute herausgesucht. Er reitet also auf Gawans Pferd. Zwar sind die beiden einander im Kampf gegenübergestanden, aber ein gütiges Geschick hat sie davor bewahrt, miteinander in Kampf zu geraten. Doch hat Parzival gewissermassen Gawan dessen Pferd abgewonnen. 

Wir wissen, dass seit Gawan Parzival durch Bedeckung der Blutstropfen mit dem Seidentuche aus seiner Träumerei befreit hat, Parzival von Gawan abhängig geworden ist. Wo Gawan hingeht, da geht Parzival auch hin. Er folgt ihm unbewusst von Ferne. Seine Freiheit erobert er stückweise zurück. Zunächst hat er das Pferd Gawans erobert. Gawan ist dadurch in eine Verlegenheit gekommen, denn die Zeit des Kampfes mit Kingrimursel naht heran, und gleich am Beginn des achten Abenteuers erwähnt dies der Dichter und betont, Gawan werde in diesem Kampf sein Pferd fehlen. Gawan also macht sich auf den Weg in das Land Askalon nach der Stadt Schampfanzon.

Er muss dabei durch Hochgebirge und Sumpfländer reiten. Endlich kommt er dahin, wo der König Vergulacht auf einem spanischen Streitross reitet. 

Dieser König Vergulacht ist der Sohn des getöteten Kingrisin und der Fleurdamur, Gahmurets Schwester 

 

Wir haben es also mit nahen Verwandten des Parzival zu tun. 

Vergulacht ist ein Vetter des Parzival. 

Ausdrücklich betont der Dichter an dieser Stelle die Abstammung von Mazadan aus dem Berge Feimorgan, denn, sagt er, Mazadan stammte von den Feen. Wir sind also im Gebiet des Gralsgeschlechtes. 

Es ist wichtig, dieses zu betonen, denn was uns nun an Moralität entgegentritt, würde nicht ohne weiteres den Gedanken nahe legen, wir hätten es mit dem Gralsgeschlecht zu tun. 

Der Dichter aber legt Wert darauf, uns das ins Bewusstsein zu rufen. 

 

Wie ein imaginatives Bild für den moralischen Zustand des Königs Vergulacht erscheint die Situation, in der Gawan ihn antrifft. Er ist nämlich in den Sumpf gefallen, als er dem Falken nachritt, den er ausgesandt hatte. So tief im Sumpf ist er versunken, dass er sogar sein Ross verlor und alle seine Kleider so übel zugerichtet waren, dass er sie den Falknern schenken musste. 

Ist es nicht eine merkwürdige Situation?! 

Ist nicht Gawan soeben dasselbe zugestossen: er hat sein Ross verloren, und Parzival, dessen Seele im Bilde des Falken dargestellt war, hat es erhalten. Wir erinnern daran, was Parzival vor den drei Blutstropfen erlebte. ln diesem Augenblick, als er die Kleider den Falknern überlässt, kommt Gawan. Er hat innerlich durchgemacht, was sich nun äusserlich vor ihn hinstellt. Nun bereitet uns der Dichter darauf vor, dass wir schlimme Dinge hören werden. Er sagt uns:

 

401,28

Wollt ihr, so steh’ ich ab davon, 

Euch das Weitere zu berichten:

Aus Mitleid will ich drauf verzichten.

 

Dann aber entschliesst er sich doch, weiter zu erzählen. Der König fragt Gawan, ob er weiter reiten dürfe oder ob er, ihn empfangend, nach Hause müsse. Gawan sagt, ihm sei alles recht, was der König tue. Da sagt der König: So geht allein nach Schampfanzon, wo meine Schwester wohnt. Schön genug ist sie. Sie soll euch an meiner statt verpflegen.

 

402, 27

Ich komme früher als ich soll, 

Denn gern entbehrt lhr meiner wohl, 

Wenn ihr meine Schwester seht: 

lhr klagt nicht, komm ich noch so spät. 

 

Schon aus diesen Worten ersieht man, dass Gawan durch eine Versuchung geführt werden soll. Wir können bereits ahnen, dass er diese Versuchung im wesentlichen bestehen wird, dass aber aus dem wenigen kleinen Verfehlen, das sich doch in seine Seele einschleicht, eine ungeheure Verleumdung entstehen wird. 

Das will uns der Dichter nun fortlaufend zeigen, wie bei dem Geistsucher die kleinste Verfehlung, selbst wenn sie nur in Gedanken wäre, ungeheure Dimensionen annimmt und sich als eine ungeheure Verleumdung auf ihn ablädt.

Es wird nun erzählt, dass Gawan von der Königin Antikonie freundlich empfangen wird. 

Die Königin ist von ausserordentlicher Schönheit. Gawan wirbt nun um ihre Minne.

 

405, 24

Sie durften süsser Rede pflegen, 

Beiderseits mit Treuen.

Oft mussten sie erneuen,

Er sein Gesuch, sie ihr Versagen; 

Herzlich wollt er das beklagen, 

Um Gewährung bat er viel;

Sie sprach wie ich euch sagen will: 

Herr, wofern ihr anders klug,

So bedünk euch dies genug.

Weil mich der Bruder drum gebeten, 

Bot ich Euch's so dass Gahmureten 

Anflis' es nimmer besser bot, 

Meinem Ohm. Wohl um ein Lot

Schwerer wöge noch mein Pflegen,

Wollte man es gründlich wägen.

Weiss ich doch, Herr, nicht, wer ihr seid,

Dass ihr nach so kurzer Zeit

Meine Minne schon begehrt. 

 

Gawan antwortet darauf der Königin, er wolle ihr seine Herkunft schon mitteilen, er sei seiner Vatersschwester Brudersohn. Damit ist natürlich nicht mehr gesagt, als dass Gawans Vater eine Schwester habe. Er verbirgt ihr also seine Abstammung und fügt hinzu: 

 

406,16 

Wollt ihr mir schenken Minnelohn,

Meiner Herkunft halb säumt nicht damit:

Die hält mit Eurer so den Schritt,

Dass beid auf gleicher Höhe stehn

Und Hand in Hand wohl dürfen gehn. 

 

Obwohl es sich hier nur um einen Scherz handelt, wollen wir doch bemerken, dass Antikonie aus dem Gralsgeschlecht abstammt, während Gawan aus dem Artusgeschlecht hervorgeht. 

Er stellt die beiden hier als ebenbürtig einander gegenüber. 

Der Dichter schildert nun, dass die beiden allein bleiben und grosse Pein durch ihre gegenseitige Liebe leiden. Doch geschieht nichts zwischen ihnen, als dass Gawan Antikonie umarmt. 

In diesem Moment tritt ein Ritter zur Tür herein und alarmiert die ganze Burgbesatzung mit dem Ruf, Gawan wolle der Tochter seines Herrn Gewalt antun. Die Verleumdung besteht also darin, dass Gawans - vielleicht sogar innerlich zurückgedrängte Absicht - als Tat hingestellt wird. 

Immer wieder will uns der Dichter darüber belehren: 

Der nach dem Geistigen strebende Mensch muss ungeheuer auf der Hut sein; 

selbst diejenigen Begierden, die er zurückdrängt, deren Erfüllung er sich versagt, haben ihre Wirkung. Um auf diese Wirkung aufmerksam zu machen, bewirkt eine weise Schicksalsführung die Verleumdung des Helden. 

Die beiden ziehen sich nun vor den andringenden Rittern kämpfend in einen Turm zurück, wobei Gawan sich mit einem Schachbrett, Antikonie mit den riesigen Schachfiguren verteidigt und sie gegen die Ritter schleudert. Das ganze Abenteuer endet damit, dass der König Vergulacht nach Hause kommt und gegen Gawan vorgehen will. Der Dichter bedauert, dass dem Stammvater des Vergulacht Gandein, dadurch Schade wird (Gandein ist der König von Anschau, der Grossvater Parzivals), dass Vergulacht das Gastrecht verletzt. 

Und nun geschieht etwas Merkwürdiges: 

Der Landgraf Kingrimursel, der Gawan zum Zweikampf nach Schampfanzon bestellt hat, tritt plötzlich als Verteidiger Gawans auf, denn er hatte Gawan friedliches Geleit zugesagt bis zum Kampfe. Seine Ehre lässt nicht zu, dass Gawan vorher waffenlos überfallen wird. Er springt in den Turm zu Gawan und steht ihm bei. So steht der König seinem eigenen Landgrafen gegenüber, und die Mannen des Königs weigern sich, gegen den eigenen Landgrafen zu kämpfen.

 

412, 14

Herr, so liessen sie ihm sagen,

Der Landgraf bleibt unerschlagen,

Hier von unsern Händen.

Mög' euch Gott auf Dinge wenden,

Die der Ehre besser frommen.

 

Und nun zählen sie auf, warum das alles nicht geht. Erstens handle es sich um einen Gast, demgegenüber man das Gastrecht auch walten lassen müsse. Ferner sei Kingrimursel ein naher Verwandter von Vergulacht. So schlagen sie einen Waffenstillstand vor. Ferner machen sie den König aufmerksam, dass Antikonie unschuldig sei, dass sie seine Schwester sei und dass er ihr Gawan selbst zugesendet habe.

 

413,10

Der König ging den Frieden ein,

Bis er besser sich besprochen,

Wie sein Vater würd' gerochen.

Unschuldig war Herr Gawan,

Ein andrer Mann hat es getan. . .

Der stolze Eckunat.

 

Nun kommt auch die Unschuld Antikoniens glänzend an den Tag. Vergulacht muss sich von dem Landgrafen ins Gewissen reden lassen. Es ginge nicht an, den Neffen des Artus, Gawan, nachdem man ihm freies Geleit zugesagt und ihm versprochen habe, er solle nur mit einem hier kämpfen, in dieser Weise anzufallen. Er, der Landgraf Kingrimursel, fühle sich für die ganze Sache verantwortlich. 

Und nun kommt eine ganz merkwürdige Stelle. 

Wolfram spricht nämlich plötzlich von seiner geheimnisvollen Quelle, von Kiot. 

Man möchte erwarten, dass er mit grosser Feierlichkeit auf diese geheimnisvolle Quelle hinweisen würde — dass er sie aber hier in diesem Zusammenhang erwähnt, würde man nicht haben voraussehen können.

 

416,17 

Als diese Rede geschah,

Stand ein Mann des Königs da,

Der Liddamus, den Namen trug;

So nennt ihn Kiot oft genug.

Kiot le Chanteur, dem war

Wohl die Kunst offenbar,

So zu singen und zu sprechen,

Dass nie der Dank ihm darf gebrechen.

Kiot ist ein Provenzal,

Der die Mär von Parzival

Fand im arabischen Buch.

Wie er's französisch übertrug,

So wird's, wenn mir der Sinn nicht fehlt,

Von mir im Deutschen nacherzählt. 

Wer ist nun dieser merkwürdige Liddamus? 

Warum leitet sein Name über zu Kiot? 

Liest man die folgende Darstellung des Dichters, so erscheint einem dieser Liddamus zunächst als ein Grosssprecher, der immer grosse Worte führt, aber wenig tut. Jetzt spricht dieser Liddamus zornig von der Notwendigkeit der Rache an Gawan, dem Mörder des Kingrisin. Kingrimursel weist das zurück. 

 

417,16 

Herr Liddamus, vor euch vielleicht,

Wär' noch zu retten dieser Mann:

Hätt' er Euch noch so viel getan,

Ihr liesset's ungerochen. 

Ihr habt hier zu viel gesprochen; 

Man würd Euch eher glauben,

Dass Euch niemands Augen

Noch zuvorderst sahn im Streit.

Stets war euch Kampf ein Herzeleid . . . 

 

Wir werden also durch Wolfram von Eschenbach darauf aufmerksam gemacht, Kiot habe gerade auf denjenigen hingewiesen, der viel redet und wenig tut. 

Will der Dichter sagen, Liddamus sei der, welcher zu viel redet, und er wolle nicht ein Liddamus sein, er wolle nichts ausplaudern? 

Ich weiss es nicht; eines jedoch ist sicher, dass er uns wenig genug über Kiot mitteilt. Auf die Kiotfrage müssen wir ja noch zurückkommen. 

Hat aber Kiot über Liddamus geschrieben, dann hat er - da Liddamus am Hofe des Vergulacht lebt -, wohl mit jenem Menschenkreise sich beschäftigt, zu dem Vergulacht, Antikonie, Kingrisin, Fleurdamur, Gahmuret, gehören, denn diese sind ja nahe verwandt. 

Es wird uns ja auch ausdrücklich gesagt - an anderer Stelle - er habe sich mit dem Gralsgeschlecht beschäftigt. Der Zweikampf zwischen Kingrimursel und Gawan wird nun auf ein Jahr vertagt. Dass Gawan unschuldig ist, weiss der Leser ja nur durch eine Zwischenbemerkung des Dichters; für die Personen der Handlung ist seine Unschuld noch nicht an den Tag gekommen. Der Kampf soll also stattfinden in einem Jahre zu Barbigöl vor dem König Meljanz. 

Dadurch, dass der König Meljanz genannt wird, verknüpft sich das achte mit dem siebenten Abenteuer. Wir kennen ja den König Meljanz, den Gemahl der Obie, aus dem siebenten Abenteuer. Liddamus hält noch eine Rede, in der er zeigt, dass er recht genau Bescheid weiss in der Verwandtschaft des Königs. Er erwähnt u.a. Gandein, Gahmuret und Galoes. 

Dann betont er, dass es seine Aufgabe nicht sein könne, zu kämpfen. 

 

420,23 

Mir ist zum Kampf der Weg versperrt.

Die Kampfgier hat mich nie genärrt. 

 

Ein streitlustiger Wolfhart, wie er im Nibelungenlied vorkomme, wolle er nicht sein, eher schon wolle er so sein, wie Rumold, der Koch der Burgunden, der König Gunther von der Fahrt zu Attila abgeraten habe. 

Man sieht also, Liddamus ist nicht eigentlich feige, sondern er kämpft offenbar aus Prinzip nicht. Kiot muss also über den Ritter, der nicht fechten will, geschrieben haben. Vielleicht hat mancher diesen Ritter deshalb für den furchtsamsten aller Menschen gehalten (Thegan sagt (vgl. was er zum Jahr 821 bemerkt) von Hugo von Tours, er sei aus dem Geschlecht Etichos (des Vaters der hl.Odilie) hervorgegangen und war unter allen Menschen der Furchtsamste), ohne dass er es gewesen ist. 

Merkwürdigerweise aber rät doch auch wieder dieser selbe Liddamus, die Tat Gawans mit dem Schwert zu rächen. 

Nun erzählt Vergulacht eine merkwürdige Geschichte: 

In dem Wald Lächtamreis sei er einem Ritter begegnet, derselbe habe ihn besiegt, habe ihm aber das Leben geschenkt, wenn er gelobe, für ihn den Gral zu suchen. Diesem habe er geschworen, es innerhalb Jahresfrist zu tun. Wenn es innerhalb Jahresfrist nicht gelänge, sollte er zur Königin von Pelrapäre ziehen, zu Kondwiramur, und sich ihr als besiegt vorstellen. 

Darauf ergreift Liddamus wiederum das Wort und schlägt vor, Gawan möge die Aufgabe des Vergulacht übernehmen. Gawan möge für Vergulacht den Gral suchen. Nun ist der Kreislauf geschlossen. Parzival reitet auf Gawans Pferd, und Gawan muss Parzivals Aufgabe lösen. 

Irgend etwas waltet geheimnisvoll zwischen diesen beiden. Und Liddamus hat seiner ganzen Natur gemäss den  W a f f e n k a m p f  mit den Schwertern in die   G r a l s u c he  verwandelt. 

Von einem solchen Ritter muss also Kiot geschrieben haben, der den  F r i e d en  wollte und nicht das  S c h w e r t. 

 

428,23 

„So war der Zwist beendet, 

Gawan hinausgesendet, 

Dass er mit des Schwertes Blitz,

Werbe nach des Grals Besitz."

 

Dass der Gral nicht erstritten werden kann, das durchschauen die Helden in diesem Augenblick noch nicht. Nun wird noch erzählt, dass Gawan mit Antikonie und den anderen speist. An dieser Stelle beruft sich Wolfram wieder auf Kiot und erzählt, Gawan sei traurig geworden,- der Abschied von Antikonie war ihm schmerzlich, aber auch ihr ging es nicht besser. Gawan wird nun entlassen, indem die edle Königin ihn küsst. Auf dem Gralspferd Gringuljet reitet Gawan allein, den Gral zu suchen. Damit schliesst das achte Abenteuer. 

 

DAS NEUNTE ABENTEUER 

beginnt Wolfram mit wunderbaren Versen. 

Frau Abenteuer, als geistiges Wesen erlebt, will in das Herz des Dichters eindringen. 

 

433,1

„Tut auf!" Wem? Wer seid Ihr?

„Ich will ins Herz hinein zu dir."

So begehrt Ihr engen Raum.

„Was tut es, fasst er mich auch kaum;

Über Druck wirst du nicht klagen,

Ich will dir nun viel Wunder sagen."

Seid lhr's Frau Abenteuer?

 

Die Erzählung ist hier wirklich zu Herzen gehend. Nach langer Zeit kehrt die Erzählung zu Parzival zurück. Es wird uns gesagt, er habe viele Abenteuer bestanden, zu Ross, zu Schiff, und zu Meer. Sie sind aber nicht erzählt. 

Ich habe einmal an Herrn Dr. Steiner die Frage gestellt: „Was sind das für Abenteuer, die da erwähnt sind, und die der Dichter nicht erzählt.“ Dr. Steiner antwortete: „Es sind diejenigen, die blosse lmaginationen darstellen, ohne Korrelat in der physischen Welt. Diejenigen, die ein Korrelat in der physischen Welt haben, erzählt Wolfram von Eschenbach ausführlich, die andern hält er zurück und erwähnt sie nur." Das ist ein wichtiger Hinweis. Denn zu diesen Abenteuern gehört auch dasjenige, bei dem Parzival das Gralschwert zerbricht. Wolfram von Eschenbach sagt darüber:

 

434,25 

Das ihm Anfortas verehrt,

Bei dem Grale, jenes Schwert,

Da er's im Streite schwang, zerbrach: 

Bei Karnant der Brunnen Lach,

Macht' es dann ihm wieder ganz; 

Stets mehrt er seines Ruhmes Glanz.


Der Dichter Albrecht von Scharfenberg erzählt uns einiges über diese Abenteuer. Parzival sei in Rumänien, Kapadozien und Asien gewesen. Schliesslich sei er zu Flordibale gekommen, wo der König Flordiprintze und Frau Albaflore regieren. lhre Tochter sei Floramie gewesen. Frimutel, ein Bruder des Anfortas, habe sie geliebt und sei um sie im Kampfe gefallen. Parzival habe ihn rächen wollen, bei diesem Kampf sei ihm das Gralschwert zerbrochen. 

Mit lthers Schwert habe er weitergekämpft. Dann sei er nach Kamant geeilt; dort am Brunnen habe er den Spruch gesagt, den ihn Sigune lehrte. Da sei das Schwert wieder ganz geworden. Parzival habe es aber nicht behalten, sondern dem Grafen Eckunat geschenkt. Es ist derselbe, von dem wir bereits wissen, dass er Kingrisin getötet hat, und dass er den Bracken Gardevias besass. Nun wird er also auch noch Besitzer des Gralschwertes. Er ist eine wichtige und bedeutende Persönlichkeit. 

Es wird uns erzählt, Eckunat habe das Gralschwert zum Racheschwert gegen Orilus für Sigunens Leid gemacht. Sigune sei bald nachher im Walde gestorben, aus ihrem und Schionatulanders Munde seien zwei Reben gewachsen, die sich ineinander verschlingen. Dann habe Eckunat Orilus getötet, und derselbe sei im Kloster Prurin begraben (Wir sahen, dass das Urbild der Orilusgestalt Karl lll. ist. Über diesen sagen die Annalen des Klosters St.Vaast bei Arras: „Karl aber soll, nachdem er das Reich verloren, von den Seinigen erwürgt worden sein; gewiss ist, dass er bald sein gegenwärtiges Leben beschloss, um, wie wir glauben, das himmlische zu besitzen." Er wurde begraben im Kloster Pirmins", d.h. in Reichenau. Seine Gemahlin Richardis nahm den Schleier schon früher).

Jeschute aber habe den Schleier genommen. Dieses ist erzählt im Titurel des Albrecht von Scharfenberg.

Nachdem Wolfram von Eschenbach die Geschichte vom zerbrochenen und wieder zusammengefügten Gralschwert erzählt hat, setzt er den Vers hinzu:

 

435,1 

„Wer es nicht glaubt, der sündigt!"

Wir möchten jedenfalls an dieser Stelle nicht versäumen, nachdrücklich auf die ungeheure Bedeutung des Grafen Eckunat hingewiesen zu haben. Die Geschichte seiner Zeit muss durch ihn das Gepräge bekommen haben. Er besass die Sternenschrift, er besass das Gralschwert, er hatte die engste Verbindung mit Parzival. Gawan musste für ihn unschuldig leiden. Er muss eine Hauptperson gewesen sein. Geschichtlich wird man ihn bestimmen müssen aus der Angabe, dass er Orilus getötet habe. Mit den Nachkommen des Gandein von Steiermark und Kärnten muss er Berührung gehabt haben.

Parzival begegnet, nach der Schilderung Wolframs von Eschenbach, Sigune, die bald nachher starb. Schionatulander war bereits begraben. Auf seinem Sarge trauerte Sigune. Parzival ritt nah heran an die Klause. Kein Weg führte dahin. Zwischen hohen Felsblöcken ritt er hindurch. Ganz nahe kam sein Pferd der Klause. Auf unzertretenen Rasen lenkte er es. Als er bemerkte, dass eine Frau in der Klause war, schämte er sich, so nahe herangeritten zu sein, stieg ab und band sein Ross fest. Auch das Schwert legte er ab. 

Sigune trug ein kleines Ringlein mit einem kleinen Granatstein (Basilius Valentinus sagt in seinen Versen auf Saturn, der Granat sei der Stein Saturns) darin, der glühte im Dunkel, als sprühte er Feuerfunken. Um das Haupt trug sie ein schwarzes Band. Vor dem Fenster auf einer Bank setzte sich Parzival. Er bat, sie möge drinnen auch sitzen, dann fragt er sie, ohne sie zunächst zu erkennen, und drückt ihr sein Erstaunen aus, sie allein in der Wildnis zu finden. 

Da erzählt sie ihm, alle Samstagnacht, am Saturntag, wenn er zu Ende gegangen ist, erscheint die Gralsbotin Kondrie la Sorzier; für die ganze Woche bringt sie Nahrung. Da fragt er nach dem Ring, Klausnerinnen pflegten doch sonst nicht der Liebschaft. Da sagte sie, sie sei rein, sie trauere um einen Mann, der ihre Minne niemals gewonnen habe, Orilus habe ihn im Kampfe erschlagen. Ihre Treue aber überdaure den Tod. Vor Gott empfinde sie sich mit ihm in rechter Ehe verbunden, anders seien sie nicht getraut gewesen. Da erkannte er Schionatulander und Sigune.Und sie erkannte ihn, indem sie ihm ins Antlitz blickte und seine Züge unter dem Eisenrost wahrnahm. Da fragt sie ihn nach dem Gral: 

Ob er seine Kraft nun erkannt habe, ob er den Weg gefunden habe? 

Da klagt ihr Parzival sein Leid. Um den Gral trage er Sorge und um die schönste Frau. Zum Gral sei er nicht wieder zurückgekehrt, den Weg habe er nicht gefunden. 

Um ihren Rat bittet er sie. Da rät sie ihm: verfolge die Spur der Kondrie, der Gralsbotin. Noch ist es nicht lange, dass sie da war. Die Spuren müssen noch frisch sein, die das Maultier in den Boden getreten hat. An dem Brunnen zwischen den Felsenspalten pflege sie das Maultier festzubinden. Parzival folgt dem Rate, aber die Spur verschwindet. 

Aufs neue verloren erscheint ihm der Gral.

Die Begegnung mit Sigune bedeutet für Parzival immer ein Stück Selbsterkenntnis. 

Er hat viel gelernt. Kondrie de la Sorzier erscheint ihm schon suchenswert. 

lhre Spur findet er. Was ihm weh getan hat, sucht er. Herzeleid zu lieben, hat er gelernt, zu Ende findet er den Weg noch nicht. Noch fehlt ihm etwas. Wie er so reitet, begegnet er einem Ritter. 

Der hält ihn an, sagt ihm, er sei im Gebiet von Monsalväsch, hier dürfe niemand bewaffnet reiten. 

Da spornen sie beide ihre Rosse zum Kampf. Parzival stösst den Ritter vom Pferd. 

Eine Halde stürzt dieser abwärts. Parzivals Ross kommt selbst auch zu Fall und stürzt in die Tiefe. Einen Ast ergreift er und rettet sich. So stirbt lngliart, Gawans Pferd. 

Es muss etwas bedeuten, dass dies geschieht. 

Parzival steigt nun auf das Pferd des Gralsritters. Nun reitet auch er, gleich seinem Freunde Gawan, der Gringuljet reitet, ein Gralspferd. Man halte das nicht für nebensächlich. 

Dieses Pferd ist es, das nachher, gerade weil es ein Gralspferd ist und den Weg kennt, zu Trevrezent führt.

Auf diesem Pferde ritt nun Parzival weiter seines Weges. Einige Wochen gingen hin, wie viele, kann der Dichter nicht sagen, da fiel eines Morgens Schnee. Wiederum war es ein ungewöhnlicher Schneefall. Am Saturntag war Parzival zu Sigune gekommen, Saturn wirkt auch jetzt wiederum. Zu Tode betrübt reitet Parzival im Schnee, Kälte durchschüttelt ihn. 

Da begegnet er einem alten Ritter, Kahenis heisst er. Sein Weib begleitet ihn und zwei Jungfrauen. Dieser Ritter wundert sich, dass Parzival zu so heiliger Zeit gewaffnet reite. Da antwortet Parzival:

 

447,20

Herr, ich weiss zu keiner Zeit,

An welchem Ziel das Jahr nun steht. 

Und wie der Wochen Zahl vergeht. 

Wie die sind benannt,

Das ist mir alles unbekannt.

Ich diente einem, der heisst Gott,

Eh' seine Ungunst solchen Spott,

Mir gab und solchen Ungewinn,

Da doch nie von ihm gewankt mein Sinn. 

Man sagte mir, er helfe gern,

Doch bleibt mir seine Hilfe fern.

 

Niemand kann zum Grale kommen ohne die Kenntnis der Geheimnisse der Zeit. 

Kronos, Saturn lehrt sie. 

Der alte Ritter mahnt Parzival, heute sei Karfreitag. 

Solches eiserne Kleid, wie er es trage, gezieme sich nicht für den heutigen Tag. 

Er spricht von Buße. Die Töchter aber sagen: schilt ihn nicht, hilf ihm doch lieber, dass er in dieser Kälte erwarme, wie muss er frieren in seinem eisernen Kleid. Parzival ist gerührt über ihre liebe Fürbitte, aber er wagt es nicht, sich ihnen anzuschliessen. Er hoch zu Ross, und sie zu Fuss, das passe sich nicht. So nimmt er Abschied und reitet, reitet auf der Spur des Weges, den Kahenis kam. 

Und nun spielt sich etwas Ergreifendes ab. 

Ungeheures Herzleid bemächtigt sich der Seele des Parzival. 

Der Zügel entfällt seiner Hand, über dem Haupte ringt er verzweifelt die Hände und mit den höchsten Helfer an aus der Einsamkeit seiner Seele:

 

451,9

„Jetzt zuerst gedacht' er seiner Macht, 

Der die Welt aus nichts gemacht,

Der ihn erschaffen und erhalten,

Wie der gewaltig müsse walten:

Wie, wenn Gott doch sendete, 

Was meinen Jammer wendete?"

 

So betet Parzival, und zuletzt bricht er in die Worte aus: 

 

451,21

„lst heute seiner Hilfe Tag, 

So helf er, wenn er helfen mag."

 

Das spricht er aus der Einsamkeit seiner Seele. 

Jetzt zum ersten Male fühlt er, der Sohn Herzeleides, das Leid in seiner vollen Stärke, und da, während er die Hände ringt, geschieht das Wunderbare, das Pferd beginnt zu traben. 

Kein Zügel hemmt seinen Lauf, es geht seinen gewohnten Weg. 

Gut kennt es den Weg, oft war es da. Es ist ja ein Gralspferd. 

Hinfindet es zu der Quelle des Heils, an den Ort, wo Parzival Jeschutens Unschuld 

beschworen hat.

 

452,10

„Zaum und Zügel legt' er beide

Frei zu des Rosses Ohren,

Und trieb es mit den Sporen.

Gen Fontän sauvasche war's gegangen 

Wo den Eid hat Orilus empfangen. 

Der fromme Trevrezent dort sass."

 

Zu dem Einsiedler in die Eremitage kommt Parzival. 

An die Felsen führt ihn sein Ross, dahin führt es ihn, wo der Mensch haust, von dem er die verborgenen Geheimnisse des Grales erfahren kann. Und hier an dieser Stelle erfahren auch wir dieses Geheimnis.

 

453,1

Wer mich früher darum gefragt, 

Hätt', und weil ich's nicht gesagt 

Mir Feindschaft bieten wollen, 

Verschwendet wär' sein Grollen. 

Zu hehlen bat mich’s, Kiot, 

Weil ihm die Aventür gebot

Es heimlich noch zu wahren, 

Niemand sollt es erfahren,

Bis im Verlauf der Märe,

Davon zu sprechen wäre (Vgl. S.194) 

 

(ln der Einleitung zum Buch Jaschar in der Ausgabe des Petrus Aloysius und Laurentius Bragadinus, die 1625 in Venedig gedruckt wurde, heisst es: „Es fand sich geschrieben, dass das Buch Sepher Hajaschar heisst. Und es ergab sich, dass der Grund für diesen Namen darin liegt, dass alle seine Worte so geordnet sind, wie sie sich in der Weltgeschichte abgespielt haben: keines früher und keines später! Denn du findest in diesem Buche nicht, dass etwas später erzählt wird, was früher war, oder dass es Dinge vorauserzählt, die später gewesen sind. Vielmehr ist jedes Ding zu seiner Zeit und an seinem Ort geschrieben.") (Vgl. Anhang ll.)

Und nun spricht der Dichter über seine Quelle, über Kiot. 

Er spricht darüber an der Stelle der Erzählung, an welcher Parzival zu Trevrezent geführt wird. Zuerst hat er den Kiot erwähnt da, wo Gawan zu den Nachkommen des Gandin von Anschau geführt worden ist, jetzt spricht er zum zweitenmal von ihm, als er Trevrezent erwähnt. 

Warum? 

Weil dieser Trevrezent auch dort gewesen ist. Erzählt er doch:

 

496,15

Als am Rohas (Rohitscherberg) ich im Steierland 

Abenteuer sucht' und fand,

Da kamen tapfere windsche Männer 

(aus der windischen Provinz) 

Entgegen mir als Lanzenrenner.

Ich fuhr von Sevilla

Auf dem Meere gen Sizilia

Durch Friaul bis gen Aglai (Aquilea) 

Weh, o weh, und heia hei!

Dass ich jemals deinen Vater sah!

Denn ich fand und sah ihn da.

Zu Sevilla (Sevilla ist als Asbilia in der Einleitung zum Buch Jaschar erwähnt. Dahin rettete ein Alter die uralt heilige Weisheit‚ die er über die Zerstörung Jerusalems durch Titus hinaus bewahrt hatte. Ein Offizier des Titus, namens Sidrus, erbarmte sich des Alten und brachte ihn nach Sevilla, wo er des Alten Schüler wurde. 

Sevilla besass also nach dieser Erzählung eine alte Weisheitstradition. Vgl. H. P. Blavatsky, S.150 der „lsis entschleiert", deutsche Ausgabe Bd. l, wo die Bedeutung des Buches Jaschar erwähnt wird. Wir benützen hier nicht die englische und amerikanische, sondern die hebräische Ausgabe im Original, weil sie vieles enthält, was die anderen Ausgaben nicht bringen.) zog ich ein

Als der werte Anschewein

Eben Herberg' genommen.

Da muss man Kiot suchen, wo die Verbindungslinien gehen von der Steiermark durch das Frankenland nach Sevilla.


453,11 

Kiot der Meister wohlbekannt, 

Zu Toled verworfen liegen fand 

Und in arabischer Schrift 

Die Märe, die den Gral betrifft. 

Der Charakter A B C 

Musst er innehaben eh',

Ohne nigromantische Kunst. 

Ihm half dabei der Taufe Gunst

Sonst wär' die Mär noch unvernommen

Heidenkunst mag nimmer frommen. 

Zu künden was uns offenbart 

Ist von des Grales Kraft und Art.

 

Der Meister Kiot fand also in Spanien, in Toledo ein Buch in arabischen Schriftzeichen, welches die Gralsgeschichte enthielt. In welcher Form, werden wir noch sehen. Man kann nicht ohne weiteres annehmen, dass es in Form einer Dichtung oder eines Romanes war. Er war ein Christ, während dasjenige, was ihm vorlag, nicht christlich war.


453,23 

Ein Heide, Flegetanis, 

Den man um seltne Künste pries, 

Hatte manche Vision, 

Er stammte von Salomon 

Aus israelitischem Geschlecht erzielt 

Von alters her eh' unser Schild 

Die Taufe ward vor Höllenqual. 

Der schrieb, der erste, von dem Gral.

Ein Heide war er vaterhalb 

Flegetanis, der noch ein Kalb 

Anbetete als wär' es Gott.

 

Hier entsteht die Frage: Wer ist Flegetanis? 

Flegetanis ist kein Name, sondern ein persisches Wort, das den „Sternkundigen“ bedeutet. Flegetanis war also ein Astronom. 

Er war jedoch kein Astronom, der mit äusseren Mitteln den Himmel betrachtete, sondern ein solcher, der Imaginationen vom Himmel hat. „Er stammte von Salomo" muss sich nicht unbedingt auf die physische Abstammung beziehen. Das Wort steht unmittelbar nach dem Wort „Vision“. 

Es ist möglich, dass dadurch die Art seines Hellsehens bezeichnet werden soll. Es gab verschiedene Arten des Hellsehens. Man konnte ein Nachfolger des Propheten Jona sein oder auch ein Nachfolger des Salomo, damit bezeichnete man verschiedene Arten des Hellsehens. 

Matthäus spricht davon, Kap.12, Vers 39 und Kap.16, Vers 4. Da ist vom Zeichen des Propheten Jona die Rede, von den Fischen. Dasselbe findet man in Lukas Kap.11, Vers 29. Dann wird aber bei Lucas dem gegenübergestellt die Weisheit Salomons. Rudolf Steiner hat auf diese Gegenüberstellung aufmerksam gemacht. Er hat so interpretiert, dass er sagt: Es gab zwei Arten, ins Übersinnliche zu kommen, entweder durch das Zeichen des Propheten Jona, durch  i n n e r e         S c h u l u n g‚ oder durch die Weisheit des Salomon, d.h. aus der  v e r e r b t e n  K r a f t. Nur dieses meint die Wolframstelle, deshalb heisst der nächste Vers:

453, 27 Aus israelitischem Geschlecht erzielt.

Fassen wir also zusammen, was sich als Sinn ergibt: Ein Heide, durch Visionen instand gesetzt zu astronomischen Erkenntnissen, hatte diese Kraft nicht durch Schulung, sondern durch seine besondere Abstammung erworben. Er war der erste, der das, was in diesen Visionen sich ergab, die Kunde vom Gral, niedergeschrieben hat. Das Buch, um das es sich handelt, ist also ein astronomisches Buch (dies hat ja Rudolf Steiner angegeben). Nun wird gesagt, dieser Flegetanis habe ein Kalb angebetet, als wäre es Gott. 

Ausserdem wird hinzugefügt, sei er väterlicherseits ein Heide, mütterlicherseits ein Jude gewesen. Nähere Angaben über diese Persönlichkeit gibt nun die Dichtung (über diese Dichtung handelt: 

A u g u s t  K o b e r s t e i n, „Über das wahrscheinliche Alter und die Bedeutung des Gedichts vom Wartburger Krieg“, Naumburg 1823; L u c a s, C.T.L.‚ „Über den Krieg von Wartburg", Abhandlg., Histor. u. literar. d.k.deutsch. Ges. in Königsberg 1838;  H e r m a  n n  v.P l ö t z, „Über den Sängerkrieg auf der Wartburg“, Weimar 1851; J.C.R i n n e , „Schulprogamm", Zeitz 1842) 

der  W a r t b u r g k r i e g,  den ich als Quelle, trotzdem er verhältnismässig spät ist, unbedenklich verwende, weil derjenige, der ihn geschrieben hat - das zeigt der Inhalt - ein tiefes okkultes Wissen besass. Hier steht nun von einem Buche, das dort Zabulonis Buch genannt wird, und es wird gesagt:

Und wie das Buch gedichtet ward (Wartburgkrieg, herausgegeben geordnet, übersetzt und erläutert von Carl Simrock, Stuttgart und Augsburg, Cotta 1858, S.194.)

Von einem Meister, der noch anbetete ein Kalb,

Er war ein Jude von der Mutter Art,

Ein Heide vaterhalb (I.Könige 7,14 wird dies von König Hiram gesagt: „Er war einer Witwe Sohn aus dem Stamm Naphthali und sein Vater war ein Mann von Tyrus.“)

 

Und war der erste, der sich der Sternkunst unterwand,

Weil ich die Wahrheit weiss, darum erduld ich deinen Zorn, 

Eines Nachts er an den Sternen fand,

Nach zwölfhundert Jahren würd ein Kind zur Welt geborn, 

Das alle Juden von den Ehren stiess.

 

Hier wird, nur mit anderen Worten, etwas deutlicher, dasselbe gesagt wie in Wolframs Parzival. Vergleicht man Wort für Wort, so zeigt sich, dass die Visionen Sternkunst waren, und dass die erste Kunde vom Gral die Kunde war von einem Kind, das in 1200 Jahren geboren werden würde. Dieses Kind aber kann niemand anders sein wie Jesus, a l s o  i s t  J e s u s  d e r  G r a l. 

Er ist das Gefäss, in welchem das Blut Christi zu suchen ist.

Wer aber ist Flegetanis? 

Die Angabe, er stamme mütterlicherseits aus israelitischem Geschlecht und väterlicherseits von einem Heiden, weist auf Hiram von Tyrus. Die andere Angabe, Flegetanis habe 1200 Jahre vor Christus dessen Kommen prophezeiht, weist auf Bileam, dessen Geschichte im 4.Buch Moses erzählt wird. Dieser segnet, von den Feinden des israelitischen Volkes aufgerufen, Israel zu fluchen, das israelitische Volk, indem das Göttliche, das Israel erretten will, durch Bileams Mund spricht. Wer aber ist in diesem Moment der lnspirator Bileams? 

Wer segnet durch Bileams Mund Israel? Wer errettet Israel, als es dem Untergang geweiht ist?

Fassen wir, um die Frage zu beantworten, die Lage Israels ins Auge 1200 Jahre vor Christus. Moses, den Manetho Osarsiph nennt (Vgl. „Die Drei", VI. Jahrg.‚ 1. Heft, April 1926, Stuttgart, S.68.), führt das israelitische Volk aus dem Sinaigebiet gegen Kanaan. 

Er verkündet dem Volk den Mondgott Jehovah, erkennt aber nicht den Christus, der da voranzieht bei Tag als Wolke, bei Nacht als Feuersäule. Solange das Manna reicht, dauert die Führung des Moses. Vor ihm zieht sein Stabträger (1.Mos. 49,10: „Nicht soll weichen der Stab von Juda und ein Stabträger als Nachkomme, bis dass kommt der Messias und ihm ist der Gehorsam der Völker.") 

Mit dem Stabe schlägt Moses das Wasser aus dem Felsen. Er erkennt nicht den Christus, den Sonnengott, der das Volk tränkt. So wird Moses abgelöst von Josua: Je-hoschua. Er heisst ursprünglich Hoschua, Hosea (4.Mos.13,I7). Moses fügt also seinem Namen den Gottesnamen hinzu. Josua ist aber dasselbe Wort wie Jesus. Indem Josua die Führung übernimmt, vollzieht sich der Übergang von Jehova zu Jesus. 

Das Alte Testament geht in das Neue über. Als Moses Kundschafter aussendet in das gelobte Land, da kehren 10 zurück und melden, das Land komme nicht in Betracht. Josua und Caleb aber loben es und bringen eine riesige Traube zum Beweis. Christus, der später von sich als von dem Weinstock spricht, ist hier vorverkündet.

Moses ist der Mondenführer des jüdischen Volkes. Josua gebietet Sonne und Mond. (10.Buch Josua, Vers 12.)

In diese Zeit des Überganges von der Monden- zur Sonnenführung des jüdischen Volkes fällt die Christusprophetie des Bileam. Er sagt: „Ich werde ihn sehen, aber nicht jetzt, ich werde ihn schauen, aber nicht von nahe, es wird ein Stern aus Jacob aufgehen und ein Szepter aus Israel aufkommen, und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter und verstören die Kinder Seths... aber, o Kain, du wirst verbrannt werden." 

Bileam, der Israel verfluchen soll, segnet Israel, prophezeiht den Christus. 

Wie kommt das? 

Michael stellt sich ihm entgegen. 

Die Eselin, vorbestimmt einst der Christusträger zu werden, erkennt Michael und sinkt in die Knie. Bileam erkennt ihn zuletzt auch. Da an dieser Stelle greift die Sonnenführung ein. 

Aber Bileam ist ein Volksverschlinger. Für Geld weissagt er. 

lm Dienste des Eigennutzes steht bei ihm noch die Sehergabe. 

Darum tötet ihn Pinehas mit der Lanze, derjenige, der nach jüdischer Geheimlehre als Elias einst wiedergeboren wird (Über die Lanze des Pinehas schreibt der Syrer Ephraim in der 39. Hymne seiner sog. Nisibenischen Hymnen.  l s e l i n  gibt die Stelle in deutscher Übersetzung S.114 seines Buches Der morgenländische Ursprung der Grallegende: „Erschreckt hat mich (so klagt der Tod) die Lanze des Pinehas, der durch ihr Töten stellte das Sterben. Die Lanze verwahrte den Baum des Lebens. Erfreut bin ich worden, zugleich auch bekümmert, weil sie nun fernhielt Menschen vom Leben und weil sie fernhielt das Sterben vom Volke. Nun durch die Lanze, die Jesum durchbohrte, bin ich (so sagt der Tod) auch getroffen. Er ist der Durchstochene und ich muss wehklagen. Aus ihm sind geflossen Blutstrahl und Wasser. Gewaschen und lebend kehrt wieder Adam ins Paradies.“ In Lazarus ist dies geschehen. In seiner Erweckung kehrte Adam zurück ins Paradies.) 

 

Wer aber spricht durch Bileam? Wer segnet Israel? 

Es ist Hosea-Josua, der Namensträger Jesu, der hier zwischen Moses und Pinehas-Elias wie in einer Vorverkündigung der Verklärung erscheint. Wie später Hiram zu dem israelitischen Volke die Sonnenimpulse trägt und den Gral durch die Königin von Saba an Salomo sendet, so sendet jetzt Hosea-Josua dem jüdischen Volke seinen Segen. Aus diesen Elementen hat die Sage die Gestalt des Flegetanis zusammengeschmolzen. Es ist Hiram-Hosea, der durch Bileams Mund als erster den Gral verkündet, d. h. die Einfügung des Gottes in das irdische Gefäss, in den Leib des Jesu, in den Tempel Gottes.

So weist uns die Gestalt des Flegetanis auf das alte Testament und damit überhaupt auf hebräische Quellen. In ihnen lebte noch etwas von der alten Sternenweisheit. Wolframs von Eschenbach Gewährsmann Kiot hat diese Sternenweisheit aus altorientalischen Quellen kennengelernt. 

Diese Sternenschrift ist in das hebräische Schrifttum in Form genealogischer Bücher eingeflossen, da ja Israel als Volk sich gliederte nach den Gesetzen der Sterne. Was in den 12 Stämmen sich im irdischen Bild spiegelt, hat seinen Ursprung in der Sternenschrift. 

Schon Blavatsky hat darauf hingewiesen, dass die genealogische Abfolge von Adam bis Noah auf den Tierkreis bezogen werden kann. Sie hat gezeigt, dass die 10 Stammväter von Adam bis Noah den 12 Sternbildern entsprechen, indem die Wage später eingeschoben ist, und Jungfrau-Skorpion ein Sternbild ausmachten. Tatsächlich tritt die Wage nicht vor dem ersten Jahrhundert v. Chr. als Symbol der Tag- und Nachtgleiche an die Stelle der Skorpionsscheren, die bis dahin den leeren Raum dieser Stelle der Ekliptik ausfüllen mussten. 

Es ist ja klar, dass schon das hohe Lebensalter, das die Bibel den ersten Patriarchen zuschreibt, ein Hinweis darauf ist, dass es sich in diesen ersten Patriarchen nicht um einzelne Menschen handeln kann. Es ist daher die genealogische Abfolge auch keine Genealogie im gewöhnlichen Sinne.

Rudolf Steiner hat darauf aufmerksam gemacht, dass diese Zahlen der Lebensalter sich auf die folgende merkwürdige Tatsache beziehen. In alter Zeit war das Gedächtnis noch nicht in demselben Sinne psychologisches Eigentum des einzelnen Menschen, wie das heute der Fall ist. Die Erinnerung spiegelte nicht bloss das individuelle Erleben wieder, sondern man tauchte, 

sich erinnernd, in die organischen Kräfte unter, die am eigenen Leibe gestaltend wirken. In diese Kräfte aber spielt herein, was von den Ahnen vererbt ist. So fand man beim Hineinschauen in das eigene Innere vor, was vom Vater und weiter zurückgehenden Ahnen in einem waltete.

Dr. Steiner wies nun darauf hin, dass die Zahlen, welche in der Bibel das Lebensalter der Patriarchen ausdrücken, die Dauer angeben für die Zeiten, in denen sich forterbte, was so innerlich wahrgenommen wurde. Die Zahlen drücken also aus, wie die Kräfte der Vorfahrenschaft in der Nachkommenschaft weiterleben.

Darin aber spiegeln sich wieder höhere, kosmische Rhythmengesetzmässigkeiten ab, 

die sehr wohl im Zusammenhang gedacht werden können mit dem kosmologischen Werden selbst. 

Darauf bezieht sich nun, was Blavatsky im zweiten Band ihrer „Entschleierten Isis" über diesen Gegenstand ausführt. Sie macht darauf aufmerksam, dass jede Entwicklung durch zwölf Transformationen hindurchgeht. 

Die ersten sechs bewirken ein Verdichten, ein Irdischwerden, die letzten sechs einen Vergeistigungsprozess. ln der Mitte, am Wendepunkte setzt sie nun das Zeichen Wage, damit zum Ausdruck bringend den Gleichgewichtspunkt zwischen absteigender und aufsteigender Entwicklung. Dies, sagt sie, wird von der Bibel dargestellt als die besondere Stellung des Patriarchen Henoch. In christlicher Terminologie entspricht ihm Michael. So hätte man in der Entwicklung von Adam bis Henoch (der der siebente ist in der Reihenfolge der Patriarchen) die absteigende Entwicklung; in der Stufenfolge von Henoch bis Noah die aufsteigende. Noah erscheint dann als derjenige, der die Menschheit am Ende eines solchen gewaltigen Zyklus hinüberleitet zu einer neuen Entwicklungsphase. 

Was in der Bibel geschildert wird, sind aber nicht bloss kosmologische Tatsachen, sondern es ist in den Bildern der Genesis gleichzeitig die Entwicklung der Erkenntnis des Kosmos dargestellt. Das „ Es werde Licht" ist nicht nur ein kosmologischer Prozess, sondern auch die Darstellung des Erlebnisses der Erleuchtung für den Erkenntnissucher. Auf die Ausbildung des imaginativen Schauens weist dieses „Es werde Licht“. 

Rudolf Steiner beschreibt das imaginative Erkenntnisorgan in seinem Buche „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten". Er bespricht es unter dem Namen der zweiblättrigen Lotosblume, die zwischen den Augen sich entwickelt. Er gibt aber die Schilderung der Entwicklung der übersinnlichen Erkenntnisorgane so, dass er darauf hinweist, dass die Entwicklung, wenn sie richtig gehen soll, von oben nach unten die menschliche Organisation ergreift. Man kann dieses bei Rudolf Steiner nachlesen.

Eliphas Levi beschreibt in seiner „Geschichte der Magie" im ersten Halbband (Barth-Verlag, München 1926) auf Seite 54, dem Sohar folgend, die Kosmologie in folgender Weise: „Die Synthese des durch das menschliche Antlitz dargestellten Wortes steigt langsam empor und erhebt sich aus den Wassern wie die aufgehende Sonne. Mit dem Erscheinen der Augen war das Licht erschaffen, zeigt sich der Mund, wird der Gedanke und das Wort gehört. Das Heraustreten des ganzen Kopfes zeigt den ersten Schöpfungstag. Kommen Schultern, Arme und Brust, so beginnt die Arbeit. Das göttliche Bild drängt mit einer Hand das Meer zurück und hebt mit der anderen Erdteile und Berge. Es wächst immerzu. Seine schöpferische Macht erscheint, und alle Wesen vermehren sich. Endlich steht er aufrecht da, den einen Fuss setzt er auf die Erde, den andern auf das Meer, und indem er sich ganz im Ozean der Schöpfung spiegelt, atmet er über sein Spiegelbild und ruft sein Bild zum Leben." 

Das ist eine stark veräusserlichte Darstellung des Tatbestandes, den man bei Rudolf Steiner in seiner vollen Konkretheit geschildert findet, und den man kurz darin zusammenfassen kann, dass bei einer richtigen okkulten Schulung der Weg vom Denken über das Fühlen zum Wollen geht, d.h. vom Haupte in die untere Organisation hinabführt. 

Das entspricht den Stufen von Adam zu Henoch. Ist der Mensch durch seine ganze Organisation hindurchgeschritten, so betritt er das Gebiet, das die Bibel schildert als das Paradies, als die Region der vier Paradiesesströme. 

Hier wächst der Baum des Lebens, und der Versucher tritt dem Menschen entgegen. 

Wer die Probe besteht, wird den Aufstieg unternehmen können. „Henoch stirbt nicht, sondern wird lebend hinübergenommen in den neuen Entwicklungszyklus". 

So spiegelt sich im Sechstagewerk der in sechs Stufen erfolgende Abstieg durch die eigene Organisation. Am siebenten Tage muss der Mensch ruhen. Er muss in seiner eigenen Entwicklung das göttliche Schöpfungswerk abbilden, dann ist er reif zum Aufstieg. 

So ist es im makrokosmischen Werden, so ist es im mikrokosmischen Abbild der kosmologischen Prozesse in der Entwicklung des Menschen. Beides stellt die Bibel dar in ihren Stammbäumen. Wer das Stammbaumgeheimnis lesen kann, findet in ihm eingeschrieben die Phasen der Weltentwicklung und zugleich die Stufen der übersinnlichen Erkenntnis. Dieses beides fasste man in alter Zeit unter dem Ausdruck „die Sternenschrift" zusammen. 

ln der Ausbildung übersinnlicher Erkenntnisorgane spiegelten sich die Rhythmen des grossen Weltenwerdens, und wie dieses vom Logos zum Fleischwerden des Logos fortschreitet, um dann das Irdische wieder hinaufzutragen zum Geiste, so geht auch die Einzelentwicklung des Menschen. Erst schafft er durch Ausbildung seines Denkens einen vorläufigen Mittelpunkt im Kopfe, dann trägt er in die Tiefen der Organisation, was durch Gefühl und Wille sich hindurchentwickeln muss, um zuletzt mit seinem ganzen Wesen den Aufstieg zu den Höhen zu unternehmen.

Dass das eben Ausgeführte auch der Darstellung entspricht, die Rudolf Steiner gibt, zeigt ein Vergleich mit seinem Zyklus „Mathäusevangelium". Hier zeigt er an einem der beiden Stammbäume Jesu, dass in ihm die Stufen der übersinnlichen Entwicklung gekennzeichnet sind. Wir führen hier diese Zusammenhänge an, um zu erklären, was im Sinne der Gralsage ein Stammbaum ist. In ihn ist die Stufenfolge der Entwicklung hineingeheimnist. 

Er spricht aus, wie man von Stufe zu Stufe (gradalis) fortschreitet. 

Darum berichtet z.B. eine Gralsversion das Folgende: The vulgate Version of the Arthurian Romances, herausgegeben von Oskar Sommer, Bd. l.Lestoire del Saint Graal (Washington 1909) erzählt, dass ein Einsiedler, der 717 nach Christi Leiden am Karfreitag einschlummerte, in seinem Schlaf eine Vision erlebte, in der ihm Christus erschien. 

Christus belehrte den Einsiedler über die Trinität und reichte ihm ein Buch dar, das Christus selbst verfasst hatte. In diesem Buche stand das Geschlecht seiner Ahnen und der Bericht vom Gral. -

Man sieht an dieser Erzählung, wie Stammbaum und Gral verknüpft sind. Wir haben uns bemüht, diese Verknüpfung zu erklären. Das Geheimnis der stufenweisen Entwicklung der Welt und des lndividuums ist darinnen enthalten.

Es kommt aber noch ein anderer Gesichtspunkt hier in Frage. 

Anerkennt man die Tatsache wiederholter Erdenleben, und macht man sich zu eigen, was aus anthroposophischer Erkenntnis heraus sich über die wiederholten Erdenleben ergeben hat, dann findet man, dass während auf Erden sich die Menschheit von Generation zu Generation entwickelt, der durch die Pforte des Todes Geschrittene sich vorbereitet in übersinnlichen Welten auf eine folgende Geburt. 

Dies geschieht nun so, dass zwischen Tod und neuer Geburt das Menschenwesen ebenso in die Sternenrhythmen eingegliedert ist, wie es während des Erdenlebens eingegliedert ist in die irdischen Rhythmen, also etwa in den Atem- oder Blutrhythmus. Was beim Durchgang durch dieses kosmische Dasein durchgemacht wird, ist nun ganz individuell. Zwar sind die Stemenrhythmen berechenbar, und der kosmologische Rhythmus läuft nach ehernen, ewigen Gesetzen ab; dennoch aber findet der Mensch den Übergang von einem Teil des Kosmos in den andern, von einer Planetensphäre in die andere verschieden schnell, je nach seiner individuellen Veranlagung. 

Dadurch ist das Erleben nach dem Tode ein ganz individuelles. Der durch die Sternensphären hindurchschreitende Mensch arbeitet nun an der Vorbereitung seines künftigen Erdenleibes und wirkt dadurch ins lrdische hinab, wo innerhalb der Generationenfolge sich dieser Erdenleib nach den Gesetzen physischer Vererbung vorbereitet. So spiegelt die Generationenfolge die Sternenschrift ab, welche der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt in den Kosmos einschreibt. (Ernst Uehli, Eine neue Gralssuche, Der Kommende Tag Verlag, Stuttgart 1921 sagt in dem Kapitel „Der Gral als Ich-Geheimnis“: In der Wiederverkörperung kann man das wesenhafte Ineinanderwirken der physischen und der geistigen Welt erblicken. Ohne die Erkenntnis des wiederholten Erdenlebens verliert man den wesenhaften Zusammenhang mit den beiden Welten.“ - Uehli hat zuerst mutvoll die Anthroposophie zur Erfassung der Sternenschrift des Flegetanis-Kiot herangezogen.)

Das ist es, was Flegetanis beobachtet hat. Er konnte die Geburt eines Kindes 1200 Jahre vorher voraussagen, weil er überschauen konnte, wie das Geistwesen dieses Kindes den Kosmos durchschreiten würde. Das Kind, dessen Geburt so prophezeit wurde, ist der Mensch Jesus, der im 30.Jahre zum Träger des Christus wurde.

Als Hüter des Geheimnisses der Sternenschrift in allen hier angegebenen Hinsichten wird uns nun durch die Sage Joseph von Arimathia bezeichnet. Von ihm wird erzählt, dass Vespasian ihn im Gefängnis angetroffen habe. Man kann die betreffende Geschichte im Auszuge nachlesen bei Piper im ersten Teilband des fünften Bandes von Kürschners deutscher Nationalliteratur, S. 86/87. 

Vespasian fand im Gefängnis den Hüter dieser Mysterien. 

Ganz Ähnliches, nur ohne Nennung des Namens Joseph von Arimathia, erzählt das Buch Jaschar in der Einleitung, welche der Ausgabe des Bragadinus vorangeht. Da wird erzählt, dass ein Offizier des Titus namens Cidrus einen alten Mann bei der Eroberung Jerusalems aus einem zugemauerten Gemach befreit hat. 

Dieser Alte aber - so wird dort erzählt - war der Hüter der altüberlieferten Weisheit und der Bewahrer der Genealogie Adams, d. h. der Menschheit. Und dieses Geheimnis sei eben eingeschrieben in dem Buche Jaschar. Wegen der Wichtigkeit des Dokumentes bringen wir Vorrede und Einleitung im Anhange aus dem Original übersetzt zum Abdruck. Wir finden aber dort erklärt, dass die uns vorliegende Ausgabe nicht die ursprüngliche sei, sondern nur ein schwacher Abglanz des Buches‚ der ursprünglichen Geheimnisse. Wolfram von Eschenbach hat nun aus dieser Geheimlehre geschöpft. Er hat das Geheimnis der Sternenschrift besessen, und sein Gewährsmann Kiot hat den Zusammenhang zwischen Stammbaum und Sternenschrift überschaut. Er hat in nachchristlicher Zeit das Entsprechende tun wollen zu dem, was in vorchristlicher Zeit Flegetanis getan hat. Er wollte durch Studium der Landeschroniken herausfinden, ob er einen genealogischen Zusammenhang finden könnte, in dem sich die Sternenschrift abspiegelt, die er kannte. 

 

454,9 

Flegetanis den Heiden

Mochte seine Kunst bescheiden

Vom Lauf aller Sterne,

Und ihrer Heimkehr aus der Ferne,

Wie lang ein jeder hat zu gehn,

Bis wir am alten Ziel ihn sehn.

Menschliches Geschick und Wesen,

lst in der Sterne Gang zu lesen, 

Flegetanis der Heid' erkannte, 

Wenn er den Blick zum Himmel wandte, 

Geheimnisvolle Kunde. 

 

Diese Kunde vom Zusammenklang von Seelenwegen und Generationszusammenhängen ward ihm zuteil, wenn er den Mond beobachtete und dasjenige, was in der Mondsichel ruhte, als Sonnenhostie. 

 

454,20 

Er sprach mit scheuem Munde 

Davon: Ein Ding wird Gral genannt, 

lm Gestirn geschrieben fand 

Er den Namen wie es hiess. 

 

lm Gestirn geschrieben findet man den Namen  P e r c e v a l. 

Das physische Licht wird vom Monde zurückgeworfen, das Geistige des Lichtes dringt hindurch (perce), das Licht selbst schreibt den Namen Perceval in okkulter Schrift ins Gestirn. Rudolf Steiner hat dies entdeckt. 

 

454,24 

Eine Schar ihn auf der Erde liess, 

Die zu den Sternen wieder flog, 

Ob Gnad, ob Unschuld heim sie zog,

Dann pflegte sein getaufte Frucht.

Mit Demut und reiner Zucht. 

D i e  Menschheit trägt den höchsten Wert, 

Die zum Dienst des Grales wird begehrt. 

So schrieb davon Flegetanis.

 

Das also erfahren wir, dass Flegetanis nur von den Sternen gesprochen hat und auf die Geburt des Wesens hingedeutet hat, in dem der Sonnengeist wohnen wird. Kiot hatte eine andere Aufgabe. Ihm trat in Toledo beim Studium der jüdischen Geheimtradition die Geschichte des Überganges von der Mondenführung zur Sonnenführung des jüdischen Volkes entgegen, und er wusste, dass die Weisheit erneuert werden muss, welche durch Bileam sprach. 

Also nicht die Bileamweisheit sollte erneuert werden, denn die war noch eigensüchtig und beruhte auf Vererbtem, sondern die Weisheit, die sich Bileams als Werkzeug bediente. Die mittelalterliche Legende weist in der Barlaamgeschichte, in der Geschichte von Barlaam und Josaphat, auf diese Weisheit, die durch den Mund der Bösen das Gute wirkt. 

Man sieht gerade aus dieser Legende von Barlaam und Josaphat - und Rudolf Steiner hat darauf hingewiesen - wie ein deutliches Bewusstsein im Mittelalter davon vorhanden war, dass die vorchristlichen heidnischen Strömungen sich mit dem Christentum in der nachchristlichen Zeit geistig durchdrungen haben. Dort ist ja dargestellt die Durchchristung des Bodhisatwa, der zum Buddha geworden war. Aber hingewiesen ist dort auch auf Bileam. Als der gute Inspirator Bileams erscheint der Barlaam der mittelalterlichen Legende (Die Legende von Barlaam und Josephat, zugeschrieben dem heiligen Johannes von Damaskus, Theatiner Verlag München, aus dem Griechischen übersetzt von Ludwig Burchard, S.171.) 

Kiot war von diesen Dingen durchdrungen. Wie in  s e i n e r  Zeit der Christusimpuls sich einen Träger schafft, wollte er finden. 

 

455,2 

Kiot der Meister, den ich pries,

Suchte dann aus Wissensdrang 

In latein'schen Büchern lang,

Wo ein Volk der Ehre,

Je wert gewesen wäre,

Dass es des Grales pflege 

Demut im Herzen hege.

 

Jetzt suchte er nicht einen  e i n z e l n e n  M e n s c h e n,  in dem der kosmopolitische Impuls des Sonnengeistes Leib gewann. Das war nur  e i n m a l  geschehen in dem Jesus von Nazareth. Jetzt suchte er nach einem Volke, nach einer ganzen Stammesgemeinschaft, die, ihren Blutzusammenhang hinopfernd, Träger eines kosmopolitischen Impulses werden wollte.


455,9 

Er las der Lande Chronika 

ln Irland und Britannia, 

In Frankreich und manch anderm Land, 

Bis er die Mär in Anschau fand.

 

Anschau taucht in der Form „Anschan“ als Name zuerst in Babylon auf. 

Da bezeichnet er eine Landschaft. Es ist ein babylonisches Wort. 

Dann bezeichnet Anschan ein französisches Geschlecht und ein kärntnerisch-steiermärkisches (Vgl. Forschungen zur Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte der Steiermark, Bd.3, Graz 1900, S.207: Geschichte des Landeswappens der Steiermark von A.Siegenfeld.) 

Auf die Frage des Gralsgeschlechtes wird noch näher einzugehen sein. 

 

455,13

Da mocht er lesen sonder Wahn,

Vom ersten Ahnherrn Mazadan,

Und die von ihm den Ursprung nahmen 

Fand er geschrieben all mit Namen.

 

Mazadan ist Mac Adam, Sohn des Adam. Der Sohn des Adam ist Kain, von den Kindern Kains also las er. Aber er verfolgte sie nicht nur im alten Testament, er verfolgte ihr Schicksal bis dahin, wo das eintrat, was durch Bileam sich prophetisch angekündigt hatte: 

ein Stern aus Jacob werde aufgehen, der werde zerschmettern die Fürsten der Moabiter und verstören alle Kinder Seths. Das also alles verfolgte er, wie es sich als Erfüllung der Prophetie ereignet hat, da konnte er sehen, wie in David sich vorverkündigte, was später durch Christus seine volle Verwirklichung fand. Er konnte also von Mazadan lesen und von seinem Geschlecht und er fand die Mitglieder dieses Geschlechtes alle aufgeschrieben mit ihren Namen. 

 

455,17

Und andrerseits wie Titurel

Und sein Sohn Frimutel

Den Gral Anfortas überwies.

Dess' Schwester Herzeleide hiess, 

Die Gahmureten trug, den Helden, 

Von welchem diese Mären melden.

 

Das heisst, er verfolgte das Schicksal dessen, in der äusseren Geschichte, der nach langer Zeit, nachdem längst der Tempel zerstört war, nach der Weisung der Engel den Tempel wieder aufbaut.

In den dreissigjährigen Jesus hatte sich der Geist herabgesenkt, und von dem Leibe, in den er sich herabgesenkt hatte, sprach er selbst von dem Tempel Gottes. 

Dieser Tempel wurde niedergerissen. In drei Tagen hat er ihn in der Auferstehung wieder aufgebaut. 

Was in  d r e i s s i g  J a h re n  gebaut war, worinnen er  d r e i   J a h r e  gewohnt hatte, das baute er in  d r e i  T a g e n  wieder auf. 

Auch Titurel baute den Tempel in dreissig Jahren. 

Aber dieser Tempel stand nicht mehr sichtbar auf Erden, sondern er wurde nun so gebaut, dass er 72 Chöre umschloss, entsprechend den 72 Nationen der Erde (Es sind die 72 Sprachen, die sich bei der Erbauung des babylonischen Turmes verwirrten. Im Buch Jaschar wird erzählt‚ Gabriel - der als Verkünder der Geburt die Stammbaumgeheimnisse lehrt - habe Joseph 70 Sprachen gelehrt. Wer sie von Gabriel lernen will, kann durch sie das verlorene Wort finden, d.h. zum Altar des heiligen Geistes gelangen.) 

War das Christentum zu den einzelnen Menschen gekommen, zur Zeit von Christi Erdenwandel, so kam es von jetzt ab zu den  V ö l k e r n,  zu den  M e n s c h e n - g r u p p e n.  ln ihnen sollte der Christus auf neue Art Leib gewinnen. Zur Moralität des  e i n z e l n e n  Menschen sollte die Moralität der  Me n s c h e n g r u p p e n  hinzugefügt werden. Als der Christus Jesus geboren war, da wurde der Friede all den einzelnen Menschen verkündigt, die auf Erden eines guten Willens sein wollten. 

Jetzt erneuerte sich diese Verkündigung. Aber nicht für die einzelnen Menschen, sondern für die Menschengruppen und Völker. Um den  A l t a r  d e s  h e i l i g e n  G e i s t e s  sollten sich die 72 Chöre der Nationen der Erde scharen. 

Und wie den ersterbenden Leib des Lazarus der Herr auferweckt hat in der Osterzeit, so sollte der in Verwesung geratene Körper der Menschheit auferweckt werden durch ein neues Eingreifen des Christus in den  V ö l k e r zusammenhang. 

Titurel war der erste, dem sich dies offenbarte.  D e r   G r a l s t e m p e l   i s t        k e i n e   S a g e  d e s  M i t t e l a l t e r s.  E r  i s t  n o c h   f o r t w ä h r e n d      i m   B a u, und die Gralsage, weit davon entfernt vollendet zu sein,  i s t  i n  f o r t- w ä h r e n d e r   l e b e n d i g e r   E n t w i c k l u n g.  

 

Ihre für die Gegenwart entsprechende Gestalt wird sie annehmen, wenn die sozialen Ideen Rudolf Steiners anfangen, verwirklicht zu werden; denn nicht zufällig, sondern aus voller Bewusstheit nannte er die von ihm inaugurierte Geisteswissenschaft die Wissenschaft vom Gral (Rudolf Steiner schreibt in seiner „Geheimwissenschaft im Umriss", 16.bis 20.Aufl., 1925, S.363: „Man kann das ‚verborgene Wissen', welches von dieser Seite [er meint das neuzeitliche übersinnliche Bewusstsein] die Menschheit ergreift und immer mehr ergreifen wird, nach einem Symbol die Erkenntnis vom ,Gral‘ nennen. Wer dieses Symbol, wie es in Erzählung und Sage gegeben ist, seiner tieferen Bedeutung nach verstehen lernt, wird nämlich finden, dass es bedeutungsvoll das Wesen dessen versinnlicht, was oben die Erkenntnis der neuen Einweihung, mit dem Christusgeheimnis in der Mitte, genannt worden ist. Die neuzeitlichen Eingeweihten können deshalb auch die ‚Eingeweihten des Grales‘ genannt werden. Zu der ‚Wissenschaft vom Gral‘ führt der Weg in die übersinnlichen Welten, welche in diesem Buche [Geheimwissenschaft] in seinen ersten Stufen beschrieben worden ist.")

 

Wir stehen in der  Z e i t,  i n  d e r  d e r  C h r i s t u s i m p u l s  s i c h  e r n e u -  e r t, in der der Christus zu den  V o l k s s e e l e n  so kommt, wie er zu den einzelnen Menschen gekommen ist mit den Ereignissen von Golgatha. Die Beschäftigung mit der Gralsage, mit den Problemen des Kiot, der die Sternenschrift und die Zeichen der Zeit deutet - jedoch für die  V ö l k e r - ist ein absolut aktuelles  G e g e n w a r t s p r o b l e m. Was die Gegenwart gewinnen kann durch die geistgemässe Durchdringung der Geschichte, wollen wir zeigen; aus keinem andern Grund würden wir uns mit der Erforschung der Gralsgeschichte befassen.

Haben wir alle Probleme so formuliert, wie sie sich für die Gegenwart darstellen und für eine erneuerte Gralsuche, so empfing sie Parzival in der Art von dem Einsiedler, wie es für ihn angemessen war. Kehren wir also zurück zu den Abenteuern des Parzival.

Er musste die Stätte wieder erkennen, die Stätte seiner Entsühnung. Er fühlte sich im ganzen Umfang seines Wesens von Sünde beladen, er stieg vom Pferd und bat den Einsiedler um Rat. 

Er erfuhr, dass der Greis, dem er begegnet war, Kahenis, der Fürst von Punturteis sei, dass er jedes Jahr zu Ostern die Klause des Einsiedlers besuche. Der Einsiedler schildert Parzival hierauf sein einfaches, reines, geistgeweihtes Leben. Parzival entwaffnet sich und bleibt als Gast bei dem Einsiedler. Er betrachtet dessen Bücher. Er findet die Heiltumskapsel, bei der er geschworen hat. Und er gesteht Trevrezent den Grund, warum er den farbigen Speer mitgenommen habe.

 

460, 5

Einen farb‘gen Speer, der bei ihr stand, 

(bei der Heiltumskapsel)

Herr, den nahm hier meine Hand;

Viel Preis hab‘ ich damit erjagt,

Zum mind‘sten ward es mir gesagt,

Der Gedanke war‘s, an mein Gemahl, 

Der mir die Besinnung stahl,

Zwei Tjoste rannt ich doch damit,

Die unbewusst ich beide stritt.

 

Parzival wird jetzt bewusst, was ihm damals die Besinnung raubte. Im Zeitlosen hat er gelebt durch seine Sehnsucht. Nun besinnt er sich auf die Zeit. Da fragt er den Einsiedler: wie lange ist es her, dass ich den Speer nahm? Darauf antwortet der Einsiedler:

 

 

460, 20

Den Speer vergass hier Taurian, 

Mein Freund erhob darum auch Klage.

Fünfthalb Jahr ist‘s und drei Tage 

Seit ihr den Speer euch nahmt zu eigen.

 

So lange also ist Parzival in der Welt umhergeirrt. Warum kann ihm jetzt bewusst werden, was ihm früher die Besinnung raubte? Das ist das Werk der Zeit. Durch die strenge Erziehung des Kronos (Saturn) ist Parzival gegangen. Was irdisch war an seiner Liebe, hat sich verzehrt.

Parzival erzählt Trevrezent von seiner Verzweiflung und von seinen Irrwegen in den fünfthalb Jahren. Keine Kirche, kein Münster hat er besucht. In Kampf und Streit ging er auf. Auch gegen Gott trug er Hass und Zorn im Herzen, denn mit seinem Schicksal konnte er sich nicht aussöhnen. Mit Seufzen antwortet ihm der Einsiedler, dies sei ein Irrweg. Parzival solle doch erzählen, wie er in diesen Zwiespalt seiner Seele hineingeraten sei. Der Einsiedler sagt: er sei zwar kein Priester, sondern nur ein Laie, aber er wisse doch Bescheid. 

Er ermahnt Parzival zur Treue, Gott selbst sei die Treue. Gott sei auch die Wahrheit, und man dürfe nicht einmal in Gedanken zu wanken beginnen. Durch Zorn nötige man Gott nichts ab. 

Nun weist er Parzival auf diejenigen Mächte hin, die den Menschen in Versuchung führen. 

 

Er erzählt ihm von Lu z i f e r. Der war einst ein lichter Engel, und doch empörte er sich. Der Mensch ist mit der Empörung dieses Luzifer und seinem Absturz aus Himmelshöhen in seinem inneren Wesen verbunden. Denn als Luzifer zur Hölle sank, da nahm der Mensch seinen Anfang. Aus Erdenton bildete die Gottheit den Adam, aus Adams Gestalt ging Eva hervor, die hörte nicht auf Gott und brachte Unheil über die Welt. Von da stammt Kain und Abel. Darin besteht die Sünde des Kain, dass er seiner Ahnfrau, der Erde, die Jungfrauschaft benahm, indem er sie mit Blut begoss. Einen Unterricht über das Böse gibt Trevrezent dem Parzival, aber er lenkt die Gedanken so, dass alle Aufmerksamkeit auf die  E r d e  hingewendet wird. 

ln der Legenda Aurea des Jacobus de Vorugine sind ähnliche Gedanken ausgesprochen in der Erzählung von St.Silvester (Diedrichs 1925, Volkausgabe von R. Benz, Seite 115).

 

464,11

„Die Erde Adams Mutter war: 

Gott bildet ihn aus Erde zwar; 

Dennoch blieb die Erde Magd, 

Nun hab ich euch noch nicht gesagt, 

Wer das Magdtum ihr benahm,

Den Kain zeugte Adam,

Der Abel schlug um eitel Gut

Als auf die reine Erde Blut

fiel, ihr Magdtum war entflohn:

Das benahm ihr Adams Sohn. 

Da hub sich Menschenzorn und Neid 

Sie währen fort von jener Zeit."


An der  E r d e  hat sich Kain versündigt, mit der  E r d e  bleibt er verbunden, die   E r d e  muss er erlösen (Diese Betonung der Erde findet man auch im Buch Jaschar. Da wird erzählt, Kain habe Abel mit dem Pflug getötet. Und Gott sagt: „Fluch über dich, der dich wegfegt von der Erde, die den Mund aufgetan hat, deines Bruders Blut zu empfangen, das deine Hand vergossen hat. 

In der Erde hast du ihn begraben. So soll es geschehen, dass die Erde, wenn du sie bebaust, dir künftig ihre Kraft nicht geben soll wie vorher." Der Herausgeber des Buches Jaschar fügt erklärend hinzu: „Die Erde hat sich versündigt, indem sie Abels Blut getrunken. Sie hätte den Abel nicht aufnehmen, sondern fortstossen sollen“) (pag. 9b, ed. Venedig 1625).

 

 

464,25

(Übersetzung von Karl Pannier, Bd.II, Reclam.) 

Ermesst wie rein die Jungfraun sind,

Gott selbst war einer Jungfrau Kind!

Zwei Menschen gebar die Jungfrau Erde,

Und Gott, damit er sichtbar werde

Den Menschen, nahm Menschenantlitz an: 

D i e  Gnad ermesse wer es kann!

 

So, sagt er, ist aus Adams Geschlecht Unheil und Wonne in gleicher Weise den Menschen zuteil geworden. Durch Adam sind wir verwandt mit dem Göttlichen und auch wieder hinuntergezogen in die Tiefe der Sünde. Der Herr selbst aber stieg in diese Tiefe und wurde in seiner grossen Treue Mensch, uns zu erlösen. 

Daran möge Parzival denken, dann würde sein Zorn verrauchen. 

Trevrezent ermahnt den Parzival, er möge Platos eingedenk sein und der Sibylle.

Auf die hier gemeinte Plato-Stelle hat Johann Heinrich Jung, genannt Stilling, im 11.Bd. seiner gesammelten Werke, Stuttgart, Scheibles Buchhandlung, 1842, Seite 251 ff., hingewiesen. 

Plato sagt im 2.Buch seiner Republik, indem er vorverkündigt, was der absolut gerechte Mensch von der Menschheit zu erwarten habe:

„Sie sagen, dass ein Gerechter von obiger Beschaffenheit werde gegeisselt, gemartert, gefesselt werden, dass man ihm die Augen ausbrennen und am Ende, nachdem er alle Peinigungen ausgeduldet hat, ans Kreuz schlagen werde." Jung Stilling (Ich verdanke meinem Freund Dr.Karl Schubert den Hinweis auf diese Stelle bei Jung-Stilling.) bemerkt dazu: 

„lst dies nun nicht die genaueste Schilderung des Lebens und Leidens Christi? 

Anstatt des Augenausbrennens drückte man ihm eine Krone von Dornen auf sein Haupt. Der weise Heide bestimmte also ganz genau, wie der vollkommen tugendhafte Mann leben und leiden müsse."

Ähnliche Prophezeiungen findet man auch in den Sibyllinischen Büchern, die in deutscher Übersetzung erschienen sind (J.H.Friedlieb, Die Sibyllinischen Weissagungen, Leipzig 1852.)

Der auf diese Weise vorverkündigte Erlöser hatte die wahre Minne, die göttliche Minne. 

Von dem Unterschied der irdischen und himmlischen Liebe spricht Plato in seinem Symposion. Christus war es, der die göttliche Liebe realisiert hat:

 

465,21

Jener Redner Platon

Sprach zu seinen Zeiten schon, 

Und Sibylle hat, die Seherin, 

Mit untrüglichem Sinn 

Vorausgesagt so manches Jahr,

Uns werde kommen fürwahr 

Für die Schuld ein hohes Pfand.

Aus der Hölle nahm uns Gottes Hand 

Und die göttliche Minne;

Die Frevier liess sie drinne.

Aus des wahren Minners Mund

Ward uns frohe Botschaft kund.

Der ist ein durchleuchtig Licht

Und wankt in seiner Minne nicht.

 

Das ist die Verkündigung der Botschaft, dass man beides erlangen könne, Gottes Hass oder Gottes Minne. Der Sündige flieht die göttliche Treue. Wer seine Verfehlungen aber wieder gut machen will, erwirbt die Huld des Höchsten. Er ist derjenige, der die Gedanken des Menschen durchschaut. Die Sonnenstrahlen können die Gedanken nicht durchhellen, verborgen sind sie, und das gewöhnliche Bewusstsein des Menschen durchdringt sie nicht. Dem göttlichen Licht aber offenbart sich die Gedankenart des Menschen. Es leuchtet in des Herzens Nacht. Noch ehe die Gedanken dem menschlichen Herzen entfliehen, in dem sie geboren werden, hat Gott sie durchschaut und ergründet. Wenn er sie rein erfindet, schützt er sie. Kann Gott also Gedanken erspähen, um wieviel mehr muss derjenige Gott fürchten, der eine frevelhafte Tat begeht. 

Wer durch solches Tun Gottes Huld verlöre, wer Gott absagt, der muss selbst das Spiel verlieren. Darum tragt Gott keinen Hass, sondern wendet euer Gemüt!

Da sagt Parzival: habt heissen Dank, dass ihr mir das von der göttlichen Kraft durchdrungene Walten des Schicksals klar gemacht habt. ln unendlichem Kummer habe ich gelebt, weil ich das nicht voll durchschaut habe. Da fragt der Einsiedler, was er meine, welches der Grund seines Kummers sei. Da antwortet Parzival: Zweierlei bereite ihm Leid. Das höchste Leid trage er um den Gral, und zunächst diesem Leid stünde, dass er sein eheliches Weib, von der er schon so lange getrennt sei, beklage. Nach beiden sehne er sich. Da antwortet der Einsiedler, die Reihenfolge dieser beiden Leiden umkehrend: Ja, da habt ihr recht, dass ihr traurig seid, von dem getrennt zu sein, was ihr liebt. Das ist ein wirkliches Leid, von dem was man liebt, getrennt zu sein. 

Der Einsiedler sagt hier etwas, was ein Lehrsatz des Buddha ist. Recht habt ihr, sagt der Einsiedler, dass ihr Sehnsucht empfindet in diesem Falle, aber nach dem Gral Sehnsucht zu tragen, das ist nicht richtig. 

 

468,12 

Den Gral kann niemand erjagen, 

Als der im Himmel wird ernannt, 

Und in den Dienst des Grals gesandt. 

Der Einsiedler will Parzival sagen, es hatte keinen Sinn, den Gral zu suchen, es hatte nur einen Sinn, dasjenige mit Enthusiasmus zu tun, was die Bedingungen des Grales sind: 

An sich selber zu arbeiten, und der Welt zu dienen. Ob man dann zum Gral kommt oder nicht, das muss man Gott in die Hände befehlen, das ist doch Gnade. Er gibt dem, was er sagt, noch grösseres Gewicht, indem er sich darauf beruft, er habe selbst den Gral gesehen. 

Parzival fragt ihn: Wart ihr da? 

Der Einsiedler bejaht es. Da schwieg Parzival. Er konnte den Mut nicht finden, einzugestehen, dass er auch dagewesen sei. Und so fragte er nur, wie es um den Gral stünde. 

Da erzählt nun Trevrezent von dem Grale.

Zu Monsalväsche stünde die Burg, da sei der Gral, gepflegt von den Templeisen. Manche Abenteuerfahrt machten diese. Der Sinn all ihrer Fahrten sei, zu erfüllen, was das Schicksal fordert. Sie leben alle, diese wehrlichen Ritter, von der Kraft eines Steines; edel muss dessen Art sein. 

Wie soll man diesen Stein nennen? 

Lapis exillîs ist sein Name. Das Wort ist offenbar aus lapis exilii entstellt. 

Du Cange, Glossarium mediae et infimae latinitatis, gibt unter dem Stichwort „exilium“ an: 

1.dissipatio, destructio. 2.Peregrinatio. Es ist daher „lapis exilii" mit Stein des Herausgehens oder Stein der Zerstörung, Stein des Todes zu übersetzen. 

 

Über diesen aus dem Feuer gewonnenen Stein spricht Basilius Valentinus im vierten seiner zwölf Schlüssel. „Wenn Aschen und Sand durch das Feuer wohl gezeitigt und gar gekocht werden, 

so machet der Meister daraus ein  G l a s, das da im Feuer hernach immer bestehet und an der Farbe einem durchsichtigen Steine gleich ist und vor keine Asche mehr erkannt wird. Das ist dem Unwissenden eine grosse geheime Kunst, dem Wissenden aber nicht, denn es ist ihm durch die Wissenheit und öftere Erfahrung zu seinem Handwerk worden.“ ...„Am letzten Endurteil der Welt wird die Welt durch das Feuer gerichtet werden, das zwar aus nichts durch den Meister gemacht, wiederum durchs Feuer zu Aschen werden muss; aus derselben Aschen wird der  P h ö n i x  seine Jungen endlich wieder herfürbringen. Denn in solcher Aschen stecket wahrhaftig der rechte Tartarus, welcher muss aufgelöset werden, und nach seiner Solution kann das feste Schloss des königlichen Gemachs eröffnet werden.“ Das heisst, der Mensch kommt dann zu leibfreiem, rein geistig-seelischem Erleben.

Die nächsten Verse, die der Dichter uns mitteilt, beziehen sich auf das Erlebnis des Todes. Wenn der Mensch leibfrei wird und aus dem Leibe austritt, stellt sich ihm ein merkwürdiges Erlebnis vor den inneren Blick.

Des Menschen Empfindungsvermögen ist so geartet, dass es das Fleisch durchdringt, nicht aber den Knochen. Löst sich nun beim Leibfreiwerden das Empfindungsvermögen von seiner Leibgebundenheit, d.h. in anthroposophischer Ausdrucksweise gesprochen: tritt der Astralleib aus dem physischen Leibe aus, und stellt sich der Astralleib im imaginativen Erleben vor den Menschen hin, so erscheint der Raum, den die Knochen eingenommen haben, als Hohlraum, als ausgesparter Raum. Das heisst, für die Imagination hat man das Skelett vor sich. Das Bild kommt zustande wie das Negativ bei einer photographischen Platte.

Rudolf Steiner hat mir dieses Erlebnis in dieser Weise erklärt. 

Dringt nun aber das Empfindungsvermögen (der Astralleib) an den Knochen heran, so wird das Innere des Knochens, das sonst unbewusst bleibt, bewusst. Die feine Bälkchenstruktur im lnneren des Knochens wird wahrgenommen, und man kann in dem Augenblick, wo man dieses erlebt, kein anderes Wort für das Erlebnis finden als das Wort  A s c h e. 

Da das Erlebnis insbesondere stark um die Zähne herum auftritt, spricht man von der Asche, die die Toten im Munde haben. Der nächste Akt in diesem Erleben ist nun der, dass nicht nur die Knochenstruktur erlebt wird, sondern das im Knochenmark sich bildende  B l u t. 

Sobald dies eintritt, fängt der Knochen zu  l e u c h t e n  an.  D a s  nun beschreibt der Dichter:

 

 

469, 8

Von seiner Kraft der Phönix

Verbrennt, dass er zu Asche wird,

Und der Glut verjüngt entschwirrt

Der Phönix schüttelt sein Gefieder

Und gewinnt so lichten Schimmer wieder, 

Dass er schöner wird als eh'.

 

So schildert der Dichter das Heraustreten aus dem Leibe, das Leibfreiwerden, das Durchschreiten der Todespforte bei lebendigem Leibe, den Eintritt in die geistige Welt. 

Aber es ist nicht der wirkliche Tod, es ist das Todeserlebnis, das auf dem Wege in die geistige Welt, wenn es durch inneres Üben erfolgt, sich ergibt. Darum betont der Dichter, diese Krankheit sei nicht zum Tode, sondern zur Verherrlichung des Göttlichen im Menschen:


469,15

Doch stirbt er nicht denselben Tag,

Da er den Stein erschauen mag.

Und noch die nächste Woche nicht; 

Auch entstellt sich nicht sein Angesicht.

 

Wie das ja eintreten würde, wenn er wirklich sterben würde.

 

469,19 

Die Farbe bleibt ihm klar und rein, 

Wenn er täglich schaut den Stein 

Wie in seiner besten Zeit 

Einst als Jüngling oder Maid.

 

Wer dieses Erlebnis hat, bemerkt, dass er es als Kind wie in einer Vorschau voraus erlebt hat. Damals aber hat er es nicht verstehen können. Auch die Erklärung dieses Erlebens verdanke ich Rudolf Steiner. Der Dichter bezieht sich auf diese Tatsache.


400,23 

Sah er den Stein 200 Jahr,

Ergrauen würd‘ ihm nicht sein Haar,

Solche Kraft dem Menschen gibt der Stein,

Dass ihm Fleisch und Gebein

Wieder jung wird gleich zur Hand:

D i e s e r   S t e i n   i s t   G r a l   g e n a n n t. 

 

Wenn der Mensch das Herankommen an das leibfreie Bewusstsein erlebt, wenn er das Austreten seiner übersinnlichen Organisation durchmacht, überfällt ihn Todesschwäche, aber er stirbt nicht, er wird hingeführt zu dem Anschauen der Geburt der Lichteskräfte aus dem Skelettmenschen, das Licht der Welt leuchtet aus dem Tode. 

Hat er dieses Erlebnis, so wird seine Leibesorganisation mit neuer Kraft durchdrungen. 

Was also ist der Gral? 

Er besteht aus der Schale und aus der inneren Substanz. 

Die  S c h a l e  ist das  S k e l e t t,  und die  S u b s t a n z  i s t  d a s  d u r c h -    b l u t e t e   M a r k  darin. 

 

469,28 

D i e s e r  S t e i n  i s t   G r a l   g e n a n n t. 

D a s  i s t  d e r  m i k r o k o s m i s c h e  A s p e k t  d e s  G r a l e s, erlebt für den g a n z e n Menschen. Das Erlebnis kann auch im  H a u p t e  erlebt werden, wie das Rudolf Steiner oft geschildert hat. Es gibt eben viele Arten der Begegnung mit dem Gral. Das hier geschilderte Erlebnis ist dasjenige, das  T r e v r e z e n t  gehabt hat. 

Er sagt ja zu Parzival, er sei vor dem Gral gestanden. Wir werden im Fortgang der Erzählung sehen, wie der Dichter versucht, immer von neuen Seiten her das Erlebnis zu schildern, indem er uns zeigt, wie die verschiedenen Menschentypen verschieden an den Gral herangeführt werden. 

Parzival selbst geht einen anderen Weg als Trevrezent, aber durch die Begegnung mit Trevrezent erwächst ihm eine Erfahrung, die ihn weiterführt. Basilius Valentinus setzt an das Ende seines vierten Schlüssels, in dem er das eben geschilderte innere Erlebnis beschreibt, die Verse:

 

Und wären der Meister noch so viel,

So auf mich richten ihre Ziel,

So habens doch wenig dahingebracht,

Dass sie ergründ't mein' rechte Krafft.

 

Und in der Offenbarung der Handgriffe des grossen Steins sagt Basilius Valentinus: „Nun folget die Extractio des Goldischen Salzes nach der Lehre des vierten Schlüssels." Da beschreibt er, wie diese Extraction des Seelisch-Geistigen aus dem Physisch-Leiblichen in drei Tagen und drei Nächten geschieht. Als die „dritte“ Arbeit beschreibt er dieses Erlebnis.

 

Um den Zusammenhang der verschiedenen Gralsaspekte besser überschauen zu können, ist vielleicht die folgende Zwischenbemerkung hier am Platze. 

Es gibt eine gewisse Entsprechung zwischen  m i k r o  k o s m i s c h e n  und       m a k r o k o s m i s c h e n  Dingen, welche in den Darstellungen der verschiedensten Zeitalter, wenn auch oft nur andeutungsweise eine Rolle spielen. 

So empfindet man z.B. den  M o n d  im Kosmos als etwas, was dem  S k e l e t t  im Menschen entspricht. Wie das Skelett den Tod repräsentiert, den wir schon während des Lebens in uns tragen, so repräsentiert die ausgebrannte Schlacke des Mondes das Gleiche für den Kosmos. 

Diese Empfindung besteht durchaus neben der anderen, dass die Mondenrhythmen gerade das Belebende im Kosmos darstellen. Diese Rhythmen wirken ja in allem embryonalen Leben, überhaupt in allem Werden. Wiederum entspricht dasjenige, was innerhalb des Knochenmarkes als Blut sich bildet, denjenigen Kräften der Sonne, die im Sonnenschatten wirksam sind, während das aus dem Knochenmark ausgetretene Blut den unmittelbar wirkenden Sonnenkräften entspricht. 

Im Gral hat man es nun zu tun mit einer hüllenden Schale und einer darin befindlichen Blutsubstanz. Hier an der Stelle, über welche wir sprechen, wird der Gral ein Stein genannt. 

Die hüllende Schale, d.h. in dem hier besprochenen Aspekt das innerlich erlebte Skelett, 

wird von ausserhalb des Leibes betrachtet. Darum heisst der Gral an dieser Stelle „lapis exilii.“ Parzival wird zu diesem Erlebnis auch durch mehrere Stufen hindurch vorbereitet. 

Eine solche Vorbereitung macht er auf der Gralsburg durch. 

Da finden wir ja den Vers:

245,19 

Ihm schwitzten Adern und Gebein.

Solch ein Vers ist durchaus wörtlich zu nehmen. Ein innerer, ganz bestimmt zu umschreibender Vorgang ist es, den er durchmacht. (Seite 275)

Man kann sagen, Parzival wird vor die Aufgabe gestellt, das Leben der Erde zu studieren, es wird ihm gesagt, das Blut, das Kain vergossen hat, hat der Erde die Jungfrauschaft genommen, das Blut, das Christus vergossen hat, hat die reine Jungfräulichkeit der Erde wieder hergestellt.

Jeden Karfreitag vollzieht sich zwischen Erde und Kosmos aufs Neue der Vorgang, durch den die Erde neu belebt wird. Dieser Vorgang ist der Frühling...

 

 


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