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ODILON REDON - SELBSTGESPRÄCH

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ODILON REDON - SELBSTGESPRÄCH

Ach, welch ein Gegensatz klaffte zwischen dem, was ich bei ihm hörte und dem, was man in den Schulen lehrte.

Was für einen Unterricht haben wir erhalten und selbst die nach mir kommende Generation? Kann ein Lehrer, während seiner Runde im Atelier, jedem mit dem Modell beschäftigten Schüler das richtige, ihn erlösende Wort mitgeben, das hinter jeder Stirn nach dem ihm eigenen Gesetz fruchtbar wird? Nein, schwerlich. In jedem Schüler, jedem Kind birgt sich das überraschende Geheimnis seines Werdens. Wird der Lehrer den Takt, den Scharfblick, die divinatorische Feinheit des Blicks haben, die ersten, stammelnden Versuche seines Schülers zu fruchtbarer Entfaltung zu bringen?

Wer unterrichtet, will, im allgemeinen, nur das Tun der Meister weitergeben, doch, leider, ist er selbst zu dieser Übermittlung nicht befugt. Er gibt sie weiter, so gut er kann, mehr schlecht als recht, wie ein Grammatiklehrer, mittels einer Analyse der großen, zeitüberdauernden Werke der Vergangenheit; aber er gewinnt daraus nur theoretische, auf Formeln gebrachte Erfahrungen, denen die zwingende Kraft der Liebe fehlt. Um glauben zu können, bedarf es der Liebe und, um handeln zu können, des Glaubens: den besten Unterricht wird der erteilen, der den Schüler bereits durch eine Offenbarung des Schöpferischen, die von der Schönheit seiner eigenen Werke ausgeht, zu ergreifen vermochte.

So etwas gibt es heute nicht. Mein Freund Stéphane Mallarmé, den ein wirklich unabhängiger Geist stets beeindruckte, war ebenso für die Abschaffung des Gymnasiums wie für die der Guillotine. Vielleicht dachte er an den Anspruch, den sein Lehrberuf an ihn stellte, gewiß dachte er aber auch an den unzulänglichen Unterricht, den der Student erhält und mit der Menge seiner Kameraden teilen muß. Er findet dort mühsamer zu sich selbst, als wenn er zwanglos allein wäre.

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