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KOROLENKO: DIE GESCHICHTE MEINES ZEITGENOSSEN

Korolenko Russland

KOROLENKO: DIE GESCHICHTE MEINES ZEITGENOSSEN

Dennoch bin ich sicher, daß dies Tränen des Mitleids mit dem «Opfer des Gesetzes» waren und nicht etwa das peinigende Bewußtsein eigener Mitschuld als Werkzeug des Gesetzes. In dieser Hinsicht war Vaters Gewissen stets unerschütterlich ruhig, und wenn ich jetzt darüber nachdenke, so wird mir klar, wie grundverschieden der Seelenzustand ehrlicher Leute jener Generation von der Stimmung unserer Tage war. Mein Vater fühlte sich lediglich für seine persönlichen Handlungen verantwortlich. Das nagende Gefühl der Verantwortlichkeit für das soziale Unrecht war ihm völlig fremd. Gott, Zar und Gesetz waren für ihn über jede Kritik erhaben. Gott ist allmächtig, und doch gibt es auf Erden viel triumphierende Niedertracht und leidende Tugend. Nun, das steht offenbar in den unerforschlichen Ratschlüssen der höchsten Gerechtigkeit geschrieben, und damit basta. Der Zar und das Gesetz entziehen sich gleichfalls dem menschlichen Witze, und wenn sich einem mitunter bei der Anwendung des Gesetzes vor Kummer und Mitleid das Herz im Leibe umdreht, so ist das eben Elementarunglück, das zu keinerlei Schlüssen allgemeiner Natur berechtigt. Der eine geht am Typhus zugrunde, der andere am Gesetz. Schicksalsschläge! Des Richters Sache ist, lediglich zu wachen, daß das Gesetz, wenn es einmal in Wirksamkeit tritt, auch richtig angewendet wird. Trifft indes auch dies nicht zu, wird das Gesetz von der käuflichen Beamtenschaft dem Starken zu Gefallen gebeugt, dann wird er, der Richter, im Bereich seines Amtes dagegen mit allen verfügbaren Mitteln ankämpfen. Sollte er dafür büßen müssen, so wird er sich auch dadurch nicht beirren lassen. Mag er büßen, aber in den Akten Numero Soundso wird jede von seiner Hand eingetragene Zeile von Unrecht frei sein.

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WLADIMIR KOROLENKO / ROSA LUXEMBURG

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WLADIMIR KOROLENKO / ROSA LUXEMBURG

W. I. Lenin wies darauf hin, daß die Oktoberrevolution in ihrer ersten Etappe die friedlichste und unblutigste gewesen war. Es stimmt ja auch. Fast ohne Blutvergießen hatte die Provisorische Regierung dem in dreihundert Jahren morsch gewordenen Zarenhof die Macht entrissen, und für die Sowjetmacht stellte diese Marionettenregierung auch kein ernst zu nehmendes Hindernis dar.

Und dabei hätte es bleiben können - fast ohne Blutvergießen -, wäre nicht sodann der Bürgerkrieg ausgebrochen, der maßgeblich von den Interventen im Norden, im Westen, im Süden und im Osten Rußlands provoziert worden war und einen gegenseitigen Terror ausgelöst hat, gegen den ein Geist wie der des Staatsbürgers Wladimir Korolenko unweigerlich protestieren mußte.

Uns Heutigen erscheint jener Terror um so tragischer, als er sich nicht als der letzte erwies. Unsere Väter und Großväter glaubten: Nachdem sie die Sowjetmacht mit allen nur erdenklichen Mitteln verteidigt und für immer behauptet haben, würden sie für immer auf ein Mittel wie den Terror verzichten.

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