News — Waldorfpädagogik

DAS ZWÖLFTE LEBENSJAHR VON HERMANN KOEPKE

Entwicklungsphasen Kindheit Lehrermaterial Methodik Waldorfpädagogik Zwölfte Lebensjahr

DAS ZWÖLFTE LEBENSJAHR VON HERMANN KOEPKE

Nachdem ein halbes Jahr vergangen war, traf Susanne zufällig mit der Mutter in der Stadt zusammen. „Ich wollte Ihnen schon längst etwas erzählen”, begann die Mutter. „Als Brigitta nach Ihrem ersten Besuch die ganze Nacht und auch am Morgen noch nicht zurückgekommen war, fand ich sie am Abend als ein Häuflein Elend in der Küche, nicht mehr — wie vorher — trotzig und voller Abwehr. Wir begannen zuerst nur wenig miteinander zu sprechen. Dann sagte sie: ‚Mutter, ich muß dir einen Traum erzählen.’ — Ich war sehr gespannt. Sie erzählte von einem Keller, der wie ein Schacht gewesen sei und aus dem es keinen Ausweg gegeben habe. Ich hätte da hineingeschaut und sei wieder verschwunden. Erst nach langer Zeit sei ich endlich wieder zurückgekommen und hätte ihr ein Seil hinuntergelassen, an dem sie hochklettern konnte. Das war ihr Traum in jener Nacht”, so schloß die Mutter, „als ich so sehr um die Entscheidung zwischen meinem Lebensgefährten und meiner Tochter gerungen hatte.”

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DAS SIEBTE LEBENSJAHR - HERMANN KOEPKE

Brüder Grimm das Meerhäschen Lehrermaterial Märchen Pädagogik Unterstufe Waldorfpädagogik

DAS SIEBTE LEBENSJAHR - HERMANN KOEPKE

Ein Schuh Grösse 32 kann nicht mit dem Fuss von Monika wachsen, weil er eine fertige Form hat und haben muss. Bilder aber, tief empfunden, wachsen auf dem Grunde der Seele.

Aus dem Märchen vom Meerhäschen können Seelenkräfte aufspriessen. Im späteren Leben kann uns plötzlich die Frage befallen: Gleiche ich der Prinzessin? Wir können darum ringen, diese Gestalt in uns zu erlösen, und: Wir werden uns auch vor ihr verstecken wollen. — Vielleicht werden wir im späteren Leben auf den Fuchs aufmerksam, dem wir zuerst einen Splitter aus der Pfote herausziehen müssen und der uns hernach zur Quelle im Walde führt. Und immer andere Schicksalszusammenhänge werden auf uns zu kommen und uns einengen, aber es können auch immer neue Bilder aus der Seele aufsteigen, die uns die Sicht öffnen.

Wenn das Kind ein Märchen hört, nimmt es etwas Zukünftiges auf. Oft hören wir sagen: Kinder sind die Zukunft. Leicht gesagt! Aber wie gehen wir methodisch so damit um, dass wir sie tatsächlich auch für die Zukunft unterrichten?

Wir erzählen ja das Märchen jetzt, in der Gegenwart. Nun kommt in Betracht, wie das Kind einem Märchen lauscht. Das Kind nimmt das Märchen ja nicht nur mit dem Verstande, sondern vor allem durch sein Miterleben auf: Es ist gespannt, es bangt und hofft, und es freut sich. Würde es das Märchen nur verstehen, wäre es mit der Gegenwart auch bald wieder vergangen.

Das Wunderbare, das in jedem echten Märchen vorkommt, dämpft das helle Tagesbewusstsein etwas ab und taucht das Kind dafür um so mehr in das Gefühl ein. Und in diesem Hineinträumen in die Bilder kann sich der Inhalt des Märchens wie ein Same in die Seele des Kindes versenken, um in der Zukunft wieder hervorzuspriessen, die Sicht für manches Schicksalsrätsel im Leben erhellend.

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DAS NEUNTE LEBENSJAHR VON HERMANN KOEPKE

Bruno Walter Dante Alighieri Entwicklungsphasen Hans Carossa Heinrich Schliemann Heinz Müller Kindheit Menschenkunde Neunte Lebensjahr Oskar Kokoschka Pädagogik Rudolf Steiner Waldorfpädagogik

DAS NEUNTE LEBENSJAHR VON HERMANN KOEPKE

Als erfahrene Pädagogin wusste sie um den Verlust der Kindheitskräfte genau Bescheid. Bei einer Hospitation im Rahmen ihrer staatlichen Lehrerausbildung hatte sie es selber erlebt, dass die „Kleinen“ sonnig und froh zur Schule kamen und die „Grossen“ blass und matt, beinahe krank aussahen. Als sie erkannte, dass die Kinder ihre besten Kräfte in der Schule verloren hatten, stellte sich ihr die Frage, ob sie überhaupt Lehrerin werden könne. „Mit der Bürde dieses Problems beladen, ging ich in einen Vortrag, den Rudolf Steiner hielt”, erzählte sie weiter.

„Es geschah etwas ganz Unerwartetes. Mir war, als würde Rudolf Steiner vom Thema seines Vortrages abweichen und etwas sagen, was mit meinem persönlichen Problem zusammenhing. Er sprach von einem Fluss, der versickere, aber an einer anderen Stelle wieder hervortrete und weiterfliesse. Mit dieser Naturerscheinung verglich er eine seelische Entwicklung im Menschen. Es würden Kräfte in das Innere des Menschen verschwinden, die aber später, in verwandelter Form, wieder hervortreten könnten.’

Dieser Vortrag habe ihr eine grosse Erleichterung gebracht. Sie folgte dem Hinweis Rudolf Steiners und erlebte, dass durch die Waldorfpädagogik die reichen Phantasiekräfte in verwandelter Art tatsächlich wieder zurückkamen.

„Etwa zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahr macht das Kind eine merkwürdige Entwicklung durch”, fuhr sie fort. ”Das neunte Jahr liegt ja zwischen dem ‚Zahnwechsel und der Geschlechtsreife. Diese beiden auch körperlich hervortretenden Entwicklungsstadien sind gut bekannt. Das neunte Jahr aber — Rudolf Steiner sprach immer von dem ‚Übergang des Lebens’ — ist etwas, was sich in erster Linie im Seelisch—Geistigen abspielt; das bedeutet aber nicht, dass es deswegen minder wichtig ist, im Gegenteil, es handelt sich ja um den allerwichtigsten Lebenspunkt. Da versickert etwas, und etwas tritt neu hervor.”

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